28.06.2004

JOURNALISTENMafiose Strukturen

Eklat beim Deutschen Journalisten- Verband: Die Kollegen aus Berlin und Brandenburg werden wegen umstrittener Vorstandswahlen aus der Gewerkschaft verbannt.
Altbundespräsident Walter Scheel und die "schöne Witwe" Tatjana Gsell waren die Stars des Abends. Den Tanz eröffnete Annegret Momper. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit zog es am 13. Februar vor, zur Verleihung des schwul-lesbischen Filmpreises "Teddy" zu gehen. Und bereits um Mitternacht war es wieder ziemlich leer. Man kann sagen: Der Presseball der Hauptstadt hat schon bessere Zeiten erlebt.
Das verstaubte Tanzvergnügen des alten West-Berlin wäre keine Zeile wert, stünde es nicht mit im Zentrum eines Konflikts, der zurzeit den Deutschen Journalisten-Verband (DJV) zerreißt. Die einflussreiche Mediengewerkschaft hat sich vergangenen Dienstag ihrer Berliner Landesgruppe entledigt und die Brandenburger Sektion gleich mitentsorgt - ein unter deutschen Gewerkschaften einmaliger Eklat.
Seither tobt ein heftiger Streit. Es ist von "mafiosen Strukturen" die Rede und von einer "Unterwanderung des Verbands durch Rechtsradikale". Die jüngsten Vorstandswahlen in Berlin und Brandenburg seien juristisch zumindest fragwürdig und ließen den "Verdacht der Manipulation aufkommen", sagt DJV-Bundeschef Michael Konken, der die Spaltung betreibt.
Sein Gegenspieler in Berlin, Alexander Kulpok, spricht von Rechtsbruch und
"Wildwestmethoden". Bernd Martin, Vorsitzender in Brandenburg, fühlt sich gar an eine "Hetzjagd wie in diktatorischen Zeiten" erinnert. Beide wollen den Rauswurf anfechten.
Mafia, Hetzjagd, Manipulation: Die Medien der deutschen Metropole, so scheint es, fallen in den Kalten Krieg zurück.
Vordergründig geht es um die Wahlen in ihren Regionalverbänden. Laut Konken hat ein beweglicher Trupp von rund 40 Neumitgliedern durch eine Art Blitzeintritt zunächst in Potsdam und dann in Berlin den umstrittenen Provinzfürsten eine Mehrheit verschafft. Es sei sogar fragwürdig, ob die frischen DJV-Mitglieder im Hauptberuf als Journalisten arbeiten.
Im Kern des Konflikts steht auch die als schlampig beklagte Gewerkschaftsarbeit der Hauptstädter. Ihr Einsatz gelte vorrangig dem Presseball im vornehmen Ritz-Carlton-Hotel, so die Kritiker.
Nicht einmal ihre Finanzen hatten die Funktionäre dabei im Griff. Der Presseball häufte in der Vergangenheit regelmäßig Verluste in sechsstelliger Höhe an. Dabei ist die "Wohltätigkeitsveranstaltung" (Tickets: ab 400 Euro) eigentlich als Geldquelle für den Sozialfonds der Gewerkschaft gedacht.
In guten Zeiten war all das egal. Seit aber die Branche von Kündigungswellen erschüttert wird und freie Journalisten um ihre Existenz kämpfen müssen, erwarten die Mitglieder mehr von ihren Vertretern. Doch Kulpok, der seit 1998 amtiert, und seine Spitzenfunktionäre haben den Trend verschlafen.
Ohne die Hilfe der rund 40 Neumitglieder wäre Kulpok, der seine Wiederwahl am 5. Juni mit 27 Stimmen Vorsprung gewann, wohl nicht mehr im Amt. Tumultartige Ausein-
andersetzungen haben damals die Abstimmung begleitet.
Vergangenen Donnerstag luden die umstrittenen Provinzfürsten und ihre Getreuen zur Pressekonferenz in eigener Sache. Und als hätte sich nichts geändert, schwärmte Kulpok, 65, von den "guten alten West-Berliner Zeiten". Er war damals medialer Frontsoldat beim SFB; in den siebziger Jahren hat er die "Abendschau" moderiert.
Ausgerechnet der einstige Klassenfeind ist mit am Tisch: Bernd Martin, 58, war einst linientreuer DDR-Journalist unter anderem bei der Nachrichtenagentur ADN. Seinen Rausschmiss hätte er "in einem freiheitlich-demokratischen System" nie für möglich gehalten, sagt er. Beide weisen sämtliche Vorwürfe als "glatte Lügen" und "dreiste Behauptungen" zurück.
Und dann sitzt da noch Torsten Witt, 40. Der Vizechef des Potsdamer Verbands gilt als einer der Strippenzieher der DJV-Groteske. Er war früher Berliner Landeschef des rechtskonservativen "Bundes Freier Bürger" und hat in einem Flugblatt zu einer gemeinsamen Demonstration mit den Republikanern aufgerufen. Fotos zeigen, wie er bei einem Protestzug neben dem heutigen NPD-Anwalt Horst Mahler marschiert.
Er sei nicht rechtsextrem, sondern liberal, sagt er. Der Rausschmiss seines Landesverbands ist für ihn nichts anderes, als würde Gerhard Schröder Bayern aus der Bundesrepublik werfen, weil ihm das Wahlergebnis in München nicht passt.
Altfunktionäre, die ihre Posten sichern wollen, ein Rechtsaktivist, der neue Betätigungsfelder sucht, berufsfremde Neumitglieder, die Journalistenausweise ergattern wollen und dafür ihre Stimme zur Verfügung stellen? Das ist in etwa das Personal des aktuellen Streits. Noch in dieser Woche will der Bundesverband mit regionalen Nachfolgeorganisationen einen Neustart wagen. Dann ist es vermutlich auch mit einem weiteren bisherigen Schwerpunkt der Berliner Gewerkschaftsarbeit vorbei - dem jährlichen Spargelessen mit Prominenten im Hotel Adlon. FRANK HORNIG
* Am 15. Februar 1999 bei einer gemeinsamen Protestaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft in Berlin.
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 27/2004
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