05.07.2004

„Das Öl wird fließen“

Prinz Walid Ibn Talal über den Kampf gegen die Terroristen und die notwendigen Reformen
Walid, 47, ist ein Neffe des saudischen Königs und der viertreichste Mann der Welt. Sein Geld verdient er durch Banken, Medien-Beteiligungen und Hotelketten.
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SPIEGEL: Königliche Hoheit, islamistische Terroristen fordern das Königshaus heraus. Fühlen Sie sich bedroht?
Prinz Walid: Seit der Gründung des Hauses Saud kann sich der König ganz selbstverständlich im Volk bewegen. Wir werden uns nicht durch eine Hand voll Terroristen von unserer Tradition abbringen lassen. Wir unterwerfen uns nicht. Im Übrigen haben die Sicherheitskräfte in den vergangenen Wochen einige bemerkenswerte Erfolge erzielt.
SPIEGEL: Was hält das Volk von den Terroristen?
Prinz Walid: Keiner weiß genau, wie viele von ihnen es in Saudi-Arabien gibt, aber anscheinend handelt es sich um eine kleine, isolierte Gruppe. Die Mehrheit der saudi-arabischen Bevölkerung lehnt ihre Taten sicher ab. Der Islam verbietet das Töten Unschuldiger, egal ob sie Muslime, Juden oder Christen sind.
SPIEGEL: Wie wollen Sie mit den Terroristen fertig werden? Wollen Sie verhandeln oder Krieg führen wie Ihr Vetter Prinz Bandar?
Prinz Walid: Diese Leute müssen hart angefasst werden. König Abd al-Asis Ibn Saud hat auch nicht lange gefackelt, als er 1929 in der Schlacht von al-Sabla die extremistischen Verbände seiner eigenen Armee unterwarf. Diese Geschichte wird sich wiederholen. Die Terroristen haben jetzt bis zum 23. Juli Zeit, sich zu ergeben. Wenn sie es nicht tun, werden wir sie sehr unangenehm behandeln. Wir waren bislang zu weich in der Terrorfrage. Jetzt aber hängt unser Überleben von der Vernichtung dieser Terroristen ab. Glauben Sie mir, wir werden keine Kompromisse mehr machen.
SPIEGEL: Nicht nur die Terroristen, auch die Bevölkerung stört das enge Verhältnis, das Ihre Familie zu den Vereinigten Staaten pflegt.
Prinz Walid: Wir sind gute Freunde der Vereinigten Staaten, ich persönlich bewundere vieles an Amerika. Aber ich sage auch, dass die USA ihre NahostPolitik gründlich überdenken sollten. Die Mehrheit der Araber und der Saudis finden, dass Amerika in Palästina zu wenig tut und Israel geradezu hörig ist. Amerika könnte Israel zu einer friedlichen Lösung zwingen und damit eine wesentliche Ursache des Terrors bei uns beseitigen. Es gibt viel Frustration in der islamischen Welt, und Amerika ist nicht hilfreich.
SPIEGEL: Viele Saudi-Araber sind auch mit den Zuständen im eigenen Land nicht einverstanden. Wann geht es los mit der Demokratie in Ihrem Land?
Prinz Walid: Es gibt einen festen Wahltermin für die Hälfte aller Gemeinderäte noch in diesem Jahr - das ist ein gewaltiger Schritt für uns. Sie dürfen uns nicht nach deutschen Maßstäben messen: Wir sind eine islamische, eine sehr konservative Gesellschaft. 1,3 Milliarden Muslime beten täglich fünfmal gen Mekka - dieser Tradition fühlen wir uns verpflichtet. Deshalb muss der Westen akzeptieren, dass wir ein anderes Tempo haben.
SPIEGEL: Junge Saudi-Araber waren an vielen Terroranschlägen in aller Welt beteiligt. Läuft Ihre Jugend aus dem Ruder?
Prinz Walid: Überall auf der Welt sind junge Leute voller Energie. Es ist unglaublich wichtig, sie ordentlich zu beschäftigen. Was mir vorschwebt, ist ein großes Geschäft: Reformieren wir die Wirtschaft, schaffen wir Arbeit, bringen wir die Gesellschaft voran. Wenn wir das gut aufeinander abstimmen, werden wir am Ende einen politischen Gewinn daraus ziehen. An dieser Abstimmung hat es bislang gemangelt. Es gibt viele fertig ausgebildete Leute hier, die aber noch nie gearbeitet haben ...
SPIEGEL: ... und sich dann frustriert abwenden?
Prinz Walid: Die Arbeitslosigkeit ist eine Zeitbombe.
SPIEGEL: Sollte es doch zu anhaltenden Auseinandersetzungen mit Extremisten kommen, was werden dann die ausländischen Arbeiter machen?
Prinz Walid: Wenn die Lage völlig außer Kontrolle geraten sollte und ausländische Firmen in großer Zahl das Land verlassen, würde uns das schwer treffen. Wir sind zweifellos auf unsere ausländischen Arbeiter angewiesen. Aber es wäre nicht das Ende des Königreichs.
SPIEGEL: Und was passiert mit dem Öl?
Prinz Walid: Da möchte ich mit einem Mythos aufräumen: Unsere Ölproduktion ist nicht von den Ausländern abhängig. 97 Prozent aller Jobs in der Ölindustrie sind von Saudi-Arabern besetzt. Keine Sorge: Das Öl wird fließen. Das ist doch das Einzige, was euch im Westen interessiert - dass dieses verdammte Öl weiterfließt.

DER SPIEGEL 28/2004
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