16.08.2004

RUDERNDie Droge Aufmerksamkeit

Vor den letzten Sommerspielen scheiterte der erfolgsverwöhnte Deutschland-Achter schon in der Qualifikation. Trainer Ralf Holtmeyer wurde degradiert, zu den Frauen. In Athen kämpfen er und seine Damen um Gold - ihre Motive sind sehr verschieden. Von Dirk Kurbjuweit
Der Wind zerrt am neuen Hut von Ralf Holtmeyer, als wollte er ihn auf das olympische Wasser wehen zu den Frauen, die gerade mit langen Schlägen vorüberrudern. Aber Holtmeyer hält seinen Hut fest und schaut zu dem Boot, das seinen eigenen Kampf kämpft gegen den Wind, der das Wasser aufkräuselt, als wollte er den Achter spöttisch zu einem Tänzchen einladen. Dabei braucht ein Ruderboot nichts mehr als Gleichmaß. Der Wind ist ein Gegner, womöglich der gefährlichste beim Kampf um Gold. Noch elf Tage bis zum Finale.
Nach den Frauen ziehen die Männer an Holtmeyer vorbei, ein längerer Schlag, mehr Wucht. Er guckt sich auch diesen Achter genau an, sein Gesicht ist reglos, die Augen liegen hinter dunklen Gläsern, die rechte Hand hält den Hut an der Krempe.
Denkt er jetzt an Sydney 2000?
Er sagt nichts, er guckt aufs Wasser. Er kann sehr schweigsam sein, er ist ein großer Wortverweigerungskünstler. Der Wind lässt die Fahnen knistern wie Lagerfeuer. Die späte Sonne legt ein goldenes Band quer über die Regattastrecke von Schinias. Als die deutschen Achter das Band kreuzen, werden sie von goldenem Wasser umfunkelt und sehen für einen Moment aus wie die Sieger. Holtmeyer schweigt. Seine Frauen warten manchmal drei Tage auf eine Antwort.
Vor den Olympischen Spielen in Sydney war Holtmeyer 14 Jahre lang Trainer des deutschen Männer-Achters. Seine Boote holten Gold, Silber und Bronze bei Olympia, sie wurden fünfmal Weltmeister. Aber der Achter von 2000 konnte sich nicht für Sydney qualifizieren. Holtmeyer wurde die Verantwortung für die Männer weggenommen. Man gab ihm die Frauen.
Er wurde degradiert. Von den Männern zu den Frauen zu wechseln ist eine Degradierung im Sport. "Das sagt schon alles", sagt Britta Holthaus. Sie lacht, ein kleines, bitteres Lachen.
Sie sitzt auf Position zwei im deutschen Achter. Sie studiert Jura, sie ist Weltmeisterin, der Achter hat 2003 in Mailand gewonnen. Aber Britta Holthaus muss immer das Gefühl haben, zweite Liga zu sein. Erste Liga sind die Männer.
Holtmeyers Schicksal sagt alles über den Stellenwert von Frauen- und Männersport. Es gibt nur einen Ort der Gleichheit, und das ist der Medaillenspiegel bei Olympia. Dort zählt das Geschlecht nicht, dort gelten Fußballspielerinnen so viel wie Radfahrer, und weil der Medaillenspiegel wichtig ist für die Nationen, sind die Frauen plötzlich wichtig, auch die Frauen, die
nicht durch Schönheit oder Anmut Herzen gewinnen.
Auch deshalb haben sich Britta Holthaus und die anderen über Jahre gequält. Endlich gibt es eine große Bühne für sie, endlich winkt Aufmerksamkeit, für Frauen immer ein heikles Thema. Eine Rolle finden, eine Rolle spielen und dabei wahrgenommen werden ist schwerer für sie als für die Männer. Sie müssen mehr kämpfen, außer wenn es um Schönheit geht. Allerdings geht es immer irgendwie um Schönheit, auch für die Frauen des Achters.
Sie führen diesen Kampf mit einem Trainer, der selbst um Aufmerksamkeit ringt. Es ist seltsam für sie mit diesem Mann, der so viel schweigt. Er ist ein Geheimnis für die Frauen. Sie stellen sich manchmal vor, wie er zwischen den Trainingseinheiten im Hotel auf seinem Bett liegt und grübelt. Denkt er an sie oder an die Männer?
Nach dem Triumph von Mailand hat Holtmeyer gesagt: "Totgesagte leben länger." Da wussten sie, dass es immer noch an ihm nagt, dass sie auch Teil seines persönlichen Dramas sind, dass Athen für ihn auch eine Bewältigung von Sydney sein soll: mit den Frauen zeigen, dass er die Männer verdient hat.
Sie leiden. Ein Kraftraum in Sabaudia nahe Rom, das zweite Trainingslager des Jahres, es ist März. Es ist die Stunde des Schmerzes, eine von so vielen. Sie machen Kniebeugen mit einer schweren Hantel im Kreuz, sie machen Schmetterlinge, Adlerschwingen, Bankdrücken. Sie keuchen und stöhnen, blasen ihre Backen dick, prusten verbrauchte Luft heraus wie Feuerschlucker Flammen. Ihre Blicke gehen nach innen. Sie sind allein, Schmerz kann man nicht teilen. Metall knallt auf Holz, knallt auf Metall. Es sind die Geräusche eines Krieges. Zu besiegen ist der eigene Körper, der innere Schweinehund.
Zwei Stunden später im Hotel, ein Sofa in der Lobby: Lenka Wech kommt, stolzer Schritt, 1,86 Meter groß, 76 Kilo schwer. Sie wirkt schmal und ist blond. Sie setzt sich, zieht ihre Jacke aus, zeigt ein ärmelloses T-Shirt, bauchfrei. Sie legt einen Arm auf die Lehne des Sofas. Sie hat noch nichts gesagt, aber man weiß schon eine Menge über sie.
Was ist ihre Aufgabe im Boot? "Ich bin Schlagfrau, aber ich gebe nicht nur den Takt vor. Die Aufmerksamkeit ist sehr auf mich gerichtet."
Sie hat Medizin studiert, und jetzt studiert sie Zahnmedizin. Gleichzeitig kann sie noch Weltklasse im Rudern sein und vier Sprachen sprechen und für das Frauenrudern werben. Wie? "Indem ich zum Beispiel nicht aussehe wie ein Pferd."
Elke Hipler kommt, schlappt mehr herbei, als dass sie geht. Sie ist 1,78 Meter groß, 70 Kilo schwer. Ihr Haar ist rot gefärbt und zu Rastalocken gedreht. Sie setzt sich, nimmt die Beine hoch, faltet sie in den Schneidersitz. Sie studiert Geologie.
Ihr Platz ist im Bug, sie muss das Boot, das bei ihr am stärksten wippt, stabilisieren, "stellen", sagt man. Sie sitzt gern im Rücken der anderen, "da habe ich meine Ruhe". Sie zwirbelt eine Locke zwischen zwei Fingern. Sie wirkt schläfrig, ihre Sätze klingen oft maulig, irgendwie gibt''s ''ne Menge Nervkram. Am liebsten wäre ihr ein kleines Rebellenboot, ohne Deutschen Ruderverband und den ganzen Stress.
Zwischen Lenka Wech und Elke Hipler liegen zwölf Meter. Dazwischen sitzen sechs weitere Frauen, Silke Günther, Susanne Schmidt, Nicole Zimmermann, Britta Holthaus, Dana und Anja Pyritz, die Zwillinge. Dazu kommt Steuerfrau Annina Ruppel.
Im Moment sitzen diese neun im deutschen Boot. Aber sie können sich nicht sicher sein. Ralf Holtmeyer hat einen Kader von gut einem Dutzend Athletinnen. Er braucht acht Frauen, acht Achtel, die ein perfektes Ganzes ergeben. Sie müssen Kraft haben und Ausdauer, sie müssen ihre Kraft gut ins Wasser bringen können, und sie müssen zu den anderen passen. Diese Acht muss Holtmeyer finden und aufeinander einstellen, das ist sein Job.
Er hat Geburtstag in Sabaudia, wird 48. Er lädt sein Team ins "La Caravelle" ein. Alle essen Pizza und trinken Wein, und irgendwie kommen sie schnell auf Nacktfotos. Britta sagt giftig, dass Lenka das bestimmt machen würde, und Lenka kneift sich die Schere einer Languste in die Nase und dann in die Ohren, weil sie fotografiert wird dabei. Elke zieht eine Schnute dazu, denn sie findet das peinlich, und jetzt wird am einen Ende des Tisches kräftig herumgealbert und am anderen genauso kräftig gelästert über "eine bestimmte Frau, die sich immer in den Vordergrund spielen muss". Dazwischen sitzen die Geschwister Pyritz und sagen nichts.
Es gibt keinen Achter an diesem Abend, sondern Zweier, Dreier und Einer, deren Bahnen sich kreuzen. Holtmeyer trinkt still seinen Rotwein dazu.
Der nächste Abend, ein anderes Restaurant, Holtmeyer ohne die Frauen. Die Wände sind blau, die Tischdecken hellblau, im Fernsehen läuft ein Film mit Sylvester Stallone. Nein, man werde den Ton nicht leiser stellen, sagt die Kellnerin.
Holtmeyer ist ein Mann mit einem weichen Gesicht. Er spricht leise, gegen Stallone hört man ihn kaum. Die Frauen mögen, dass er sich einfühlen kann, dass er sie lange im Boot beobachtet und dann mit wenigen treffenden Worten korrigiert. Er ist nicht autoritär. Er lässt leben, Stallone killt gerade. Nimmt man den klassischen Mann und die klassische Frau, steht Holtmeyer fast in der Mitte.
Frauen seien eigensinniger, sagt er, individueller. Andererseits würden sie immer gucken, was die anderen machen und das harsch bewerten: "Isst die etwa jetzt schon ein Brötchen, obwohl noch gar nicht Essenszeit ist?" Es ist immer schwierig mit dem Vergleich zwischen Frauen und Männern, man landet schnell im Klischee. "Bei Frauen geht es viel mehr um Gefühle", sagt Holtmeyer. "Wenn geweint wird, darf man das nicht überbewerten."
Stallone hat ein paar Dutzend Leute umgelegt, niemand weint, die Welt ist gerettet. "Gold wäre schon schön", sagt Holtmeyer.
Anfang Mai fährt der Frauen-Achter seine erste Regatta der Saison beim Weltcup in Pozna}n. Die Deutschen siegen zweimal, aber noch fehlen die starken Konkurrenten aus Übersee, USA und Australien. Die "Frankfurter Allgemeine" würdigt ausführlich den zweiten Platz des Männer-Achters, erwähnt die Siege der Frauen jedoch nicht.
So ist es häufig, die Frauen kennen das. Irgendwie dringen sie nicht durch. Als sie
2002 im Trainingslager in St. Moritz waren, kam es zufällig zu einem kleinen Rennen gegen Marcel Hacker, der Einer fährt. Holtmeyer hatte die Frauen auf zwei Vierer verteilt. Bord an Bord jagten die Boote über den Silvaplaner See. Am Ende war nicht auszumachen, wer gewonnen hatte. Aber Hacker riss sofort einen Arm hoch und schrie: "Erster, Erster". Die Frauen saßen stumm auf ihren Rollsitzen.
Man kann sich auch nach vorne schreien, aber alles Geschrei nützt ja nichts, wenn niemand zuhört. Ende April stellte der Deutsche Ruderverband (DRV) seine beiden Achter in Dortmund der Presse vor. Natürlich redete vor allem Lenka Wech, und sie kann das ja, aber die großen Zeitungen schrieben nur über die Männer. Als wären die Frauen gar nicht da gewesen.
"Manchmal", sagt Elke Hipler, "ärgert es mich sehr, dass die Männer immer die Tollen sein sollen und wir nur die Frauen." Den Männern gab der DRV die Internet-Adresse "Deutschlandachter.de", den Frauen "Frauenachter.de". Die Männer sind Deutschland, die Frauen sind Frauen.
Wenn die Welt so ist, dachten sie, dann wollen wir wenigstens nicht die braven Frauen sein, die sich der DRV wünscht. Sie richteten eine Website ein, die sie "pinkladies.de" nannten. Pink wegen der Farbe ihres Boots. Sie schrieben ein freches Tagebuch hinein, und Lenka Wech zeigte ein bisschen von ihren Brüsten. Es gab Ärger, sie mussten die Website aufgeben.
Rudern hat bei Männern mehr Tradition, Männer sind schneller, aber ist das die ganze Erklärung? Einer intelligenten Frau wie Lenka Wech kommt schon mal der Gedanke, dass Männer ungern zusehen, wenn Frauen sich stark und aggressiv zeigen wie im Sport. Es sei denn, die Männer können dabei ein bisschen an Sex denken, weil die starken Frauen schön sind.
So hat ihr Sehnen nach Aufmerksamkeit fast etwas Melancholisches. Sie wissen schon, dass sie nie ein Deutschland-Achter sein werden. Sie haben ja nicht einmal einen Trainer, der ihnen, wie sie finden, genug Aufmerksamkeit schenkt. "Auf dem Wasser ist er super", sagt Britta Holthaus, "aber an Land ist er schwierig." Da sind sein Schweigen, seine Abwesenheit in Gedanken. Er kann auch in einem geschlossenen Raum gucken, als stünde er an einem See mit unendlicher Weite.
Es gibt immer drei Achter für Ralf Holtmeyer. Der eine ist der Männer-Achter, der 1988 in Seoul Olympiasieger wurde, Holtmeyers größter Triumph. Aber er ist vergiftet. Der Schlagmann Bahne Rabe hat sich 2001 zu Tode gehungert, niemand weiß, warum. Holtmeyer denkt oft daran. Waren es die Belastungen des Leistungssports? War es die Einsamkeit danach? Er weiß es nicht. Wenn er Lenka Wech sieht, sieht er manchmal Bahne Rabe. Sie haben den gleichen langen Schubschlag.
Der Mann, der in Seoul hinter Rabe saß, ist Wolfgang Maennig, der 2000 Präsident des Deutschen Ruderverbandes war und Holtmeyers Degradierung betrieben hat. Der Gold-Achter von 1988 ist das Geisterschiff, das durch seinen Kopf spukt. Am Schlag sitzt ein Toter, dahinter der Mann, der Holtmeyer aus der Männerwelt in die Frauenwelt verbannt hat. Das im Kopf, guckt er nun immer nach zwei realen Achtern, seinen Frauen natürlich, aber auch nach den Männern.
Die Frauen sehen das. Sie sehen, wie er hinüberschielt, wenn die Boote im Training nebeneinander fahren. Sie wissen, dass er bei den Rennen der Männer immer mit dem Rad nebenher fährt, so wie er es auch bei ihnen tut. Sie fragen sich, was er tun würde, wenn er mit ihnen Gold holte und dann wieder die Männer übernehmen sollte, ein Aufstieg zur Belohnung.
"Ich wäre sehr verletzt", sagt Lenka Wech.
Mitte Mai startet der Achter bei einer Regatta in Duisburg. Wieder gibt es einen Sieg, doch noch immer fehlen die Boote aus den USA und Australien. Aber die Gedanken an eine Medaille werden fester.
Das gilt nicht mehr für Dana Pyritz. Holtmeyer ersetzt sie durch Maja Tucholke, der er mehr zutraut. Dana habe Probleme beim Endzug, sagt er am Telefon. Der Versuch, über E-Mail mit ihr in Kontakt zu kommen, bleibt ohne Antwort.
Man kann sich vorstellen, dass sie sich fühlt wie aus der Welt herausgefallen. Sport ist Entbehrung mit dem Ziel, erlöst zu werden. Die Erlösung ist der Erfolg, am besten auf einer großen Bühne wie Olympia. Gold ist die Sonne, die den Athleten scheint. Für Dana Pyritz ist sie erloschen.
Aber Gold ist nur ein Ziel, und dahinter steckt meist noch ein Traum. Lenka Wech will die Aufmerksamkeit der ganzen Welt. Britta Holthaus will sich etwas beweisen, aber "auch meiner Mama". Ihre Eltern sind Akademiker, ihre Mutter findet nicht, dass die schlaue Tochter in stumpfsinniger Gleichförmigkeit an einem Riemen ziehen sollte, zumal sie nach einem Rennen immer "so schrecklich bleich" aussehe. Britta Holthaus würde ihr so gern eine Goldmedaille vorlegen, damit die Mama mal "schnallt", was ihre Tochter Großes
schafft. Holtmeyer hat noch Sydney auszubügeln.
Ende Mai ist Weltcup in München. Holtmeyers Gesicht ist eine Wand, erstarrt, un-
durchdringlich. Er schafft es kaum, guten Tag zu sagen. Im Vorlauf lagen die Deutschen fünf Sekunden hinten den Amerikanerinnen und drei Sekunden hinter den Chinesinnen. Niemand hatte China auf seinem Zettel, und fünf Sekunden, das ist im Rudern ungefähr von hier bis zum Mond.
Finale. Die Deutschen liegen zunächst gut. Aber im Ziel sind sie wieder nur Dritte, hinter den USA und China, wenn auch mit kleinerem Abstand.
Sie kommen an den Steg, sie steigen aus. Wo ist Holtmeyer? Sie gucken, sie sehen ihn nicht. Nebenan jubeln die Chinesinnen, die Deutschen sind stumm. Als sie bei der WM 2002 in Sevilla Bronze holten, war Holtmeyer nicht am Steg aufgetaucht, weil er mehr erwartet hatte. "Hat der sie noch alle?", dachte Britta Holthaus.
Wo ist er jetzt? Das Rennen der Männer ist gelaufen. Er müsste jetzt hier sein. Dann
steht er plötzlich da, ein Mann in Schwarz, schwarze Kappe, schwarze Kleidung. Er kommt nicht auf den Steg herunter, steht dort oben. Dann sehen sie, dass er lächelt. Es war okay, der Abstand war viel kleiner als beim Vorlauf, sie haben sich gesteigert, der Trainer ist zufrieden.
Nachdem der Achter verladen ist, sitzt Holtmeyer im Verpflegungszelt, nebenan feiern die Amerikanerinnen mit Bier und Sekt. Er guckt ihnen zu, er sagt: "In einem Sieg steckt der Keim für die nächste Niederlage." Sollen sie feiern, bis sie umfallen.
Wenn Holtmeyer gute Laune hat, kann er sehr gewinnend sein, ein milder Mensch, der viel liest. Nach einer halben Stunde, als Holtmeyer über Bin Laden redet, brechen die Amerikanerinnen ihre Feier ab. "Im Moment geht die Hoffnung ein bisschen runter", sagt Holtmeyer.
Es folgen wieder Trainingslager, Saarbrücken, St. Moritz, Breisach, Seen und Flüsse, Krafträume, Hotelzimmer. Alle werden jetzt launisch. Sie sind seit Monaten zusammen, sie sind oft erschöpft. Das Zwitschern aus dem Walkman der Zimmernachbarin wird zum Terror, Lenka Wech nervt tödlich, wenn sie mal wieder eine Show abzieht, Anja Pyritz vermisst ihre Schwester wie die Wüste das Wasser.
Es gibt Ärger, Tränen, Zickereien. Aber der Achter bricht nicht auseinander. Um eine gute Mannschaft zu sein, muss man sich nicht gut verstehen. Man muss sich vor allem gut verzeihen können. Die acht großen Frauen, die kleine Frau und ihr Trainer können das.
Der letzte Test bei der Regatta in Luzern fällt aus. Lenka Wech und Maja Tucholke sind krank. Die USA gewinnen, Australien macht keinen besonders guten Eindruck.
Kurz vor dem Abflug nach Athen wird der Mannschaftsgeist noch einmal auf die Probe gestellt. Die Zeitschrift "Max" zeigt ein Nacktfoto von Lenka Wech. Sie hat sich ausgezogen für die Öffentlichkeit. Es ist das stärkste Mittel, das eine gut aussehende Frau hat, wenn sie Aufmerksamkeit will und nicht die Geschichte einer Franziska van Almsick zu bieten hat.
Es ist ein fast züchtiges Foto. Sie ist nackt, aber sie verbirgt auch viel. Man sieht, dass sie einen schönen Körper hat, das ist alles.
Es geht viel um Schönheit in einem Frauenboot. Holtmeyer merkt es vor allem daran, dass "zu wenig gegessen wird". Die Männer hauen immer großartig rein und geben ihrem Körper alles, was er braucht. Bei Holtmeyers Geburtstag hat keine der großen Frauen ihre Pizza aufgegessen.
Die Frage "Bin ich schön?" werden sie nicht los. Sie ist zum Teil Reflex auf die Frage "Bist du schön?", und sie wird im Frauensport immer häufiger gestellt, wenn die Medien ihre Aufmerksamkeit verteilen.
Der Achter ist daher auch ein bisschen mucksch, wenn Holtmeyer viel Krafttraining machen lässt. Sie wollen diese dicken Muskeln nicht. Sie wollen schön sein und schnell, das ist der Widerspruch, an dem sich die meisten abarbeiten. Manchmal jammert Britta Holthaus, dass sie lieber dünnere Beine hätte. Dann sagt ihr Annina Ruppel, dass sie mit dünneren Beinen nicht in diesem Boot säße. Das ist ein Trost, aber er hält nur bis zum nächsten Spiegel.
Ihre Gemeinschaft funktioniert auch wegen der stillen Übereinkunft, dass alle mehr oder weniger die gleichen Sorgen wegen ihres Körpers haben. Dass Lenka Wech ihren Körper öffentlich herzeigt mit dem Gestus, seht mal her, wie toll ich aussehe, bricht diese Übereinkunft. Auf die Frage, wie der Achter auf das Foto reagiert habe, sagt Lenka Wech: "Wie das in einem Weiber-Team so ist. Da ist auch immer Neid im Spiel." Holtmeyer merkt, wie gehetzt wird. Er geht zu seiner Schlagfrau und sagt ihr, dass ihm das Foto "ganz gut" gefallen habe. Für ihn ist nie etwas besser als "ganz gut".
Lenka Wech schafft es mit ihrer Nacktheit auf die Titelseite der "Bild"-Zeitung. Das ist so ziemlich die höchste Aufmerksamkeit, die ein Sportler bekommen kann. Aber sie ist unglücklich darüber. Sie wollte sich im Hochglanzmagazin "Max" sehen, nicht in "Bild". Doch die Aufmerksamkeitsmaschine ist gefräßig. Wer hineingerät, verliert ein Stück Kontrolle über sich. Nackt in der Medienwelt ist nackt für alle, auch für die Bauarbeiter, die morgens "Bild" lesen und denen die Ärztin und angehende Zahnärztin Lenka Wech nicht unbedingt ihre Brüste zeigen wollte. Nun versucht sie die weitere Verbreitung des Bildes über einen Anwalt zu kontrollieren.
Die Mannschaft verkraftet auch das Nacktfoto. Lenka verzeiht ihren Mädels, und die haben Lenkas Showgehabe, bei aller Lästerei, immer auch mit heimlichem Stolz betrachtet. Da ist eine, die sich etwas traut und in deren Licht alle ein bisschen mitglänzen können.
Ohnehin ist da etwas, das sie immer wieder zusammenführt, eine wundervolle Erfahrung, die sie nur miteinander teilen können. Das sind die Stunden, wenn ihr Achter gut läuft. Das ist oft am frühen Morgen, wenn das Wasser glasig ist und die Luft wie Samt. Sie fahren sich langsam ein, bis Annina Ruppel das Kommando gibt, Dampf zu machen.
Sie fliegen. Lenka achtet einmal nicht darauf, ob sie gerade eine gute Figur macht, sondern schnauft mit dem Ingrimm eines Bären, Nicole zieht mit einer Eleganz, als schritte sie über einen Laufsteg, Anja ist ganz bei sich, Britta ist völlig egal, wie blass sie jetzt aussieht, und Elke fühlt sich perfekt in Lenkas Rhythmus hinein, und sie alle zusammen stellen das Boot so, dass es mit der Ruhe eines Kormorans über den See schwebt. Zusammen finden die acht Frauen zu bestrickender Schönheit.
Sie sind am Ende des Sees angekommen, stoppen, fallen in sich zusammen. Sie keuchen, und Holtmeyer in seinem Motorboot unter seiner speckigen Mütze sagt nichts. Es ist das große Holtmeyersche Schweigen, es kann einen See erstarren lassen. Die Frauen schielen herüber, sie wollen etwas hören. Aber sie hören nichts.
"Sprachlos glücklich, oder was?", schnaubt schließlich Lenka Wech. "Boot stellen ist besser geworden", sagt Holtmeyer. "Wir fahren noch eine Runde." Sie drehen, und alles beginnt von vorn.
Und dann, nach einem halben Dutzend Trainingslagern, sind sie in Schinias, und der Wind bläst aus vollen Backen vom Meer herein, und wenn sie eine Bahn kriegen, wo er sie ungünstig erwischt, dann war alles umsonst. Dann wird ihnen bei über 30 Grad im Schatten keine Sonne scheinen.
Am Abend sitzt Holtmeyer am Strand, trinkt Orangensaft und hat gute Laune. Nach dem Sieg in Mailand 2003 hat er gesagt: "Mein Traum ist es, als erster Trainer überhaupt mit beiden Achtern Olympiasieger zu werden." Ist es das, was er von seinen fast vier Jahren mit den Frauen mitnehmen will? Einmaligkeit?
Er lacht, reibt sich die Knie. "Es gibt einen, der es hier auch schaffen kann", sagt er, "Dieter Grahn." Er ist der Trainer des Männer-Achters, nicht gerade ein Freund von Holtmeyer. Grahn war 1980 Trainer des Frauen-Achters der DDR, der in Moskau Olympiasieger wurde. "Die Männer starten 20 Minuten nach den Frauen", sagt Holtmeyer. Er schweigt und tunkt seinen Blick ins Meer. "Wenn beide Boote gewinnen", sagt er, "wäre ich einmalig für 20 Minuten."
* Spielführerin Birgit Prinz am vergangenen Mittwoch beim ersten Vorrundenspiel gegen China (8:0) in Patras. * Hinten: Susanne Schmidt, Maja Tucholke, Anja Pyritz, Nicole Zimmermann, Elke Hipler; vorn: Steuerfrau Annina Ruppel, Britta Holthaus, Silke Günther, Lenka Wech nach dem Gewinn der Bronzemedaille beim Weltcup am 29. Mai in München.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 34/2004
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RUDERN:
Die Droge Aufmerksamkeit

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