16.08.2004

Das verunsicherte Volk

Deutschland im Hartz-Fieber: Was die Regierung als „größte Sozialreform“ der Bundesrepublik preist, empfinden die Betroffenen als Sozialabbau ohne Beispiel. Die Angst vor dem Absturz treibt die Menschen auf die Straße - doch zu den Reformen gibt es trotz aller Fehler keine Alternative.
Der Unmut hat ein Gesicht. Im sachsen-anhaltischen Haldensleben ist es das von Peggy Helmecke, die von sich selbst sagt, sie habe sich nie besonders für Politik interessiert. Die Mutter dreier Kinder, 1965 in Leipzig geboren, lernte in der DDR Bekleidungsfacharbeiterin mit Abitur, schulte um auf volkseigenes Schuhdesign, doch 1990 machte ihre Fabrik in Weißenfels dicht. "Anfangs haben wir noch Plaste-Schuhe für Italien gegossen", sagt sie. Dann war Schluss.
Peggy Helmeckes Nachwende-Karriere ist so typisch ostdeutsch wie ihr DDR-Lebenslauf. Mal war sie arbeitslos, mal schulte sie um, mal hatte sie eine ABM-Stelle. In Neuenhofe bei Haldensleben hat sie ein Heimatmuseum aufgebaut und die Ortschronik verfasst. Im Moment jobbt sie - befristet - in einer Galerie.
Doch die politikfreie Zeit im Leben der Peggy Helmecke hat nun ein Ende. Vor zwei Wochen ging sie zum Ordnungsamt ihrer Stadt und meldete Protest an - "natürlich eine Montagsdemonstration". Als sie angeben sollte, wie viele Teilnehmer wohl kommen würden, sagte sie zögerlich: "25". Es kamen 800.
"Es geht gar nicht um Hartz IV", sagt die Frau mit den blonden Zöpfen, "es geht um die ganze Richtung der Politik. Es geht nur noch bergab. Ich sehe keine Hilfe der Politik."
In Haldensleben ist die demonstrierende Galeristin inzwischen ebenso bekannt wie der Arbeitslose Andreas Ehrholdt in
Magdeburg oder wie der gelernte Schlosser Rainer Roth im brandenburgischen Senftenberg. Es sind einfache Leute, die zum Protest aufrufen, keine Funktionäre, keine Polit-Profis. Es ist der Aufstand der Normalos.
"Alle haben doch Angst", sagt Peggy Helmecke, und ein Demonstrant in Magdeburg, 52, mehrfach umgeschulter Reichsbahner, meint: "Uns war die Angleichung der Lebensverhältnisse versprochen. Jetzt kommt sie - mit Polen."
In Gelsenkirchen ist es die Diplompädagogin Monika Gärtner-Engel, die nach einer Fußoperation an knallroten Krücken durch ihre Dachgeschosswohnung hüpft, während sie gleichzeitig den "Ausbeutern in Berlin" den Krieg erklärt. Hartz IV ist für sie schlicht "unverschämt", eine "Verarmung per Gesetz". An diesem Montag hat sie zusammen mit zwei Dutzend Helfern zur mittlerweile sechsten Demonstration gegen Hartz IV aufgerufen. Mit fast 20 Prozent ist die Arbeitslosigkeit in der früheren Kohle- und Stahl-Stadt so hoch wie in Ostdeutschland.
In Mönchengladbach sind es Menschen wie Marion Moll, die inzwischen bereit sind, jederzeit auf die Straße zu gehen: "Ich bin dabei, ich kämpfe", sagt die arbeitslose Verkäuferin. Mit ihren 44 Jahren hat sie bislang auf jede ihrer über 30 Bewerbungen eine Absage bekommen ("Nix, ich bin zu alt"). Jetzt klagt sie an: "Man hört von der Politik immer, es würden neue Arbeitsplätze geschaffen. Ich sehe im Fernsehen was ganz anderes: Fabrikschließungen, Arbeitsplätze weg, Insolvenz."
An diesem Montag soll allein in Nordrhein-Westfalen in mindestens 16 Städten gegen Hartz IV demonstriert werden, unter anderem in Köln, Dortmund, Gelsenkirchen, Duisburg und Bochum. Der Gelsenkirchener Bahnhofsvorplatz, wo am Montag der sechste Protestzug endet, wurde in "Platz des Widerstands" umgetauft. Und eine eigene Hymne haben sie im Pott auch: "Steh auf, wenn du arbeitslos bist" - in Anlehnung an den Fußball-Kampfruf in der Arena auf Schalke: "Steh auf, wenn du Schalker bist." Und Thorsten Nolting, Leiter der Diakonie in Düsseldorf, warnt: "Der Schock kommt noch." Bei Mittelstand und mittlerem Management "kriecht das Gespenst der eigenen Gefährdung erst ganz langsam hoch".
Im Osten gibt es mittlerweile kaum noch eine Stadt, in der die Menschen montags nicht auf die Straße gehen.
Deutschland - so scheint es - ist mitten im Sommer von einer schweren Epidemie erfasst. Das Hartz-Fieber greift rasend schnell um sich und steckt mittlerweile selbst die an, die sich bislang immun wähnten. Daran werden auch die kosmetischen Operationen, die der Kanzler in der vergangenen Woche nach einer eilig einberufenen Krisensitzung verordnete, nur wenig ändern.
Es ist ein Cocktail der unterschiedlichsten Erreger, der das Hartz-Fieber so gefährlich macht: Da mischt sich die Angst der Mittelschichten vor dem ungebremsten sozialen Absturz mit der diffusen Panik mancher Betroffenen, die in Wahrheit von den beschlossenen Reformen profitieren.
Hartz IV ist im Osten längst zum Symbol einer scheinbar weiteren Benachteiligung der Ostdeutschen geworden. Im Protest gegen das rot-grüne Reformprojekt bündelt sich der ganze Unmut über "die da oben" in Berlin, glaubt der ostdeutsche Politikwissenschaftler Rolf Reißig. "Hartz IV", sagt er, "ist nur ein Anlass, nicht aber die Ursache. Jetzt schlägt die Angst in sozialen Protest um."
Im Westen hingegen wird die "größte Sozialreform in der deutschen Geschichte" (Bundeskanzler Gerhard Schröder) von vielen Menschen als Frontalangriff auf den bundesrepublikanischen Wohlfahrtsstaat empfunden, der ähnlich wie die - mittlerweile verschwundene - D-Mark allein im Stande war, bei Westdeutschen patriotische Gefühle auszulösen.
Und schließlich mischt sich die Einsicht in die Notwendigkeit schmerzhafter Reformen mit dem mangelnden Vertrauen in eine Koalition, die bislang mit Maut-Desaster, Milliardenlöchern und Dosenpfand nicht gerade gelungene Beispiele ihres handwerklichen Könnens vorgelegt hat.
Dass die Reform unerlässlich ist, gilt dabei unter allen Experten und in sämtlichen
Parteien, mit Ausnahme der PDS, als ausgemacht. Mit der seit 30 Jahren geübten Politik, die Arbeitslosen lediglich zu verwalten, muss Schluss sein, lautet der lagerübergreifende Konsens. Die Arbeitslosen sollen unter der Losung "Fördern und Fordern" wieder ins Berufsleben integriert werden - notfalls auch mit Druck. "Es ist nachvollziehbar, dass man Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe verknüpft", sagt selbst der ranghöchste Protestant der Republik, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber.
"Die Wutwelle und die Skandalisierung jedes Details hat uns alle überrascht", sagt ein einflussreicher Regierungsmann in Berlin. Bis zuletzt hatten die Koalitionäre in endlosen Verhandlungsrunden um die komplizierten administrativen Details ihrer Mammutreform gerungen - und dabei völlig aus den Augen verloren, welche Wirkung ihre Pläne bei den Betroffenen auslösen würde.
Wohl nie zuvor hat es einen derart radikalen Einschnitt ins geordnete soziale Netz der Republik gegeben. Was in der Regierung unter dem beschönigenden Titel "Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe" firmiert, bedeutet in Wahrheit nichts anderes als einen radikalen Eingriff in jahrzehntelang gewachsene Besitzstände von Millionen Menschen: Erstmals wird mit der Arbeitslosenhilfe ein kompletter Zweig des deutschen Sozialstaats gekappt. Hunderttausende Erwerbsloser müssen mit teilweise drastischen Einkommensverlusten rechnen.
Bis weit in die Mittelschicht hinein grassiert die Angst: Wer als Ingenieur, Bankangestellter oder Industriearbeiter seinen Job verlor, konnte sich bislang darauf verlassen, selbst nach jahrelanger Arbeitslosigkeit besser dazustehen als ein Sozialhilfebezieher. Künftig führt jeder andauernde Jobverlust automatisch zum Abstieg auf die Armutsschwelle. Wenn Hartz IV im kommenden Januar eingeführt wird, wird für jeden Jobsuchenden die Stütze spätestens im vierten Jahr seiner Arbeitslosigkeit auf Fürsorgeniveau gekappt.
Was das bedeutet, weiß keiner so genau, aber jeder nimmt das Schlimmste an. Vor dem in optimistisches Grün getünchten Beton der Arbeitsagentur Bautzen steht der Werkzeugmacher Maik Galetzka und zieht an einer Zigarette: "Jetzt geht es an die Reserven, was anderes bleibt ja nicht mehr." Und im Ruhrpott sorgt sich Gisela Hornschuh, deren Mann zum Jahresende gekündigt wurde, um die Zukunft der Tochter. Sie geht aufs Gymnasium, will studieren, aber "wovon sollen wir uns das leisten? Die Politik zerstört die Zukunft unserer Kinder".
Schon jetzt lassen die dreijährige Wirtschaftsstagnation und die anhaltende Massenarbeitslosigkeit in der Republik die Armut sichtbar werden. Wohlfahrtsverbände melden eine steigende Zahl von Obdachlosen und Bettlern, immer mehr Bundesbürger rutschen immer länger in die Sozialhilfe ab, die Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten schwindet.
In manchen ostdeutschen Städten besteht der Einzelhandel inzwischen vornehmlich aus Second-Hand-Läden, Trinkhallen und Restehändlern, in den Metropolen breiten sich in ganzen Stadtvierteln "slumartige Zustände" aus, wie Sozialarbeiter vielerorts beklagen. In der Hauptstadt Berlin zum Beispiel dürfen sich die Bezirke Mitte, Neukölln und Kreuzberg inzwischen rühmen, die drei größten Sozialämter
Europas mit jeweils Zehntausenden Bedürftigen zu betreiben.
Nicht nur die Zahl der Armen wächst, immer größer wird auch der Abstand zu den Wohlhabenden der Republik. In den vergangenen Jahren sind die Reichen reicher und die Armen ärmer geworden, zeigt eine neue Analyse des Statistischen Bundesamtes. Danach stieg das durchschnittliche Nettogeldvermögen des reichsten Viertels gegenüber dem ärmsten vom Achtfachen auf das Zwanzigfache.
Eine merkwürdige Angst macht sich breit in Deutschland: Wie sicher ist mein Job? Wie tief stürze ich nach einer Kündigung? Wie sichere ich meinen Lebensstandard? Die "Abstiegsangst ist in Deutschland endemisch geworden", schreibt die "Zeit".
Eine tiefe Verunsicherung hat das Land ergriffen, die politisch kaum ohne Folgen bleiben kann. "Ich habe die große Sorge, dass der Unmut der Bevölkerung von politischen Rattenfängern missbraucht wird", warnte DGB-Chef Michael Sommer am vergangenen Freitag.
In der Tat scheinen derzeit neben der PDS vor allem die Rechtsextremen von der allgemeinen Verunsicherung und der Wut über Hartz IV zu profitieren. 14 Prozent könnten die Rechten laut Infratest dimap bei den Landtagswahlen in Sachsen bekommen. "Es ist absehbar, dass sich im Osten etwas zusammenbraut", glaubt Infratest-Chef Richard Hilmer. Längst haben die Braunen das Protestpotenzial der Arbeitsmarktreformen erkannt und marschieren bei den Montagsdemonstrationen an vorderster Front mit. Auf Wahlplakaten wirbt die NPD in Sachsen mit dem Slogan: "Quittung für Hartz IV".
Im Kanzleramt und in der Berliner SPD-Zentrale hat man den Aufstand der Arbeitslosen lange nicht für möglich gehalten. Kanzler und Co. schienen sämtliche Sensoren für die grassierende Angst vor der Armut im Volk verloren zu haben. Doch spätestens seit der Kampfansage des früheren SPD-Chefs Oskar Lafontaine ist die SPD-Führung alarmiert. Nun fürchtet sie, Lafontaine könne auf dem Nährboden des Volkszorns über Hartz IV sein Comeback starten: entweder als Revolutionär innerhalb der Sozialdemokratie oder aber - wahrscheinlicher - als Anführer einer neuen Linkspartei.
Kaum hatte Lafontaine vergangene Woche im SPIEGEL über seinen möglichen Wechsel zur linken "Wahlalternative" gesprochen, brach Panik aus in der SPD-Führung. Umgehend geißelte Parteichef Franz Müntefering Lafontaine als "eitel und unsolidarisch". Die Parteilinken warfen ihm vor, "eine verhängnisvolle Zersplitterung der politischen Linken" in Kauf zu nehmen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit forderte gar Lafontaines SPD-Austritt.
Die harsche und ausnahmsweise mal einhellige Reaktion der Genossen kann als sicheres Indiz dafür gelten, für wie gefährlich sie ihren einstigen Liebling halten. Am Montag, in der Schaltkonferenz des SPD-Präsidiums, malte die Parteilinke Andrea Nahles ein düsteres Bild für die Zukunft. "Wenn der Ausbildungspakt scheitert und wir die Probleme mit Hartz IV nicht in den Griff bekommen, dann hat Oskar im Januar eine ideale Abschussrampe für seine neue Partei", warnte sie. "Das kann nicht unser Interesse sein."
Auch Müntefering weiß, wie gefährlich die Hartz-Hysterie, gepaart mit Lafontaines Comeback-Drohung, ist. In Gesprächen mit Vertrauten machte er zwei mögliche Entwicklungen aus:
* Das Positiv-Szenario: Hartz IV wird leicht entschärft, weitere Pannen bleiben aus, die Protestflut ebbt ab, und der Aufschwung kommt. "Da glauben wir selbst nicht ganz dran", bekennt ein führender Stratege aus dem Willy-Brandt-Haus.
* Das Negativ-Szenario: Die Hartz-Hysterie hält an, Lafontaine hätte die Chance, mit seiner neuen Bewegung zu reüssieren, und könnte sogar einige frustrierte SPD-Abgeordnete zum Wechsel bewegen. Dann wäre die Regierung am Ende, der Kanzler hätte seine Macht verloren und Lafontaine seinen Rachefeldzug gegen Gerhard Schröder gewonnen.
Weil viele in der SPD dieses Szenario für durchaus realistisch halten, richten sich alle Blicke nun auf einen weiteren Saarländer. Ottmar Schreiner, unter Lafontaine Bundesgeschäftsführer, führt seit dessen Abgang ein frustriertes Schattendasein in der eigenen Partei. Als Vorsitzender der sozialdemokratischen Arbeitnehmervereinigung teilt er Lafontaines Ansichten. Auch gegen Hartz IV hatte Schreiner bis zuletzt erbittert gekämpft - und verloren.
Mit der geballten Argumentationskraft des Willy-Brandt-Hauses soll Schreiner nun davon abgehalten werden, zu Lafontaine überzulaufen. "Schreiner ist die entscheidende Figur", heißt es. Auch die Fraktionslinken Sigrid Skarpelis-Sperk und den bayerischen DGB-Chef Fritz Schösser haben Münteferings Leute als potenzielle Abweichler identifiziert, die dringender Bearbeitung bedürfen. Weil die Koalition im Bundestag derzeit nur drei Stimmen mehr hat als die notwendige Kanzlermehrheit, würde der Abgang der Enttäuschten das sichere Ende von Rot-Grün bedeuten.
In der Parteiführung wird nun eine interne Liste abgearbeitet, auf der potenzielle Partner Lafontaines aus dem SPD- und Gewerkschaftsmilieu stehen. Mit den meisten von ihnen wollen Müntefering oder seine Mitstreiter persönlich reden, um sie von der Mitarbeit bei der Wahlalternative abzuhalten.
Darunter sind so illustre Namen wie der frühere IG-Metall-Chef Franz Steinkühler. Mit Lafontaine teilt er nicht nur die Vorliebe für gutes Essen und teure Rotweine, sondern auch die Überzeugungen. "Die SPD drückt mit ihren Hartz-Gesetzen Arbeitslose an den Rand der Armut", sagt Steinkühler, der vor elf Jahren nach umstrittenen Aktiengeschäften von seinem Amt zurücktreten musste. "Man müsste blind sein, wenn man nicht sehen würde, dass sich daraus das Potenzial für eine Partei links von der SPD ergibt."
In der IG Metall verfügt Steinkühler noch immer über exzellente Drähte und jede Menge Einfluss. Mit Klaus Ernst, der als Schweinfurter IG-Metall-Funktionär die
"Wahlalternative" leitet, telefoniert er regelmäßig. Mit IG-Metall-Chef Jürgen Peters trifft er sich zu Gesprächen über die politische Lage.
Wenig überraschend sind Lafontaines Drohungen in der PDS mit großer Freude registriert worden. "Da entsteht eine eigene Dynamik", jubelte Parteistratege André Brie, der schon lange davon träumt, bei der Bundestagswahl 2006 mit einem linken Dream-Team anzutreten: Gysi im Osten und Lafontaine im Westen. Dafür sei dann auch denkbar, dass die PDS im Westen gar nicht erst antreten würde, um Lafontaines Linkspartei den Vortritt zu lassen.
In ihren regelmäßigen Gesprächen haben Gysi und Lafontaine alle möglichen Optionen bereits durchgespielt. Entschieden ist noch nichts - aber alles ist möglich.
"Inhaltlich gibt es von uns zur Wahlalternative und übrigens auch mit Lafontaine einige Berührungspunkte", sagt auch PDS-Chef Lothar Bisky. Und Gysi, dem die Zeit ohne politisches Amt zunehmend langweiliger wird, tönt: "Eines ist klar: Auch im Westen gibt es jetzt einen Bedarf nach einer Kraft links von der SPD."
Behutsam basteln die PDS-Strategen bereits an einer neuen Linksfront, dem Projekt "PDS plus X". Schaltstelle ist dabei die parteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung, die von Michael Brie, dem Bruder André Bries, mit geführt wird. Mehrmals trafen sich hier schon Vertreter der westdeutschen Wahlalternative mit den ostdeutschen Sozialisten.
Anders als der PDS gelang es der Union bislang nicht, das Hartz-Fieber für sich zu nutzen. Im Gegenteil. CDU-Chefin Angela Merkel, bis Ende vergangener Woche offiziell noch auf Wanderurlaub in den Alpen, hatte bislang wenig Freude an dem, was ihre Parteifreunde zum Arbeitsmarkt-Theater beitrugen.
Jahrelang hatte die CDU die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe gefordert und bei den Verhandlungen im Vermittlungsausschuss auf harte Einschnitte gedrungen. Jetzt verfolgte Merkel in den Nachrichten fassungslos, wie sich der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt oder der nordrhein-westfälische Landeschef Jürgen Rüttgers plötzlich an die Spitze der Hartz-Gegner stellten.
Sonst spottet der Wirtschaftsfachmann Milbradt gern über zögerliche Parteifreunde ("Wer das Feld den Kleinmütigen und Bedenkenträgern überlässt, der vertut eine wichtige Chance, Politik zu gestalten"). Doch solche Glaubenssätze waren schnell
vergessen, als sich die Demonstranten plötzlich auch in Sachsen versammelten.
Er schließe nicht aus, sich an den Montagsdemonstrationen zu beteiligen, erklärte der Regierungschef einer erstaunten Öffentlichkeit. "Ich könnte mir so etwas vorstellen." Milbradt muss im September seine erste Landtagswahl bestehen. Die Umfragen sehen die absolute Mehrheit der CDU in Gefahr.
Auch Rüttgers, der im kommenden Mai Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen werden will, schreckten die Proteste gegen Hartz aus der Sommerruhe. Statt sich mit Kleinigkeiten abzugeben, forderte er forsch eine "Generalrevision" - ganz so, als sei seine Partei an der jetzigen Regelung nicht maßgeblich beteiligt.
Und CSU-Vizechef Horst Seehofer stellte in der vergangenen Woche mal eben das ganze Reformwerk in Frage. "Hartz wird für die Beschäftigungssituation in Deutschland völlig unwirksam sein. Bei den Arbeitslosen wird es aber maximale Betroffenheit auslösen. So kann man nicht Politik machen." Die Union dürfe den Änderungen nur zustimmen, "wenn die Fraktion gleichzeitig ein eigenes Konzept vorlegt. Das haben wir bislang nicht", sagte Seehofer.
Irritiert registrierte die Unionsspitze, dass das Hartz-Fieber nun auch in den eigenen Reihen grassiert. "Man muss zu seinem Wort und zu seiner Verantwortung stehen, auch wenn der Gegenwind stark ist", sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust, "das gilt für die Regierung, das gilt auch für die Union."
Immerhin war es eine große Koalition von SPD, Grünen und Union, die beschloss, was jetzt so viele Arbeitslose unter Schock setzt. So hart hat noch nie eine Bundesregierung in die Sozialleistungen für Erwerbslose eingeschnitten. Jahrzehntelang hatten sich die Volksparteien geradezu darin überboten, die hiesige Arbeitslosenversicherung zu einer der komfortabelsten der Welt auszubauen. Mal führte die SPD üppige Geldleistungen für Umschüler oder Bauarbeiter ein. Dann wieder verbesserte die CDU das Stempelgeld für Ältere. Warum auch nicht? In der Wirtschaftswunderwelt der Nachkriegszeit galt es als Ausweis deutscher Wirtschaftskraft, dass Joblose nicht gleich jede Stelle annehmen müssen.
Die staatlich finanzierte Großzügigkeit lag nicht nur im Interesse der Arbeitslosen, sondern der Tarifparteien. Die Gewerkschaften konnten höhere Löhne durchsetzen - im Zweifel zahlte ja Nürnberg, wenn doch einmal zu viele Jobs verloren gingen. Und die Arbeitgeber ermunterte das Unterstützungssystem
zu einer Personalpolitik nach dem Motto: Alte raus, Junge rein. Sollten doch die Arbeitsämter sehen, wie sie die 55-Jährigen wieder in Lohn und Brot brachten. Je stärker die Politiker die Arbeitslosenversicherung ausbauten, desto mehr entartete sie zu einem Instrument zur "sozialfriedlichen Stilllegung überschüssiger Arbeitskraft", wie der Kölner Gesellschaftsforscher Wolfgang Streeck spottet.
Zum Sanierungsfall wurde die Transferkasse jedoch erst, als im Gefolge schwächerer Wachstumsraten und häufigerer Konjunktureinbrüche immer mehr Jobs verloren gingen. Spätestens seit die Arbeitslosenzahlen Mitte der achtziger Jahre die Zwei-Millionen-Marke überschritten, war Wirtschaftswissenschaftlern klar, dass die Arbeitslosenversicherung nicht mehr Teil der Lösung, sondern Teil des Problems war.
Doch statt das gestaffelte System aus Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe behutsam umzubauen, überfrachtete die Regierung Kohl das Versicherungssystem auch noch mit den Lasten der deutschen Einheit. Als die verfehlte Wirtschaftspolitik nach der Wende die ostdeutsche Industrie nahezu flächendeckend zusammenbrechen ließ, fanden sich ganze Bevölkerungsgruppen über Nacht als Dauerkunden der Arbeitsämter in Chemnitz, Rostock oder Leipzig wieder.
Als Trost erwarteten sie dort nicht nur ein Stempelgeld auf Weststandard, sondern auch die fragwürdigen Segnungen der so genannten aktiven Arbeitsmarktpolitik: Erst wurden Hunderttausende Ostbürger wahllos von Maschinenschlossern zu Industriekaufleuten und von Industriekaufleuten zu Maschinenschlossern umgeschult. Dann versteckte die Arbeitsverwaltung die ausgemusterten Ostbürger in unzähligen Beschäftigungsprojekten des zweiten Arbeitsmarkts, die den neuen Ländern so fragwürdige Superlative bescherte wie eines der dichtesten Radwegenetze der industrialisierten Welt oder ABM-Gesellschaften als größte Arbeitgeber ganzer Regionen.
Im Gefolge wuchsen die Ausgaben für die Arbeitslosigkeit in ganz Deutschland auf ein Niveau, das der Wirtschaft beständig steigende Beitragslasten und dem Staat immer neue Haushaltslöcher brachte. So kostet die Verwaltung der Erwerbslosigkeit Staat und Arbeitslosenversicherung derzeit über 70 Milliarden Euro jährlich, mehr als doppelt so viel wie die Etats von Bundesverkehrs- und Bundesbildungsministerium zusammen.
Was einst als Errungenschaft des deutschen Wohlfahrtsstaats gefeiert wurde, ist längst zu einem Bestandteil der deutschen Krankheit geworden, wie vor einigen Jahren der wissenschaftliche Expertenkreis des Bündnisses für Arbeit feststellte: Kaum ein anderes Land gibt so viel Geld für die Verwaltung der Arbeitslosigkeit aus wie die Bundesrepublik, in kaum einem anderen Land sind die Erfolge so dürftig wie hier. In Deutschland dauert es länger als in den meisten übrigen Industrienationen, einen Arbeitslosen wieder in Beschäftigung zu bringen. Dafür ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen fast nirgendwo höher.
Dass sich an den Zuständen am deutschen Arbeitsmarkt etwas ändern muss, ist unter Experten deshalb unumstritten. Auch die Methode, nach der die aus den Fugen geratene Erwerbslosenversicherung saniert werden muss, haben viele Länder unter dem Motto "Fördern und Fordern" längst erfolgreich vorgemacht (siehe Seite 32): Die reine Geldleistung für Arbeitslose muss reduziert und dafür ein sorgfältig abgestimmtes System von Sanktionen und finanziellen Anreizen eingeführt werden, damit es sich für Erwerbslose wieder lohnt, einen Job anzunehmen.
Das Ziel hatte sich auch die Bundesregierung gesetzt, als sie im vergangenen Jahr mit der Oppositionsmehrheit über ihre Arbeitsmarktreform "Hartz IV" verhandelte. Während sich die Unterhändler über die vorgesehenen Leistungskürzungen schnell verständigten, bissen sich die Experten monatelang an ganz anderen Problemen fest: welche Behörden das neue Arbeitslosengeld II eigentlich verwalten und, vor allem, wie die Kosten zwischen Bund, Ländern und Kommunen verteilt werden sollten.
Praktisch keine Rolle spielten dagegen jene Fragen, die im Moment die Demonstranten in Ostdeutschland bewegen. Wo sollen die Beschäftigungsmöglichkeiten, die ihnen die Regierung verspricht, eigentlich herkommen? Welche Alternativen können ihnen die Vermittler in den neuen Jobcentern künftig anbieten? Was wird aus den bisher gewohnten Arbeitsbeschaffungsprojekten?
Berechtigte Fragen, die im Vermittlungsverfahren des vergangenen Jahres
kaum diskutiert wurden. Eine flankierende Wirtschaftspolitik für die neuen Länder - kein Thema. Eine Neuordnung der öffentlichen Beschäftigungsförderung - Fehlanzeige.
Die einzige Antwort, auf die sich die Parteistrategen verständigen konnten, bestand in einer eilig zusammengezimmerten Tabelle, wie viel Geld Arbeitslose künftig neben der Stütze legal hinzuverdienen dürfen.
Doch die Neuregelung fiel nicht nur derart kompliziert aus, dass selbst Experten rätseln, wie sie eigentlich zu verstehen ist. Sie räumt den Arbeitslosen auch nur bescheidene Verbesserungen ein. Vielen Stempelgängern, die neben der Stütze einen kleinen Zusatzjob annehmen wollen, bliebe mit Hartz IV künftig sogar weniger in der Tasche als bisher. Die Reform setze wohl nur "relativ geringe finanzielle Anreize", räumt selbst Wirtschaftsminister Wolfgang Clement ein.
Auch bei den öffentlichen Beschäftigungsprojekten verdient die rot-grüne Politik bestenfalls das Etikett "widersprüchlich". Während die Nürnberger Bundesagentur die herkömmlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gerade rigoros zusammenstreicht, will die Regierung in den nächsten Monaten Hunderttausende so genannte Arbeitsgelegenheiten in Kindertagesstätten, Berufsschulen oder Pflegeheimen schaffen.
Doch der geplante Schub bei staatlichen Billigjobs ist nicht einmal im eigenen Lager unumstritten. Während Clement die öffentliche Stellenförderung künftig nahezu vollständig auf so genannte Ein-Euro-Jobs konzentrieren will, verfolgt der SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner eine andere Strategie. Er will die kommunalen Arbeitseinsätze in Parks und Pflegeheimen nur "nachrangig" fördern, heißt es in einem Brief an Clement. Den Vorrang müssten Maßnahmen mit größerer Nähe zum ersten Arbeitsmarkt haben, wie Lohnsubventionen oder Fortbildungsprogramme.
Der Streit zeigt, wie sehr das Reformvorhaben der Regierung unter seiner fatalen Schlagseite leidet. Während selbst in den ultraliberalen Vereinigten Staaten Sozialkürzungen mit einer besseren Jobförderung verbunden werden, bleibt bei Hartz IV vor allem das Fordern übrig. "Wir brauchen mehr Lohnsubventionen im Niedriglohnsektor", verlangt deshalb SPD-Wirtschaftsexperte Rainer Wend.
Das mangelnde Förderkonzept ist der wichtigste, aber längst nicht der einzige Schwachpunkt in der Hartz-IV-Strategie der Regierung. Genauso verheerend wirkte sich aus, dass Wirtschaftsminister Clement die Anträge für die neue Sozialleistung ausgeben ließ, bevor die Detailfragen geklärt und die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen ausreichend geschult waren.
Von den Anrechnungsvorschriften bei Lebensversicherungen bis zur amtlich zulässigen Wohnungsgröße: Bei vielen Fragen gaben die Agenturen den Betroffenen höchst unterschiedliche Antworten - und schufen so die Grundlage, auf der die überhitzten Debatten der vergangenen Wochen um Zahlungstermine, Datschengrundstücke und Ausbildungspolicen überhaupt erst geführt werden konnten.
Er habe, sagt ein arbeitsloser Ingenieur, 35, mit einem Anflug von Ironie, beim Ausfüllen des Hartz-Formulars mit seinem Sachbearbeiter beim Arbeitsamt Mönchengladbach "einen gemeinsamen Lernprozess" durchlaufen. Dann gaben beide auf.
Hinzu kam eine Informationspolitik, über die
selbst rot-grüne Koalitionäre die Köpfe schüttelten. Von einer "kommunikativen Katastrophe" spricht SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler. Die Aufklärung habe "viel zu spät eingesetzt", moniert die grüne Arbeitsmarktexpertin Thea Dückert.
Jetzt wird ein Schuldiger gesucht, den man in der SPD-Spitze schon gefunden zu haben glaubt: Regierungssprecher Béla Anda, dessen Presseamt Stiegler ("Die bringen keine Botschaft rüber, da fehlt der Biss") für einen Totalausfall hält. Anda wiederum macht die Ministerien verantwortlich: Seine Behörde sei lediglich für die "Dachkommunikation" verantwortlich, die "Fachkommunikation" hingegen obliege den einzelnen Ressorts.
Nun soll das Presseamt die Wutwelle knapp vor den Landtags- und Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen und im Osten eindämmen. Ab Sonntag sollte die Blitzoffensive mit Zeitungsanzeigen, Internet-Infos und einer Broschüre starten: Der viel versprechende Titel aus Clements Ministerium: "Erste Basisinformationen zur Grundsicherung von Arbeitslosen".
Eine Frau wie Brigitte Becker, 51, aus Gelsenkirchen wird auch dieser hilflose Kommunikationsversuch der Regierung kaum beruhigen können. Ihr Sohn will aus der Wohnung ausziehen, weil er nicht für sie zahlen wolle, berichtet sie auf Versammlungen unter Tränen: "Der Junge hat mich gefragt, was hab ich mit deiner Arbeitslosigkeit zu tun?" Da hat die Wahrheit, dass dies von Hartz nicht verlangt wird, keine Chance gegen die Angst.
Längst nämlich hat sich eine Reihe von Mythen in den Köpfen der Deutschen festgesetzt, die mit der Wirklichkeit der Hartz-Gesetze nichts zu tun haben:
* Mythos 1: Massenhaft müssen Ostbürger künftig auf Druck der Behörde in unsanierte Plattenbauten umziehen. Es gelten die gleichen Regeln wie bei der Arbeitslosenhilfe. In der Praxis werden Bedürftige schon heute nur in Ausnahmefällen zum Verlassen ihrer Wohnung gezwungen.
* Mythos 2: Wer arbeitslos wird, muss seine Lebensversicherung verkaufen, bevor er Stütze bekommt. Tatsächlich darf die Police weitergeführt werden, sofern ihr Wert nicht 13 000 Euro übersteigt.
* Mythos 3: Ostdeutsche müssen ihre geliebten Datschen verkaufen, weil Arbeitslose kaum noch Vermögen haben dürfen. In der Praxis werden entsprechende Fälle kaum auftreten: Die Behörden wissen, dass sich ostdeutsche Laubengrundstücke kaum zu Geld machen lassen.
Dass die PR-Kampagne der Regierung die grassierende Anti-Hartz-Stimmung zwischen Chemnitz und Rostock ändern könnte, glaubt selbst Reformminister Clement nicht. Da gebe er sich "keinen Illusionen" hin. Dabei zeigen erste Meldungen aus den neuen Ländern, dass die geplanten Leistungskürzungen bei vielen Betroffenen nicht nur Ängste, sondern auch ungewohnte Aktivitäten auslösen.
So registriert etwa Mandy Hentzschel, Geschäftsführerin der privaten Arbeitsvermittlung Landlords im sächsischen Putzkau: "Die Anfragen von Arbeitslosen haben gigantisch zugenommen - schlagartig von dem Tag an, als Hartz IV im Detail bekannt wurde." Früher habe sich mancher Firmenchef, der sofort jemanden brauchte und fest einstellen wollte, von Arbeitslosen schon mal anhören müssen: "Für das Geld nicht" oder "Gerade wollte ich in Urlaub fahren". Das habe sich "drastisch geändert".
Auch der Frankfurter Zeitarbeitskonzern Manpower berichtet über einen deutlichen Bewerberanstieg in den neuen Län-
dern. Es gebe "eine wirklich extreme Zunahme", berichtet etwa die Chefin der Manpower-Filiale im sachsen-anhaltischen Haldensleben, Cornelia Knöfler. Bis Mai sei alles "normal gelaufen", sagt sie. Aber seitdem Hartz IV droht, hätten sich "die Anfragen verdoppelt".
Dass der verstärkte Druck Wirkung zeigt, glaubt auch Matthias Dünkel, Geschäftsführer einer mittelständischen Bäckereikette in Leipzig. "Seit Politiker und Medien die Hartz-Konzepte rauf und runter diskutieren, interessieren sich viel mehr Arbeitslose für Minijobs oder Festanstellungen", sagt er. "Wenn wir früher Personal für bestimmte Jobs brauchten, kam es schon vor, dass sich kein Einziger fand."
Nun kommen sie wegen Hartz; etwa Marc Mehnert, der vor kurzem in Dünkels Betrieb eine Lehre begonnen hat. Gleich nach der Schule hatte Mehnert sich mit verschiedenen Hilfsjobs durchgeschlagen und war dann eine Zeit lang arbeitslos. Jetzt gab ihm die Hartz-Diskussion den entscheidenden Schub, "doch noch etwas Richtiges zu lernen". In Zukunft mit der ganzen Härte von Hartz, aber ohne Abschluss leben zu müssen - "das Risiko war mir zu hoch", sagt er, "da ist man doch immer der Erste, der rausfliegt".
Und so gibt es in den neuen Ländern viele, die der Proteststimmung skeptisch gegenüberstehen. Bäckereichef Dünkel etwa: "Den meisten der Leute, die montags demonstrieren, geht es nicht um mehr Arbeit, sondern darum, dass sie weiter so lange schlafen können wie bisher."
Dass die rot-grüne Reform viele Arbeitslose wieder zur Jobsuche drängt, ist
wahrscheinlich. Dass die Bewerber aber auch genügend Stellen finden, um die Erwerbslosenzahl in Ost wie West nennenswert zu drücken, ist weit weniger sicher. Viel zu zaghaft belebt sich die Konjunktur, viel zu halbherzig bleibt die Reformpolitik der Regierung.
Und so treibt viele Betroffene die berechtigte Angst um, dass die Regierung zwar nun den Druck auf die Arbeitslosen und damit das Risiko eines Absturzes in die Armut deutlich erhöht, aber gleichzeitig ihr Versprechen neuer Jobs nicht einlösen kann.
Spätestens jetzt wird klar, dass die Koalition viel zu lange von echten Reformen am Arbeitsmarkt nichts wissen wollte. Jetzt muss sie die schwierigen Umbauten am Sozialstaat ausgerechnet zu einem Zeitpunkt vornehmen, wo sie wegen der schlechten Wirtschaftslage besonders schmerzhaft für die Betroffenen sind.
Dieser Fehler hatte sich schon bei Arbeitsbeginn der Schröder-Regierung vor sechs Jahren gezeigt. Kaum im Amt nahm sie die zaghaften Reformversuche der Vorgängerregierung wieder zurück - so wie im Wahlkampf versprochen. Als erstes wurde die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die unter Helmut Kohl um 20 Prozent gestutzt worden war, wieder in voller Höhe eingeführt.
Dann wurde der Kündigungsschutz für Kleinunternehmen wieder verschärft. Betriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern waren von den strengen Regeln des Arbeitsrechts ausgenommen. Rot-Grün setzte die Grenze auf fünf Mitarbeiter herunter.
Als Nächstes belastete die Regierung die 630-Mark-Jobs, die Millionen Arbeitnehmern ein abgabefreies Zusatzeinkommen verschafften, mit einem Wust an bürokratischen Auflagen und hohen Beiträgen. Millionen von Billigjobs verschwanden oder wurden in die Schwarzarbeit gedrängt, weil sie unattraktiv geworden waren.
Auch Selbständige mit nur einem Auftraggeber fanden in den Augen der Regierung keine Gnade. "Scheinselbständige" seien das, die in Wirklichkeit den Job eines früher regulären Arbeitnehmers erledigten. Auch diese Form der Beschäftigung wurde wegreformiert.
Der Versuch, in einem Bündnis für Arbeit gemeinsam mit Wirtschaft und Gewerkschaften den deutschen Arbeitsmarkt zu reformieren, endete kläglich. Das Gremium lähmte sich in quälenden Konsensrunden, traf sich immer seltener - und schlief am Ende schließlich ein.
Doch Rot-Grün hatte Glück. Die Versäumnisse der Koalition fielen zunächst kaum auf, weil in den Boomjahren 1999 und 2000 die kräftige Konjunktur für neue Jobs sorgte. Zudem gaben sich Schröder und seine Mitstreiter der Hoffnung hin, die demografische Entwicklung werde aus einem Arbeitslosenproblem in überschaubarer Zukunft einen Arbeitsmangel machen.
In internen Papieren der Bundesregierung war von einem Entlastungseffekt von 250 000 Menschen die Rede, weil immer mehr ältere Arbeitnehmer aus dem Berufsleben aus- und immer weniger jüngere einsteigen würden. Um Vollbeschäftigung zu erreichen, brauche es also keiner anstrengenden Reformarbeit mehr, nur etwas Geduld.
Schröders Ankündigung, die Zahl der Arbeitslosen bis zur Bundestagswahl 2002 auf 3,5 Millionen Menschen zu senken, schien damit wie eine beinahe sichere Wette. Schröders engster ökonomischer Berater, Wirtschaftsstaatssekretär Alfred Tacke, gab fröhlich die Parole aus: "Zurücklehnen und genießen."
Doch es kam anders. Der Einbruch der Weltkonjunktur und die wirtschaftlichen Folgen des 11. September 2001 trafen die deutsche Wirtschaft empfindlich. Das Wachstum brach ein, die Arbeitslosigkeit stieg.
In seiner Not - und wegen des Skandals um manipulierte Erfolgszahlen der Nürnberger Bundesanstalt - berief Schröder kurz vor der Bundestagswahl 2002 eine Reformkommission unter der Leitung des VW-Personalchefs Peter Hartz ein. Mit mehr Druck auf Arbeitslose und einer besseren Vermittlung wollte das Expertengremium innerhalb von zwei Jahren die Arbeitslosigkeit halbieren, verkündete der Kommissionschef selbstbewusst.
Mit den diversen Hartz-Gesetzen machte die Regierung in Teilen nur rückgängig, was sie zuvor selbst angerichtet hatte. So heißen die 630-Mark-Jobs von einst heute Minijobs, und die Scheinselbständigen sind als Ich-AG wieder unterwegs
Nur mit Hartz IV ist die Regierung deutlich über ihre bisherige Arbeitsmarktpolitik hinausgegangen. Doch etliche Vorschläge, die Ökonomen bereits seit langem fordern, werden von der Koalition nach wie vor abgelehnt.
So fand Rot-Grün bis heute kein Konzept für eine durchgreifende Senkung der Sozialbeiträge, die wie eine Strafsteuer auf dem Faktor Arbeit lasten. Den Plan einer Regierungskommission etwa, nach Einkommen gestaffelte Krankenkassenbeiträge durch einheitliche Kopfprämien für alle zu ersetzen, lehnte die SPD ab.
Und auch gegen das Alternativmodell einer so genannten Bürgerversicherung, in die auch Selbständige, Beamte und Vermögensbesitzer einzahlen sollen,
macht sich in der Partei schon Unbehagen breit.
Immer noch sperrt sich die Bundesregierung dagegen, private Arbeitgeber steuerlich genauso zu behandeln wie Unternehmen. Könnte zum Beispiel eine Familie die Kosten einer Haushaltshilfe oder eines Kindermädchens steuerlich in gleicher Weise geltend machen wie ein Unternehmen, würden gerade bei einfachen Arbeiten zahlreiche neue Jobs entstehen.
Vor allem aber verwarf die Regierung die Überlegung, Arbeitslosen mit Hilfe so genannter Kombilöhne finanzielle Anreize zur Jobaufnahme anzubieten. So lag dem Kanzleramt bereits 1999 ein bis ins Detail ausgearbeiteter Plan der beiden Sozialwissenschaftler Wolfgang Streeck und Rolf Heinze vor, durch finanzielle Anreize einen neuen Niedriglohnsektor im Dienstleistungsbereich aufzubauen. Doch als vor allem die Gewerkschaften gegen das Projekt ihr Veto einlegten, zog der Kanzler das Vorhaben eilig zurück - lediglich in die neuen Minijob-Regeln ist eine Kleinstvariante des Vorschlags eingeflossen, die aber so dürftig ausfiel, dass sie kaum Wirkung erzielt.
Dabei hatte Schröder einst selbst für eine ausgewogenere Reformstrategie geworben. Im September 1997 etwa, ein Jahr vor seinem Amtsantritt, stellte der niedersächsische Ministerpräsident in Dresden "Eckpunkte einer sozialdemokratischen Modernisierungs- und Reformpolitik" vor.
"Die unzureichende ökonomische Flexibilisierung und der Reformstau geht in erster Linie zu Lasten der Beschäftigung und trifft die Arbeitslosen mit voller Wucht", wurde da zutreffend analysiert und sogar angekündigt, im Falle eines Wahlsieges eine negative Einkommensteuer einzuführen, um so die Arbeitsmärkte im Niedriglohnbereich zu erschließen. "Das setzt eine Neuformulierung der Ziele, Regeln und des Niveaus im System der Sozialhilfe voraus", so Schröder vor sieben Jahren, "die wir unverzüglich in Angriff nehmen werden."
Dass die schwache Arbeitsmarktbilanz vor allem auf eigenen Fehlern beruht, macht die Lage für die Regierung nicht besser. Die wochenlange Hartz-Diskussion hat die Ausgangposition für die Wahlen im kommenden Herbst verschlechtert: Nicht unwahrscheinlich, dass die Partei in Brandenburg ihren Ministerpräsidentenposten an die PDS verliert und bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen weitere Rathäuser an die CDU gehen.
Es ist ein Wettlauf mit der Angst der Bürger. Weil Schröders Arbeitsmarktreformen viel zu spät und mitten in der Flaute kommen, produzieren sie nun die denkbar schlechteste Kombination von Nachrichten: Mit neuen Jobs ist nach den jüngsten Konjunkturprognosen bestenfalls im zweiten Halbjahr 2005 zu rechnen. Die Einschnitte in den sozialen Besitzstand der Deutschen machen sich dagegen sofort bemerkbar.
Und so ist es kein Wunder, dass die einst republikweit begrüßten Hartz-Reformen inzwischen bei weiten Bevölkerungskreisen kaum noch als Chance, sondern überwiegend als Bedrohung empfunden werden. Statt die Hoffnung auf einen neuen Aufbruch zu wecken, nähren Schröders Agendagesetze den depressiven Stimmungsmix aus Reformüberdruss und Zukunftsangst, der derzeit über dem Land liegt und längst selbst zu einer Konjunkturbremse geworden ist.
Dass die eiligen Reparaturen der vergangenen Woche daran etwas ändern werden, glaubt nicht einmal der Kanzler selbst. Er habe "keinen Moment" erwartet, dass "der harte Kern der Demonstranten jetzt einlenkt", ließ Gerhard Schröder wissen, als er nach dem Besuch am Grab seines Vaters in Rumänien Ende vergangener Woche weiterflog.
Der Kanzler hofft - wieder einmal - auf die Konjunktur. Ein spürbarer Aufschwung, eine sichtbare Verbesserung am Arbeitsmarkt - und schon könnte sich die Stimmung zur nächsten Bundestagswahl im Jahr 2006 wenden.
Um die vagen Linkspartei-Drohungen seines Feindes Oskar Lafontaine macht sich Schröder nach eigenem Bekunden keine Sorgen. "2006 gibt es eine Auseinandersetzung mit der Opposition um die richtige Politik", meint der Kanzler. "Daran würde auch keine Neugründung einer Partei etwas ändern." GEORG BÖNISCH,
PETRA BORNHÖFT, MARKUS FELDENKIRCHEN, KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, RALF NEUKIRCH, CHRISTIAN REIERMANN, IRINA REPKE, MICHAEL SAUGA, BARBARA SCHMID, ANDREAS WASSERMANN
LEA ROCH, 22, gelernte Mechantronikerin. Ihr Arbeitgeber, ein Hersteller von Verpackungsglas in Essen, will 110 von 490 Stellen streichen: "Wir stehen unter enormem Druck."
GERHARD BUCHLER, 43, Schlosser auf der Zeche Auguste Victoria in Marl. Er schimpft auf Minister Clement: "Der kommt aus Bochum und müsste doch wissen, wie es hier zugeht."
MARION MOLL, 44, aus Mönchengladbach. Die Verkäuferin, seit 2001 ohne Job, betreut die kranke Mutter. Das Geld gehe "langsam zur Neige", sagt sie: "Man hängt in den Seilen."
REINHOLD SCHMIDT, 32, Buchbinderhelfer, seit zwei Jahren arbeitslos. Von den Behörden fühlt er sich im Stich gelassen: "Die behandeln mich so, als sei ich zu faul zum Arbeiten."
KLAUS TRÜBENBACH, 52, Diplomingenieur der Elektrotechnik, seit sieben Jahren arbeitslos. Er lebt von 700 Euro Arbeitslosenhilfe: "Wenn Hartz kommt, fällt bei mir das Internet weg."
ANNEGRET GÄRTNER, 26, Arbeiterin am Fließband bei Opel in Bochum. Immer weniger Kollegen meldeten sich krank, sagt sie, aus Angst: "Wer rausfliegt, ist ganz schnell ganz unten."
HELMUT ROOS, 53, gelernter Reproduktionsfotograf aus Mannheim, arbeitslos seit 2002. Er bewarb sich sogar als Müllwerker - keine Chance. "Man sagte mir, ich sei überqualifiziert."
GISELA UND MICHAEL HORNSCHUH, 50 und 48, aus Gelsenkirchen. Ihm ist zum Jahresende gekündigt, sie fragt sich, ob die Tochter studieren kann: "Wie sollen wir uns das leisten?"
* Bei der Übergabe des Gutachtens am 16. August 2002.
Von Georg Bönisch, Petra Bornhöft, Markus Feldenkirchen, Konstantin von Hammerstein, Ralf Neukirch, Christian Reiermann, Irina Repke, Michael Sauga, Barbara Schmid und Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 34/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Eklat in Großbritannien: US-Diplomatenfrau reist nach tödlichem Unfall aus
  • Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen
  • Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung