05.01.1955

BAYERN / BUNDESLÄNDERDas Bier-Politikum

Wenige Tage vor Weihnachten versammelten sich in Würzburg die Süßbierverleger Bayerns, die der angestammte Bayerische Brauerbund in Acht und Bann getan hat, weil sie eine Todsünde gegen das sogenannte Reinheitsgebot begangen haben.
Diese Bierverleger haben es gewagt, innerhalb der blauweißen Grenzpfähle Bayerns norddeutsches Malzbier zu verkaufen, das nicht nur aus Wasser, Hopfen und Malz, sondern - wie der Geschäftsführer des Bayerischen Brauerbundes, Dr. Schladenhaufen, heftig kritisierte - auch noch "Zusätze von billiger Glukose enthält". Durch diesen Zusatz sei der Charakter des in Bayern so hochgeschätzten Volksgetränkes Bier verfälscht worden.
Der nun schon jahrelang andauernde Bierstreit hat die Gemüter der Süßbier-Verleger derart erhitzt, daß sie in Würzburg beschlossen, eine Protestdelegation zur neugebildeten bayerischen Landesregierung nach München zu entsenden. Die Delegation soll den neuen bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner zur Zurücknahme eines Erlasses bewegen, den derselbe Dr. Hoegner am 8. Juli 1954 in seiner damaligen Eigenschaft als bayerischer Innenminister verabschiedet hat. So begann der Bierstreit heiß zu werden: Die bayerischen Großbrauereien haben nach 1945 einen großen Kundenkreis im östlichen Hinterland (jetzt Sowjetzone) verloren. Außerdem nahm auch der Absatz in Westdeutschland mehr und mehr ab. Im Rechnungsjahr 1950/51 behaupteten die bayerischen Brauer noch einen Marktanteil von 37,3 Prozent; 1953/54 mußten sie sich mit 34 Prozent begnügen.
Dann kam der diesjährige Regensommer. Er brachte statt Hochkonjunktur katastrophalen Durstschwund. Die bayerische Braukapazität wurde nur zu zwei Dritteln in Anspruch genommen. Ausgerechnet in dieser kritischen Situation machte nun die Westberliner Schultheiss-Brauerei in München
sechshundert Mollenschenken und Verkaufsstellen auf. Da wurden auch die gemütlichsten Münchner Großbrauer obergärig.
Der Geschäftsführer des Bayerischen Brauerbundes, Dr. Schladenhaufen, sprach mehrmals beim Innenministerium vor. Am 8. Juli 1954 verkündete der Bayerische Staatsanzeiger regierungsoffiziell: "Vorbehaltlich einer gerichtlichen Entscheidung vertritt das Innenministerium in Übereinstimmung mit dem Finanzministerium nach Prüfung der Rechtslage die Auffassung, daß in Bayern Bier weder unter Verwendung von Zucker bereitet, noch unter Verwendung von Zucker bereitetes Bier in den Verkehr gebracht werden darf.
"Außerdem darf gesüßtes Malzbier (Nährbier) nichtbayerischer Herkunft in Bayern nicht vertrieben werden. Die Lebensmittelaufsichtsbehörden haben bei Zuwiderhandlungen über das zuständige Hauptzollamt Anzeige zum Zweck der Strafverfolgung einzureichen."
Die undurchsichtige Formulierung dieses Erlasses, mit dem unter Strafe gestellt wurde, was noch einer gerichtlichen Klärung bedarf, entfesselte eine Jagd nach gesüßtem Nährbier, das ausschließlich von außerbayerischen Brauereien geliefert wurde. Zunächst suchten Polizeibeamte die Einzelhändler auf, die im Verdacht standen, mit den norddeutschen Brauereien zu kollaborieren. Die Einzelhändler sollten sich schriftlich verpflichten, keine Flasche zuckergesüßten Malzbieres mehr über den Ladentisch zu reichen, sonst müßten sie mit gerichtlicher Bestrafung rechnen.
Darauf sprachen dann Vertreter der Hackerbräu AG. bei den Händlern vor, um ihr echt bayerisches Landesprodukt, ein ungesüßtes Nährbier, anzupreisen, das in sehr vorteilhaftem Gegensatz zum außerbayerischen Malzbier alle gesetzlichen Vorschriften erfülle.
Nun ist zwar nach dem Biersteuergesetz vom 26. Juli 1918 (das später durch 18 weitere Gesetze ergänzt worden ist) "die Bereitung zuckergesüßten Bieres" ausschließlich in Bayern mit Rücksicht auf das sogenannte Reinheitsgebot aus dem Jahre 1516 untersagt*). Aber seit dreißig Jahren ist zuckergesüßtes Nährbier außerbayerischer Brauereien ohne Anstand im bayerischen Grenzgebiet verkauft worden, erst recht nach 1945. Die vielen Ostflüchtlinge, die in das Land des Hof- und Hackerbräus gekommen waren, schätzten das gesüßte Bier aus ihrer alten Heimat. Es wurde dort besonders von Frauen und Kindern getrunken, weil es alkoholarm ist.
Aber der Bayerische Brauerverband pochte darauf, daß die biersteuerliche Formulierung "Bereitung von Bier" nicht nur die Herstellung von Bier, sondern auch Lagerung und Verkauf bedeute, "weil ja das Bier bis zum Ausschank laufend behandelt werden muß".
Zur weiteren Begutachtung wurde sogar ein Staatsrechtler, der Professor Hans Nawiasky, bemüht. Er entschied biertreu für die Belange der bayerischen Brauer; ein Verstoß gegen das Grundgesetz und gegen die bayerische Landesverfassung liege jedenfalls bei der Jagd nach dem Zuckerbier aus dem Norden nicht vor. Anders urteilte das Würzburger Landgericht, das auf die Klage eines Süßbierverlegers hin dem Münchner Hackerbräu
untersagte, weiterhin die Behauptung zu verbreiten, der Vertrieb zuckergesüßten Bieres werde in Bayern strafrechtlich verfolgt.
Trotzdem jagten Polizeibeamte und Brauereivertreter weiter nach Zuckerbier-Verkäufern. Die Polizisten mußten lange suchen, denn der inkriminierte Malzbierstrom ist höchstens ein Rinnsal. Sogar nach bayerischen Schätzungen sind im Rechnungsjahr 1953/54 kaum mehr als 30 000 Hektoliter, nach norddeutschen Angaben sogar nur 20 000 Hektoliter gesüßten Malzbieres durch bayerische Kehlen geflossen. Das sind kaum 0,3 Prozent des jährlich in Bayern konsumierten Bieres.
Vergeblich versuchte der handfeste Vorsitzende des Wirtschaftsverbandes Berliner Brauereien, Hans Sixtus, seinen bayerischen Kollegen, den Vorsitzenden des Bayerischen Brauerbundes, Dr. Roehm, dadurch zu versöhnen, daß er ihm zu seinem Geburtstag ein sehr beziehungsreiches Geschenk überbrachte: die Zuckerdose der längst verblichenen Königin Luise. Auch dieses historische Präsent konnte den Zuckerbier-Krieg nicht beenden. Dazu kommentiert der frühere bayerische Justizminister Josef ("Ochsensepp") Müller: "Für uns Bayern ist diese Frage eben ein Politikum."
Da blieb dem Berliner Brauerverbands-Vorsitzenden Sixtus nichts anderes übrig, als eine Klage wegen unlauteren Wettbewerbs gegen die bayerischen Futterneider anzustrengen. Sie endete mit einem knappen Sieg der Norddeutschen, der allerdings inzwischen dadurch wieder ins Wanken geraten ist, daß kürzlich das Amtsgericht Münchberg im bayerischen Oberfranken den Bierverleger Siegfried Häussinger zu 100 Mark Geldstrafe verurteilte, "weil er gesüßtes Nährbier aus Hessen bezogen und verkauft hat". Der verurteilte Süßbierverleger hat inzwischen Berufung gegen das Urteil eingelegt. Weitere Prozesse gären noch. Jetzt soll das Bundesverwaltungsgericht erst einmal
klären, ob der innenministerielle Erlaß überhaupt als Verwaltungsakt anzusehen ist oder nicht.
Inzwischen hat ein alter preußischer Jurist, der Oberrichter außer Diensten J. Frenken in Oelde bei Bielefeld, ein altes Reichsgerichtsurteil ausgegraben, das jenes Reinheitsgebot in einem eigenen historischen Licht erscheinen läßt. Es stammt aus dem Jahre 1893*). Damals hatte das Nürnberger Landgericht die Klage eines empfindlichen Biertrinkers abgewiesen, dem zu Ohren gekommen war, daß sein Leib- und Magenbier aus einem Bottich stammte, in den eine Katze gepurzelt war.
Das Nürnberger Landgericht war, trotz des bayerischen Reinheitsgebots, dem Sachverständigen-Gutachten gefolgt, in dem es hieß: Die Katze sei bei der Art des Biersiedens hinsichtlich ihrer Fleischteile so vollständig verkocht worden, daß geschmacklich und auch sonst nichts mehr in Erscheinung trete. Im übrigen komme das Mitsieden gewisser Tiere, insbesondere von Ratten und Mäusen, häufig vor. Es sei einfach unvermeidlich, daß diese in Brauereien massenhaft vorhandenen Tiere durch Zufall in den Sud geraten.
Über diesen historischen Fund des Oberrichters schmunzeln nun die norddeutschen Süßbier-Verteidiger in Westberlin: "Da soll nur noch einer von den Bayern sagen, Zucker im Bier sei eine diskriminierende Beimischung."
*) Diese Exklusivklausel wurde den bayerischen Brauern konzediert, als sie 1919 der bereits bestehenden Biersteuergemeinschaft beitraten; und zwar mit Rücksicht auf das in Bayern traditionsgemäß immer sehr hoch gehaltene Reinheitsgebot des Bayernherzogs Wilhelm IV., nach dem "forthin zu keinem Bier mehr Stücke als Gerste, Hopfen und Wasser verwendet werden dürfen."

DER SPIEGEL 2/1955
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