12.07.2004

„Auf einmal ganz oben“

Griechenlands Premierminister Konstantinos Karamanlis, 47, über die Europameisterschaft und den neuen Nationalstolz der Hellenen, die Sorge um die Olympischen Spiele und Athens Rolle in der EU
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, was haben Sie mehr genossen: Ihren Wahlerfolg im März oder jene 90 Minuten im Stadion von Lissabon, in denen die griechische Mannschaft Europameister wurde?
Karamanlis: Mein Wahlsieg war nicht in erster Linie ein Moment der Freude. Natürlich empfand ich große Befriedigung wegen des überwältigenden Vertrauensvotums, aber tief im Innern war da sofort die Verantwortung, die alles überwog. Beim Euro-Finale hatte ich keine Verantwortung, schließlich habe ich ja nicht selbst gespielt, auch wenn ich das gern getan hätte. Ich war nur Zuschauer und Fan. Ein befreiendes Gefühl: Ich war stolz und glücklich.
SPIEGEL: Ist der Finalsieg für Ihr Land mehr als nur der Gewinn eines Fußballspiels?
Karamanlis: Natürlich war es zuallererst ein Fußballspiel und eine große Überraschung. Vor Beginn des Turniers hätte es doch bereits als großer Erfolg für Griechenland gegolten, früh, aber zumindest ehrenhaft auszuscheiden, am besten mit ein paar Punkten auf dem Konto. So aber war die Meisterschaft auch ein nationaler Erfolg. Ich habe noch nie so viele Menschen auf den Straßen Athens gesehen, außer vielleicht beim Sieg der Demokratie über die Diktatur vor 30 Jahren: Auf einmal ist unser Land ganz oben.
SPIEGEL: Weil das kleine Griechenland es allen Großen in Europa mal so richtig gezeigt hat?
Karamanlis: Na ja, das war schon eine Lehre für manchen, weil niemand uns das zugetraut hat. Mein portugiesischer Kollege und Freund Barroso hat sich vor dem Fi- nale dafür bedankt, dass ich seiner Einla-
dung gefolgt bin, aber zugleich entschuldigt und gesagt: Nimm''s nicht so schwer, dass Portugal gewinnt. Vor allem aber hat der Erfolg unsere Identität geschärft und gezeigt, was man gemeinsam erreichen kann. Fußball ist Teamwork. Und unsere Mannschaft hat bewiesen, dass es nicht nur um die Leistung des Einzelnen geht. Wir hatten keine großen Namen, keine Stars. Die Botschaft, die daraus plötzlich auch im übertragenen Sinn folgt, ist, dass ein Team guter, aber nicht außergewöhnlicher Spieler Großes zu leisten im Stande ist, wenn es einen sehr guten Trainer hat ...
SPIEGEL: ... den Sie nun am liebsten auf Lebenszeit hier behalten würden. Lassen Sie Otto Rehhagel nach Deutschland gehen, falls er neuer Bundestrainer werden soll?
Karamanlis: Was soll er denn da? Gerade eben habe ich Rehhagel geraten, über eine Rückkehr nicht einmal nachzudenken. Du kannst kein gutes Team schaffen, habe ich ihm gesagt, wenn du mit Michael Ballack nur einen einzigen guten Spieler hast. Da haben mich allerdings meine eigenen Spieler gewarnt, ich solle bloß nicht von Ballack anfangen, den möge Rehhagel gar nicht.
SPIEGEL: Hat der Fußballerfolg jetzt auch die Sorge vergessen lassen, dass die Olympischen Spiele im August womöglich im Chaos versinken könnten?
Karamanlis: Dieser Erfolg kam zum allerbesten Zeitpunkt, denn er gibt allen Nörglern die richtige Antwort. Ich habe die Stimmungsmache gegen Griechenland in den letzten Wochen schlicht nicht mehr verstanden. Natürlich gab es Pannen bei den Vorbereitungen oder Verspätungen bei der Fertigstellung mancher Olympiabauten. Wo gibt es so etwas nicht? Das ist auch bei der so erfolgreichen Euro in Portugal vorgekommen. Und vielleicht haben wir auch Fehler gemacht. Aber die internationale Kritik war manchmal schon ziemlich geschmacklos. Das Einzige, was ich verstehe, ist die große Sorge der Menschen um ihre Sicherheit. Zwischen Sydney 2000 und Athen 2004 hat sich die Welt verändert.
SPIEGEL: Sie fürchten, bei mehr als zwei Millionen Gästen und Teilnehmern könnten die Olympischen Spiele ein besonders herausragendes Ziel für Terroristen sein?
Karamanlis: Um dieser Gefahr zu begegnen, haben wir viermal so viel für Sicherheitsmaßnahmen investiert wie Australien vor vier Jahren. Wir haben mit allen in der Terrorabwehr besonders erfahrenen Ländern zusammengearbeitet und alles Menschenmögliche getan. Und trotzdem hatten wir nur eine schlechte Presse, die manchmal schiere Hysterie verbreitete. In diesem Klima kommt die Europameisterschaft wie gerufen. Sie hat bewiesen, dass wir Überraschendes leisten können. Wir sind bereit für ein großes Fest, wenn die Spiele an ihren Geburtsort zurückkehren.
SPIEGEL: Gilt das auch für die Olympiastätten? Haben Sie noch den Überblick, wo überall bis zuletzt gewerkelt wird?
Karamanlis: Das weiß ich genau. Ich weiß aber auch, dass es keine einzige Sportstätte geben wird, die nicht rechtzeitig fertig ist. Machen Sie sich keine Sorgen.
SPIEGEL: Die Sorge, dass die Spiele eine Nummer zu groß für so ein kleines Land sein könnten, kommt nicht nur von außen, sondern auch aus Ihren eigenen Reihen.
Karamanlis: Die Olympischen Spiele sind eben das größte Ereignis überhaupt und eine entsprechende Herausforderung. Kurz vor der Eröffnungsfeier kann die Verantwortung, allen Erwartungen auch gerecht zu werden, einem schon mal den Atem verschlagen, und man denkt: Mein Gott, wie soll das alles gut gehen? Die beste Antwort darauf werden die Spiele selbst geben.
SPIEGEL: Ihren Infrastrukturminister Georgios Souflias schrecken vor allem die finanziellen Auswirkungen der Spiele. Wie teuer werden die denn nun: 2,6 Milliarden Euro, wie ursprünglich kalkuliert, oder sogar 10 Milliarden, wie unabhängige Wirtschaftsprüfer inzwischen behaupten?
Karamanlis: Niemand kann das heute genau sagen. Fest steht, dass die ursprünglichen Planungen deutlich überschritten werden. Aber das hilft jetzt nicht mehr. Jetzt geht es darum, die Spiele zu einem Erfolg zu machen. Und wenn die Besucher in Athen, die Zuschauer vor den Fernsehgeräten und auch die Medien sehen, was wir geschafft haben, dann könnte es in den nächsten Jahren womöglich eine ähnliche Tourismusrevolution geben wie in Barcelona. Das war vor Olympia ein schönes Plätzchen mit einem netten Provinzhafen und ist plötzlich eines der begehrtesten Reiseziele in Europa.
SPIEGEL: Dennoch werden die Spiele zu einer Riesenbelastung. Schon heute verstößt Ihr Haushaltsdefizit gegen die EU-Normen.
Karamanlis: Das Defizit ist ein ernstes Problem, hat aber nicht wirklich mit den Spielen zu tun. Wir müssen unsere Wirtschaftsstrukturen reformieren, mehr produzieren, wettbewerbsfähiger sein, den schwerfälligen, unproduktiven und oft korrupten Staat zurückdrängen. Ein Report der Europäischen Zentralbank bescheinigt Griechenland, dass rund zehn Milliarden Euro, eine unglaubliche Summe, durch Bürokratie und Korruption verloren gegangen sind. Das ist unser Problem, da müssen wir ansetzen.
SPIEGEL: Ihr Treffen mit dem türkischen Kollegen Tayyip Erdogan hat die neue Nähe zu Ankara belegt. Gibt es eine europäische Zukunft für Ihren Nachbarn?
Karamanlis: Ankaras Annäherungskurs an Europa muss belohnt werden. Deshalb unterstütze ich nachdrücklich eine europäische Perspektive für die Türkei.
SPIEGEL: Mit welchem Ziel? Vollmitgliedschaft in der EU?
Karamanlis: Ja, aber das heißt: Die demokratischen Reformen, welche die Regierung Erdogan viel mutiger begonnen hat als alle früheren türkischen Regierungen, müssen weitergeführt werden. Natürlich muss dann irgendwann der Tag kommen, an dem die EU abschließend entscheidet, ob die Aufnahmekriterien erfüllt sind.
SPIEGEL: Wann kann es so weit sein?
Karamanlis: Niemand rechnet damit, dass die Türkei morgen Vollmitglied ist. Und ganz entscheidend ist ja auch das Tempo der Europäisierung in Ankara. Aber die Botschaft ist klar: Die Union hat das politische Signal gegeben, die Türkei in die europäische Familie aufzunehmen. Das ist richtig, denn eine europäisierte Türkei ist von Vorteil für alle, für die Menschen in der Türkei wie für ihre Nachbarn.
SPIEGEL: Ist das muslimische Land zu den Kraftanstrengungen einer solchen Reform überhaupt in der Lage?
Karamanlis: Erdogan und seine Regierung haben, bei aller möglichen Detailkritik, eine positive Leistung vollbracht. Aber am Ende entscheiden die Menschen in der Türkei, ob sie wirklich Europäer sein und auch werden wollen.
SPIEGEL: Wie geschlossen kann ein ständig wachsendes Europa noch auftreten?
Karamanlis: Man muss ehrlich sein und zugeben, dass ein Europa mit 25, 30 oder mehr Mitgliedstaaten nicht mehr im gleichen Tempo oder gar im Gleichschritt vorangehen kann. Deshalb wird es eine verstärkte Kooperation von Teilen der Union geben müssen. Schon heute gibt es doch die 12 im Euro-Verbund oder die 13 im Schengen-Abkommen. Bald werden wir eine gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik haben, auf die sicher auch nicht alle gleich vorbereitet sind.
SPIEGEL: Das heißt, es wird nicht nur ein, sondern mehrere Kern-Europa geben?
Karamanlis: Kern-Europa werden die sein, die in allen vertieften Kooperationen dabei sind. Da werden nur einige Mitglieder übrig bleiben, die den europäischen Motor bilden, und wir Griechen an vorderster Front. Deshalb brauchen wir auch schnell die europäische Verfassung.
SPIEGEL: Wie schädlich war die Krise um den Irak-Feldzug der USA für den europäischen Zusammenhalt?
Karamanlis: Ich glaube, der größte Schaden wurde verursacht durch unnötige Kommentare auf beiden Seiten, jenseits des Atlantiks ebenso wie im alten oder im neuen Europa. Auf solchem Niveau kann man am Stammtisch reden oder allenfalls noch in den Boulevardblättern. Aber wer sich auf internationalem politischem Parkett bewegt, muss vorsichtiger mit den Sensibilitäten auf allen Seiten umgehen. Denn die USA können nicht ohne Europa und wir nicht ohne die USA auskommen. Das bedeutet: Wir müssen immer das richtige Gleichgewicht finden.
SPIEGEL: Das wie aussieht?
Karamanlis: Für mich heißt das, wir brauchen ein stärkeres Europa.
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Manfred Ertel, Hans Hoyng und Hans-Jürgen Schlamp.
Von Manfred Ertel, Hans Hoyng und Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 29/2004
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