19.07.2004

INTEGRATIONDie Straße

Miteinander, nebeneinander oder gegeneinander? Die Wellritzstraße in Wiesbaden, in der Menschen aus 25 Nationen leben, ist typisch für die Entwicklung Tausender Straßen in Deutschland: ein Mikrokosmos zwischen Ghetto und Schmelztiegel. Von Bruno Schrep
Nachmittags um 17 Uhr. Im Westend-Café, dem beliebtesten Treffpunkt der Straße, diskutieren ein paar Männer über Fußball, ausnahmsweise auf Deutsch. Ein kleiner, unscheinbarer Mann mit stoppeligem Bart steht mittendrin und doch irgendwie abseits. Richtig Deutsch kann er nicht, nur ein paar Brocken, verständlich macht er sich mit lebhaften Bewegungen. Er lächelt freundlich.
Vor über 30 Jahren kam der türkische Lebensmittelhändler Ramazan Özdemir aus einem anatolischen Dorf hierher. Lange führte er gleich um die Ecke ein Lebensmittelgeschäft. Er brachte fremde Gewürze und fremde Gebräuche mit, bei der Schlachtung von Schafen achtete er streng auf die Vorschriften des Koran.
Jetzt ist er alt und abgearbeitet, den Laden hat er längst zugemacht. Zurück will er jedoch auf keinen Fall. Er breitet die Arme aus, als wollte er Anfang und Ende der Straße berühren: "Meine Heimat".
Ein paar Häuser weiter. Der deutsche Rentner Ludwig Wondrak, der hier seit fast 50 Jahren lebt, schaut auf das bunte Gewimmel, auf die vielen Frauen mit Kopftüchern, auf die dunkelhaarigen Kinder, die Geschäfte mit den ausländischen Namen. Und sagt sich jeden Tag aufs Neue: "Nie hätte ich mir früher vorstellen können, dass es hier einmal so aussieht."
Die Wellritzstraße in Wiesbaden, erbaut zwischen 1860 und 1900, ist 460 Meter lang. Klassizistische Fassaden. Enge Hinterhöfe. Über hundert Geschäfte. Zu wenig Parkplätze. Einbahnverkehr.
Nicht ein einziger Baum.
Bis vor drei Jahrzehnten lebten hier fast nur Deutsche: Arbeiter, kleine Angestellte, Handwerker. Heute ist die Straße ein Zuhause für Menschen aus 25 Ländern: für Türken und Marokkaner, für Afghanen und Kongolesen, für Italiener und Pakistaner, für Polen und Albaner.
"Ein Ghetto", schimpfen Bürger, denen die ganze Entwicklung nicht passt. Sie machen lange Umwege, um hier nicht durchzugehen. "Ein Schmelztiegel", schwärmen andere. Sie gehen lange Umwege, um hier einzukaufen.
Ein Mikrokosmos, stellvertretend für viele Straßen in Deutschland. Ein Gradmesser, ob das wirklich funktioniert mit dem Zusammenleben zwischen Deutschen und Ausländern, zwischen Christen und Muslimen, zwischen vielen verschiedenen Minderheiten.
Und, wie geht es?
Der Idealzustand, das harmonische Miteinander - eher die Ausnahme. Das Gegeneinander, der Zusammenprall unterschiedlichster Temperamente - seltener, als Skeptiker befürchten. Der Normalfall, ein halbwegs friedliches Nebeneinander - stets brüchig, stets gefährdet.
"Bei uns treffen sich Afghanen, Deutsche, Türken. Da wird geredet, gelacht, gestritten", versichert Erol Erdan, Chef des Westend-Cafés. Der stets elegant gekleidete 33-Jährige, ein Frauentyp, gilt als einer der Cleversten der Straße. Er hat sein Stehcafé schick aufgemotzt, serviert italienische Kaffeespezialitäten und türkischen Tee, setzt ganz auf den Multikulti-Effekt.
"Orientalische und deutsche Mentalität, das passt nicht zusammen", behauptet dagegen Rolf Eichert von der deutschen Bäckerei an der Ecke. Der große Mann, die Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden, weiß auch, warum nicht: andere Sitten, andere Werte, andere Moral. An seinen Stehtischen diskutieren nur Deutsche.
"Wenn du hier als Deutscher in eine ausländische Kneipe gehst, wirst du komisch angeguckt und nicht bedient", behauptet er. "Wir leben hier nebeneinander her."
Die Wellritzstraße in Wiesbaden hat alles mitgemacht.
Das Dröhnen der Explosionen in der Nacht zum 3. Februar 1945, in der die Briten Wiesbaden bombardierten, ist Hans-Peter Schickel, 67, der damals im Haus Nummer 51 wohnte, noch immer gegenwärtig. Auch das Haus Nummer 18 wurde dabei weggefegt. Es gehörte ursprünglich dem jüdischen Textilkaufmann Julius Rothschild. Der starb im KZ Buchenwald, sein Haus erwarb für einen Spottpreis ein deutscher Bäckermeister. Dessen Tochter Elisabeth Barneis, 91, die bis heute im zweiten Stock wohnt, tilgte die Erinnerung an den Namen Rothschild kurz nach dem Krieg mit 5000 Mark Wiedergutmachung ("Das war viel Geld damals") an die Erben.
In die durch und durch deutsche Straße kamen Mitte der sechziger Jahre die ersten Italiener, Gastarbeiter im Wirtschaftswunderland. Sie wirkten wie exotische Farbtupfer, 1968 wurde die erste Pizzeria eröffnet. Doch bald mussten die Pizza-Bäcker den Döner-Spezialisten weichen. Inzwischen dominieren längst die Türken.
Sonntagvormittag, 11 Uhr. Die Sonne scheint, Motorengedröhn. Durch die Straße schiebt sich, wie sonntags häufig, ein privater Autokorso. Unorganisiert, zufällig, laut. Chromblitzende Sportflitzer kommen drei-, viermal hintereinander vorbei, Mercedes, Porsche, BMW. Aber auch alte Golf, alte Opel Astra, die Scheiben heruntergekurbelt. Aus den Lautsprechern wummert orientalischer Pop.
Autos sind in der Straße Statussymbol Nummer eins. Wer vor seinem Laden einen neuen Mercedes der S-Klasse parken kann wie der smarte Cafébesitzer Erdan, demonstriert allen, dass er es gepackt hat.
Eine Stunde später. Im Vereinsheim des Türkischen SV, Hausnummer 53, treffen die ersten Spieler ein. Die Fußballer sind der Stolz der Straße. Unter einem Foto von Staatsgründer Atatürk und Plakaten türkischer Spitzenvereine bereiten sie sich auf das Meisterschaftsspiel vor.
Fast alle Spieler sind Enkel türkischer Einwanderer, über die Hälfte besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Bei den
Mannschaftssitzungen wird Deutsch gesprochen.
Auf dem Platz jedoch fühlen sich die Spieler als Türken, entschlossen, für die Ehre ihres Herkunftslandes zu kicken. Die Zuschauer bringen türkische Fahnen mit. Jedes Match wird zum Länderspiel Türkei gegen Deutschland, auch wenn die Gegner nur Germania Schwanheim, FC Lorsbach oder FC Eschborn heißen.
Am Abend ist die Stimmung im Clubheim gedrückt: 1:3 verloren, zwei Mann vom Platz gestellt.
Schlimmer noch: Harun Erdogan, der erfolgreichste Stürmer, wechselt zu einem deutschen Konkurrenzverein. Der Türkische SV, klamm wie viele Fußballclubs, kann Erdogans Tore nicht mehr bezahlen.
Das war früher anders. Da wurden im Hinterzimmer des Clubheims preiswert Haare geschnitten und teure Wetten abgeschlossen; ein Teil des Erlöses floss in die Vereinskasse - bis die Polizei am 20. Mai 2003 über 30 türkische und marokkanische Vereinsheime in der Wellritzstraße und deren Umgebung dichtmachte. Vorwurf: Steuerhinterziehung und illegale Geschäfte.
Nun hängen die Werbetafeln für Wettbüros, Kreditbüros, Wohnungsvermittlungsbüros ganz offiziell an der Straßenfront. Und den Clubs fehlt das Geld.
Die verbliebenen Deutschen zieht es, manchmal schon morgens, ganz woanders hin. Ihre Welt teilt sich in zwei deutsche Kneipen.
Für Sylvelin Bernhardt, die resolute altlinke Wirtin vom "Bumerang", ist ihre Kneipe nur noch Hobby. Die Wirtin, längst schon Oma, kann sich nicht von ihren Gästen trennen und die sich nicht von ihr. Sie sind zusammen alt geworden - damals, 1968, waren sie alle ganz links. Das hat sich ein bisschen gegeben.
Dienstagmorgen, 6.10 Uhr. Polizeieinsatz in der anderen deutschen Kneipe, dem "Relax", Haus Nummer 37. Eine Frau, völlig blau, beschuldigt einen Mann, völlig blau, sie vergewaltigt zu haben. Beide lallen. Gläser zersplittern, Geschrei. Die Frau rennt auf die Straße, knallt gegen ein Auto, stürzt, rappelt sich wieder hoch, fällt wieder hin, blutet.
"So was passiert hier ständig", beruhigt Harald Freeb, der schmächtige Wirt, "Polizei und Krankenwagen kommen fast jeden Tag. Da kann man nix machen."
Das Relax, das schon mal "Top-Kapi" und später "Dampfkessel" hieß, hat seinen Ruf als Suffkneipe für Verlierer beiderlei Geschlechts und aller Altersklassen immer bewahrt, unberührt vom Wandel ringsum. Das kleine Pils kostet hier 1,80 Euro, geöffnet ist 24 Stunden. "Die meisten haben noch nie gearbeitet", mutmaßt Wirtin Petra Möller über ihre Gäste.
Kaum jemand im Relax interessiert sich für die Menschen nebenan, im Haus Nummer 39. Dort hatten es die Zusteller früher leicht. Auf den Briefkästen standen Namen wie Kohler und Kratz, Meurer und Piel, Rebell und Schuldes. Seit die deutschen Mieter ausgezogen sind, seit Post aus Afrika, Mittelost und Kleinasien kommt, wird die Zustellung oft kompliziert.
Im Hof und im Treppenhaus toben rund 20 Kinder, schwarze, braune, weiße. Das 1865 erbaute Gebäude, eines der ältesten der Straße, ist heute Zufluchtsort für Menschen aus Pakistan, aus Afghanistan, aus dem Kongo.
"Heute hilft uns Deutschland, morgen helfen wir den Deutschen", prophezeit Shada Assiri aus Jalalabad, die in Afghanistan zwischen die Fronten geriet. Ihre Söhne, alle noch halbwüchsig, seien ganz prima in der Schule, bis auf einen. Und der könne immerhin hervorragend Fußball spielen.
Abdul, ihr Ehemann, hat gerade Schicht. Er ist der Ernährer der Familie, jobbt in einer Putzkolonne, für 1000 Euro brutto im Monat. Andere haben noch weniger. Die Arbeitslosigkeit beträgt 25 Prozent, jeder Fünfte in der Straße bezieht Sozialhilfe.
Mutiyaseh Kabamba verdient immerhin 1500 Euro netto. Der freundliche Schwarzafrikaner steht täglich an den Maschinen einer Gewürzfabrik, mischt per Knopfdruck Pfeffer und Senf, Meerrettich und Paprika zu Gewürzmischungen und Soßen zusammen. Im Kongo, aus dem er als Oppositioneller gegen Diktator Mobutu floh, war er Lehrer.
"Deutsch hab ich hier auf der Straße gelernt", erzählt er. Ehefrau Veronique, die trotz sieben Kindern noch aussieht wie Tina Turner vor 30 Jahren, versteht immerhin genug, um Misstöne herauszuhören.
Als sie neulich ein türkischer Gemüsehändler beim Disput um Tomatenpreise als "blöde Negerin" beschimpfte, raffte sie alle Sprachkenntnisse zusammen: "Warum behandelst du mich wie Dreck? Glaubst du, du bist was Besseres?"
Schwarze sind in der Minderheit in der Straße der Minderheiten. Haben es schwerer als andere, werden öfter verächtlich angemacht, rücken deshalb näher zusammen.
Den Kurden ergeht es ähnlich. Die Türken, die meist aus anatolischen Kleinstädten stammen, sehen auf sie herab. "Der benimmt sich wie ein Bauer vom Dorf", empört sich ein geschniegelter türkischer Gymnasiast im Westend-Café über den Kebab-Spezialisten von nebenan. "Wie der auf der Straße rumbrüllt, wie der schon geht, einfach peinlich." Von wegen miteinander.
Yüksel Topcu, der türkische Eigentümer der Nummer 39, hätte am liebsten deutsche Mieter. "Die besitzen Disziplin", glaubt er, "die halten sich an die Hausordnung." Diese Ausländer dagegen würden ihm ständig Ärger machen: "Die trennen den Müll nicht." "Die schmeißen ihre Kippen in den Hausgang." "Die putzen die Treppe nicht."
Der Hausbesitzer, ein Immobilienmakler mit feinen Manieren und feinen Klamotten, kaufte das Anwesen zu einem günstigen Preis, ließ den maroden Altbau von oben bis unten renovieren: Er sieht in der Straße riesige Chancen, besitzt bereits mehrere Häuser. "Unsere Väter haben das verdiente Geld nach Hause geschickt. Wir investieren hier."
Ähnlich wie Topcu prägt auch die Familie Bucak das Bild der Straße. Drei Brüder. Zwei Häuser. Ein Café. Eine Bäckerei. Und ein Obst- und Gemüsegeschäft.
Mit dem hat alles angefangen, vor fast 30 Jahren, und es existiert noch heute. Doch Ertegrul Bucak, der jüngste und umtriebigste der drei Brüder, will viel mehr als nur Gemüse verkloppen. Zwar wuchtet der agile Händler mit der Vorliebe für schnittige Sportwagen schon morgens um 6.30 Uhr die Kisten auf die Straße. Doch im Café hat er Bilder moderner junger Maler aufgehängt, ein Novum in der Straße. Er träumt von einem Künstlertreffpunkt mit Ausstellungen und Auktionen, will später einmal ein modernes Unternehmen führen.
Was gerade angesagt ist in der Straße, weiß kaum einer besser als Dieter Kumpf. Der kleine, untersetzte Mann gehört zu den wenigen, die fast jeden Hausbesitzer, fast jeden Geschäftsinhaber, fast jeden Bewohner kennen. Zeigt er Fremden die
Straße, bleibt er manchmal stehen, gibt bissige Kommentare ab. "Schweinepriester", schimpft er, deutet auf das Büro eines in Verruf geratenen Wohnungsvermittlers, später, beim Anblick eines total heruntergekommenen Gebäudes: "Streitbarer deutscher Antiinvestor. Tut nix, kassiert nur hohe Mieten."
Der zornige Herr Kumpf ist Stadtentwickler. Er und sein türkischstämmiger Kollege Bülent Ekiz sind Angestellte einer Unternehmensberatung für Stadtsanierung. In ihrem Büro diskutieren sie täglich mit Architekten, Kommunalpolitikern und Bewohnern, was in der Straße alles geändert werden sollte, damit das Zusammenleben besser funktioniert.
Kann es je wirklich funktionieren? "Es muss", sagt Stadtentwickler Kumpf beschwörend. "Was wäre die Alternative?"
Die neuen Laternen und neuen Gehwegplatten, bezahlt aus dem Förderprogramm "Soziale Stadt", sollen auch die verbliebenen Deutschen an die Straße binden. Viele, fast schon zu viele, sind abgehauen aus der Wellritzstraße.
Eine Ursache: Aktivisten der kurdischen PKK, die im Kampf für ein unabhängiges Kurdistan Geld brauchten, erpressten die kurdischen Geschäftsleute. Wer nicht zahlte, riskierte sein Leben. In einem Laden um die Ecke explodierte eine Brandbombe; das Geschäft brannte aus, ein Mann starb.
Ursache zwei: die Discothek im Haus Nummer fünf. Als die noch "Pam-Pam" hieß, bis weit in die achtziger Jahre, prügelten sich dort am Payday, wenn es Sold gab, US-Soldaten bis zum Morgengrauen. Daran hatten sich alle gewöhnt.
Später, als die Disco "Anadolu" hieß, verkam die Straße zum städtischen Drogenumschlagplatz. "Wenn ich morgens den Laden aufschloss, lagen Junkies vorm Schaufenster, die waren halb tot", erinnert sich ein Geschäftsmann. Der Alptraum endete erst, als Süchtige und Händler, die die billigen kurdischen Kanäle nutzten, durch ständige Razzien vertrieben wurden.
In der Wellritz-Apotheke an der Ecke werden jetzt andere Drogen verlangt. "Viele wollen Viagra ohne Rezept", berichtet Apothekerin Gabriele Fischer. Vor allem türkische Männer böten den drei- bis vierfachen Preis. Sie habe die illegale Weitergabe jedoch stets abgelehnt. Der Besitzer der fast hundert Jahre alten Theresien-Apotheke schräg gegenüber wurde dagegen vom Zoll erwischt, als er Tausende Schachteln Viagra nach Deutschland schmuggeln wollte. Nun existiert die Theresien-Apotheke nicht mehr.
Wie winzige Inseln im Ozean halten sich noch ein paar deutsche Geschäfte; spezielle Läden, die nicht abhängig von Laufkundschaft sind. Sie existieren seit Jahrzehnten. Die Besitzer: knorrige Typen, stur, mit eisernem Beharrungsvermögen.
Hans-Georg Schäfer, der kämpferischste von allen, hat über 10 000 Angelartikel vorrätig, Haken, Köder, Ruten. Der nette Adi Rossel vom Farbengeschäft schräg gegenüber wirbt mit seiner neuen Maschine, die 170 000 verschiedene Farbtöne mischen kann. Hans-Jürgen Velte führt sämtliches Badmintonzubehör, Hans-Peter Pischinger verkauft Berufsbekleidung vom Blaumann bis zum Dirigentenfrack. Ausländische Kunden kommen nur selten; zu speziell, zu teuer. Stattdessen gibt's Konflikte.
Die neuen Cafébesitzer und Kneipenwirte, unterstützt von der Stadtverwaltung, wollen mehr Tische und Stühle auf die Straße stellen, wollen mehr großstädtisches Flair. Das kostet Parkplätze und damit die deutschen Geschäfte Kunden. "Stehen mehr türkische Männer auf der Straße", unkt Angelspezialist Schäfer, "fördert das doch nur Ghettoisierungstendenzen."
Dabei rolle doch schon jetzt, wie sich die Deutschen mokieren, eine "Welle" nach der anderen durch die Straße. Gemeint ist der Drang der Neubürger, erfolgreiche Geschäftsideen so lange zu kopieren, bis alle pleite sind.
"Wäre ich bloß in der Türkei geblieben", schimpft Muntaz Baki, während er einem Kunden den Bart einseift. Über 50 000 Euro hat der 40-Jährige mit dem verbitterten Gesichtsausdruck vor Jahresfrist in seinen Friseurladen gesteckt, in raffinierte Beleuchtung, in neue Stühle und neue Waschbecken, in eine separate Damenabteilung. Kaum aber hatte sich in der Straße herumgesprochen, dass Bakis Laden brummt, fand er Nachahmer. Also: noch ein Friseur. Kurz darauf: noch einer. Und noch einer und noch einer. Und wieder einmal: jeder gegen jeden.
Ergebnis: ein ruinöser Preiskampf. Statt 15 Euro gibt's für einen Haarschnitt mit Waschen und Föhnen nur noch 10.
Vor der Friseurwelle tosten schon die Bäckerwelle und die Kebabwelle durch die Straße, zurzeit baut sich gerade eine neue auf: Gerade hat der fünfte Telefonladen aufgemacht.
"Den Leuten fehlt einfach richtige Beratung", glaubt Bernd Ohl, ein freundlicher grauhaariger Herr Anfang 50. Er verteilt Visitenkarten mit der Aufschrift: "Ich berate wie ein Freund". Der Mann gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten der Straße. Er hat sich selbst erfunden.
Filialdirektor einer großen Versicherung war er, wurde wegen Krankheit Frührentner, suchte eine Aufgabe. Jetzt hockt er in einer Hinterstube des Westend-Cafés, zwischen vorgefertigtem Brötchenteig und riesigen Kühltruhen, und heckt Umbaupläne für marode Läden und Strategien für lahmende Geschäfte aus. Und träumt dabei vom ersprießlichen Miteinander verschiedener Rassen und Kulturen.
Ohl überzeugte einen Juwelier, einen Damenfriseur und den Besitzer eines Modegeschäfts zu investieren und ihre neuen Läden exklusiv auszustatten und aufeinander abzustimmen. Die teuren Geschäfte sollen mehr deutsche Kunden in die Wellritzstraße locken, vor allem Frauen. Name des Projekts: Only women.
Ob der Plan funktioniert, ist fraglich. "Als Frau wirst du hier ständig dämlich angequatscht", schimpft Nadine Durel, die vor kurzem weggezogen ist, auf die orientalischen Männer. "Wenn du enge Jeans trägst oder ein knappes T-Shirt, bist du für die eine Art Freiwild." Obwohl selbst türkischstämmig, ärgert sich die 22-Jährige auch über Doppelmoral. "Passantinnen mit Kopftuch bleiben unbehelligt", hat sie festgestellt, "muslimische Frauen sind natürlich tabu."
Freitagabend, 23.30 Uhr. Durch die dicken Mauern der früheren Gewerbeschule, eines imposanten Gründerzeitbaus, dröhnt Musik bis auf die Straße. Die lauten orientalischen Klänge kommen aus dem
Restaurant "Aspendos". Im Halbdunkel kreist eine üppige, nur mit Dessous bekleidete Schwarzhaarige mit den Hüften.
Über 20 Minuten fegt Donsaf, die junge tunesische Bauchtänzerin, durch das Lokal, wackelt mit dem Hintern, lässt ihre Brüste hüpfen. Männer, denen sie immer wieder nahe rückt, stecken ihr Geldscheine in den BH. Ein Spektakel wie aus Tausendundeiner Nacht.
Der Spaß an Donsafs Zuckungen gilt als Brauchtumspflege, nicht als Sünde. Und das Bier, das dabei getrunken wird? "Allah sieht's nicht", witzelt einer.
Viele muslimische Männer in der Straße haben noch eine Frau aus dem Heimatdorf geheiratet, teilweise auf Geheiß der Eltern. Viele brechen aber auch wieder aus, haben Freundinnen, lassen sich scheiden.
Ein bekannter Geschäftsmann, seit Jahren verheiratet und Vater dreier Kinder, ließ sich von einem Imam zum zweiten Mal trauen, diesmal mit seiner Freundin, hat nun zwei Frauen. "Eine vorm Standesamt, eine vor Gott", erklärt er. Ein heikles Miteinander.
Die meisten muslimischen Frauen haben noch nie allein eine Gaststätte besucht. Unter dem Motto "Frauen tauchen auf" planten kürzlich einige, sich zusammen mit ein paar deutschen Frauen in eines der typischen Männerlokale zu setzen.
Getraut haben sie sich dann aber doch nur ins Restaurant "Harput". Das Lokal, eröffnet vor eineinhalb Jahren, gilt als Attraktion der Straße, als Symbol für den Aufschwung. Angelockt vom orientalischen Ambiente und von erschwinglichen Preisen, machen sich hier auch viele Deutsche mittags über Siskebab (gegrillten Lammspieß), Kutteln und Pide Kiymali, einen gefüllten Brotfladen, her.
Ausgerechnet durch das Harput verläuft jedoch ein unsichtbarer Riss. Die beiden Inhaber des Lokals repräsentieren grundverschiedene Welten. Der eine, Ali Cal, Typ strebsamer Jungunternehmer, lebt seit seinem zwölften Lebensjahr in der Straße, hat sich völlig angepasst.
Stolz präsentiert er eine blaue Visitenkarte mit Farbfoto, die ihn als CDU-Kommunalpolitiker ausweist, als Mitglied eines Ortsbeirats. Und ebenso stolz erzählt er von seiner Rolle als ehrenamtlicher Fastnachtspräsident. Und die Religion? "Ich glaube an Gott", sagt Cal. Aber das sei auch schon alles.
Sein Kompagnon Ebubekir Duran dagegen, ein strenggläubiger Muslim, lebt genau nach den Vorschriften des Koran. Er hat durchgesetzt, dass kein Alkohol ausgeschenkt werden darf, was besonders abends dem Umsatz schadet, und dass Gäste mit Hunden draußen bleiben müssen.
Im Haus Nummer 14, schräg gegenüber, hat der fromme Muslim Räume an andere strenggläubige Geschäftsleute untervermietet, die dort muslimische Bücher ("Warum ich ein Kopftuch trage") und muslimische Kleidung verkaufen.
Den Buchladen führt eine in eine graue Burka gehüllte Muslima: Susanne Seifert aus Mainz-Mombach, die 1997 zum Islam konvertierte. Die rotbackige Deutsche, ehemals evangelisch und Polizistin, achtet seit ihrer Heirat mit einem Marokkaner streng auf die Einhaltung des Koran.
Ihr florierender Laden ist auch Anlaufstelle für konservative Islamisten. Im Geschäft wird das Buch "11. September. Ein Untersuchungsbericht" angeboten, Preis 20 Euro. Der Autor legt nahe, das World Trade Center sei von innen gesprengt worden, bei den Fernsehbildern handele es sich um Fälschungen.
Liberale Muslime wie Unternehmer Bucak wünschen Geschäfte wie den islamischen Buchladen zur Hölle. "Er schadet dem Ruf der Straße", schimpft er. "Das hatten wir doch schon mal."
Vor zweieinhalb Jahren hatten Bereitschaftspolizisten die Hinterhofmoschee des Islamischen Vereins im Haus Nummer 34 gestürmt, jeden Quadratmeter durchkämmt und sogar die Matratzen aufgeschlitzt. Sie suchten nach Terrorpropaganda, die nach dem 11. September von hier aus über die Internet-Seite dzihad.de in der ganzen Welt verbreitet wurde.
Der schnauzbärtige Hausbesitzer Baki Yesilbas, der im Vorderhaus den Imbiss "Ali Baba" betreibt und als bester Döner-Spezialist der Straße gefeiert wird, geriet ins Zwielicht. "Ich habe in dieser Moschee nie gebetet", versichert der 37-jährige Kurde mit der lauten Stimme - und für Politik interessiere er sich sowieso nicht.
"Heuchelei", behauptet Juwelier Martin Benjamin von Haus Nummer 35. "Die Muslime geben sich tolerant, aber sie sind ganz anders." Er traut ihnen nicht. Als orthodoxer aramäischer Christ musste er mit seiner Familie aus der Türkei fliehen, erhielt in Deutschland Asyl. Mittags, zur besten Geschäftszeit, sperrt er schon mal zu, wenn der Priester zu Besuch kommt.
Die alte Bettlerin, die am Mittwochvormittag ganz langsam, Schritt für Schritt, die Straße von vorn nach hinten entlanghinkt, deutet jedes Mal, wenn ihr jemand eine Münze schenkt, mit ihrem Stock stumm nach oben: Der Herr, welcher auch immer, wird die gute Tat belohnen.
Dabei wird sie gefilmt. Das Ehepaar Riesebeck, das am Kopfende wohnt, lässt von seinem Fenster im Dachgeschoss rund um die Uhr eine Web-Kamera laufen.
Von dort aus gehen die Bilder der Straße, abrufbar unter der Internet-Adresse www.bluecatw.de, Tag und Nacht in alle Welt.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 30/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

INTEGRATION:
Die Straße

  • Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier