12.07.2004

MANAGERKnallhart in der Sache

Siemens-Chef Heinrich von Pierer zeigt sich auch bei seinem Abgang als Meister der Taktik. Der Neue hat sich vor allem in den USA bewährt - als Sanierer.
Auf die Frage, wie lange er noch an der Spitze des größten deutschen Elektrokonzerns stehen wolle, hatte Siemens-Chef Heinrich von Pierer, 63, in den vergangenen Monaten stets eine Standardantwort parat. "Das entscheiden meine Frau, der Aufsichtsrat und dann ich", blockte er Spekulationen über seinen Nachfolger ab.
Wer sich damit nicht zufrieden gab, dem präsentierten seine Berater eine einleuchtende Erklärung. Der Siemens-Boss, streuten sie, werde bis zu seinem 65. Geburtstag am 26. Januar 2006 amtieren. Bei der Hauptversammlung des Konzerns, die zufällig am selben Tag stattfindet, werde der Chef dann an die Aufsichtsratsspitze rotieren.
Pierers Ablenkungsmanöver ging voll auf. Am Mittwoch vergangener Woche verkündete der Siemens-Chef überraschend, dass er bereits ein Jahr früher in das Kontrollgremium des Münchner Multis wechselt. Beerben soll ihn ein Mann, den Pierer bereits vor drei Jahren als Nachfolger ausgeguckt hatte, der Ex-Chef des Siemens-US-Ablegers Klaus Kleinfeld, 46.
Selten zuvor wurde ein Führungswechsel an der Spitze eines deutschen Großkonzerns so geschickt inszeniert wie die Amtsübergabe bei dem Vorzeigeunternehmen Siemens. Bereits vor Monaten hatte der Aufsichtsratsvorsitzende Karl-Hermann Baumann intern signalisiert, dass er seinen Kontrolleursjob noch vor seinem 70. Geburtstag im Juli nächsten Jahres aufgeben möchte. Pierer und seine engsten Vertrauten behielten ihr Herrschaftswissen erst einmal für sich - um in aller Ruhe eine größere Rochade im weltweiten Siemens-Imperium vorzubereiten.
Zwei Manager, die sich selbst Hoffnung auf die Pierer-Nachfolge gemacht hatten, dürfen demnächst ins oberste Machtzentrum, den Zentralvorstand, aufrücken. Pierer selbst will in den Aufsichtsrat wechseln und dort den Vorsitz übernehmen, was ihm herbe Kritik von Aktionärsschützern einbrachte.
Kronprinz Kleinfeld jettete nach der Bekanntgabe des Führungswechsels nach New York, wo er noch einige private Angelegenheiten regeln muss. Am 1. August tritt er dann zunächst seinen Posten als Vizechef des Konzerns an.
Ob der jungenhaft wirkende Aufsteiger es schafft, sich aus dem Schatten seines großen Förderers und Mentors zu befreien, bleibt abzuwarten. Kaum ein anderer Industrielenker hat das Bild der Deutschland AG im In- und Ausland so nachhaltig geprägt wie der joviale Siemens-Boss.
Seit der gelernte Jurist 1992 den Spitzenjob bei dem Mischkonzern antrat, hat sich der ehemals behäbige Behördenlieferant stärker gewandelt als je zuvor in seiner Geschichte. Wer die strengen Vorgaben des Siemens-Herrschers nicht erfüllt, wird bei den vierteljährlichen Treffen der obersten Führungskräfte regelrecht an den Pranger gestellt und riskiert sogar seine Stelle. In der heilen Siemens-Welt waren solche Führungsmethoden vor Pierer undenkbar.
Unter dem neuen Vorstandschef dürfte sich daran wenig ändern. Ex-Kollegen schildern den Bremer Betriebswirt mit dem freundlichen Bubengesicht als verbindlich im Ton, aber knallhart in der Sache. Nach einem kurzen Intermezzo beim Schweizer Pharmakonzern Ciba-Geigy heuerte der bekennende HipHop-Fan 1987 bei Siemens an, wo er später die hauseigene Unternehmensberatung aufbaute. "Ein cleverer Schachzug", meint ein Konkurrent anerkennend, "so hatte er frühzeitig Kontakt zum Vorstand und zu Pierer".
Sein Gesellenstück, das ihm nun den Aufstieg in den Siemens-Olymp ermöglicht, lieferte der Marathonläufer in den USA ab, wo er aus einem wild wuchernden Wirrwarr von Konzernablegern einen schlagkräftigen Verbund formte und das US-Geschäft so erstmals wieder in die schwarzen Zahlen brachte. Allerdings blieben bei dem Kraftakt rund 10 000 Jobs auf der Strecke, und einige der Geschassten sind dem Ex-US-Chef noch heute gram.
Auf einer kritischen Website machen Ex-Angestellte von US-Töchtern der Netztechnik- sowie der Industriesparte mächtig Stimmung gegen Pierers neuen Mann. Die Software-Experten mussten unter Kleinfeld zunächst indische Kollegen einarbeiten und verloren anschließend ihre Stellung, weil die Leiharbeiter deutlich weniger verdienen. "Das waren doch nur ein paar Dutzend Fälle", nimmt ein Siemens-Sprecher seinen neuen Chef in Schutz, außerdem sei die Jobvergabe an eine externe Dienstleistungsfirma streng nach den US-Gesetzen erfolgt.
Die Diskussion über die Verlagerung von Arbeitsplätzen dürfte Kleinfeld auch im neuen Amt begleiten. Zusammen mit seinem Kollegen Johannes Feldmayer, bis vor kurzem ebenfalls als Kandidat für die Pierer-Nachfolge gehandelt, hat der künftige Konzernlenker eine Strategie ausgeheckt, die unter anderem vorsieht, Forschung und Entwicklung auch bei Siemens verstärkt im Ausland aufzubauen.
Sollte Kleinfeld versuchen, sein US-Erfolgsmodell auf Deutschland zu übertragen, hat er neben seinen unterlegenen Vorstandskollegen gleich noch ein paar Gegner mehr - die Betriebsräte und Gewerkschaften. "Der kriegt jetzt erst mal einen Vertrauensvorschuss", meint ein Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat leutselig, "wie schnell er aufgebraucht ist, werden wir sehen." DINAH DECKSTEIN
Von Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 29/2004
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