16.08.2004

LEICHTATHLETIKTraum aller Sportmanager

Carolina Klüft, Goldfavoritin im Siebenkampf, genießt in Schweden Kultstatus. Im Stadion flirtet die extrovertierte Weltmeisterin mit dem Publikum, daheim ist ihr die Starrolle peinlich.
Am Tag vor der Eröffnungsfeier sitzt Carolina Klüft in der Lobby des Miramare Bay Resort auf Zypern. Sie schwitzt und hat einen Sonnenbrand auf der Nase. Draußen sind 35 Grad. Die Siebenkämpferin aus Schweden holt sich mit ihren Teamkollegen auf der Insel den letzten Schliff für Olympia. Gestern hat sie im Tsirion-Stadion von Limassol Hürdenlauf und Hochsprung trainiert, heute früh Speerwurf, Kugelstoßen und Weitsprung. Und jetzt sagt sie: "Ich bin bereit. Ich bin in der Form meines Lebens."
Die Allrounderin wippt mit den Füßen und malmt auf einem Kaugummi. Klüft, 21, gehört zu jener Spezies Sportler, die immer in Bewegung sind. Vor Wettkämpfen hüpft sie mit dem Walkman im Ohr durch die Aufwärmzone wie ein Flummi, macht Handstand, schlägt Rad - und ahnt nicht mal, wie das ihre Konkurrentinnen nervt.
Plötzlich marschiert der schwedische Teamchef Ulf Karlsson durchs Hotelfoyer. Er hat zwei Teile eines Speers in der Hand. Es ist Carolinas Speer, der am Morgen im Flug geborsten ist.
Bei vielen der rund 10 500 in Athen startenden Athleten hätte ein ähnliches Malheur zu einem mittleren Nervenzusammenbruch geführt. Carolina Klüft nahm sich das kürzere der beiden Bruchstücke und trainierte weiter.
Sie blickt kurz Karlsson und dem Speermüll hinterher, dann ist sie zurück beim Thema. "Schweden ist zwar ein kleines Land", sagt sie, "aber wir werden der Welt zeigen, wie stark wir sind. Die Leute sollten gut auf uns achten."
Schwedens Leichtathleten waren bislang bei Olympischen Spielen notorisch unauffällig. Doch diesmal bilden sie eines der aufregendsten Teams überhaupt. Sie sind nur zwölf Sportler, aber sie werden voraussichtlich mehr Medaillen gewinnen als die deutsche Delegation, die siebenmal so groß ist.
Die Skandinavier schicken eben "keine Touristen nach Griechenland, sondern nur Athleten, die eine Chance aufs Finale haben", erklärt Karlsson. Athleten wie Hochsprung-Vizeweltmeister Stefan Holm, der seit 18 Wettkämpfen ungeschlagen ist, wie
den Dreisprung-Weltmeister Christian Olsson, der 29-mal nacheinander gewonnen hat, oder den Stabhochspringer Patrik Kristiansson, den Dritten der letzten WM.
Über allen steht, quasi als Musterexemplar des schwedischen Aufstiegs, Carolina Klüft, die Welt- und Europameisterin und vielseitigste Athletin der Gegenwart. Und wenn kein Unglück passiert, holt sie sich am Samstag die Goldmedaille.
Der von Dopingskandalen ramponierten Leichtathletik käme ein Triumph der blonden Mehrkämpferin gerade recht, denn sie verkörpert einen fröhlichen, mediengerechten Sportlertyp: Sie schneidet Grimassen, sobald eine Kamera in der Nähe ist; sie tanzt in den Wettkampfpausen durchs Stadion, sie flirtet mit dem Publikum und lackiert sich die Fingernägel in den schwedischen Landesfarben.
In ihrer Heimat genießt das Showgirl einen Status wie einst Björn Borg. Als Carolina Klüft voriges Jahr bei der WM in Paris gewann, saß jeder vierte Schwede vorm Fernseher. Sie wurde mit Ehrungen und Preisen überschüttet, eine Auszeichnung überreichte ihr Prinzessin Victoria. Sie hat einen Leichtathletik-Boom ausgelöst - alle Kinder wollen so sein wie "Carro".
Dabei ist ihr Leben nicht sonderlich glamourös. Die Sportanlage Värendsvallen im südschwedischen Växjö sieht ziemlich trostlos aus. Die Hochsprungmatte hat Löcher, das Tribünendach ist verrostet, die Laufbahn verdreckt. Hier trainiert Carolina Klüft zweimal am Tag für insgesamt vier Stunden, sechs Tage die Woche. Und hier wirkt sie ganz anders als auf der Showbühne eines großen Stadions.
Das Haar zum Zopf gebunden, sitzt sie in der Kantine des IFK Växjö. Mit den Händen knetet sie ihren Glücksbringer, einen kleinen Stoffesel. Sie sagt, sehr ernst: "Der Wirbel um meine Person ist mir peinlich. Es ist uncool, ein Star zu sein." Cool ist ihrer Ansicht nach, sich kleiner zu machen, als man ist. "Wenn ich mich im Fernsehen sehe, so aufgedreht und kokett, erschrecke ich mich selbst", sagt sie. Ulf Karlsson glaubt, die Hyperaktivität sei "ihre Form, Anspannung abzubauen".
Es ist eine seltsame Vorstellung: Dieser blonde, langbeinige, extrovertierte Traum aller Sportmanager soll nur das Resultat von Übersprungshandlungen sein?
Carolina Klüft, deren Mutter eine passable Weitspringerin war und deren Vater ein Fußballer, begann als Elfjährige mit der Leichtathletik. Sie wurde Siebenkämpferin, "weil ich mich für keine Disziplin entscheiden konnte". Mit zwölf stellte sie ihren ersten von 27 Jugendrekorden auf. Mit 17 wurde sie Junioren-Weltmeisterin, drei Jahre später übertraf sie die 7000-Punkte-Marke - als dritte Frau in der Geschichte.
"Carro ist ein Bewegungsgenie", sagt Agne Bergvall, "und ihr Körper regeneriert sehr schnell." Bergvall, 42, ist seit fünf Jahren einer ihrer Trainer in Växjö. Er ist Experte für Speerwerfen und Kugelstoßen. Er trainiert aber auch Fußballer, Eishockeyspieler und Handballer.
Die Beziehung zwischen Klüft und Bergvall ist ein typisches Beispiel für das schwedische Fördersystem. Der nationale Leichtathletik-Verband (SFIF) betrachtet seine Athleten als Individualisten und versteht sich als Serviceunternehmen. "Jeder Sportler weiß selbst am besten, was gut für ihn ist", sagt Teamleiter Karlsson, ein ehemaliger Zehnkämpfer.
Der Verband setzt konsequent auf die Heimtrainer in den Clubs, die täglich mit den Athleten arbeiten. Sie erstellen sämtliche Trainingspläne und begleiten ihre Schützlinge zu den großen internationalen Wettkämpfen: Bergvall wohnt wie Klüft dieser Tage im olympischen Dorf, während beispielsweise im Deutschen Leichtathletik-Verband, einem auf Selbsterhalt bedachten Organ, die Privattrainer oft als Störenfriede gelten.
Der SFIF hat nur einen Etat von 3,8 Millionen Euro und 16 Angestellte. Davon sind 4 Nationaltrainer, die halbtags arbeiten und Koordinierungsaufgaben übernehmen. Der deutsche Verband hingegen leistet sich 36 so genannte Disziplintrainer.
Die Schweden investieren lieber gezielt in die Fortbildung ihrer Clubcoachs, schicken sie regelmäßig zu Lehrgängen, wo sie etwa in mentalem Training intensiv geschult werden. "Wir haben begriffen, dass wir Wissen austauschen müssen, um konkurrenzfähig zu sein", sagt Bergvall.
Mit ungewöhnlichen Methoden stärkt der Verband zudem Selbstbewusstsein und Gruppengefühl der Athleten. Jeden Herbst treffen sich die Sportler für ein verlängertes Wochenende zum Angeln, Kajakfahren oder Wandern; abends singen sie dann schwedische Volkslieder. Im Juni hat das Team gemeinsam einen Song aufgenommen, den der Hürdenläufer Robert Kronberg geschrieben hat: "Ingenting kan stoppa oss" - Nichts kann uns aufhalten. Das Vorbereitungscamp auf Zypern war freiwillig, und wer wollte, durfte Kinder oder Freunde mitbringen. "Wir sind eine eingeschworene Bande", schwärmt Stabhochspringer Patrik Kristiansson, Klüfts Freund.
Das klingt ein bisschen platt, und es erinnert an die dänische Fußballmannschaft, die 1992, quasi aus dem Urlaub herbeigeeilt, Europameister wurde. Aber vielleicht sind die Beteuerungen von Klüft, Kristiansson & Co. einfach nur wahr: dass es ihnen um Spaß gehe; und dass sie keinen Druck verspürten. Angebote von internationalen Managementagenturen hat Carolina Klüft ausgeschlagen. Ihr Vater Johnny, 50, ein Versicherungskaufmann, kümmert sich halbtags um Startgelder und Sponsoren und bucht Flüge für seine Tochter.
Agne Bergvall, ihr Trainer, folgt dem Grundsatz, dass ein Athlet Distanz zu seinem Sport wahren müsse. Darum unterstützt er es, dass Klüft an der Universität in Växjö Psychologie, Geschichte und Philosophie studiert. Die Hochschule ist eine von vier Universitäten, die mit dem Leichtathletik-Verband kooperieren.
Der Coach tut alles, um Carolina Klüft behutsam aufzubauen. 2001 hatte sie sich für die WM in Edmonton qualifiziert, blieb aber daheim. "Es kam zu früh", sagt Bergvall. Zwei Jahre später wurde sie Siebenkampf-Weltmeisterin in Paris, aber auf einen Start im Weitsprung verzichtete sie.
In Athen tritt sie nun in beiden Wettbewerben an. Über ihre Erwartungen sagt sie nur: "Die Beste soll gewinnen." Sollte sie bei ihrem Olympia-Debüt patzen, werde sie es eben in Peking wieder versuchen: "Ich bin ja noch ein junges Mädchen." MAIK GROßEKATHÖFER
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 34/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LEICHTATHLETIK:
Traum aller Sportmanager

  • Der Chart-Stürmer: Rechter Rapper "Chris Ares"
  • Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht
  • Trump über Grönland-Absage: "So redet man nicht mit den USA"
  • Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"