02.08.2004

Vorsicht, Message Control

Ortstermin: Grünen-Chef Reinhard Bütikofer auf Bildungsreise - beim Parteitag der amerikanischen Demokraten in Boston
So nah wie er ist an diesem Abend kein Politiker aus Deutschland an John Kerry herangekommen. 30 Meter nur entfernt vom Rednerpult, das ist nicht viel in dieser Riesenhalle, unter mehr als 20 000 Menschen.
Reinhard Bütikofers Krawatte hat die Farben blau-weiß-rot, sie ist verziert mit vielen kleinen Eseln, dem Wappentier der Demokraten. Am Revers seines Anzugs trägt er ein kleines Sortiment amerikanischer Buttons, "Environment 2004" steht da drauf oder "Friends of Fire Fighters". Als Schüler hat Bütikofer mal für ein Jahr eine High-School in Wisconsin besucht. Das ist lange her, nun ist er wieder hier, um Neues zu lernen.
Es ist Parteitag der Demokraten im Fleetcenter von Boston, Krönungsmesse für John Kerry und Lehrstück für Parteistrategen aus aller Welt. Luftballons und Konfetti regnen von der Decke. Veteranen schwärmen vom Vietnamhelden Kerry. Kerrys Töchter erzählen, wie der Vater den Hamster vorm Ertrinken rettete. Ein zwölfjähriges Mädchen wird für seine Initiative "Kids for Kerry" gefeiert. Und die Frage, die sich Bütikofer, dem Chairman of Alliance 90/The Greens stellt, ist: Was lässt sich davon für den Wahlkampf zu Hause übernehmen?
Bütikofer hat eine ganze Delegation zusammengestellt, um modernes "Campaigning" zu studieren. Sechs Leute sind es insgesamt, darunter der Chef der Böll-Stiftung, eine Bundesgeschäftsführerin der Grünen sowie Bütikofers Frau. Es gibt ziemlich viele Wahlen zu gewinnen in Deutschland während der nächsten Jahre, und ziemlich viele Fragen, die man sich als deutscher Wahlkampfmanager bis dahin stellen könnte. Ist es wirklich undenkbar, dass die Grünen für ihren Bundesparteitag 2006 einen Filmregisseur aus Hollywood oder zumindest aus München engagieren? Oder dass sie Filme zeigen aus der Rebellenzeit von Joschka? Oder dass der Parteitag am Ende schwarz-rot-goldene Flaggen schwenkt?
Auf der Bühne spielen sie "We Are Family" von Sister Sledge. 20 000 Kerry-Fans singen. Sie tanzen, jubeln, wedeln mit Postern. Bütikofer wippt mit dem Kopf im Takt. Er lächelt. Er hat sich auch schon mal berauschen lassen von einem möglichen Regierungswechsel, aber das war 1998, da war Hartz noch ein ganz normaler VW-Vorstand und noch kein Reformprojekt, und vor allem gab es die Hoffnung, dass bald alles besser werden würde.
Man kann, sagt Bütikofer, viel lernen von den Amerikanern. Etwa wie man sich im Wahlkampf nicht in Diskussionen über Paragrafen verstrickt. Und dass man stattdessen über Values reden sollte, und über Ziele und Visionen. Stärke und Respekt, Hoffnung über Verzweiflung, possibilities over problems, so machen das die Amerikaner. Die diskutieren nicht die Praxisgebühr, sondern halten den Slogan "America can do better" in die Kameras.
Bütikofer hat seinen Grünen schon vor zwei Jahren "values" wie Nachhaltigkeit ins Programm geschrieben. Über Werte muss man nicht lange streiten. Solange sie nicht verbindlich sind, sind alle dafür.
Sein Handy klingelt. Am Telefon ist Matthias Machnig von der SPD. Die beiden wollen sich vor dem Abflug aus Boston noch zum Kaffee treffen und die neuesten Trends diskutieren. "Message Control", das ist so einer dieser Schlüsselbegriffe. Er besagt, dass einem die Themen nicht aus dem Ruder laufen sollen. Machnig hat die beiden letzten Bundestagswahlkämpfe der SPD amerikanisiert, fiel aber in Ungnade, vielleicht, weil er damals noch zu wenig von Message Control wusste. Machnigs Nachfolger und andere Spitzengenossen sind nicht nach Boston gekommen.
Vier Tage lang hat Bütikofer auf dem Parteitag der Demokraten Kontakte gepflegt. Er hat mit seinen Freunden von den Washoe-Indianern aus Kalifornien gefeiert und beim American Jewish Committee gefrühstückt. Er traf Kerrys Umweltberater und hörte dem Bürgermeister von Baltimore beim Singen zu. Und er hat selbst eine Rede gehalten, im Goethe-Institut, das ihn als "major driver" im deutschen Reformprozess aufs Programm gesetzt hat.
Bütikofer guckt nun mit leerem Blick in die Menge. Stärke und Respekt, Vietnam und Irak, Kerry statt Bush, Luftballons, Flaggen, Konfetti, possibilities over problems, das alles verschwimmt. Vielleicht ist die Sache mit den Deutschland-Flaggen doch nicht so eine gute Idee.
Am Ende beschwört Kerry noch einmal die amerikanischen Werte. Bütikofer, Deutschlands Major Driver, klatscht mit. Er schwitzt ein wenig.
"Unsere besten Tage liegen noch vor uns", sagt Kerry.
Das würde Bütikofer auch gern sagen können. Kerrys Rede hat ihm gut gefallen. Values, Message Control, alles klar. Germany can do better. Dann verschluckt ihn das Meer aus Luftballons. FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 32/2004
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