20.06.1956

Lieber Spiegelleser

Lieber Spiegelleser
Die vorige Ausgabe des SPIEGEL konnte im Königreich der Niederlande vier Tage lang nicht vertrieben werden. Die niederländischen Behörden gaben unserer Vertriebsfirma die Auflage, nicht auszuliefern. Der Artikel über die Gesundbeterin Greet Hofmans und deren Einfluß am königlichen Hof war der Grund für dieses nach demokratischen Maßstäben ungewöhnliche Verhalten. Erst nach mehreren Kabinettssitzungen und Zusammenkünften mit dem Rat der holländischen Chefredakteure wurde die Berichterstattung freigegeben, für holländische Zeitungen allerdings nur in Form eines Kommentars.
Es war nicht das erste Mal, daß Schwierigkeiten zwischen der Königlich Niederländischen Regierung und dem SPIEGEL auftauchten. Ganz alte SPIEGEL-Leser werden sich noch erinnern, daß unser Blatt im Oktober 1948 eine Woche lang nicht gedruckt werden durfte, zur nachträglichen Strafe für einen allerdings etwas flapsigen Artikel über den Prinzen Bernhard. Die holländische Regierung hatte sich beschwert, und die britische Militärregierung hatte ihre Zuflucht zu dieser Sanktion genommen. Gegen den jetzt beanstandeten Bericht, der sich vorwiegend im Interesse des Prinzen auswirken muß, kann der Vorwurf der Schnoddrigkeit nicht wohl erhoben werden, und es gibt auch keine Militärregierung mehr.
Ich will nicht mit den holländischen Behörden rechten. Ich verstehe ihre Beweggründe zum Teil, obwohl die Taktik des Unterdrükkens von Nachrichten nach allen Erfahrungen den entgegengesetzten Erfolg haben muß. "Das ist genau dieselbe Geheimnistuerei, der die englische Presse am Vorabend unserer Abdankungskrise frönte", kommentiert der "Daily Herald", das Blatt der britischen Labour Party, den SPIEGEL-Bericht. "Rückblickend muß man gestehen, daß die englische Presse damals 1936 ihre Pflicht, die Öffentlichkeit furchtlos über die Dinge zu unterrichten, verraten hat. Nun beißt es, die holländischen Verleger hätten den Ministerpräsidenten überredet, die Öffentlichkeit alle Tatsachen wissen zu lassen. Sie haben recht. Dazu sind Zeitungen da."
Sind Zeitungen wirklich dazu da? "Die Deutschen haben die Sache nur publik gemacht, weil Bernhard ein Deutscher war, der gegen Deutschland gekämpft hat", meinten holländische Stimmen. Mein Gott, wer hat nicht alles gegen Hitler gekämpft! Gegen den Prinzen gibt es in Deutschland heute keine Ressentiments mehr, und es ist ja auch beileibe nicht der Prinz, der durch den Artikel in Mitleidenschaft gezogen wird, ganz im Gegenteil. Krisen in der Spitze eines Staates kommen früher oder später ans Tageslicht, und es gehört schon die vornehme Abständigkeit der Londoner "Times" dazu, Krisen dadurch zu beseitigen, daß man sie leugnet. "Es gibt keinen Konflikt zwischen der Königin und dem niederländischen Kabinett", schreibt die "Times". Demgegenüber meldet der "Daily Express": "In den letzten Jahren haben Minister bereits an ein Ultimatum gedacht, empört darüber, daß die Königin die Greet Hofmans in allen Gewissenssachen befragte, und darum auch politische Entscheidungen hinauszögerte."
"News Chronicle" berichtet, es habe schon vor Jahren auf Grund des Einflusses, den die Hofmans ausübte, einen offenen Konflikt zwischen Königin und Regierung gegeben, und zwar bei ihrer Amerikareise. "In öffentlichen Reden nahm sie eine pazifistische Haltung ein, die der Nato-Politik ihrer Regierung widersprach. Sie gab sogar den Brauch auf, ihre Reden dem damaligen Außenminister Dirk Stikker vorzulegen, und all das Geschick des Ministerpräsidenten Willem Drees war vonnöten, um eine offene Krise zu verhindern Fräulein Hofmans, damals in einem Zimmer des Palastes lebend, wurde für die Haltung der Königin verantwortlich gemacht. Mit der Unterstützung der Regierung gelang es Prinz Bernhard, Fräulein Hofmans Abzug aus dem Palast durchzusetzen. Die Königin sieht sie aber noch täglich."
Der "Daily Express", dessen Star-Reporter Sefton Delmer mit Prinz Bernhard eng befreundet ist, spricht von einer "Staatskrise von ungeheuren Möglichkeiten". Juliana glaube aber, daß das Volk hinter ihr stehe. Sie bereue nichts, und die meisten Leute in Holland seien der Meinung, wenn es hart auf hart ginge, würde Bernhard den kürzeren ziehen. Dem widerspricht nicht, was die "Times" meldet: "Die Möglichkeit einer Abdankung der Königin Juliana steht nicht zur Diskussion."
Uns würde es betrüben und erschrecken, wenn sie zur Diskussion stände. (Dazu ein hoher Beamter: "Unsinn, nicht jetzt!") Nicht die Königin, sondern Greet Hofmans scheint an der Reihe zu sein, abzudanken, und damit freilich wäre dem international grassierenden Obskurantismus eine weitere Niederlage bereitet und der Königin selbst ein großer Dienst erwiesen. Wenn die "Daily Mail" und der "Daily Express" mit der Möglichkeit eines Thronverzichts rechnen, so erscheint mir das übertrieben. In Holland gilt der Glaube an übersinnliche Phänomene keineswegs als Blasphemie. Von der Königinmutter Wilhelmina berichtet der "Daily Herald", sie glaube auch an Fräulein Hofmans. Das Haus Oranien glaube seit Generationen an die Gesundbeterei. Die Königinmutter und Ex-Königin, die im Jahre 1948 zugunsten Julianas abdankte, habe erklärt: "Ich werde mich nicht einmischen, meine Tochter kann selbst denken." Eine Hofdame habe das kommentiert: "Königin Wilhelmina steht immer auf der Seite ihrer Tochter." Prinz Bernhard, auf einem 200-Personen-Diner während der Olympischen Reiterspiele um eine Stellungnahme gebeten, verweigerte jeden Kommentar. Königin Juliana telephonierte in der letzten Woche jeden Tag mit ihm, was ganz ungewöhnlich ist.
Am meisten hat allgemein überrascht, daß die Königin offiziell erklären ließ, sie wolle sich nicht von ihrem Gatten scheiden lassen. Keine Zeitung, schon gar nicht der SPIEGEL, hatte diese Möglichkeit erwähnt. Überhaupt dementieren die Dementis, was nicht behauptet worden ist. Es war nicht behauptet worden, daß Greet Hofmans die holländische Politik mache. Behauptet war, daß Hollands Königin unter den Einfluß einer Gesundbeterin geraten sei, die es verstanden habe, der Königin den Prinzgemahl in erster Linie und die Minister in zweiter Linie zu entfremden. Wenn man die Institution der Monarchie nicht zu einer Farce degradieren will, dann sind das nicht Privatangelesenheiten der Königin, sondern politische Fakten ersten Ranges.
Während die Weltpresse in England, Frankreich und den USA sich beim SPIEGEL um die Nachdruckerlaubnis bemühte (U.S. News & World Report, France Soir u.a.), stand in den überregionalen deutschen Zeitungen über die Affäre kaum ein verständlicher Satz. Den Lesern dieser Blätter wurde drei Tage nach Erscheinen des SPIEGEL schmucklos mitgeteilt, Königin Juliana beabsichtige nicht zurückzutreten, ohne daß jemand aufgeklärt worden wäre, weshalb die Königin denn überhaupt mit Rücktrittserwägungen umgehen solle. Die Seriosität der Seriösen nimmt in unserem Dornröschen-Land zuweilen possierliche Formen an. Hat man solche Angst, dem SPIEGEL Verkaufsförderung angedeihen zu lassen, und hat der SPIEGEL solche Verkaufsförderung nötig?
Was Greet Hofmans selbst angeht, so sucht sie ihre Harmlosigkeit in politicis mit dem rührenden Argument zu erhärten, daß sie noch nie zur Wahlurne gegangen sei - eben, eben! Aber man wäre sicher übel beraten, in ihr einen finsteren Dämon zu sehen. Sie hat durch beharrliches Dreinreden erreicht, daß der zum Tode verurteilte SS-Sturmbannführer und Chef des SD in Amsterdam, Willy Lages, nicht hingerichtet, sondern zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt wurde - je nach Anschauung eines ihrer Verdienste oder eine Missetat. Der Photo-Berichterstatter Karl Breyer aus Aachen, der es unternommen hatte, uns ein Bild von der widerstrebenden Heilkundigen zu beschaffen (siehe rechts), saß ihr in einem fast vollständig verdunkelten Zimmer gegenüber. Er stellte ihr Fragen, sie schloß die Augen zum Gebet und gab dann Ratschläge. Das Frappierende war nun, daß dem Karl Breyer die Diagnose, die sie ihm stellte, ziemlich genau zu stimmen schien. Zum 14. Juli ist er wieder bestellt, und wenn nichts dazwischenkommt, will er sich unter die angeblich 8000 Patienten der Greet Hofmans einreihen und sich von ihr weiter behandeln lassen.
Herzlichst Ihr
Rudolf Augstein
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 25/1956
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