28.06.2004

INTERNETDas Imperium schlägt zurück

Die Kinobranche macht Filmpiraten für Umsatzrückgang und Besucherschwund verantwortlich - und lässt die Täter von privaten Fahndern jagen. Erster Erfolg: Die wichtigsten Raubkopierer sind gefasst, immer weniger aktuelle Kinofilme gelangen noch in die Tauschbörsen des Internet.
Als Michael S. endlich begriffen hatte, dass die fremden Männer in seiner Wohnung zu einem Spezialeinsatzkommando der Polizei gehörten und dass sie seinetwegen gekommen waren, da lag er schon flach auf dem Bauch. Es war ein Dienstag Mitte März, gegen sechs Uhr am Morgen, und völlig überrumpelt sah Michael S. zu, wie rings um ihn herum die Uniformierten den Computer abbauten, CDs aus den Schubladen zogen und alles in Kisten verpackten, was als Beweismaterial tauglich schien.
Die Polizisten handelten schnell und selbstsicher, und wenn man selbst nur ein schmächtiges 22-jähriges Bürschchen mit blasser Haut ist, dann wirkt so ein Polizeiauftritt ungeheuer beeindruckend. S. versprach, umfassend auszusagen.
Die Polizei hält den jungen Mann aus Herten im Ruhrgebiet für einen der Top-Filmpiraten in Deutschland - mitverantwortlich für die Millioneneinbußen der deutschen Filmindustrie und der Kinobetreiber. Die Razzia war lange vorbereitet und der bislang größte Schlag gegen die Raubkopierer des Internet.
Am gleichen Morgen nahm ein Spezialeinsatzkommando in Gelsenkirchen einen 42-jährigen Händler fest, weitere Aktionen gab es in Neuss, Frankfurt am Main und München. Innerhalb der folgenden zwei Tage durchsuchte die Polizei fast 800 Wohnungen, Firmenräume und Rechenzentren, stellte 19 Server sicher, mit insgesamt 38 Terabyte an geklauten Daten. Mitte Mai wurden noch einmal mehrere Server in Österreich beschlagnahmt.
Die klare Botschaft dieser Aktion: Die Filmindustrie hat den Kampf gegen Raubkopierer aufgenommen, jetzt schlägt sie zurück.
Der Mann, der diesen Schlag vorbereitet hat, heißt Bernd Kulbe, ist 47 Jahre alt und Fahndungsleiter bei einer Organisation, die GVU heißt. Früher, vor gut 20 Jahren, war Kulbe mal Polizist im Staatsdienst. Sein Job heute macht ihm mehr Spaß.
Die GVU, das ist die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen. Dahinter stehen praktisch alle großen Firmen aus der Film- und Unterhaltungsindustrie: Paramount, Metro Goldwyn Mayer, Warner Bros., Buena Vista International oder 20th Century Fox; außerdem der Verband der Filmverleiher sowie Videothekare und Kopierwerke. Die GVU residiert in einem Gewerbebunker in Hamburg und ist so etwas wie der Werkschutz der deutschen Filmindustrie.
Vor ein paar Jahren noch hatte Kulbe Leute verfolgt, die von einer Videokassette Dutzende Kopien zogen und dann verkauften - eine geradezu gemütliche Kriminalität war das damals.
Aber dann kam das Internet und mit ihm die Nachfrage nach Tauschbörsen. Erst traf es nur die Musikindustrie: Millionen Nutzer luden sich Lieder herunter, verteilten und brannten die Songs auf CD.
Schließlich besorgten sich immer mehr Menschen einen schnellen DSL-Internet-Zugang, und nun war auch die gewaltige Datenmenge eines Hollywood-Streifens kein Download-Hindernis mehr. Kulbes Auftraggeber hatten auf einmal ein Problem.
"Der Herr der Ringe" stand schon vor seiner Deutschlandpremiere im Netz, "Harry Potter" gab es in Topqualität, und "Findet Nemo" war in Deutschland mehr als eine Woche vor dem Kinostart zu haben
- als erstklassige DVD mit Hülle und farbigem Cover. Preis: fünf bis zehn Euro, je nach Händler.
Bei "The Hulk" sollen die Raubkopierer sogar schuld daran sein, dass der Film floppte: Eine Vorabversion war im Netz aufgetaucht und von den Fans verrissen worden, lange vor der Premiere. Und von "Kill Bill Vol. 2", offiziell gestartet im April, gab es schon vor Weihnachten eine Doppel-CD - immerhin deklariert als unfertiger Rohschnitt. Das illegale Besorgen, Herunterladen und Brennen von Filmen galt bis vor kurzem noch als Kavaliersdelikt - und das Entdeckungsrisiko als minimal.
Kulbes neue Gegner waren jünger, schneller und zahlreicher als die VHS-Kassettenkopierer von damals. Seine Gegner fühlten sich anonym und sicher.
Kulbe und seine Leute tauchten ab ins Internet. Sie lernten den Jargon der Szene, redeten vom "Flashen", wenn sie das Bereitstellen eines Films auf einem schnellen Server meinten, und vom "Muxen", wenn es um die Synchronisation von Bild und deutscher Tonspur ging. Kulbe ist ein freundlicher, lässiger Mann, den man sich nur schwer in dunklem Anzug und Krawatte vorstellen kann. Er gehört zu der Sorte Mensch, die leicht unterschätzt wird - für einen Ermittler ist das eine perfekte Arbeitsgrundlage.
Als Privatdetektiv kann man ein paar Freiheiten nutzen, die ein Polizist so ohne weiteres nicht hat: verdeckt ermitteln, zum Beispiel, oder Informanten kaufen.
Mitte vorigen Jahres war klar, dass Kulbe mehr und bessere Informanten brauchen würde als je zuvor. Er und seine Fahnder standen unter Druck: Im ersten Halbjahr 2003 sank die Zahl der Kinobesucher um neun Millionen gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Umsatz schwand um 60 Millionen Euro. Gleichzeitig stieg der Verkauf von DVD-Brennern, und die Zahl der verkauften CD-Rohlinge überstieg die Zahl der bespielten CDs.
Nach einer Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung wurden 2003 an deutschen Heim-PC rund 122 Millionen CD- und DVD-Rohlinge mit Filmen bespielt. Downloader und Schwarzbrenner gehen fast kein Risiko ein: Es gibt einfach zu viele von ihnen, der Einzelne verschwindet in der Masse. Dagegen würden die acht GVU-Fahnder nicht ankommen, so viel war klar. Sie mussten diejenigen finden, die den Film ins Netz stellen.
Kulbe ließ seine Leute zwei Listen anfertigen. Die eine zeigte die Daten aller Premieren, Vorpremieren und Vorabaufführungen, kurz: wann welcher Film in Deutschland zum ersten Mal zu sehen war - und in welchem Kino.
Auf der zweiten Liste stand, wann der Film im Internet aufgetaucht war.
Danach war den Fahndern klar: Wann immer ein bestimmter Filmspediteur einen Hollywood-Film in einem Oldenburger Kino zur Preview ablieferte, lief der Streifen kurz danach im Netz. Die GVU-Leute fuhren nach Oldenburg.
Es war drei Tage vor dem Kinostart von "Terminator 3 - Rebellion der Maschinen", im Oldenburger Kino sollte der Film vorab gezeigt werden, die GVU-Leute parkten gegenüber und warteten.
Wenig später betrat ein Mann das Kino durch den Seiteneingang, und als er zurückkam, trug er in der Hand eine CD-Box.
Die GVU-Männer zückten ihre kleine Sony-Videokamera. Ein bisschen verwackelt war die Aufnahme, aber hinreichend deutlich, um als Beweismaterial dienen zu können.
Sie hatten einen der Topleute der Piraten aufgenommen. Seine Aufgabe, so wissen seine Verfolger heute, war es, saubere deutsche Tonspuren zu besorgen.
Er lieferte stets nur beste Ware, digitale Qualität, direkt aus dem Vorführraum. Bei vielen Filmen wird der Ton nämlich digital auf CD an das Kino geliefert. Wer Kontakte zu Kinobesitzern und Filmvorführern hat, wer sich mit der Technik auskennt, der kann solche CDs besorgen und die Daten auslesen.
Der Handel mit raubkopierten Filmen spielt sich auf vier Ebenen ab: Ganz unten, am Ende der Piratenhierarchie, stehen die Downloader. Das sind die User, die sich aus Tauschbörsen wie dem Edonkey-Netzwerk bedienen. Das Herunterladen eines Films ist - von den Online-Gebühren einmal abgesehen - kostenlos.
Auf der Stufe über den Tauschbörsianern rangieren die Straßenhändler. Das sind Profis, die von den allerersten Raubkopien CDs oder DVDs anfertigen und auf Flohmärkten, im Straßenhandel oder bei EBay verkaufen - neuerdings auf der niederländischen EBay-Seite, weil in Deutschland die Auktionen zu gut kontrolliert werden.
Die zweithöchste Stufe in der Piraten-Rangfolge nimmt die so genannte FXP-Szene ein. Wer dazugehört, bewegt sich schon deutlich in der Illegalität. Er erhält die neuesten Kinofilme, bevor sie in die Tauschbörsen gelangen, muss dafür allerdings eine Gegenleistung erbringen. In der Regel bedeutet das: im Internet nach einem ungesicherten Server suchen, ihn
hacken und darauf Speicherplatz für weitere Filme oder geklaute Computerspiele einrichten - natürlich ohne dass der rechtmäßige Besitzer etwas ahnt.
Die Topleute unter den Piraten aber sind diejenigen, die einen Film tatsächlich besorgen, bearbeiten und dann ins Netz stellen. Hinter denen war die GVU her.
Diese Leute sind organisiert in Gruppen, so genannten Release Groups. Die Mitglieder kennen sich oft noch nicht einmal persönlich, sondern nur aus geheimen Chat-Räumen und unter Spitznamen - "Mogli", "Henly", "Shin" oder "Rubinius" zum Beispiel. Die beste dieser Gruppen in Deutschland hieß "TGSC", The German Screener Crew.
Mehr als 200 Kinofilme hatte die TGSC illegal kopiert und im Netz verbreitet, vom "Kleinen Eisbär" über "Harry Potter" bis zu "Arac Attack - Angriff der achtbeinigen Monster". Fast immer in hervorragender Qualität - das ist nicht selbstverständlich, denn den deutschen Ton unter einen amerikanischen Film zu legen ist nicht einfach: Die US-Fassung eines Films unterscheidet sich oftmals von der deutschen, zum Beispiel weil wegen des Jugendschutzes manche Szenen geschnitten werden.
Gruppen wie die TGSC haben keine E-Mail-Adresse und keine Homepage. Kontakt ist nur möglich über Chat-Räume, aber die liegen auf abgeschotteten Rechnern. Ohne Passwort hat man keinen Zutritt, und ohne persönliche Einladung kriegt man das Passwort nie. Kulbes Leute brauchten jetzt Informanten.
Ein paar Kandidaten dafür hatten sie. Bei früheren, viel kleineren Verfahren hatten die Ermittler schon Kontakte geknüpft. Andere geben ihr Wissen preis, weil sie gern schwatzen und sich wichtig machen - und dabei auf einen GVU-Ermittler hereinfallen.
Einer der Informanten war für die GVU besonders interessant. Der Mann kannte sich gut aus, vor allem wusste er Details über die ärgste Konkurrenz der TGSC zu melden: dass deren Tonspuren aus einem Kino in Neuss stammten und die Anführer "Rubinius" und "Sandmann" seien.
Der Informant berichtete den Fahndern, wie die Raubkopien überhaupt ins Netz kommen: Eine amerikanische Release Group namens Centropy lieferte demnach das Bild an befreundete Gruppen in Deutschland. Im Idealfall stammte das Bild von einer Vorab-DVD, die an die Mitglieder der Oscar-Jury verteilt wurde.
Eines der Jury-Mitglieder gab den Film weiter, Centropy entfernte die elektronische Kennzeichnung, die den Film eigentlich vor einem Diebstahl sichern sollte.
Oft filmte Centropy allerdings mit professionellen Fernsehkameras direkt von der Leinwand ab, ein bestochener Filmvorführer stellte die Kameras im Vorführraum auf. Für deutsche Filme gebe es angeblich zehn bis zwölf Kinovorführer, mit denen die Piraten zusammenarbeiten.
Die GVU überprüfte die Informationen. Es stimmte alles - bis auf eines: Der Mann hatte auch angegeben, selbst nicht mehr aktiv zu sein.
Kulbe hingegen war sich sicher: Der Mann war ein Anführer der TGSC und wollte offenbar die Konkurrenz loswerden.
Die GVU fing an, ihren Tippgeber zu beobachten, zum Beispiel wie er fertig bearbeitete Filme in ein Rechenzentrum nach Düsseldorf brachte. Die GVU hatte nun Beweismaterial gegen zwei Top-Piratengruppen in der Hand.
Der Zufall verhalf den Fahndern noch zu einem dritten Coup: Ebenfalls im Ruhrgebiet stießen die Ermittler auf einen illegalen Filmgroßhandel. Hier, in einer Gelsenkirchener Wohnstraße, wurden massenhaft Filme gebrannt und auf CD oder DVD verkauft. In einem Hinterzimmer lagen etwa tausend beschriftete CD- und DVD-Hüllen. Auf einem Regal arbeiteten 15 DVD-Brenner, gemeinsam gesteuert von einem Rechner in der Ecke.
Jeweils dienstags und freitags war der Laden geöffnet, die Verkäufer brüsteten sich sogar damit, dass bei ihnen auch Polizisten einer nahe gelegenen Wache einkauften. Die Filme stammten von der TGSC, und für die Kunden gab es eine Qualitätsgarantie: Falls ein Film einmal fehlerhaft gebrannt sei, kein Problem, "den nehmen wir zurück". Wie bei Aldi.
Die GVU stellte ein Dossier zusammen und übergab es der Staatsanwaltschaft. Im Gegenzug durfte Kulbe sich aussuchen, bei welcher Kommandoaktion der Polizei er dabei sein wollte. Kulbe entschied sich für den 22-jährigen Michael S. aus Herten. Ihm und den anderen Festgenommenen drohen nun bis zu fünf Jahre Haft.
Wichtiger für die Filmindustrie ist die Abschreckung: Die Razzien haben die Szene massiv verunsichert. Noch vor einem halben Jahr kursierten in den Tauschbörsen des Internet etwa doppelt so viele Kinofilme wie heute, nun aber sind weniger Nutzer in den Börsen unterwegs, sie finden dort weniger Filme - und die, die sie kriegen, gibt's erst spät und in schlechter Qualität.
Wolfgang Petersens Monumentalfilm "Troja" zum Beispiel war im Internet erst vier Tage nach Kinostart zu haben. Vier Tage, das ist durchaus ein Erfolg: Ein Internet-Nutzer kann dann schon nicht mehr damit protzen, den Film als Erster gesehen zu haben. Wer mitreden will, muss im Kino gewesen sein, nicht im Internet.
Wer sich "Troja" dennoch aus dem Internet zog, bekam nur eine miserable Fassung zu sehen: Der Ton war im Kinosaal mitgeschnitten, so dass sich der Kampflärm aus den Lautsprechern mit dem Popcorngeknister des Sitznachbarn mischte. Auch den neuen "Harry Potter" gab's nur in minderer Qualität.
Vor der Razzia im März wäre es gegen die Ehre der Raubkopierer gewesen, so eine Fassung überhaupt ins Netz zu stellen.
Unter den verbliebenen Raubkopierern herrscht Furcht - niemand weiß, welche Daten, Logfiles und andere Beweismaterialien auf den sichergestellten PC gefunden wurden.
Gleichzeitig versucht eine neue Generation von Raubkopierern, in die Lücke zu stoßen. Eine jüngst gegründete Release Group trägt den ironischen Namen "Gruppe der Verfolgten in Urheberrechtsfragen", kurz: GVU. ANSBERT KNEIP
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 27/2004
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