09.08.2004

FILMDie Wurzeln des Terrors

Der Regisseur Andres Veiel, 44 ("Die Spielwütigen"), über sein neues Projekt: die Verfilmung von Gerd Koenens Dreifachbiografie „Vesper, Ensslin, Baader“, die 2007 in die Kinos kommen soll
SPIEGEL: Herr Veiel, 2001 haben Sie sich in Ihrem Dokumentarfilm "Black Box BRD" mit den Ausläufern des RAF-Terrors in den späten achtziger Jahren befasst. Nun suchen Sie in den sechziger Jahren nach den Ursprüngen der Gewalt. Was fasziniert Sie an dieser Zeit?
Veiel: Mich interessiert das gespaltene Verhältnis der Linken zur NS-Vergangenheit. Wie in "Black Box BRD" nähere ich mich meinem Thema dabei über eine Randfigur: über den 1971 verstorbenen Bernward Vesper - Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper -, der mit der Pfarrerstochter Gudrun Ensslin verlobt war.
SPIEGEL: Was macht diese Figur so aufschlussreich für den damaligen Zeitgeist?
Veiel: Ihre Zerrissenheit. Bernward Vesper rebellierte gegen den Nazi-Vater - und blieb dessen Gedankenwelt doch immer auch verbunden. So hat er gemeinsam mit Gudrun Ensslin die Blut-und-Boden-Werke Will Vespers in den sechziger Jahren neu ediert und sich fast gleichzeitig mit der radikalen Linken identifiziert. Diese Schizophrenie pflanzt sich in der Geschichte des Protests und der RAF fort: in einer Kontinuität des Soldatischen oder auch im Antisemitismus und Antizionismus der Linken.
SPIEGEL: Zurzeit arbeiten Sie mit Gerd Koenen am Drehbuch, sichten Archivmaterial und führen Interviews. Was ist das Ziel der Recherche? Eine Abrechnung mit den linken Revolutionären aus den sechziger und siebziger Jahren?
Veiel: Nein. Ich möchte das vereinfachte Bild vom linken Protest nicht durch ein neues, ebenso vereinfachtes Bild ersetzen - etwa dass alle Beteiligten verkappte Nazis gewesen seien. Es geht mir darum, Brüche und Kontinuitäten sichtbar zu machen, die bisher kaum bekannt sind. Einen Mythos in Frage stellen heißt für mich: das Bild komplizierter machen, genau hinsehen.
SPIEGEL: Sie haben sich dabei zum ersten Mal für die Form des Spielfilms entschieden. Warum?
Veiel: Das fiktionale Erzählen gibt mir mehr Freiheit. Ich kann auch auf die Leinwand bringen, was mir Zeitzeugen nicht vor laufender Kamera erzählen, kann tiefer in die Gedankenwelt meiner Figuren vordringen.
SPIEGEL: Um so ein wenig mehr Licht in die "Black Box BRD" zu bringen?
Veiel: Ja. Aber natürlich werden auch dunkle Stellen und Geheimnisse bleiben.

DER SPIEGEL 33/2004
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