16.08.2004

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEEs ist ein Frosch

Das Wunder von Iranshahr - wie eine Frau einen Dämon gebar
Er ist ein Däumling, rote Augen, Zähne wie Nadeln. Er kommt nachts, giert nach Blut, reitet eine Fledermaus - und wenn man nicht aufpasst, springt er einem auf die Schulter. Ein kalter Anhauch, und er schlüpft durchs Ohr. Wandert von dort durch den Körper, frisst dich auf, von innen. Er heißt Luluk. Die iranischen Kinder fürchten ihn, nicht nur die Kinder.
Er ist ein Dämon.
Am Abend des 18. Mai 2004, gegen 17.30 Uhr, wird Dr. Nasrin Absalan, 36 Jahre alt, Dienst habende Gynäkologin am "Krankenhaus des 17. Schahriwar" in der kleinen Stadt Iranshahr, in die Notaufnahme gerufen. Der Notfall ist eine Frau, klein, mager, Mitte dreißig. Die Stirn: schweißnass, Blutdruck: alarmierend schwach, 50 zu 80. Ihr Name: Fatema Dschahangir Sehi.
Neben ihr steht eine Alte, die eine schwarze Plastiktüte umklammert hält.
Ich bin Fatemas Mutter.
Die Ärztin stellt Routinefragen, war es ein Unfall, ein Sturz? Die Mutter druckst, stottert, nein, kein Unfall, aber ihre Tochter habe am Morgen ein Wesen zur Welt gebracht - und das hätte sie dabei, Allah sei ihr gnädig, in dieser Tüte.
Ein Wesen?
Die Mutter starrt zur Wand, die Tochter stöhnt. Es ist ein Frosch, flüstert die Mutter. Es ist ein Luluk.
Wahrscheinlich Früh- oder Fehlgeburt, denkt Dr. Absalan, sie nimmt der Alten die Tüte weg und lässt sie in die Pathologie schaffen, erst mal muss sie sich um die Patientin kümmern. Die Schwestern fassen an, man trägt Fatema ins Behandlungszimmer, wo Dr. Absalan etwas sieht, was sie wohl in ihrem Leben nicht vergessen wird.
Fatema Sehis Vagina ist gefüllt wie eine Backform, gefüllt mit einer Paste, Lehm oder Brei, geruchlos, schwärzlich. Dr. Absalan räumt die Vagina aus, spült, untersucht weiter: Der Muttermund ist nicht geweitet, sie führt ein Hysterometer ein, die Gebärmutter misst neun Zentimeter, völlig normal. Keine Spuren einer Abtreibung, keine extrauterine Schwangerschaft. Und keinesfalls hat diese Frau unlängst ein Kind geboren.
Was also soll das alles?
Fatema Sehi liegt im Stuhl, Augen geschlossen, sie sagt kein Wort.
Dr. Absalan seufzt, der Puls ihrer Patientin ist kräftiger, die Ärztin geht in die Pathologie, dort ist aber keiner mehr. Die Schwestern haben die Tüte geöffnet und sind weggelaufen. Seltsam. Dr. Absalan schaut in die Tüte und zuckt zusammen. Lange starrt sie in die Tüte und auf den toten Frosch darin. Als sie zu ihrer Patientin zurückkehrt, ist die verschwunden.
Am Abend erzählen die Schwestern die Geschichte ihren Männern, schaudernd; am nächsten Tag erzählen die Männer es weiter.
Iranshahr liegt am südöstlichen Rand Irans, rund 1200 Kilometer von Teheran, in der Provinz Balutschistan, im Grenzgebiet zu Pakistan, Afghanistan. Schätzungsweise 75 000 Einwohner, der Drogenhandel blüht, die Straßen sind unsicher - aber es gibt Ärzte, Autos, die Leute essen Fleisch. Iranshahr ist nicht das Ende der Welt.
Das Ende der Welt liegt 15 Kilometer südlich: Nokdschub, 80 Einwohner, Häuser aus Stöcken und Lehm. Hier hat sich bislang das Leben von Fatema Sehi abgespielt, in Armut und Hitze, in Aberglauben und Staub.
Fatemas Mann heißt Salem: Mitte siebzig, Pluderhose, langer, weißer Bart. Er besitzt ein paar Dattelpalmen, doch seit drei Jahren herrscht Dürre, die Bäume verdorren, aber das ist noch nicht das Schlimmste. Zwei Töchter hat Fatema ihrem Mann geboren, danach hatte sie zwei Fehlgeburten; auch das ist nicht das Schlimmste.
Das Schlimmste ist, dass sie ihm keinen Sohn schenken konnte. Ein Sohn: Er könnte eines Tages fortgehen, reich werden, wiederkommen und helfen. Warum hat es nicht geklappt? Für Salem und Fatema gab es irgendwann nur eine Antwort: dass der Luluk die Söhne fraß, bevor sie geboren wurden.
Eine Frau, die den Luluk trägt, gefährdet das ganze Dorf.
Anfang Januar beschlossen Salem und Fatema, den Dämon auszutreiben. Jeden Tag musste Fatema einen Pflanzensaft schlucken, schwarzes, bitteres Zeug, Kalir genannt. Fatema musste sich oft übergeben. Aber sie schluckte weiter Kalir, sie wollte tapfer sein.
Um den 18. Mai muss die schon ziemlich verwirrte, womöglich leicht vergiftete Fatema einen Frosch gefunden haben, ein Tier, das in den Volksmythen eine dämonische Bedeutung hat. So wurde der Frosch für sie zum Luluk, und so, es gibt keine andere Erklärung, erfand Fatema die Geschichte einer Geburt.
Fatema Sehi war schon längst wieder im Dorf, als am 24. Juni 2004 eine Journalistin der Teheraner Zeitung "Etemad" von der Geschichte hörte und einen vorsichtigen Zweispalter schrieb - vorsichtig, weil die Geburt eines Monsters in einem Gottesstaat politisch heikel ist. Der "BBC Monitoring Service", der Meldungen aus aller Welt auswertet, stellte die Story ins Internet. Am 29. Juni druckte "Bild" die Meldung nach, statt eines Geburtsschreis "gab's ein langes lautes 'Quaaak!'", erkannte das Blatt. Und ergänzte, ebenso kreativ: "Mediziner vermuten, dass die Frau möglicherweise in einem Teich schwamm. Dabei müsste Froschlaich in ihren Körper eingedrungen sein."
Fatema Sehi ist wieder in Nokdschub. Es geht ihr besser. Doch ihre Dämonen werden zurückkehren, es sind die Dämonen der Armut und der Hoffnungslosigkeit. RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 34/2004
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