05.07.2004

THEATERLaute Tage im Klischee

Deutsche Bühnen entdecken die Wirtschaft - zumindest als Feindbild: Sind die Manager herz- und hirnlose Technokraten, oder gehen die Dramen an der Wirklichkeit vorbei?
Der Mann war entsetzt. Nackte Sänger, kopulierende Paare, Blut, Gewalt - und das alles an der Komischen Oper Berlin! "Absolut unakzeptabel", fand Matthias Kleinert.
Er ist kein Kritiker. Er ist Berater von DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp und Kurator im Freundeskreis der Oper. Die Neu-Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" erregte den Premierengast Ende Juni offenkundig stärker als das Fusionsdebakel der Welt AG. Wütend drohte Kleinert, die Sponsorgelder des Stuttgarter Autokonzerns für die finanzschwache Bühne zu streichen.
Zensur! Skandal! Berlin hat endlich wieder einen Kultur-Eklat - auch wenn Schrempps Entourage sofort beschwichtigte: Das Geld fließe weiter. Kleinerts Privatmeinung sei nicht entscheidend. Jedenfalls haben Manager wie Regisseure wieder neuen Stoff für ihre Attacken.
Denn die Führungskräfte aus Konzernen und Kultur haben ihre alten Feindbilder ausgegraben. Es geht um Moral, Effizienz und um gekränkte Eitelkeit. Grund für den Zoff sind die großen Dramen der aktuellen Theatersaison. Die Intendanten haben die Wirtschaft zum Thema gemacht. Korrupte Manager und gewissenlose Berater spielen auf vielen Bühnen die Hauptrolle: als herzlose Technokraten, die so lange sanieren, bis nichts mehr übrig bleibt.
Regisseure von Berlin ("Bankenstück. Das Geld, die Stadt und die Wut"), Brandenburg ("McKinsey kommt"), Bochum ("Die Optimisten") und Zürich ("Groundings") bis zu den Ruhrfestspielen ("Pablo in der Plusfiliale") setzen auf Globalisierungskritik als Publikumsmagnet. Fragt sich nur: Was haben die Spektakel im Stadttheater mit der Wirklichkeit zu tun?
Drei Einsichten lassen sich aus den Stücken gewinnen. Manager sind, erstens, psychisch kaputte Typen, instabil und völlig überlastet. Morgens wissen sie oft nicht, in welchem Hotel sie wach werden (New York, Berlin, Singapur?), dann folgt ein harter Tag - und abends die Koksparty mit extradicken Lines. Das Elend endet vorm Pay-TV-Porno. Nur er gibt noch Orientierung: "Manchmal merkt man, dass man in Australien ist, weil es plötzlich vermehrt Asiatinnen im Programm gibt", sagt der Protagonist von "Das System/Electronic City" in der Berliner Schaubühne: "Tokio erkennt man an den Hardcore-Szenen, viel Analverkehr, viele Lesben in Lack. Texas ist immer etwas schlapp."
Um ihre Defizite zu überspielen, haben sich die Manager - zweitens - eine sprachliche Maske zugelegt. Sie soll ihre Macht hervorheben und ihre Unsicherheit tarnen. Ganz wichtig sind deshalb der "helicopter view" und das "big picture" in ihrer Analyse. Sie haben keine Ahnung, doch davon jede Menge. "Der Kunde ist der Patient. Sie sind der Arzt. Wenn Sie keine Lösung wissen, sagen Sie etwas, das nach Lösung klingt." So lernt es schon der jüngste Consultant nach Meinung der Autoren.
Intern herrscht ein anderer Slang. Nicht nur im "Bankenstück" des Berliner Maxim-Gorki-Theaters brüllen sich die Führungskräfte vorzugsweise mit "Arschloch" und
"Wichser" an. Wollen sie eine Ermahnung aussprechen, sagen sie: "Sie gehören mal richtig durchgefickt." So stellen sich manche Dramaturgen das Wirtschaftsleben vor, wo - Lektion Nummer drei - entsprechend rücksichtslos saniert wird.
Es geht ihnen allein darum, "so viele Menschen wie möglich auf die Straße zu setzen". Selbst wenn sie dafür durch "irgendwelche Pissdörfer" fahren müssen, um "einfach mal 300 Leute rauszuschmeißen".
Die Wirtschaftsspektakel auf den aktuellen Spielplänen haben das Niveau einer Seifenoper und das Vokabular einer Nachmittagstalkshow. Laute Tage im Klischee. Handy-Manie und Business-Lounge, kapitalistische Ausbeuter, entrechtete Supermarkt-Kassiererinnen, unten gegen oben - alles dabei. Der gute alte Klassenkampf des Brechtschen Theaters ist reaktiviert, als Mischung aus "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" und New Economy.
Gelohnt hat sich''s trotzdem. Im Theater lässt es sich munterer attackieren als im "Handelsblatt" - die Zuschauer fühlen sich offenkundig bestätigt in ihrem Ärger über Managergehälter, Massenentlassungen und andere Globalisierungsfolgen.
Zu besichtigen ist das auch und gerade dort, wo das Theater noch eine bildungsbürgerliche Institution ist und das Publikum in Anzug und Kostüm erscheint. Persiflagen auf das Victory-Zeichen von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und auf sein Zitat zum Mannesmann-Prozess ("Deutschland ist das einzige Land, wo die, die Werte schaffen, vor Gericht stehen") führen zu begeistertem Szenenapplaus.
Der Zuspruch ist fast überall enorm. "Die Vorstellungen sind ausverkauft", sagt
Rolf Hochhuth über sein Brandenburger McKinsey-Stück.
Noch besser die Werber- und Beraterbastion Düsseldorf: Ingoh Brux ist hier Dramaturg am Schauspielhaus. "Wahnsinn", sagt er. Ganz gleich, ob Frédéric Beigbeders Werber-Verriss "39,90" oder die Beraterstücke "Top Dogs" und "Wir schlafen nicht" laufen: Es ist immer voll, wenn es wieder um jene "hochausgebildeten Idioten" mit "null Lebenserfahrung" geht - und um ihre laut beschimpfte "Düsseldorfigkeit". Auch die Begleit-Podien sind ein Erfolg. "Sonst sind das zähe Diskussionen", sagt Brux, jetzt gehe es richtig zur Sache. Mittelständler und Ex-Berater lieferten sich heiße Debatten.
Richtig vergrätzt reagieren nur die Top-Consultants. Roland Bergers Fazit: "Erst
die Kritik an den Manager-Gehältern, dann an den Investment-Bankern, Analysten und Fondsmanagern. Im letzten halben Jahr waren die Unternehmensberater dran. Weitere Kritiken werden folgen." Der Chefstratege aus München glaubt, dass Wirtschaftsflaute, Reformdruck und Medienkrise zusammen eine "einmalige Mischung" ergäben. Sie lasse "Neid gegenüber jenen aufkommen, denen es - scheinbar - gut geht".
Bergers Kollegen bei McKinsey sind vor allem über Hochhuth sauer und sein Stück "McKinsey kommt". Nach einem Exklusivbesuch der Inszenierung brachen die Berater die Diskussion als sinnlos ab. Seine Schauspieler hätten gegen eine "eisige Wand" gespielt, sagt Hochhuth. Freilich: Sein Stück ist nicht nur für Berater harte Kost, immerhin ist im Zusammenhang mit Banker Ackermann von Mord die Rede.
Vielleicht aber verstehen die Unternehmensberater die Theater-Attacken auf ihre Zunft auch nur als dramatische Retourkutsche: Schließlich ist McKinsey zuvor oft und an vielen Orten im Theater aufgetreten - freilich nicht auf der Bühne, sondern dahinter als Sanierer.
Zwischen Wirtschaftsführern und den Regisseuren der Bühnenwirklichkeit ist so ein tiefes Misstrauen gewachsen. "Entweder es stimmt, und es ist langweilig. Oder es ist unterhaltsam - aber falsch", sagt Heinz Dürr über die Business-Stücke.
Dürr war früher Chef von AEG und Bahn, er besitzt ein mittelständisches Unternehmen. Als Aufsichtsrat hat er einige der größten Wirtschaftskrimis der vergangenen Jahre miterlebt: den Zusammenbruch der Berliner Bankgesellschaft und die Affäre um die Millionenabfindungen im Vodafone-Mannesmann-Deal.
Dass die durchaus dramatischen Vorgänge in der Wirtschaft in all ihrer Komplexität nur schwer zu fassen sind, haben auch die ersten Theaterleute erkannt.
Das jüngste Stück von René Pollesch beispielsweise heißt "Pablo in der Plusfiliale" und behandelt die, wie er sagt, nur scheinbar geregelten Arbeitsverhältnisse in Deutschland. Der Mix aus Trash und Theorie kommt ohne Handlung und Helden aus. Die Botschaft ist sowieso für jeden klar: "Wir haben alle die gleiche Chance, in dieser neoliberalen Scheiße unterzugehen."
Schauspielerin Inga Busch und ihre Kollegen senden ihr grandios-gestörtes Globalisierungsgestammel meist per Live-Video ins Zuschauerzelt, wo das Publikum auf Sandboden kauert und über Aldi-Süd oder "diese Lidl-Sau" belehrt wird, die ihren "Billigscheißhaufen" (jedenfalls im Theater) "total am Gesetz vorbei" managt.
"Heute reicht es nicht mehr, Tschechow-Figuren mit Aktenkoffern auszustatten", sagt Matthias von Hartz. Seit einiger Zeit inszeniert er mit der Reihe "Go Create Resistance" eine globalisierungskritische Mischung aus Happening und Volkshochschule im Hamburger Schauspielhaus. Mit seinen Zuschauern hat er schon mal 450 Euro verbrannt und anschließend Tütchen mit der Asche verteilt. Darauf stand "Verschwendung für alle".
In seinen Shows (zuletzt über Horst Köhlers Arbeit als Chef des Internationalen Währungsfonds) kommt Hartz oft ohne Schauspieler aus. Er holt lieber Experten wie Heiner Flassbeck und Roger de Weck auf die Bühne. Der eine war früher Chefideologe und Finanzstaatssekretär von Oskar Lafontaine, der andere linksliberaler Chefredakteur der "Zeit".
Für Flassbeck, den Volkswirt, muss das eine Art Coming-out gewesen sein. Das Gesicht braun gebrannt, ein Headset als Mikrofon überm Kopf, tänzelte der Mann wie ein bestens gelaunter Motivationstrainer über die Bühne und schwadronierte über "free floatende" Wechselkurse.
Völlig gewandelt gab sich auch der früher so besonnene Roger de Weck, der sich über das Ende der Solidarität, "Seelenkrüppel auf so mancher Chefetage" und neoliberale Ideologen ereiferte, die das Marktprinzip in die hintersten Winkel der Gesellschaft trügen. Köhler, Berlusconi, Bush, das Öl - für ihn gehört alles irgendwie zusammen. "Widersetzen Sie sich dem Ökonomismus, dann haben wir die bessere Ökonomie", lautete sein Schlussappell.
Ein Ex-Staatssekretär als swingender Guru, ein früher "Zeit"-Chef in der Pose von Michael Moore, ein wütender Daimler-Berater, der sich als Zensor versucht - die Wirklichkeit liefert immer noch die besten Geschichten. FRANK HORNIG
* Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. * Oben: im "Bankenstück" am Berliner Maxim-Gorki-Theater; unten: in Brandenburg.
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 28/2004
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