07.03.1956

FLUGZEUG-INDUSTRIEOhne Tank

Mit umfangreichem Reisegepäck startete am 24. Februar ein erstrangiger Konstrukteur, der 30 Flugzeugtypen entwickelt hat, vom Düsseldorfer Flugplatz Lohausen nach Indien. Der mittelgroße, gedrungene Mann, der an diesem Tage gerade 58 Jahre alt geworden war, trank mit seinen zurückbleibenden Freunden schnell noch einen Geburtstagsschnaps und kletterte dann in die Superconstellation der indischen Fluggesellschaft "Air-India". Seine Aktentasche verstaute er so vorsichtig, als habe er Diamanten darin verborgen.
Die dickbauchige Tasche enthielt in der Tat seltene Werte, darunter die Planzeichnungen und Berechnungen für ein Verkehrsdüsenflugzeug mit vier Strahlturbinen im Heck des Rumpfes. (Das Flugzeug soll bei einer Reichweite von 5000 Kilometern und 50 Tonnen Eigengewicht eine Reisegeschwindigkeit von 950 Stundenkilometern entwickeln.)
Wenige Tage zuvor hatte die Presse der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik über diesen prominenten Indien-Reisenden, den früheren Chefkonstrukteur der Focke-Wulf -Flugzeugwerke, Professor Dr. -Ing. E.h. Kurt W. Tank, noch geschrieben: "Tank ist wieder da. In Westdeutschland natürlich, um mit führenden Bonner Politikern Besprechungen über den Ausbau einer Flugzeugindustrie zu führen. Also: Mord -Flugzeuge will er bauen, die unermeßliches Leid über friedliche Menschen bringen sollen."
Dieser Verdacht war völlig unbegründet. "Die führenden Bonner Politiker" vereitelten vielmehr Tanks Absicht, nach achtjähriger Tätigkeit als "technischer Fremdenlegionär" in der langsam wiedererstehenden deutschen Flugzeugindustrie zu landen. Tank hatte sich nach Kriegsende zunächst den Sowjets
angeboten, die sich wegen seines zuletzt entworfenen Düsenjägers Ta 183 sehr für ihn interessierten und nach diesem Typ später ihren Düsenjäger Mig 15, die harte Nuß der Amerikaner im Korea-Krieg, entwickelten.
Noch 1949 schrieb Tank über seine Russenkontakte: "Es ist wahr, daß ich mich zunächst bereit erklärt hatte, mit der russischen Luftfahrttechnik über einen konkreten Vertragsvorschlag in Verbindung zu treten ... Es wäre ja nicht das erstemal in der deutschen Geschichte, daß deutsche Männer gegen die Übermacht westlicher Einflüsse einer klugen Ostpolitik gedient haben. Auch heute noch bin ich mir nicht im klaren darüber, ob man dem nordamerikanischen Kulturbolschewismus mit Bügelfalte oder dem sowjetrussischen mit Arbeitsbluse die Siegespalme gönnen sollte.'
Allerdings war Tank im letzten Augenblick vor einer Dienstverpflichtung nach Moskau zurückgeschreckt und lieber mit Hilfe eines gefälschten Passes nach Argentinien emigriert, als ihn die Engländer bedrängten, in ihre Dienste zu treten. Tank wurde Perons Luftfahrtberater und entwickelte in Argentinien gemeinsam mit seinen 54 alten Mitarbeitern, die ihm gefolgt waren, eine Super-Mig 15, den Düsenjäger "Pulqui II" ("Pfeil").
Tanks Vertrag mit der argentinischen Regierung war bis zum 15. Januar 1956 befristet; schon vor einem Jahr hatte sich der Konstrukteur fest entschlossen, den Vertrag nicht zu verlängern. "Der Alte hat Heimweh", schrieben seine Mitarbeiter an Tanks Freund Hans Hansen-Schmidt, der inzwischen in seinem Göttinger Verlag - um Tanks Rückkehr publizistisch vorzubereiten -ein Buch über ihn herausbrachte* und sich emsig darum bemühte, für Tank und seine Ingenieur-Mannschaft ein neues Betätigungsfeld in der langsam wiedererwachenden westdeutschen Rüstungsindustrie zu finden. Es traf sich gut, daß Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel brennend daran interessiert war, daß auf dem ehemaligen Militärflugplatz Kaltenkirchen bei Neumünster eine neue Flugzeugwerft errichtet wird, die Tank übernehmen sollte.
Das Geld für den Bau der Werkshallen und den Maschinenpark - etwa 25 Millionen Mark - wollte ein Bankenkonsortium vorstrecken, falls das Bundesverteidigungsministerium sich bereit erklärt, Tank Bau- und Entwicklungsaufträge zu erteilen. Nur unter diesen Auspizien war schließlich das ganze Projekt Kaltenkirchen überhaupt interessant, da nur garantierte Luftwaffenaufträge dem Werk von der ersten Stunde an die Rentabilität sichern konnten.
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident von Hassel, der sich ständig darum bemüht, neue Industrien in seinem kleinen Bundesland anzusiedeln, bedrängte Bundeswirtschaftsminister Erhard (der zustimmte: "Gebt Tank eine Chance.") und Verteidigungsminister Blank (der sich reserviert verhielt). Tanks Sonderbeauftragter Rodermund belagerte das Bundeskanzleramt, und schließlich bemühte sich Tank selbst. Er flog im vergangenen Jahr mehrmals von Argentinien nach Westdeutschland. Allein, in Bonn zeigte man wenig Sympathie für Tanks Pläne. Es nützte auch nichts, daß Tank seine neuesten Entwürfe Blanks Luftwaffenrefenten aufblätterte.
Tank argwöhnte bereits, daß er aus politischen Gründen unerwünscht sei, als ihn der Präsident des Verbandes der Deutschen Luftfahrtindustrie, Dr. Rothe, bei einem Zusammentreffen im Frankfurter Ausflugslokal "Unterschweinstiege" darüber aufklärte, daß die Berufs-Integrierer des Bonner Außenamtes offenbar dem Ersuchen des französischen Außenministers nachgegeben hätten: Die westdeutsche Bundesrepublik solle sich beim Aufbau der Luftwaffe weitgehend französischer Modelle bedienen und keine eigenen Typen entwickeln.
Da packte Tank im November 1955 seine Düsenjäger-Pläne ein und flog nach Neu-Delhi. Die Inder griffen sofort zu, aber Tank zauderte noch - er wollte den hochdotierten Vertrag, den ihm die indische Regierung anbot, als Druckmittel in Bonn benutzen. Doch auch dieser Trick verfing
nur mangelhaft. Das Bundesverteidigungsministerium sagte Tank schließlich Mitte Februar dieses Jahres Bauaufträge zu, wenn es ihm gelänge, Krupp zu bewegen, die Tankschen Düsenjäger zu bauen. Das war ein aussichtsloses Unterfangen. In Essen holte sich Tank sehr schnell einen Korb denn Krupp denkt - trotz mancher unverhüllter Wünsche von amerikanischer Seite - nicht daran, sich mit der Herstellung von Düsenjägern zu befassen, solange nicht die letzten Entflechtungsklauseln aufgehoben sind, die auf einem Teil seiner Zechen und Hüttenwerke lasten.
So mußte Tank schließlich Deutschland wieder als technischer Fremdenlegionär verlassen und mit seiner Mannschaft nach Indien übersiedeln, wo er im Auftrag der Regierung Transportflugzeuge und Düsenjäger bauen soll. Seine (zweite) Ehefrau Sigrid und seine Kinder blieben vorläufig noch in Argentinien, während Tanks 54 Mitarbeiter in Gruppen abreisten und ihm per Schiff nach Indien folgten. Die westdeutschen Flugzeugindustriellen, wie Ernst Heinkel, Willy Messerschmitt und Claudius Dornier, weinen Tank keine Träne nach. Sie sind im Gegenteil recht froh darüber, daß sie den kleinen Kuchen des sich mühsam anbahnenden Luftwaffengeschäftes nicht auch noch mit ihm zu teilen brauchen.
Allerdings sind die Aufträge, die Bundesverteidigungsminister Blank zu vergeben hat, und die Mittel, die Bundesfinanzminister Schäffer für die Luftaufrüstung herausrücken will, noch sehr begrenzt. Beide Minister hoffen im stillen, daß die Amerikaner einen großen Teil der als Erstausstattung benötigten 3500 Flugzeuge* (einschließlich Schulmaschinen) aus alten Beständen zur Verfügung stellen werden. Gleichwohl mußte sich Schäffer mit dem Gedanken vertraut machen, daß er sehr bald über 1000 neue Flugzeuge für die Luftwaffe einkaufen muß, die größtenteils in Westdeutschland hergestellt werden sollen.
Die Großfirmen, wie Heinkel, Messerschmitt, Dornier und Henschel, haben Finanzminister Schäffer seit über einem Jahr bestürmt, ihnen eine finanzielle Starthilfe zu bewilligen, wobei sie darauf hinwiesen, daß auf den Firmen der deutschen Luftfahrtindustrie aus Kriegszeiten noch etwa 500 Millionen Mark Bankschulden lasten, während das inzwischen liquidierte Deutsche Reich der Luftfahrtindustrie noch 800 Millionen Mark für gelieferte Kriegsflugzeuge schuldet. Obwohl Schäffer die beantragte Starthilfe versagte, haben sich die Flugzeug-Industriellen - wenn auch scheinbar widerstrebend - schließlich dazu bereit gefunden, auch ohne staatliche Subventionen wieder Flugzeuge zu bauen, und vier Arbeitsgruppen gebildet.
Die größte Gruppe umfaßt die Flugzeugbau Nord GmbH, bestehend aus der Kruppschen Finanz- und Verwaltungsgesellschaft Weser mbH, der Siebel Werke Allgemeine Transport-Anlagen GmbH (Flick-Konzern),
der Hamburger Flugzeugbau GmbH (Blohm & Voß) und der Henschel & Sohn GmbH; die zweite Gruppe bilden die Focke-Wulf Flugzeugbau GmbH und das Ingenieurbüro Professor Blume (früher Arado). Zur dritten Gruppe haben sich Ernst Heinkel und Messerschmitt zusammengeschlossen, die vierte Gruppe wird schließlich von den Dornier-Werken und einigen interessierten Motorenwerken gebildet, darunter Daimler-Benz.
Am besten schnitt bisher Claudius Dornier ab, der sich seit langem eine gute Position in Bonn gesichert hat und - ebenso wie Messerschmitt - während der Nachkriegsjahre in den staatlichen Flugzeugwerken Spaniens einige neue Typen entwickelte, darunter das als Verbindungs- und Artillerie-Beobachtungsflugzeug besonders gut geeignete "Langsam-Flugzeug" Do 27 mit Sechszylinder-Motor (240 PS) und 250 km Spitzengeschwindigkeit. Das Bonner Verteidigungsministerium hat 428 Maschinen dieses sechssitzigen Typs (jede Do 27 kostet etwa 100 000 Mark) bei Dornier bestellt.
Pläne aus Heinkels Geheimkabinett
Das ist bisher aber auch der einzige von deutschen Konstrukteuren entwickelte Typ, den Blanks Beschaffungsamt für die bundesdeutsche Luftwaffe durchsetzen konnte. Den von Messerschmitt in Spanien entwickelten Düsenjäger Me 200 durfte Blank nicht bestellen; Messerschmitt und Heinkel sollen vielmehr gemeinschaftlich einen gleichgearteten französischen Typ - den Düsentrainer Fouga-CM 170 "Magister" - nach französischer Lizenz bauen. Ein anderes französisches Modell, der Transporter Nord 2501 "Noratlas" der staatlichen französischen Flugzeugwerke SNCAN, wird bereits von der westdeutschen Flugzeugbau Nord GmbH gegen Lizenzgebühren nachgebaut.
Obwohl deutsche Konstruktionen aus politischen Gründen wenig gefragt sind, können es sich so alte Asse der deutschen Flugzeugindustrie wie Ernst Heinkel und Claudius Dornier nicht verkneifen, eigene Entwicklungspläne zu schmieden. Dornier hat ein Flugboot mit sechs Turbinenmotoren produktionsreif entwickelt, dem internationale Flugexperten große Chancen geben. Mit diesem Flugboot will Dornier in einigen Jahren ähnlich geartete ausländische Typen ausstechen. In Heinkels Geheimkabinett in Speyer ist zur Zeit einer seiner fähigsten Konstrukteure, der Ingenieur Siegfried Günter, damit beschäftigt, einen neuen Strahltriebjäger zu entwerfen, der sich für den Senkrechtstart eignet.
Heinkel ließ sich dabei von dem Gedanken leiten, daß die westdeutsche Luftwaffe senkrecht startende Düsenjäger sehr gut gebrauchen könnte, denn-so argumentiert Heinkel - "Westdeutschland liegt sehr nahe am Eisernen Vorhang. Im Ernstfall können wir nur Jäger gebrauchen, die nicht auf lange Rollbahnen angewiesen sind." Die dickbetonierten bis zu drei Kilometer langen Start- und Landebahnen der üblichen Düsenflugzeuge sind für jede feindliche Luftwaffe lohnende Bombenziele.
Düsenjägerexperte Günter, der im letzten Kriegsjahr Heinkels Düsentyp He 162 mitkonstruierte, lernte in den Jahren 1947 bis 1954 während seiner freiwilligen Tätigkeit für die Sowjets auch einige Konstruktionsgeheimnisse der Mig 15 kennen. Heinkel ist lebhaft daran interessiert, weitere Düsenspezialisten anzuwerben, und versuchte auch, dem Indien-Reisenden Tank 14 Ingenieure auszuspannen. Heinkel habe dem Restkommando in Argentinien
- so erfuhr Tank - über die westdeutsche
Botschaft in Buenos Aires verlockende Angebote zugestellt. Auf diese Angebote gingen Tanks alte Mitarbeiter allerdings nicht ein.
* Heinz Conradis: "Nerven, Herz und Rechenschieber. Kurt Tank, Flieger, Forscher, Konstrukteur"; Musterschmidt-Verlag, Göttingen, 1955; 379 Seiten; 14,80 Mark.
* Die Bundeswehr soll nach den Pariser Verträgen eine taktische Luftwaffe aufstellen, bestehend aus acht Jagdbomber-, vier Jagd- und drei Aufklärungsgeschwadern, ferner drei Allwetter- und zwei Transportgeschwadern.

DER SPIEGEL 10/1956
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