26.07.2004

MANAGERChaos im XXL-Format

Bayer-Manager Calmund musste gehen, weil er allzu locker mit den Geldern des Leverkusener Fußballclubs jonglierte. Millionen versickerten auf einem Schweizer Nummernkonto.
Das dicke Ende war inszeniert wie ein Rührstück an einer rheinischen Provinzbühne. Die Stimme des Helden stockte, er japste nach Luft, Tränen stiegen in seine Augen. Dann erhob er sich zum letzten großen Monolog. "Ich kann nicht mehr", erklärte Reiner Calmund, XXL-Manager des Fußball-Bundesligaclubs Bayer Leverkusen. "Ich bin nach 27 Jahren Arbeit körperlich und mental nicht mehr in der Lage, die Anforderungen meines Jobs zu 100 Prozent zu erfüllen."
Aus, Vorhang, Applaus: Am 8. Juni um 17.09 Uhr endete überraschend die Ära Calmund bei Bayer - nach fast drei Jahrzehnten, in denen der 150-Kilo-Mann quasi im Alleingang aus einem Pharmawerkclub ein anerkanntes Mitglied im Zirkel der Champions League gemacht hatte.
Glaubhaft war der Abgang aus freien Stücken nicht. Noch eine Woche vor seiner Demission hatte Calmund dem "Tagesspiegel" erklärt, er werde erst "2006, 2007 kürzer treten". Und kaum waren die Tränen des Abschieds getrocknet, verkündete er in "Bild", er werde in vier Monaten "wieder mit Volldampf" und bei einem anderen Club einen neuen Job übernehmen. Sagt das einer, der sich dem Stress der Bundesliga nicht mehr gewachsen fühlt?
Wohl kaum. Nur ein paar Tage vor seinem Rücktritt war er ins "Aquarium" gebeten worden, die Zentrale des Bayer-Konzerns, in der auch Klaus Beck sein Büro hat. Beck ist Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH - Calmunds Dienstherr.
Quintessenz der Unterredung: Das Spiel ist aus. Dem Manager war sein exzessives Finanzgebaren zum Verhängnis geworden. "Die Ausgaben hatten ein Maß überschritten, das sportlich nicht mehr zu begründen war", heißt es nun in Leverkusen. Demgegenüber beharrt Calmund darauf, er sei aus freien Stücken gegangen. Nach der nervenaufreibenden Vorsaison und dem Erreichen des dritten Platzes in diesem Jahr sei nun der Zeitpunkt da gewesen, "die verdiente Auszeit zu nehmen".
Gleichwohl: "Das System Calmund hat immer auf Geld beruht, auf viel Geld", sagt ein Bayer-Mann. So gab der Manager nach dem Erreichen des Champions-League-Finales 2002 fast 30 Millionen Euro für neue Spieler aus, darunter fulminante Fehleinkäufe wie den Tschechen Jan Simák. Trotz der Investitionen geriet der Club in der nächsten Saison in Abstiegsnot.
Beinahe legendär in der Branche ist auch Calmunds Neigung, sich mit sechsstelligen Beträgen Optionen auf vermeintliche Talente zu sichern. Kaum einer der durch Vorverträge an Bayer gebundenen Spieler
schaffte den Sprung in den Kader, das Investment hat sich nicht gerechnet.
Lange hat das in Leverkusen niemanden ernsthaft erregt: Die Werbewirkung des volksnah agierenden Fußballbosses strahlte aufs Image des als langweilig geltenden Pharmariesen ab. Doch die Zeiten des großen Geldes sind vorbei. Der Chemiekonzern muss sparen. Für die Fußball GmbH heißt das, die Personalausgaben in den nächsten Jahren von 60 Millionen auf 30 Millionen Euro zurückzufahren - eine Aufgabe, deren Bewältigung man Calmund offenbar nicht mehr zutraute.
Auf welch dubiose Art "Calli" bisweilen Millionen versenkte, zeigt ein Transfer, der den Verein zurzeit wieder erregt. Es geht um den Kauf der kroatischen Jungstars Jurica Vranjes und Marko Babic, der zwischenzeitlich Gerichte, Staatsanwälte und Steuerfahnder in Udine, Klagenfurt und Köln beschäftigt hat.
Ende November 1999 reiste Calmund nach Zagreb, um sich dort mit Antun Novalic zu treffen. Mit dem damaligen Präsidenten des NK Osijek wollte er über die Verpflichtung der beiden U-21-Nationalspieler Vranjes und Babic verhandeln.
Calmunds Gegenüber gilt als schillernde Persönlichkeit. Der "Tycoon von Osijek" hatte gute Drähte in die Polit-Clique um Ex-Staatspräsident Tudjman. Novalic war bis 2002 Präsident des Osijeker Fußballclubs und Besitzer einer eigenen Bank.
Die Herren wurden sich einig. Es existiert ein Vertrag vom 24. November, der die Unterschriften von Leverkusens Manager und dem Präsidenten Osijeks trägt. Für zusammen sechs Millionen Mark sollten Vranjes und Babic an den Rhein wechseln. Calmund flog am 27. November dennoch nach Zagreb. Im Hotel Intercontinental traf er sich tags darauf mit Novalic. Beide unterzeichneten einen neuen "Transfer Contract" - diesmal jedoch über die Summe von 13,75 Millionen Mark.
In vier Tagen hatte sich der Marktwert für Mittelfeldspieler Vranjes offenbar vervielfacht: Sollte der kroatische Jungstar laut Kontrakt vom 24. November noch 3,5 Millionen Mark kosten, wurden nun plötzlich 10 Millionen für ihn fällig. Außerdem sollte Leverkusen, ausweislich des Papiers, weitere 450 000 Mark für ein Freundschaftsspiel zwischen den beiden Vereinen an Osijek überweisen.
Es existieren also zwei von beiden Seiten paraphierte Verträge. Der Vertrag vom 24. November wird am 30. November beim
kroatischen Fußballverband eingereicht. Dagegen präsentiert Calmund, zurück am Rhein, den Kontrakt über 13,75 Millionen. Seine Begründung: Juventus Turin sei ebenfalls an Vranjes interessiert gewesen - er habe nachlegen müssen. Nach Ansicht Calmunds gilt nur dieser Vertrag, der auch von der Fifa freigegeben worden sei.
Tatsächlich überweist Bayer am 4. Januar 2000 vom Vereinskonto bei der Deutschen Bank in Köln 13,75 Millionen Mark. Doch das Geld fließt nicht etwa auf ein Vereinskonto des NK Osijek. Auf dem Zahlungsbeleg wird stattdessen ein Konto mit der Nummer 0835-872644-12 bei der Credit Suisse in Zürich eingetragen. Die Bankverbindung ist mit dem Zusatz "Dunja" versehen. So heißt Novalics Tochter.
Als Sicherheitsschlüssel für den wirtschaftlich Berechtigten des Nummernkontos ist ein Geburtsdatum hinterlegt - allerdings nicht das von Novalic, sondern: 23. 11. 1948 - das ist Calmunds Geburtstag.
Hatte Novalic dieses Konto auch für Calmund eingerichtet? Oder diente der 13,75-Millionen-Kontrakt dazu, eine schwarze Kasse bei Bayer anzulegen? Der Club schließt das kategorisch aus.
Calmund erklärt, man habe auf das Konto überwiesen, das ihnen von Novalic genannt worden sei. Dass dort als Sicherheitscode sein Geburtsdatum auftaucht, "kann ich mir nicht erklären".
Calmund versichert: "Ich habe mit dem Konto nichts zu tun." Wenn er von seiner derzeitigen USA-Reise zurück sei, wolle er "der Sache mit Nachdruck nachgehen". Der Geldtransfer sei "absolut sauber gelaufen".
Novalic, der seit 15 Monaten in U-Haft sitzt, wollte sich zu dem Thema nicht äußern. Ihm wird vorgeworfen, als Präsident von Osijek zwischen 1996 und 2001 in mehreren Fällen Transfergelder veruntreut zu haben - unter anderem im Zusammenhang mit dem Fall Vranjes.
Wie dem auch sei: Der Vranjes-Deal zeigt, wie locker Calmund jahrelang mit den Bayer-Geldern hantierte. Auch wenn der Manager gern kokettierte, dass es im Bundesliga-Geschäft bisweilen "hart am Rande der Legalität" zugehe: Wer Millionen auf anonyme Nummernkonten überweist, ist von transparentem Geschäftsgebaren so weit entfernt wie Calmund vom Idealgewicht.
Bis heute ist nicht klar, wer alles von den knapp 14 Millionen Mark profitiert hat. Sicher ist nur, dass beim NK Osijek nicht eine Mark angekommen ist. Novalics Nachfolger Tihomir Marsic: "Wir haben aus dem Transfer von Vranjes und Babic keinerlei Zahlungen erhalten." Wo aber ist das Geld dann geblieben? Fakt ist: Am 21. Januar 2000 flossen 10,2 Millionen Mark vom Konto "Dunja" ab. Empfänger: unbekannt.
Allem Anschein nach wurden aus der Tranche auch die Transferbeteiligungen für Vranjes gezahlt. Der Neu-Leverkusener hatte bereits am 14. Dezember 1999 ein Konto bei der Credit Suisse in Zürich eröffnet. Am 14. Februar 2000 gingen 1,7 Millionen Mark auf seinem Konto ein, obwohl laut Vertrag vom 28. November nur 1,4 Millionen vereinbart waren. Die restlichen 300 000 soll, so ein Beteiligter, Calmund draufgelegt haben. Warum? Wofür?
Auch die Frage, wo die restlichen 3,5 Millionen Mark auf dem Konto "Dunja" geblieben sind, das am 13. Juni 2000 saldiert und geschlossen wurde, bleibt offen. Die Staatsanwaltschaft Köln, die im Jahr 2000 ein Ermittlungsverfahren gegen Vranjes und Calmund wegen des Verdachts der Untreue und der Steuerhinterziehung eingeleitet hatte, hat sich für das "Dunja"-Konto nie interessiert und schloss die Akten bald wieder.
Damals hatte eine gewisse Griba Commerz & Consult AG Strafanzeige gegen beide erstattet. Die Firma mit Sitz im österreichischen Velden hatte sich im Frühjahr 1999 für 300 000 Mark eine 20-prozentige Beteiligung an der Transfersumme bei einem Wechsel von Vranjes gesichert, nach dessen Verkauf an Leverkusen die versprochene Summe aber nie erhalten.
Das Verfahren gegen Calmund wurde schnell eingestellt, obwohl den Ermittlern zumindest Millionenüberweisung und Doppelverträge bekannt waren. Vranjes selbst - der nie vernommen wurde - kannte den Vertrag vom 28. November 1999 lange Zeit gar nicht. Er war verdutzt, als er erfuhr, dass allein für ihn zehn Millionen Mark gezahlt worden seien. Und auch die Tatsache, dass ein für 450 000 Mark mitbezahltes Freundschaftsspiel zwischen dem Werkclub und den Kroaten bis heute nicht stattfand, hätte die Ermittler aufhorchen lassen müssen.
Nun könnte Calmund und den Bayer-Verantwortlichen neues Ungemach drohen. Der finanziell schwer angeschlagene NK Osijek hatte sich in den vergangenen Monaten nach eigenen Angaben immer wieder um ein Gespräch mit der Bayer-Führung bemüht. Die Kroaten fühlen sich von Calmund und Novalic über den Tisch gezogen, fordern die bei ihnen nie angekommenen 13,75 Millionen Mark von Bayer - abzüglich der 2,7 Millionen Transferbeteiligung für Vranjes und Babic. Notfalls wollen sie auch deutsche Gerichte bemühen. Für Osijeks Präsidenten Marsic ist der Fall noch lange nicht abgeschlossen: "Wir sind keine Wegelagerer. Wir wollen nur das, was das Papier hergibt und was dem Verein zusteht." JÖRG SCHMITT
* Am 20. Juni bei der EM in Portugal mit den Nationalspielern Arne Friedrich, Philipp Lahm und Fredi Bobic. * Am 5. November 2003 vor Gericht in Osijek.
Von Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 31/2004
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