09.08.2004

ENTERTAINERSeltsam hoch begabt

Bei RTL war Hugo Egon Balder der „Herr der Möpse“. Neuerdings gilt sein Klamauk als Geheimwaffe bei Sat.1. In einem Buch erinnert er sich nun seiner jüdischen Wurzeln.
Hugo Egon Balder tigert durch die Kulisse eines Fernsehstudios in Hürth bei Köln. Er wärmt sein Studiopublikum auf: "Wenn Sie in der Hitze spüren, dass Ihnen schlecht wird, lächeln Sie vor dem Kotzen doch bitte noch mal in die Kamera." Der Saal johlt.
Balder ist selig. Aber er kann den Applaus nicht genießen, weil nach jedem Gag ja immer schon der nächste kommen muss. Sein "Warm-up" habe sich seit Jahrzehnten nicht verändert, sagt Hella von Sinnen, die wegen eines Gerstenkorns an diesem Tag mit einer dunklen Brille auftreten muss. Er habe auch mal eines gehabt, beruhigte Balder seine Kollegin zuvor. "Be-
halten Sie es im Auge", habe ihm sein Arzt damals geraten.
Danach beginnt die Aufzeichnung der Sat.1-Show "Genial daneben". Balder ist darin der Rätsel-Onkel, eine Art Robert Lembke in Komisch. Einer unvorbereiteten Raterunde aus Humoristen stellt er Fragen wie: "Woran erkennt man, dass Kamele müde werden?" Ob er irgendwelche Regeln zu beachten habe, will sein Gast Michael ("Bully") Herbig noch wissen. "Nee, alles raus, scheißegal", sagt der Moderator.
Balders Billigfernsehen gilt inzwischen als Vorzeigeformat des klammen Privatkanals. Der neue Sat.1-Chef Roger Schawinski hat ihm einen üppigen Exklusivvertrag bis Ende 2005 gegeben und ihn zu einem Markenzeichen des Senders gemacht: Kaum eine Casting-, Schlager- oder Jubiläumsshow kommt noch ohne den zerknitterten Charakterkopf mit den Fusselhaaren aus.
Nun, mit 54 Jahren, hat er auch noch ein Buch vorgelegt, das Ende September erscheint und eigentlich "Ich sag jetzt gar nichts mehr" heißen sollte**. Anders als die vielen beichtwilligen Stars und Sternchen, deren Offenbarungsneid sie vor den Verlagen Schlange stehen lässt, wollte Balder nämlich nichts enthüllen - und tut es auf überraschende Weise dennoch.
Seine Geschichte beginnt mit dem Tod der Mutter vor sieben Jahren. Als er in einem Altenheim bei Köln ihren Nachlass ordnete, stieß er auf ein Kästchen, in dem
sie ihren Judenstern aufbewahrt hatte. Da seine Mutter ihm nicht wehtun wollte, sprach sie fast nie über das KZ Theresienstadt. Doch das wenige, was er erfuhr, verhakte sich für immer in Balders Kopf.
Wie sie, drangsaliert von bewaffneten SS-Männern, überlebte, weil sie es schaffte, zwei Tage und Nächte vor einer Grube stehen zu bleiben, die beim Zusammensacken ihr eigenes Grab geworden wäre. "Du kannst dir nicht vorstellen, was der Mensch aushalten kann", sagte ihm seine Mutter einmal.
Balders Vater, im Buch meist der feuchtfröhliche Familienclown, hatte seine Mutter schon vor deren Deportation in Berlin kennen gelernt. Er war Soldat der Wehrmacht, konnte Balders Mutter aber wegen der Rassegesetze nicht heiraten. Dafür nahm er sie noch Anfang der vierziger Jahre mit in ein Berliner Offizierskasino - sie sollte sich endlich einmal satt essen.
Den Schrecken verwandelte Balders Vater auf seine Art in Humor. Auf der Straße grüßte er damals oft mit "Heil Hitler und für die Andersgläubigen Guten Morgen".
Nach dem Krieg heirateten Balders Eltern. Und obwohl die Lagerhaft an seiner Mutter gezehrt hatte, wurde sie noch einmal schwanger und bekam einen dürren Sohn, der erst Egon Hugo genannt wurde, in einem "Haus ohne Tränen" heranwuchs und viel, vielleicht etwas zu viel TV gucken durfte.
Balder hat für das Fernsehen eine Menge Jobs erledigt: Er hat sich als Hamster verkleidet und sich in der Sendung "Vorsicht Musik!" zwei Jahre neben Frank Zander als Hund "Feldmann" die Stimme aus dem Leib gebellt. Er hat sich mit Torten bewerfen lassen und wurde von Co-Moderatorin Hella von Sinnen in der Spielshow "Alles nichts, oder?!" als "magersüchtiges Frettchen" beschimpft. Und als die Zeit kam, da sein damaliger Sender RTL anfing, Rammelfilm-Konserven um bumsfidele Hausfrauen und deren Rohrverleger zu zeigen, da bewies Balder, dass er das Niveau immer noch ein wenig tiefer legen kann.
Im rosa Jackett präsentierte er die "Chin-Chin"-säuselnden Halbnackt-Früchtchen von "Tutti Frutti", bevor ihn der damalige Programmchef Marc Conrad 1993 bat, eine neue Comedy-Serie zu entwickeln. Balder sagte zunächst ab. Doch Conrad hatte ihn mit den Worten "Das schaffst du nie" aus der Reserve gelockt - und Balder erinnerte sich an seinen Grundsatz: "Kannste das? Nee? Machste das auch mal."
Also ließ er Wigald Boning in Fußgängerzonen absurde Interviews mit Klobürste als Mikro führen und Sketch-Reihen mit Verbalwitzen der Sorte "Das hat er aber gefickt eingeschädelt" entwickeln. Wieder hatte Balder den Geschmack von Millionen getroffen, sich aber zum ersten Mal "nicht zum Affen gemacht". Seine Darsteller bekamen Grimme-Preise, "RTL Samstag Nacht" wurde zur erfolgreichsten Comedyserie im deutschen Fernsehen.
An Balder blieb dennoch das Image des "Hühner-Hugo" kleben. Bis heute rufen ihm Leute "Chin-Chin" hinterher. Wenn das Fernsehen die Glitzerwelt ist, dann hat Balder die meiste Zeit unter Tage gearbeitet. Er, der Unterhalter, sei eigentlich immer "unterste Stufe geblieben".
Im Verlauf seines Buchs verheddert er sich nun mitunter in nur mäßig interessanten Anekdoten aus Berliner Kneipen. Und es hätte dem Buch wohl auch gut getan, wenn er sich mehr als die eine Woche Zeit genommen hätte, in der er seinem Co-Autor auf Lanzarote im Stakkato das eigene Leben zurief. Über seinen Bruder schreibt er etwa: "Seine Kindheit war ja nicht so schön, vor allem nicht im KZ Theresienstadt, wo er Lesen und Schreiben lernte." Doch im Gegensatz zur Proll-Prosa der
Bohlens und Effenbergs kommt Balder ohne Denunziationen aus. Er wollte dem öffentlichen Bild von sich nur ein bisschen was hinzufügen. Und viele werden sich die Augen reiben. Denn Balders Biografie widerspricht fast allem, was man von ihm zu wissen glaubte. Es passt irgendwie nicht, dass er die Schauspielschule von Else Bongers in Berlin besucht und am Schiller-Theater mit Martin Benrath gespielt hat. Und ausgerechnet Balder soll Mitte der achtziger Jahre im Düsseldorfer "Kom(m)ödchen" mit Harald Schmidt politisches Kabarett gemacht haben?
Trifft er die Schauspielgötter von damals, bringt er vor Nervosität keinen Ton raus. "Die können so viel", sagt er. Einen Theaterregisseur hatte der dürre Balder einmal gefragt, warum er nicht öfter spielen dürfe. "Ich weiß nicht, was Sie sind", gab der zur Antwort. "Musiker, Schauspieler, Sänger, Autor oder Spaßmacher?" Balder rätselt bis heute darüber.
"Er war hoch begabt", sagt Stefan Wigger, der mit ihm damals eine Musikrevue aus Liedern und Texten der frühen dreißiger Jahre aufführte, die es sogar nach New York schaffte. "Aber es zog ihn immer zu seltsamen Nebenveranstaltungen." Balder rezitierte Kästner am Theater und nahm zur gleichen Zeit Platten auf mit Titeln wie "Elvira, hol dein Strumpfband ab".
Er verehrte das Theater, aber er liebte es nicht. Er erinnert sich, wie er vor fast leeren Rängen "sabbernd in eine Erdhöhle" kriechen musste und einige Kollegen nachher diskutierten, ob man die Menschen nicht mit Waffengewalt ins Theater zwingen sollte. "Fernsehen ist nicht so arrogant wie Theater", sagt Balder heute.
Zurzeit macht er Cluburlaub am Mittelmeer. Wildfremde Männer werden ihm am Pool auf die Schulter hauen und "Chin-Chin" zuflüstern. Balder könnte heulen, doch er wird schmunzeln. "Lach über die Dinge, dann hältst du sie aus", hat ihm seine Mutter einmal geraten. NILS KLAWITTER
* Mit Bruder Peter und Mutter Gerda, 1950. ** Hugo Egon Balder mit Bernd Philipp: "Ich habe mich gewarnt". Verlag Rütten & Loening, Berlin; 272 Seiten; 19,90 Euro. * Links: mit Harald Schmidt und Jutta Hahn im "Kom(m)ödchen", 1985; rechts: als "Tutti Frutti"-Moderator, 1990.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 33/2004
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