08.02.1956

INDUSTRIE / GROSSAKTIONÄR KRAGESDas Gardemaß der Ruhr

Westdeutschlands größtes Zechenunternehmen, die Gelsenkirchener Bergwerks-AG, hatte seine Aktionäre am vergangenen Donnerstag zu einer außerordentlichen Hauptversammlung in den "Städtischen Saalbau" nach Essen eingeladen. Obwohl es der Jahreszeit nach für ein solches Treffen der Aktionäre noch viel zu früh war, weil Geschäftsbericht und Bilanz für 1955 noch nicht fertig sind, hatten die Aktionäre der Gelsenkirchener Gesellschaft schon seit einiger Zeit mit Spannung auf die Versammlung gewartet. Sie sollte endlich die Hintergründe der vielumrätselten Tatsache aufhellen, daß das größte Aktienpaket ihrer Gesellschaft--im Nennwert von 90 Millionen Mark - seit kurzem in der Schweiz und in der New-Yorker Wallstreet zum Verkauf angeboten wird.
Besitzer dieses Mammut-Paketes ist der Bremer Holzkaufmann Hermann Diedrich Krages. Wie immer, so nahm er auch dieses Mal nicht selbst an der Hauptversammlung teil, sondern ließ sich von seinen juristischen Beratern vertreten. Telephon und Fernschreiber übermittelten ihm sofort die Ergebnisse der Abstimmungen in das mit hellen Rüstermöbeln ausgestattete Arbeitszimmer seines Hauptquartiers, einer Villa im Bremer Vorort Schwachhausen, wo der Multimillionär Krages mit Frau und fünf Kindern ein zurückgezogenes Leben führt.
Seit dem Heiligen Abend ist der Bremer Holzkaufmann Krages fest entschlossen, seine rund 23prozentige Beteiligung an der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG) meistbietend zu verkaufen, gleichgültig ob an Amerikaner, Franzosen oder an westdeutsche Käufer. Dieser Entschluß ist das Ende seiner Versuche, in Westdeutschlands großen Montanfirmen Fuß zu fassen und an der Ruhr hoffähig zu werden.
Krages weiß jetzt, daß diese Versuche endgültig gescheitert sind. Er faßt seine nur schlecht verhohlene Enttäuschung in der Erklärung zusammen: "Wenn man zwei Jahre lang in einem Garderegiment gedient hat und dauernd Beweise der Mißachtung hinnehmen mußte, dann läßt man sich eben in ein anderes Regiment versetzen. Das ist doch das einzige, was man tun kann, wenn man ein Mann von Ehre ist."
Fünf Jahre lang hat Hermann Krages sich in eigenwilliger Weise gestreckt und dennoch nicht das Gardemaß erreicht, das von den großen Kapitaleigentümern an der Ruhr nach den ungeschriebenen Gesetzen der Tradition gefordert wird. Lediglich der materielle Erfolg der großen Spekulation, auf die Krages seine Hoffnungen setzte, ist eingetroffen, allerdings in einem Ausmaß, das ihn über manche persönliche Unbill hinwegtrösten könnte: Hermann Krages hat nach dem Kriege durch legale Spekulationsmanöver mit Wertpapieren Gewinne von fast einer viertel Milliarde Mark erzielt. Da die westdeutsche Steuergesetzgebung auf einen Börsenspekulanten seines Kalibers nicht vorbereitet war, ist ein beachtlicher Teil dieser Summe sogar steuerfrei geblieben*.
Das Vermögen des Holzkaufmanns Krages hat damit in kurzer Zeit eine Größenordnung erreicht, die erfüllbare persönliche Wünsche belanglos werden läßt.
Dennoch hat sich seine bürgerliche Lebensführung nicht verändert. Die weiße Einfamilienvilla in Schwachhausen, in der auch seine Schwiegermutter wohnt, sieht aus wie jede andere der um die Jahrhundertwende gebauten Bremer Patriziervillen. Krages ist noch immer sein eigener Chauffeur und fährt einen Volkswagen. Für größere Entfernungen benutzt er eine Streckenkarte der Bundesbahn. Seine drei Söhne und zwei Töchter im Alter von sechs bis zwölf Jahren wurden, von einigen Büchern abgesehen, zu Weihnachten mit Zusatzteilen zur elektrischen Familien-Eisenbahn bedacht. Wer bei Hermann Krages zum Mittagessen eingeladen wird, muß damit rechnen, daß ihm eine Kohlsuppe als Eintopfgericht vorgesetzt wird.
Die Lawine seines Reichtums hat den Geselligkeitstrieb des 47jährigen Mannes fast verschüttet und ihn menschenscheu gemacht. Auch Frau Ingeborg hat außer ihren Verwandten am liebsten alte Freundinnen aus ihrer Berliner Studienzeit (Germanistik) um sich: Man wisse bei neuen Bekannten ja nie so recht, ob deren Bekanntschaftsdrang nicht etwa dem immens gewachsenen Vermögen der Familie gelte.
Um so mehr hatte sich Hermann Krages bemüht, mit den großen Familien und Firmen an der Ruhr gut Freund zu werden und in der Schwerindustrie unternehmerisch aktiv zu wirken. Überdies war der Bremer der Ansicht, daß der Ruhrhierarchie frisches Blut nutzen könne.
Hermann Krages ist jedoch kein Kellerkind. Sein im vergangenen Jahr achtzigjährig verstorbener Vater Louis besaß im Bremer Freihafen das größte Hobel- und Sägewerk Europas. Auch die drei Krages -Söhne wurden, als der Vater in den dreißiger Jahren zum zweitenmal heiratete, recht gut ausgestattet. Dem Bruder Hans gehört ein Hobelwerk in Harburg, Bruder Carl besitzt einen großen Holzbearbeitungsbetrieb in Lübeck. Hermann Diedrich als der jüngste aus erster Ehe - heute ist noch ein siebenjähriger Stiefbruder da - war nur insofern schlechter weggekommen, als die ihm vererbte Sperrholzfabrik im verlorenen Königsberg lag. In Ostpreußen baute er sich vor dem Kriege auch einen Holzfaserplatten-Betrieb und ein Sägewerk; außerdem errichtete er im Erzgebirge und im westdeutschen Scheuerfeld Filialbetriebe.
So kam es, daß der Flak-Obergefreite Hermann Krages sich bei Kriegsende nach fünf Dienstjahren in die Kleinstadt Scheuerfeld im Siegerland entlassen ließ. Immerhin war er dem Schicksal noch dankbar, daß er nicht mit seinem im Erdkampf eingesetzten Flakregiment in Stalingrad geblieben, sondern in der Aufmarschstellung als gesundheitlich und soldatisch nicht allzu starker Kämpfer in die Etappe ausgetauscht worden war. Der Zivilist Krages konzentrierte nun seine ganze Arbeitskraft auf den einzigen ihm verbliebenen Betrieb.
Er erfand einen Fußbodenbelag, der unter dem Namen Duroleum ein großer Verkaufsschlager wurde. Die Gunst der Branche sorgte auch dafür, daß die Holzbestände in den Lagern der Firma Krages sich am Währungs-Stichtag 1948 in bares Geld der reformierten Währung verwandelten, und die außergewöhnliche Baukonjunktur riß das amputierte Unternehmen in einen Verdienststrudel. Krages konnte seinen einstigen Filialbetrieb in Scheuerfeld mit den modernsten Maschinen ausstatten. Im Januar 1949 wurde in Etzbach ein neues großes Werk errichtet. Ihm folgten im Laufe der Jahre weitere Holzverarbeitungs-Fabriken in Höxter an der Weser, Leutkirch im Allgäu und in Bremen.
Krages hatte bis dahin niemals an der Börse spekuliert. Als ihm nach der Währungsreform jedoch eines Tages die Kurstabelle einer Tageszeitung in die Hände kam, in der Aktien der früheren "Vereinigte Stahlwerke AG" mit 15 Prozent notiert waren, begann er nachzudenken. Der Kurs von 15 Prozent bedeutete, daß man damals an der Börse eine Aktie
über 1000 Reichsmark Grundkapital des großen deutschen "Stahlvereins" für ganze 150 Mark erwerben konnte.
Krages war oft durch das Ruhrgebiet gefahren und wußte, daß von den deutschen Stahl- und Kohlegesellschaften trotz der Kriegszerstörungen verhältnismäßig viel erhalten geblieben oder schon wieder aufgebaut worden war. Heute memoriert er über seine Sternstunde: "Ich betrachtete damals meinen kleinen Betrieb und stellte Vergleiche an. Die Kursnotiz von 15 Punkten besagte doch nicht mehr und nicht weniger, als daß umgerechnet der Wert der ganzen Hütten und Zechen der Vereinigten Stahlwerke AG mit knapp 70 Millionen Mark veranschlagt wurde. Und das war ja doch mehr als geschenkt. Also begann ich Aktien der Vereinigten Stahlwerke zu kaufen."
Geschäftsfreunde warnten ihn. Angesichts der alliierten Entflechtungspläne und der Produktionsverbote für die deutsche Industrie sei es riskant, Geld in Montanunternehmen anzulegen. Aber Krages war der Ansicht, daß sich im 20. Jahrhundert ein Karthago nicht wiederholen werde. Er berichtet heute freimütig, erst nach dem Ausbruch des Korea-Konfliktes im Jahre 1950 habe es dann bei ihm "endgültig geklingelt". Damals räumte der Bremer Holzkaufmann, während alle Welt nur Waren hortete, seine gesamten Lager und kaufte für den Erlös Montanaktien. Hatte er anfangs Papiere der Vereinigte Stahlwerke AG zum Preis von 15 Prozent erworben, so zahlte er nun - 1950 - immerhin 50 Prozent.
Trotzdem waren die Aktienkäufe - auch zu diesem Satz - das beste Geschäft, das man in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg überhaupt machen konnte. Allen, die ihn heute als einen anrüchigen Börsenjobber abstempeln wollen, hält der Bremer Kaufmann mit einigem Recht das Argument entgegen, die Möglichkeit zu solchen Spekulationen habe damals schließlich jedem bemittelten Mann in Westdeutschland offengestanden.
Die eingesessenen Kohle- und Stahlmagnaten von der Ruhr jedoch, die 1950 das Klingelzeichen am Aktienmarkt zwar vernommen, aber mangels Mutes oder mangels Bargeldes nicht darauf reagiert hatten, werden es nie verwinden, daß ausgerechnet ein Nichtfachmann aus der Holzbranche den Aufschwung voraussah, der dann im Laufe der Jahre einen wahrhaft goldenen Regen über die Aktienbesitzer ausschüttete:
* Pro Aktie des Stahlvereins,
die damals noch auf tausend Reichsmark lauteten, zahlte Krages beim Kurs von 50 Punkten 500 Mark;
* für jede dieser Aktien wurden im Verlauf der Entflechtung Aktien der Nachfolgefirmen im Nennwert von zusammen rund 3065 Mark ausgegeben;
* der Kurswert dieser Nachfolgeaktien,
das heißt der Preis, für den sie an der Börse verkauft werden können, liegt heute bei 6000 Mark.
Mithin hat Hermann Krages an jedem Papier der alten Vereinigten Stahlwerke, das er für 500 Mark kaufte, 5500 Mark bar verdient. Da sich Krages immerhin einige Zehntausend dieser Wunderpapiere verschafft hatte, erzielte er mit einer Summe von rund 200 Millionen Mark netto den wahrscheinlich größten Effektengewinn der Nachkriegszeit. Ihm ist damit etwas geglückt, was im modernen Produktionsprozeß einem Privatmann wegen der steuerlich und sozialpolitisch bedingten Quasi-Sozialisierung eigentlich gar nicht mehr möglich ist: Er hat in wenigen Jahren ein unvorstellbar großes, flüssiges Vermögen "gemacht".
Sein Verdienst übersteigt sogar noch die Gewinne der beiden bekanntesten Wertpapierjongleure der Inflationszeit nach dem ersten Weltkrieg, Otto Wolff und Friedrich Flick, deren Lebensläufe Hermann Krages interessehalber gründlich studierte. Flick und Wolff finanzierten damals ihre Aktienkäufe geschickt mit billigen Bankkrediten. Diese Kredite konnten sie im Laufe der Reichsmarkentwertung mit nahezu wertlosem Papiergeld abtragen. Mit ihren Gewinnen begannen Flick und Wolff Stahlwerke und Kohlenzechen zu kaufen, was auch damals Unruhe an der Ruhr auslöste. Durch Anpassung und unternehmerische Leistungen gelang jedoch beiden, was in der Lebensgeschichte des Hermann Krages zu dessen großem Kummer fehlgeschlagen ist: Sie konnten sich in der Ruhr-Hierarchie einen geachteten Platz sichern.
Noch vor zwei Jahren bezeichnete Bundeswirtschaftsminister Erhard den früheren Eisenhändler Otto Wolff in einer Feier zum 50jährigen Jubiläum der Firma als "ein Vorbild für die Betätigung der freien Unternehmenswirtschaft". Nach gleicher Anerkennung und Betätigung drängte es, nachdem er nun einmal durch den großen Börsencoup die notwendigen finanziellen Mittel erworben hatte, mit Macht auch Hermann Krages.
Da er für seine Aktien des früheren Stahlvereins im -Verlauf der von den Besatzungsmächten dekretierten Entflechtung die Papiere von 18 Nachfolgegesellschaften (siehe Graphik) erhalten hatte, versuchte der Mann aus Bremen, sich in das alsbald beginnende Umtauschspiel der westdeutschen Großaktionärsfamilien einzuschalten. In dem Bestreben, jegliche wirtschaftliche Machtkonzentration-durch Beteiligung an einer Vielzahl von Unternehmen - in Deutschland für alle Zukunft unmöglich zu
machen, hatten die Alliierten nämlich bestimmt, daß die alten Großaktionäre nicht das ganze Bündel der ihnen bei der Entflechtung zufallenden Nachfolgepapiere behalten dürfen. Vielmehr sollte jeder seine Aktien derart mit anderen Großaktionären oder über die Börse tauschen, daß sein Kapital schließlich auf eine der Nachfolgefirmen konzentriert ist.
Die Witwe Thyssens, Frau Amblie, tauschte ihre verschiedenen Papiere gegen Aktien der "Rheinischen Röhrenwerke" ein. Ihre Tochter, die Gräfin Zichy, und deren beide Söhne wurden durch den Umtausch Hauptaktionäre der "Deutschen Edelstahlwerke". Die holländische Großaktionärsgruppe "Koninklijke Hoogovens en Staalfabrieken NV" wählte das größte Hüttenwerk der Bundesrepublik, die "Dortmund - Hörder Hüttenunion" zu ihrem Hausbesitz. Nach einem vielfältigen Bäumchen-wechsele-dich fanden auf diese Weise auch die Ruhr-Fürstenhäuser Klöckner, Waldthausen, Wolff, Haniel und andere wieder ihre Stammschlösser in der Stahlindustrie.
Unter den altrenommierten Firmen und Familien, deren Aktienbesitz meistens noch aus den Gründerjahren der Ruhr stammt, vollzog sich dieser Tauschhandel auf diskret-verständnisvolle Weise.
Anders war das mit dem Außenseiter Krages, der sich nach seiner gelungenen Spekulation anschickte, den Reigen mitzutanzen. Er spürte bald, daß bei diesem Wechselspiel für ihn kein Bäumchen blühen würde.
Als er im November 1954 bei der Familie Thyssen anklopfte, ob man bereit sei, ihm seine Nachfolgeaktien der Rheinischen Stahlwerke gegen Papiere der Gelsenkirchener Bergwerks-AG zu tauschen, bekam er den ersten Korb. Die Thyssens lehnten ab. Damals sprach Krages zum erstenmal von dem "Klüngel an der Ruhr", der sich ihm widersetze. Die Thyssens blieben nicht die einzigen, die über ihn die Nase rümpften.
Als Krages nämlich aus seinem Aktienbündel die Papiere der neuen Firma "Hüttenwerk Oberhausen AG" zum Tausch anbot, erging es ihm nicht besser. Nach einigem Suchen hatte er eine Bank gefunden, die bereit war, einen Tausch seiner Oberhausener Papiere gegen Nachfolgeaktien der Gelsenkirchener Bergwerks-AG zu vermitteln. Auch dieses Tauschgeschäft zerplatzte, als der unsichtbar gebliebene Partner erfuhr, wer die Papiere anbot. Krages: "Auf diese Weise hat man mich gezwungen, zu niedrigen Preisen meine Aktien des Hüttenwerks Oberhausen abzustoßen und zu steigenden Kursen Papiere der Gelsenkirchener Bergwerks - AG zu kaufen."
Das schmerzte ihn besonders, denn in den meisten Fällen hatte Krages bei seinen Transaktionen den Rahm selbst abgeschöpft. Sogar seine Gegner sagen ihm eine geradezu geniale Fähigkeit nach, herauszufinden, welche Gruppe von Aktionären bei ihren Tauschoperationen auf eine bestimmte Gesellschaft reflektiert. Hatte Krages das einmal erkannt, so kaufte er möglichst unauffällig Aktien der gleichen Firma auf, bis er selbst ein ansehnliches "Paket" von vielleicht 20 Prozent des
Aktienkapitals besaß. Gab es dann etwa noch zwei rivalisierende Interessenten, dann war es für den Bremer ein leichtes, sein Aktienpaket mit einem Verdienstzuschlag von einigen Millionen Mark an den Mann zu bringen.
Solche Paketzuschläge sind im Effektenhandel üblich. Denn wenn ein Großaktionär 31 Prozent der Aktien an sich gezogen hat und durch das Krages-Paket mit einem Schlag die erwünschte Kapitalmehrheit des Unternehmens erwerben kann, dann läßt er sich das einen Zuschlag kosten. Alle moralischen Einwände gegen dieses System kontert Hermann Krages mit der Feststellung, solange man die Funktion der Börse in der freien Wirtschaft bejahe, sei dagegen doch wohl nichts einzuwenden.
Von seinen Widersachern wird Krages verdächtigt, er habe sich in den vergangenen Jahren immer nur zum Schein darum bemüht, ein eigenes Unternehmen in die Hand zu bekommen. In Wirklichkeit sei es ihm immer nur darum gegangen, möglichst hohe Paketzuschläge für seine Aktien herauszuschlagen. Dagegen verwahrt sich Krages leidenschaftlich mit der Erklärung, nur "von den Clans" im Ruhrgebiet sei eine Konzentration seines Besitzes vereitelt worden.
Tatsächlich hat Krages schon früh unter den Betrieben des Ruhrlandes Umschau gehalten. Eines Tages erschien er zu einer eingehenden Besichtigungstour im Gußstahlwerk Bochumer Verein. Der Holzkaufmann plauderte leutselig mit einigen Betriebsangehörigen und marschierte offenen Auges eine Stunde lang durch die Hallen des Betriebes. Als er sich verabschiedete, war er der festen Meinung, endlich seinen Betrieb gefunden zu haben. Die Frage war nur: Wie konnte er die Mehrheit der Aktien dieser Firma in seinen Besitz bringen?
Bei der Entflechtung war ein großes Aktienpaket des neuen
Bochumer Vereins auf die Holding-Firma "Rheinische Stahlwerke AG", Essen, entfallen. Zu ihr schickte Hermann Krages seine Werber. Sie schlugen einen Tausch vor: Krages wolle einen großen Teil seiner verschiedenen Aktien liefern, wenn die Rheinischen Stahlwerke ihm dafür das Aktienpaket des Bochumer Vereins gäben. Hermann Krages glaubte, daß dieser Tausch um so leichter zustande kommen würde, als er selbst auch ein gewichtiges Aktienpaket der Rheinischen Stahlwerke im Safe hatte.
Es kam zu Verhandlungen. Krages verlangte für sich einen Preisnachlaß von zehn Prozent - und die Rheinstahl-Direktoren verloren das Interesse an dem Geschäft. Großaktionär des Bochumer Vereins wurde schließlich der schwedische Multimillionär Axel Wenner-Gren (SPIEGEL 3/1956).
Der Abgewiesene beklagte sich bitter über das seiner Meinung nach ungerechtfertigte geringe Entgegenkommen der Rheinstahl-Direktoren. Darüber hinaus färbte sein Zorn auf das Verhältnis zwischen ihm als Rheinstahl-Aktionär und der Direktion der Rheinischen Stahlwerke AG ab. In der ersten ordentlichen Hauptversammlung des Unternehmens im Dezember 1954 ließ er seinen Vertreter, Professor Meilicke aus Bonn, einige scharfe Attacken gegen die Geschäftspolitik von Rheinstahl reiten, die nicht gerade dazu angetan waren, im Revier freundliche Gefühle für Krages wachzurufen. Meilicke bezichtigte die Verwaltung, in ihrer Bilanz zu große Reserven versteckt zu halten. Würde man diese Reserven auflösen, trug der Professor vor, so sei es durchaus möglich, das Kapital nicht, wie von der Geschäftsleitung vorgeschlagen, im Verhältnis 1:1,2, sondern 1:1,6 umzustellen* (SPIEGEL 5/1955).
Meilickes Vortrag fand jedoch nicht den Beifall der übrigen Aktionäre. Es wurden empörte Rufe gegen die Gewinnlüste des Großaktionärs Krages laut. Ein Mitaktionär, dessen Ausspruch später von der gleichfalls geschlossen gegen Krages agitierenden Wirtschaftspresse an der Ruhr weit verbreitet wurde, traf den Bremer Kaufmann an seiner empfindlichsten Stelle: Er nannte ihn "revierfremd".
Auf diese Beleidigung reagierte Hermann Krages mit einem Prozeß, in dem er die von dieser Hauptversammlung gefaßten Beschlüsse anfocht. Er verklagte die Rheinischen Stahlwerke beim Landgericht Essen wegen des nach seiner Ansicht ungerechtfertigt ungünstigen Verhältnisses der Kapitalumstellung (1:1,2) und verlangte, daß die Bilanz für ungültig erklärt werde. Seine Gegner jubelten, als Krages im März vergangenen Jahres mit dieser Klage in der ersten Instanz abgewiesen wurde. Sie jubelten nicht mehr, als der Bremer im Oktober vor dem Oberlandesgericht Hamm in letzter Instanz obsiegte, wenn auch nur wegen einer angeblich vorhandenen Bilanzunklarheit, die zudem ausschließlich den in der Rheinstahl-Bilanz enthaltenen Entflechtungskomplex betraf.
Krages verscherzte sich die Sympathien an der Ruhr schließlich vollends, als er wenige Wochen nach dem Zusammenprall mit Rheinstahl gegen die geplante Fusion der Hüttenwerke Phoenix in Duisburg mit den Rheinischen Röhrenwerken in Mülheim opponierte. Beide Unternehmen hatten vor der Entflechtung in engstem wirtschaftlichen Verbund zu dem größten deutschen Stahlkonzern, der Vereinigte Stahlwerke AG, gehört. Ihr Wiederzusammenschluß sollte im Rahmen der allgemeinen Rekonzentration an der Ruhr einen Teil der Schäden reparieren, die Westdeutschlands Verbundwirtschaft durch die Entflechtungswut der Alliierten erlitten hatte. Krages, der Aktien beider Firmen in seinem Portefeuille hatte, hielt den Zusammenschluß für überflüssig. In halbseitigen Zeitungsannoncen forderte er seine Mitaktionäre deshalb auf, der Fusion auf keinen Fall zuzustimmen.
Um der Aktion den nötigen Druck zu verleihen, lud er außerdem ein Geschütz schwersten Kalibers, das im entscheidenden Moment nach hinten losging.
Hausjurist Meilicke hatte ihn schlecht beraten, als er ihm für dieses Geschütz die Munition lieferte: ein Memorandum an die Hohe Behörde der Montanunion in Luxemburg. In diesem von Professor Meilicke für Krages angefertigten Memorandum wurde ausgerechnet mit einem Hinweis auf
die verhaßten Entflechtungsmaßnahmen der Alliierten verlangt, die Hohe Behörde solle den Wiederzusammenschluß der entflochtene Werke untersagen*. Um die Direktoren beider Firmen einzuschüchtern, ließ ihnen Krages den Wortlaut des Memorandums zukommen.
Eine weitere Kopie übergab er dem Direktor Alfred Hölling von der Rhein-Ruhr Bank in Düsseldorf. Durch eine Indiskretion, die Krages bei Direktor Hölling vermutet, gerieten Auszüge des fatalen Memorandums in die Wirtschaftszeitungen und brachten die ganze öffentliche Meinung des Ruhrgebiets gegen Krages auf. Es hagelte Proteste gegen den "Spekulanten", der seine eigennützigen Interessen auf diese "nahezu landesverräterische Weise" über die Belange der Volkswirtschaft stelle. Ein Fachblatt weissagte ihm
in aller Schärfe, wenn er tatsächlich einmal in einer Hauptversammlung erscheinen sollte, werde; man ihn mit einem Pfeifkonzert aus dem Saale treiben.
Daß Krages sein Memorandum schließlich doch nicht abschickte, konnte niemanden mehr beruhigen. Man sah darin nur ein neues Beispiel für die ungebührlichen Tricks und Finten, mit denen der Außenseiter von der Weser arbeite.
Im Kreise seines juristischen Stabes wetterte Krages oft darüber, daß seine Widersacher und die Wirtschaftsjournalisten nie die "positiven Seiten" seines Wirkens beleuchteten. Schließlich habe - durch die Börsenumsatzsteuer - auch der Fiskus an seinen Wertpapiergeschäften verdient. Überdies spricht Hermann Krages sich ein "wesentliches Verdienst daran zu, das deutsche Publikum überhaupt wieder für die Aktie interessiert zu haben"
In der Tat war Krages an den westdeutschen Börsen während der vergangenen Jahre eine Art Stoßtruppführer. Wenn in der Börsentabelle plötzlich irgendwo ein Kurs auffällig zu klettern begann. vermuteten kundige Beobachter sofort, Krages plane einen neuen Coup, und schlossen sich ihm an. Wenn man nämlich nicht vergaß, rechtzeitig wieder auszusteigen, konnte man bei den Beutezügen des Bremers beträchtliche Kursgewinne verbuchen. Hatte Krages jedoch ein Paket angesammelt und es anschließend mit dem erhofften Zuschlag abgestoßen, dann brach der Kurs von einem Tag auf den anderen zusammen.
Der eigenwillige Börsenstratege aus der Holzbranche war es auch, dessen Manipulationen den unsinnigsten Kurs zustande brachten, der jemals in Deutschland für eine Aktie notiert wurde: den Kurs der Zechengesellschaft Erin, der eine Spitze von 640 erreichte.
An der Ruhr weiß jeder, daß die "Erin Bergbau AG; ein Zechenunternehmen mit besonders günstigen Abbau- und Ertragsbedingungen ist. Hermann Krages nennt Erin liebevoll Westdeutschlands schwarzen Diamanten. Er hätte diesen Diamanten gar
zu gern als ganzes Stück in seiner Sammlung gehabt. Da Erin zudem ein nicht sehr hohes Aktienkapital besaß, hoffte er, wenigstens bei dieser kleineren Gesellschaft Herr im Hause zu werden und dadurch an der Ruhr eine Heimstatt zu finden, wo es sich nach heißen Börsenschlachten ruhen läßt.
Es war sein Unglück, daß die Erin-AG eine der schönsten, auf Befehl der Alliierten abgetrennten Töchter der Gelsenkirchener Bergwerks-AG ist. Die Muttergesellschaft GBAG war von Anfang an entschlossen, die verlorene Tochter wieder in den Schoß der Konzern-Familie zurückzuholen.
Als deshalb Krages mit ersten Aufkäufen von Erin-Aktien vorsichtig die Börsen abtastete, stieß er sehr bald auf Wiederstand, der daher rührte, daß die GBAG gleichfalls Kauforder gegeben hatte, um die verlorene Tochter heimzuholen. In der Mitte des Jahre 1954 lag der Kurs für Erin noch bei etwa 150, dann begann er stetig zu klettern. Als in allen Börsenbriefen zu lesen war, daß sich Krages und die GBAG um Erin rauften, schloß sich das Heer der kleinen Spekulanten an.
Beide Parteien kauften um die Wette, so daß der Kurs plötzlich in wilden Sprüngen nach oben ging. Krages verschaffte sich durch Abstoßen anderer Wertpapiere und durch Bankkredite die erforderlichen Kampfreserven. Als der GBAG die finanzielle Munition ausging, stockte sie ihr Kapital um 20 Millionen auf und führte diese Gelder in die Schlacht. Der Kurs schnellte auf 400, 500, 600 und am 26. August 1955 auf seinen höchsten Stand von 640. Einen Tag später war der Kampf beendet.
Krages gab die schöne Tochter frei. Auf der schwindelnden Höhe des durch keinerlei sachliche Überlegungen gerechtfertigten Kurses hatte er mit der GBAG Waffenstillstandsverhandlungen aufgenommen und sein Paket schließlich zum Gesamtkurs von 500 Prozent an die Muttergesellschaft verkauft.
Auf der Walstatt blieben geschlagen alle diejenigen zurück, die es versäumt hatten, sich rechtzeitig von ihren Erin-Aktien zu trennen. Für sie gab es ein böses Erwachen: Von 640 fiel der Kurs binnen dreier Tage um nahezu die Hälfte, auf 365 (heute ist er auf 260 herabgesunken). Bereits für ein mittleres Paket von zehn Tausendmark-Aktien entstand auf diese Weise ein unwiederbringlicher Verlust von 27 500 Mark.
Bei den streitenden Parteien kehrte inzwischen scheinbar der Friede ein. In dem am 29. August an den Generaldirektor der GBAG, Hans Dütting, gerichteten Angebot hieß es:
Die Abmachungen erfolgen, um alle Mißverständnisse zu beseitigen und künftig ein gemeinsames Vorgehen in allen bedeutungsvollen Fragen zu ermöglichen.
Trotz dieser friedlichen Töne trug jedoch das Abkommen bereits den Keim zu der entscheidenden Auseinandersetzung um die Gelsenkirchener Bergwerks-AG in sich, deren letzter Akt der jetzt von Krages angekündigte Verkauf seines GBAGPakets ist.
Dem Vorstand der Gelsenkirchener Bergwerks-AG war bekannt gewesen, daß Krages auch von ihr, der Muttergesellschaft, ein Aktienpaket von etwa zehn Prozent des Grundkapitals besaß. Wenige Wochen nach Abschluß des Friedensvertrages über Erin beobachteten nun die Direktoren der GBAG und andere Börseninteressenten, daß sich auf dem Kurszettel zwei auffällige Sonderbewegungen abzeichneten: Während die Kurse für "Rheinstahl" ständig unter Verkaufsdruck lagen, zeigten die Notierungen für Aktien der Gelsenkirchener Bergwerks-AG steigende Tendenz.
Liebeswerben um die Mutter
Für Fachleute bedeuteten diese Zeichen, daß Hermann Krages seine Rheinstahl-Aktien langsam abstieß und dafür fleißig Gelsenberg-Papiere aufkaufte. Es bedeutete außerdem noch dies: Nachdem es mit der Tochter nichts geworden war, machte sich Krages jetzt an die Mutter heran.
Zu diesem Zeitpunkt war zu allem Übel das Verhältnis zwischen Krages und der GBAG bereits einer neuen Belastungsprobe unterworfen. Der Vorstand des Zechenunternehmens fühlte sich nämlich dadurch von Krages übervorteilt, daß der Bremer statt der zugesagten Erin-Aktien im Nennwert von rund fünf Millionen Mark nur für 4,3 Millionen Mark Aktien geliefert hatte. Überdies habe er einen Teil dieser Aktien - Nennwert rund 300 000 Mark erst nach Bekanntwerden des Abkommens an der Börse aufgekauft, habe dafür nur den mittlerweile beträchtlich gefallenen Kurs von etwa 370 Prozent je Aktie gezahlt und sie dann zum Kurs von 500 der GBAG übergeben.
Generaldirektor Dütting empörte sich: "Herr Krages hat die Vereinbarung mit uns abgeschlossen, obwohl er wissen mußte, daß er die damit übernommene Verpflichtung zum Verkauf von mindestens zirka fünf Millionen Mark Erin-Aktien
nicht erfüllen konnte. Dadurch wurde das von ihm angeblich angestrebte und zugesicherte freundschaftliche Verhältnis mit der GBAG unmittelbar nach Abschluß dieser Vereinbarung wieder zerstört."
Dagegen ließ der Bremer Kaufmann verlauten, der Vorstand möge nur den Mund nicht zu voll nehmen. Die GBAG sei doch froh gewesen, daß sie im Falle Erin nicht alle Aktien habe übernehmen müssen. Für eine ersprießliche Zusammenarbeit zwischen dem vierköpfigen Vorstand und dem während dieser Scharmützel fleißig Aktien der GBAG kaufenden Großaktionär war ein solcher Meinungsstreit allerdings eine schlechte Ausgangsbasis.
Indem Krages alle ihm erreichbaren GBAG-Aktien aufkaufte, wagte er sich nun frontal an eine der am festesten gefügten Hochburgen der Ruhr heran. Die Gelsenkirchener Bergwerks-AG ist mit zwanzig fördernden Schachtanlagen, sechs Kokereien, fünf Kraftwerken, vier chemischen Betrieben und drei modernen -Brikettfabriken das führende Bergbauunternehmen der Bundesrepublik:
* Ihr Anteil an der westdeutschen Kohlenförderung beträgt fast 15 Prozent,
* ihr Anteil an der Kokserzeugung sogar
17 Prozent.
Unter zahlreichen Beteiligungen, die der Konzern hält, ist auch ein großer Anteil an der Aktiengesellschaft BV-Aral. Die Tochtergesellschaft "Gelsenberg-Benzin" erzeugt rund 24 Prozent des in der Bundesrepublik verbrauchten Benzins.
In den Annalen der Ruhrgeschichte steht als Gründungsjahr dieses Großkonzerns das Jahr 1873 verzeichnet. Seit 1933 war in der GBAG der gesamte zum Bereich der Vereinigte Stahlwerke AG gehörende Steinkohlenbergwerks-Besitz zusammengefaßt. Jahrzehntelang hatten immer nur tief in der Tradition des Ruhrgebiets verwurzelte Männer, wie Geheimrat Emil Kirdorf und Otto Springorum, die Geschicke des Unternehmens geleitet.
Nun stand vor den Toren des Unternehmens ein Bremer Holzkaufmann und wünschte, aktiv an der Geschäftsführung teilzunehmen. Krages war sich angesichts des Grundkapitals der GBAG von 388 Millionen Mark völlig darüber im klaren, daß er nie die beherrschende Rolle des Mehrheitsaktionärs würde spielen können. Was er jedoch nach Seiner an Strapazen und Enttäuschungen reichen Odyssee durch das schwarze Revier anstrebte, war zunächst eine einflußreiche Beteiligung von etwa 15 Prozent. Wenn man seine heutigen Erklärungen richtig deutet, war er des Kampfes müde und wünschte mit Güte und Weisheit die Geschicke der GBAG zum Wohle aller zu beeinflussen.
Allerdings war er der Ansicht, daß bei der GBAG einiges anders werden müsse. Wenn der Großaktionär Krages bei gelegentlichen Besuchen in Essen mit den Direktoren am runden Tisch im Zimmer Generaldirektor Düttings saß, gestattete er sich einige fachliche Hinweise.
Die traditionsschwangere Atmosphäre, sichtbar gemacht durch eine Bronzebüste Emil Kirdorfs an einer Schmalwand des Raumes, beeindruckte ihn wenig. Er deutete an, man müsse die Stoßrichtung der Konzernpolitik mehr auf die Seite der Kohleveredelung und der Kohlechemie lenken, weil auf diesen Gebieten in Zukunft das meiste Geld zu verdienen sei. Als ihn die Bergassessoren Dütting und Dr. Funcke vom Vorstand in wohlgesetzten Worten darauf hinwiesen, daß man selbstverständlich die Kohlechemie auch künftig berücksichtigen werde, daß nun aber einmal die Kohlenförderung das starke Standbein der GBAG sei, zeigte sich der Bremer leicht indigniert.
Er machte kein Hehl daraus, daß seiner Meinung nach auch Bergassessoren die Weisheit nicht mit dem Löffel gegessen haben. In privaten Gesprächen außerhalb der Verwaltung ließ er durchblicken, die gegenwärtige Geschäftsleitung der GBAG sei recht phantasiearm, ohne Schwung, und sehe nicht, wo die großen Aufgaben des Unternehmens liegen. Die Direktoren konnten sich ausrechnen, daß ihre Vorstandssessel ins Wanken geraten würden, wenn Krages jemals etwa Mehrheitsaktionär der GBAG werden würde. Da aber diese Gefahr wegen des ungewöhnlich hohen Gesellschaftskapitals nicht bestand, konnte die Kritik des Bremers sie nicht einschüchtern.
Der Vorstand war geschlossen der Meinung, daß die - nach Angaben der GBAGVerwaltung überdies nur in groben Andeutungen gemachten - Vorschläge des Großaktionärs fachlich keinen Wert besaßen. Krages dagegen erklärt: "Man hat meinen Vorschlägen von vornherein kein Interesse entgegengebracht, gleichgültig, ob sie die Chemie- und Energieerzeugung oder vor allem das Gebiet der Benzin- und Petrochemie betrafen."
Als der Bremer eines Tages zur Anregung ein Bündel Feueranzünder aus Teerabfallstoffen nach Essen schickte, erntete er damit nur schallende Heiterkeit und die Belehrung, mit Problemen dieser Art habe man sich an der Ruhr bereits vor zwanzig Jahren ausgiebig befaßt. Es konnte die Direktoren auch nur erheitern, wenn Krages in seinen kritischen Betrachtungen monierte, daß trotz der vielseitigen Verflechtung zur Chemie dem Vorstand der GBAG nicht einmal ein Chemiker angehöre. Vorstandsmitglied Dr. Busch, seit 18 Jahren als Chemiker in dem Unternehmen beschäftigt, amüsierte sich am meisten.
Sein Kollege Dr. Funcke gab die Meinung kund: "Wenn Herr Krages die Absicht hatte, aktiv mitzuwirken, dann hätte er sich nicht ein so schweres Schiff wie die GBAG aussuchen sollen, sondern eine kleinere Gesellschaft, an der er 51 Prozent erwerben kann. Man kann doch nicht aus der Holzbranche kommen und innerhalb eines halben Jahres hier eine große Rolle spielen wollen."
Man bot Krages schließlich ein Mandat im Aufsichtsrat der GBAG an. Als er gleichzeitig diskret darauf hingewiesen wurde, daß er dann - dem Aktienrecht entsprechend - seine Vorschläge stets beim Aufsichtsrat-Vorsitzenden anmelden müsse, lehnte Krages wütend ab. An einer Statistenrolle sei ihm nichts gelegen. Infolge der gereizten Stimmung kann es auch gar nicht zu detaillierten fachlichen Gesprächen gekommen sein; denn sonst wäre es nicht möglich, daß Hermann Krages Vorschlägen nachtrauert, von denen
die Direktion der großen Zechengesellschaft offenbar bis heute noch nichts weiß.
Der Bremer besitzt außer seinen Aktienbeteiligungen auch einige Schiffe, in deren Bau er rund 30 Millionen Mark investiert hat. Als Reeder und Kohlenaktionär interessierte ihn das Problem des Imports teurer amerikanischer Kohle nach Westdeutschland. Er meinte, die Gelsenkirchener Bergwerks-AG müsse sich reiflich überlegen, ob es überhaupt lohne, wenig rentable Schächte langfristig zu bewirtschaften. Besser sei es doch, mit amerikanischen Kohlelieferanten einen Vertrag über etwa acht Jahre abzuschließen und so die deutsche Industrie jährlich mit fünf Millionen Tonnen amerikanischer Kohle zu befruchten. Bei einem derart langfristigen Vertrag würde es auch möglich sein, die USA-Kohle wesentlich billiger einzukaufen als heute.
Reeder Krages erklärt heute, er selbst könne beispielsweise sofort 50 000 Tonnen Schiffsraum mit etwa 13 Fahrten im Jahr in dieses Geschäft einbringen. Und bis etwa 1958 hätte er den darüber hinaus benötigten Schiffsraum bauen oder chartern können, wenn man ihm in Essen nicht immer "nur die kalte Schulter" gezeigt hätte.
Der Widerstand in Essen reizte Krages zu dem Versuch, an dem Aktienkapital der GBAG die Sperrminorität* von 25 Prozent in die Hand zu bekommen. Wieder entspann sich zwischen Hermann Krages und den Direktoren der GBAG ein Wettlauf, den Krages jedoch schon verloren hatte, ehe er begann. Bei zwangsläufig ansteigenden Kursen vermehrte der Bremer Woche um Woche sein Paket GBAGAktien, um jene Minorität zu ergattern, die es ihm gestatten würde, in der Hauptversammlung wichtige geschäftspolitische Beschlüsse zu beeinflussen oder zu blokkieren.
Bald meldeten seine Aufkäufer triumphierend, daß bereits über 20 Prozent des Aktienkapitals der Gesellschaft zusammengekauft seien. Da die Sperrminorität nur ein Viertel der in Hauptversammlungen tatsächlich vertretenen Stimmen voraussetzt, und da beispielsweise zum letzten Aktionärstreffen der. GBAG nur die Vertreter von 80 Prozent der Stimmberechtigten anwesend waren, hatte Krages praktisch bereits die Sperrminorität in der Hand.
Dem gewiegten Aktienspezialisten wurde aber sehr bald klar, daß er die schwarze Festung an der Ruhr trotzdem nicht würde stürmen können. Der Vorstand der GBAG war ihm zuvorgekommen und hatte frühzeitig auf ebenso einfache wie wirksame Weise die Zugbrücke eingezogen. Noch ehe Krages die Sperrminorität besaß, war die letzte Hauptversammlung einem Vorschlag Generaldirektor Düttings gefolgt und hatte schnell beschlossen, daß für etwaige Aufstockungen des Gesellschaftskapitals nur die einfache Mehrheit der anwesenden Stimmen erforderlich sein solle (das Aktienrecht schreibt eine Dreiviertelmehrheit vor, kann aber durch Satzungsänderung eingeschränkt werden).
Dadurch saß Krages in der Falle. Denn als die Hauptversammlung der GBAG am vergangenen Donnerstag beschloß, das Aktienkapital der Gesellschaft um 97 Millionen Mark (auf 485 Millionen) heraufzusetzen, verringerte sich sein Prozentanteil schlagartig unter die Grenze der Sperrminorität. Sein Kapitalanteil an der GBAG, der bei 388 Millionen Mark Kapital 23 Prozent betragen hatte, schrumpfte durch die Aufstockung des Kapitals auf hoffnungslose 18 Prozent zusammen.
Niemand wußte besser als Hermann Krages, daß die vom Vorstand der GEAG für ein zweijähriges Investitionsprogramm geforderte Kapitalerhöhung ihn in dem Machtkampf mattsetzen könnte. Zwar hat er die Möglichkeit, seinem bisherigen Kapitalanteil entsprechend auch einen Teil der neuen Aktien zu erwerben. Der Kaufpreis (Bezugskurs) dieser Aktien ist jedoch mit 125 Prozent ungewöhnlich hoch angesetzt. Krages müßte noch einmal für über 30 Millionen Mark (neue) Aktien kaufen, um die Sperrminorität zu behalten. Da die Kreditaufnahmen des Bremer Kaufmanns - einschließlich der Kredite für seine Schiffe und Holzfabriken - bereits auf 100 Millionen Mark geschätzt werden, ist das selbst für den Multimillionär nicht leicht. Überdies bliebe der GBAG immer noch die Möglichkeit, später weitere Kapitalerhöhungen vorzunehmen, bis ihm eines Tages doch die Kapitalkraft erlahmt.
In der Hauptversammlung der GBAG am Donnerstag vergangener Woche zeigte sich, daß die Mehrzahl der alten Aktionäre die Politik des Vorstandes gegenüber dem Großaktionär Krages völlig gutheißt. Immer wenn die Vertreter des Bremer Holzkaufmanns, Professor Meilicke und Dr. Stauff, an das Rednerpult traten, um Krages - insbesondere im Falle des Erin-Geschäftes - zu rehabilitieren, erhoben sich Protestrufe. Als dagegen einer der Sprecher die Verhaltensweise des Großaktionärs Krages als "unerhört" und seine Methoden "in unserer Montanindustrie allerdings fremd" bezeichnete erhob sich anhaltender Beifall.
Über mehr als fünf Stunden zog sich im riesigen Essener Saalbau das Geplänkel zwischen der Verwaltung und den Vertretern des Bremer Großaktionärs hin. Die Juristen des Bremers stellten immer wieder die Frage, warum die GBAG, wenn sie sich von ihrem Meister durch das Erin -Geschäft übers Ohr gehauen fühlte, nicht nachträglich vom Vertrag zurückgetreten sei. Die Verwaltung hielt dem entgegen, sie habe das Erin-Paket auf alle Fälle erwerben müssen, wenn sie die Tochtergesellschaft durch eine Dreiviertelmehrheit wieder an sich bringen wollte. Obwohl die Kragesjuristen unmißverständlich erklärten, daß sie wahrscheinlich gegen einen Beschluß der Hauptversammlung, das Grundkapital der GBAG zu erhöhen, Anfechtungsklage erheben würden, stimmte die Mehrheit schließlich doch für die Verwaltung und billigte damit die Kapitalerhöhung.
Zur Kunst des Spekulierens gehört nach Hermann Krages auch die Fähigkeit, rechtzeitig aufzuhören. Er stellte deshalb seinen Kampf um die GBAG mit der Begründung ein, er lasse sich nicht durch die Kapitalerhöhung zum Sündenbock stempeln. Sein abschließendes Urteil über die Führungskräfte an der Ruhr: "Die wollen mich eben nicht." Und in der Tat überwiegen im Ruhrgebiet die Stimmen, die den Bremer Kaufmann als reinen Börsenjobber und Spekulanten ablehnen.
Die menschliche Resignation über diesen Umstand hielt Krages jedoch nicht davon ab, auch in der mutmaßlichen Schlußphase der Auseinandersetzungen auf seinen geschäftlichen Vorteil bedacht zu sein. Schon im November hatte er bekanntgegeben, er werde sein Aktienpaket einer amerikanischen Finanzgruppe anbieten, die am Erwerb interessiert sei. Um nicht erneut in den Geruch zu kommen, er setze seinen eigenen Verdienst über die Interessen der Volkswirtschaft, fügte er hinzu, er sei bereit, das Paket auch an deutsche Käufergruppen abzutreten, selbst wenn ihm das Verluste bringe. Bevor er das Paket den Amerikanern aushändige, wolle er es deshalb der Gelsenkirchener Bergwerks-AG zum Eigenerwerb anbieten.
Am 15. Dezember um 15.59 Uhr ratterte in Bremen bei Hermann Krages der Fernschreiber. Im Namen des Vorstandes der GBAG, der einen Verkauf des Aktienpaketes ins Ausland - nicht zuletzt wegen der durch die Montanunion ohnehin schon stark beschränkten Verfügungsgewalt über die deutsche Kohle - verhindern will, fragte Generaldirektor Dütting nach den Bedingungen. Einen Tag später lagen die Einzelheiten in Essen vor.
Krages maß seinem Aktienpaket im Hinblick auf die guten Geschäftsaussichten der GBAG einen großen Wert bei. Er bot an, insgesamt für 90 Millionen Mark Nennwert Aktien zu liefern. Der Preis, den er pro hundert Mark Aktienkapital forderte, ergab sich aus einer komplizierten Rechnung:
* 170 Mark, plus 34 Mark Paketzuschlag,
plus 6 Mark für die Dividende, plus 10,50 Mark Spesen, gleich 220,50 Mark. Auf das ganze Paket bezogen, verlangte Hermann Krages mithin für seine Papiere, die nach dem damals notierten Börsenkurs (160) insgesamt 144 Millionen Mark repräsentierten, einen Preis von 198 450 000 Mark. Er verlangte (einschließlich aller Unkosten) nach dieser Rechnung einen Paketzuschlag von über 54 Millionen Mark. Einen derart hohen Preis zu zahlen, war die GBAG aber keineswegs bereit. Noch ehe am Heiligen Abend die von dem Bremer Großaktionär gesetzte Frist abgelaufen war, hatten Aufsichtsrat und Vorstand der GBAG das Angebot verworfen.
Hermann Krages wandte sich nicht von der Ruhr, ohne einen letzten Griff nach einem eigenen Betrieb zu wagen. Sein Angebot enthielt den Zusatz, falls die GBAG zur Barzahlung nicht in der Lage sei, wolle er sein Paket gern gegen eine Mehrheitsbeteiligung an der Gelsenberg-Benzingesellschaft und gegen sämtliche Anteile der zum Konzern gehörenden Handelsgesellschaft "Raab Karcher" tauschen. Es kostete die Herren des Konzern-Vorstandes in Essen einige Mühe, angesichts dieses Angebots ihre Bergmannsruhe zu bewahren.
Hans Dütting erklärte in einer Pressekonferenz nur: "Dieses Angebot von Herrn Krages ist so destruktiv, daß darüber kein Wort zu verlieren ist. Sollten weitere Aktionäre, die ein gewisses Paket unserer Aktien besitzen, nach seinem Beispiel vorgehen, so würde ein Stück nach dem anderen von der GBAG abgeschnitten, und schließlich blieben nur die ungünstig arbeitenden Betriebe übrig."
Seitdem kann es Gesprächspartnern des Bremer Holzkaufmanns passieren, daß er sie fragt, ob sie ihm nicht ein gutflorierendes Unternehmen in der Bundesrepublik als Kaufobjekt benennen können. Krages, der in der zweiten Januarwoche demonstrativ zu einer Reise nach New York startete, macht sich bereits Gedanken darüber, wie er die aus dem bevorstehenden Verkauf seines Mammutpaketes an das Ausland zu erwartenden Millionenbeträge wieder gewinnbringend anlegen kann. Was man ihm bisher angedient hat, etwa die Luitpoldhütte in Bayern oder eine größere Maschinenfabrik in Westberlin, bezeichnet er ablehnend als "die Fußkranken der letzten Völkerwanderung".
Wenn der Verkauf des GBAG-Paketes nach Amerika perfekt wird - im Ruhrgebiet zweifelt man an der Existenz der ausländischen Käufer -, soll ein Teil der Millionen wieder in die traditionelle berufliche Domäne des Bremer Kaufmanns, in die Holzfabrikation, fließen. Obwohl diese Werke einen Vermögenswert von 50 Millionen Mark darstellen, hat sich Krages in letzter Zeit nur nebenberuflich um sie kümmern können. Jetzt will er durch den Bau einer neuen Fabrik im Siegerland die Kapazität seiner Produktion von Türen auf täglich tausend Stück bringen. Außerdem soll im Allgäu eine Fabrik für Faserplatten gebaut werden.
Dennoch wird Krages auf der angestammten Hobelbank nur kurze Rast genießen. Die ihm eigene Dynamik und die Tatsache, daß aus dem Millionenerlös für das Aktienpaket der GBAG selbst nach Abzweigung größerer Mittel für seine Holzunternehmen noch rund 150 Millionen Mark übrigbleiben, haben ihn schon zu neuen Taten angeregt. Hermann Krages meint orakelhaft, in der westdeutschen Chemieindustrie beispielsweise sei bestimmt noch etwas zu machen. Er habe da so einige Papiere im Auge.
* Kursgewinne aus Aktienspekulationen bleiben steuerfrei, wenn die verkauften Papiere mindestens drei Monate (früher ein Jahr) im Besitz des Verkäufers gewesen sind.
- Wie bei allen westdeutschen Firmen muß entsprechend den Währungsgesetzen das auf Reichsmark lautende Gesellschaftskapital der Rheinischen Stahlwerke AG auf DMark umgestellt werden. Für jede Tausend-Reichsmark-Aktie sollten auf Vorschlag der Direktion neue Aktien über 1200 DM, nach dem Vorschlag des Bremer Aktionärs über 1600 DM ausgegeben werden. Wegen des Einspruchs des Großaktionärs konnte dieser Aktienumtausch bis jetzt noch nicht vorgenommen werden.
* Die Fusion beider Firmen zur Gesellschaft
"Phoenix-Rheinrohr AG" wurde am 23. Juni 1955 vollzogen, nachdem Krages vorher sein Paket verkauft hatte.
* Bei einer Werksbesichtigung der August Thyssen-Hütte. In der zweiten Reihe, Mitte, Ministerpräsident Karl Arnold.
* Wer die Sperrminorität besitzt, kann beispielsweise Änderungen der Satzung, Kapitalerhöhungen und Fusionspläne mit anderen Firmen verhindern.

DER SPIEGEL 6/1956
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INDUSTRIE / GROSSAKTIONÄR KRAGES:
Das Gardemaß der Ruhr