08.02.1956

SCHWEDEN / GESELLSCHAFTDie Austernkrankheit

Es war nicht weniger erschreckend und geheimnisvoll als im düsteren Mittelalter, wenn verheerende Seuchen das Land geschlagen hatten.
Hierhin und dorthin griff die schleichende Epidemie, holte sich ihre Beute, und bald gab es kaum einen Landstrich Schwedens, der von ihr verschont geblieben wäre.
Wo die ansteckende Krankheit auftrat, verlangsamte sich der Pulsschlag ihrer Opfer, Hautjucken und Kopfschmerzen stellten sich ein, die Farbstoffe der Galle traten in das Blut, Augäpfel und Haut färbten sich zitronen- oder braungelb und sogar olivengrün. Icterus oder die Gelbsucht schüttelte das Land, und niemand konnte sich die Epidemie erklären.
Es war allerdings auch eine Gelbsucht ganz besonderer Art. Das Merkwürdige an dieser Seuche war, daß ganze Bevölkerungsschichten von ihr verschont blieben, dagegen andere besonders heftig heimgesucht wurden. Die Gelbsucht schien sich nach dem Geldbeutel ihrer Opfer zu richten, an ihr erkrankten fast ausschließlich Angehörige der sogenannten "Sozialgruppe 1"*, jener finanzstarken Elite des
Landes, die dem Staat die meisten Steuern zahlt.
Besonders grassierte die Krankheit auf den Direktionssesseln der großen Unternehmen. Auch einen der prominentesten Gehirnchirurgen der Welt, Professor Herbert Olivecrona, ereilte das Schicksal: Er wurde von der sonderbaren Gelbsucht befallen. Ebenso mußte die bekannte schwedische Schlagersängerin Alice Babs ("Ole dole dei") den Platz am Mikrophon mit einem Bett in einem Stockholmer Krankenhaus vertauschen.
Die Regierung wußte sich schließlich nicht anders zu helfen, als allen von der geheimnisvollen Epidemie bedrohten Schweden eine vorbeugende Behandlung gegen die Gelbsucht zu empfehlen.
Etwa zur gleichen Zeit versammelte sich in Stockholm ein Ärztekongreß, der sich neben anderen fachlichen Diskussionen auch mit der plötzlich aufgetretenen Krankheit befaßte. Ohne zu einer konkreten Erkenntnis über den Herd der Gelbsucht-Epidemie zu kommen, schloß der Kongreß mit einem opulenten Abschiedsessen.
Wenige Tage später erkrankten viele der Kongreßteilnehmer an Gelbsucht. Auf den Krankenlagern aber kam ihnen die Erleuchtung, wer wohl der Träger der Erkrankung sein könnte. Auf ihrem Abschlußbankett hatten sich die Ärzte besonders ausgiebig dem Genuß von Austern hingegeben. In diesen Delikatessen mußten, so vermuteten die von der Krankheit heimgesuchten Ärzte, die Giftstoffe enthalten sein, die jene Gelbsucht im Lande auslösten.
Nun begannen die schwedischen Gesundheitsbehörden ihre Ermittlungen. Als Herd der Gelbsucht wurde der westschwedische Küstenort Havstenssund festgestellt, wo die für Schwedens Feinschmecker bestimmten Austern in großen Senkkästen aufbewahrt werden, bis sie im Laufe des Jahres ihren Weg in die Delikateßläden und Restaurants finden.
Just in der Umgebung dieser Senkkästen hatte sich nun ein Fischer ein Häuschen gezimmert, in dessen Tür man gemeinhin ein Herzchen sägt. Als der brave Fischer im Spätherbst an Gelbsucht erkrankt war, hatte er auf dem Wege über jenes Häuschen seine Krankheit auf die Austern und von dort auf deren zahlungskräftige Liebhaber übertragen. So hatte er durch seine unbekümmerte Lebensweise fast die "halbe Elite" Schwedens vergiftet.
Die Reaktion der betroffenen "Sozialgruppe 1" auf diese Entdeckung war typisch schwedisch. Schweden will ein sozialer Wohlfahrtsstaat sein, der seinen Bürgern Sicherheit vor jeder Gefahr bietet. So versuchten also die an der Gelbsucht Erkrankten auch das Risiko des Austernessens auf den Staat mit der Begründung abzuwälzen, es sei Sache des Staates, über die Hygiene - auch die eines Fischers - zu wachen.
In der letzten Woche gründeten zwei Stockholmer Rechtsanwälte einen Verband der von der Austern-Krankheit Geschädigten. Sie wollen den schwedischen Staat wegen mangelhafter Kontrolle der Hygiene auf Schadenersatz verklagen.
*Die schwedische Wahlstatistik gliedert die Bevölkerung des Landes in drei "Sozialgruppen". Zur "Sozialgruppe 3" gehören vor allem Arbeiter, zur "Sozialgruppe 2" die mittleren Einkommen und zur "Sozialgruppe 1" die Höchstverdiener. Die Abgrenzung ist allerdings etwas fließend, weil für die Gruppierung nicht nur der Beruf, sondern auch Ausbildung, Vermögen, besondere Einkünfte usw. berücksichtigt werden.

DER SPIEGEL 6/1956
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SCHWEDEN / GESELLSCHAFT:
Die Austernkrankheit

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