26.01.1955

GROSS-AKTIONÄRE / INDUSTRIEKennen Sie Herrn Krages?

Das zweistöckige Eckgebäude an Bremens Buntentorsteinweg 29 ist ein graues Geschäftshaus, an dessen Außenwänden sich die Risse aus den Bombennächten wie Peitschenhiebe abzeichnen. Ihm gegenüber liegt ein Kohlenplatz und gleich daneben eine Heilsarmee-Baracke. In dem unscheinbaren Hausflureingang am Geschwornenweg ist eine Holzklappe in die Wand eingelassen, auf die mit schwarzer Ölfarbe der Name Hermann D Krages gemalt ist. Nichts deutet darauf hin, daß hinter diesem Namen ein Mann steht, der mit einem Aktienpaket im Werte von mindestens 50 Millionen Mark überraschend zu einem der größten Nachkriegs-Aktionäre der westdeutschen Schwerindustrie aufgestiegen ist.
Auch die Verwaltung der Rheinischen Stahlwerke in Essen hatte bis zu ihrer Hauptversammlung im vergangenen Monat nicht gewußt daß einer ihrer großen Aktionäre der Holzkaufmann Hermann Krages aus Bremen ist. Vor dem Kriege war ein Aktionär dieses Namens in ihrer Firma nicht bekannt gewesen. In den letzten Tagen des November jedoch, als im Essener Arenberghaus sich die Stimmanmeldungen zur Hauptversammlung häuften,
mußten die Angestellten immer wieder Eingaben heraussortieren, auf denen das Stimmrecht an einen Bonner Anwalt, Professor Dr. Meilicke, übertragen war.
Dreihundert Personen nahmen dann an der Hauptversammlung am 1. Dezember 1954 in Essen teil. Unter den altangestammten Aktionären erhob sich ein erstauntes Geraune und Köpferecken, als der Bonner Professor aufstand und vor der Abstimmung über die Neufestsetzung des Gesellschaftskapitals in Deutscher Mark erklärte: "Ich vertrete Rheinstahl-Aktien im Werte von 4,3 Millionen Reichsmark für Herrn Krages, Bremen."
Wie bei vielen Gesellschaften der Kohle- und Stahlindustrie der Bundesrepublik war auch die ordentliche Hauptversammlung der Rheinischen Stahlwerke die erste seit dem Kriegsjahr 1943. Dazwischen lag die Zeit, in der die Alliierten nicht nur die deutsche Schwerindustrie mit ihren Entflechtungskapriolen in Aufregung hielten, sondern während der sie auch versuchten, die "Konzentration wirtschaftlicher Macht" in Händen einzelner Großaktionäre zu zerschlagen. Eines der Mittel dazu war die alliierte Auflage an die Eigentümer großer Aktienpakete, Teile ihres Wertpapierbesitzes zu verkaufen beziehungsweise derart untereinander auszutauschen, daß sich das Aktienpaket einer Person in Zukunft möglichst auf ein Einzelunternehmen konzentriert.
Zur Kontrolle darüber, daß die Aktien später nicht doch wieder in die alten Hände gelangen würden, wiesen die Alliierten alle Nachfolgefirmen der zerschlagenen Ruhrkonzerne an, Namensaktien auszugeben. Im Gegensatz zu der vorher üblichen Inhaberaktie, die wie eine Geldnote weitergegeben werden konnte, mußte nun jede Aktie auf den Namen des Erwerbers ausgestellt und im Namensregister geführt werden. Auf diesen Namensregistern wiederum ruhte wachsam das Auge der alliierten Kontrolleure.
Die Combined Steel Group in Düsseldorf, bei der heute nur noch der amerikanische Vertreter Mr. Daniel Abwicklungsgeschäfte erledigt - Franzosen und Briten sind schon abgereist - , kannte die Besitzer der großen Aktienpakete ganz genau. Die Alliierten wußten insbesondere bis ins einzelne, wie hoch der Aktienbesitz der Erben der Gründerfamilien an Rhein und Ruhr, etwa der Witwe Amélie Thyssen oder ihrer Tochter Gräfin Zichy, an dem bedeutendsten Montankonzern, den früheren Vereinigten Stahlwerken ("Stahlverein"), war. Auch ein Paket in Höhe von 1,3 Prozent des Stahlverein-Kapitals (1,3 Prozent = 7,8 Millionen RM) der Ostdeutschen Privatbank war bekannt geworden, das der Hugenberg-Gruppe einmal als Abfindung für den Zwangsverkauf ihrer Beteiligungen am Scherl-Verlag und an der Ufa ausgehändigt worden war.
In den Registern der alliierten Kontrolleure tauchte aber plötzlich ein Name auf, hinter den die Sachbearbeiter ein großes Fragezeichen setzen mußten: Hermann D. Krages, Besitzer von etwa drei Prozent allein des Aktienkapitals der früheren Vereinigten Stahlwerke, rund 13,8 Millionen Reichsmark*). Die Stahlfachleute der Besatzungsmacht, die geglaubt hatten, Westdeutschlands Schwerindustrie genau zu kennen, rieten erst einmal untereinander. Dann riefen sie Stahlvereins-Großaktionäre und Firmen an und fragten: "Kennen Sie Herrn Krages?"
Aber niemand wußte eine Antwort, und kein Wirtschaftsarchiv hatte auch nur eine Zeile über diesen Mann abgelegt. Im Ruhrrevier am allerwenigsten, denn das Schwergewicht der geschäftlichen Betätigung der Familie Krages liegt in Norddeutschland. Die Leute mit dem Namen Krages sind Holzkaufleute, und der heute 79jährige Vater Louis Krages ist während der Nachkriegszeit nur einmal über seine Vaterstadt hinaus der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Das war, als er um das ihm unbequeme Wohnhaus einer Flüchtlingsfamilie auf einem Grundstück einen drei Meter hohen Bretterzaun errichten ließ.
Vater Krages ist das Haupt einer Holz-Dynastie, die heute über bedeutende Unternehmen verfügt, darunter:
▷ Louis Krages, Holzimporte und größtes Hobel- und Sägewerk Europas, Bremen,
▷ Hans Krages, Harburger Hobelwerk,
▷ Carl Louis Krages, Holzverarbeitungswerk Lübeck,
▷ Hermann D. Krages, Bremen, Holzfaserplattenfabrik, mit Hauptwerk in Scheuerfeld/Sieg.
Sohn Hermann hatte nach der Erbauseinandersetzung anläßlich der Wiederverheiratung von Vater Louis in Königsberg eine große Sperrholzfabrik und Zweigbetriebe in Schönheide im Erzgebirge und im westdeutschen Scheuerfeld errichtet. Die Zweiggeschäfte firmierten "Krages & Kriete". Alle Mitglieder der Familie Krages gelten in der Holzbranche als ausgezeichnete Fachleute. Hermann Krages hat sich ganz auf die Holzverarbeitung spezialisiert. Nur nebenbei hat er vier Übersee-Frachtschiffe finanziert.
Nach Kriegsende und dem Verlust seiner Ostbetriebe zog sich Hermann Krages auf das Werk in Scheuerfeld zurück und baute es zu einem hervorragend durchrationalisierten und mit modernsten Holzbearbeitungsmaschinen ausgestatteten Betrieb
aus. Zusammen mit einem Verarbeitungsbetrieb in Höxter sind in den Werksbetrieben etwa 500 Personen beschäftigt.
Die Erzeugnisse werden durch die "Deutsche Duroleum GmbH., Bremen" vertrieben, und die zusammengefaßte Verwaltung wurde vor etwa einem Jahr nach Bremens Buntentorsteinweg verlegt. Inhaberin der Hartfaserplattenfabrik Scheuerfeld ist Ehefrau Ingeborg, geborene Honold. Sie hat ihrem Gatten Hermann D. Krages Einzelprokura erteilt.
An den Rand der Zechen und Hütten des Ruhrreviers verschlagen, machte sich Krages nach der Kapitulation frühzeitig Gedanken über das künftige Schicksal der großen Kohle- und Stahlkonzerne. Die Unsicherheit über die im Fluß befindlichen Fragen des Eigentums, der Entflechtung und möglicherweise auch der Sozialisierung hatte den Wert der Montanaktien vor der Währungsreform bis auf den Schwarzmarktpreis für ein halbes Pfund Butter herabgedrückt. Heute weiß man an der Börse, daß es in Westdeutschland während der letzten zehn Jahre kein besseres Geschäft hätte geben können, als etwa für schlechte Reichsmark Wertpapiere der Montan-Industrie aufzukaufen.
Auch nach der Währungsreform lagen die Kurse enorm niedrig. Zum Jahresende 1948, als viele Aktionäre ihre Wertpapiere aus Geldnot auf den Markt brachten, lag beispielsweise der Kurs für Vereinigte Stahlwerke bei 15 Prozent, das hieß eine Aktie über 1000 Reichsmark Nennwert war für 150 Deutsche Mark zu kaufen. Niemand schien den buntbedruckten Papierbogen für die Zukunft einen allzu großen Wert beizumessen. Nicht so Herr Krages. Er begann zu kaufen.
An der Ruhr wird heute gern darauf hingewiesen, die deutsche Holzindustrie sei zweifellos mit größeren Reserven und Lagervorräten in die Währungsreform gegangen als etwa die Schwerindustrie. Wie in anderen Branchen, so waren nach der Geldreform auch in der Holzwirtschaft die Lagervorräte gute Deutsche Mark wert. Früher als die Schwerindustrie aber geriet die Holzbranche in eine einträgliche Konjunktur (Wohnungsbau, Möbel usw.).
Hermann Krages produzierte Holzfaserplatten. Auch wird ihm in der Branche allgemein Pionierarbeit bescheinigt. Das Unternehmen blühte auf, und die Kassen füllten sich. Sein Duroleum-Fußbodenbelag in Leinölqualität war konkurrenzlos billig und wurde reißend abgesetzt, auch im Export. Mit Hilfe seiner flüssigen Gelder und durch Verkäufe anderer Aktien aus seinem Besitz mästete Hermann Krages ein ansehnliches Aktienpaket heran*).
Hermann Krages, der jüngste Sohn (Jahrgang 1909), stieg als einziger der Familie groß in Aktien der Schwerindustrie ein. Über sein erworbenes Paket am Stahlverein sagt er heute mit der Überzeugung eines Mannes, der recht behalten hat: "Meine Beteiligung an den Vereinigten Stahlwerken ist durch Veräußerung anderer Beteiligungen entstanden, weil ich nicht an die Verewigung der alliierten Demontage-Politik glauben wollte."
Diese Überzeugung hat sich für Krages millionenfach verzinst, denn seine Spekulation ging in vollem Umfang auf. Allein aus seinen 13,8 Millionen RM Stahlvereins-Aktien sind infolge der günstigen Kapitalumstellungen der Nachfolgefirmen, die durch das Auftauen zahlreicher stiller
Reserven in den Bilanzen möglich gewesen sind, heute rund 42 Millionen Mark Nominalwert geworden. Denn im Durchschnitt wurden auf 1000 Reichsmark Stahlverein für 3000 Deutsche Mark Nachfolgeaktien ausgegeben.
Der Kurswert dieser Papiere, das heißt der Preis, für den Krages diese Aktien heute an der Börse wieder verkaufen könnte, liegt sogar noch höher. Für alle Aktien der siebzehn Nachfolgefirmen des Stahlvereins wurde Ende vergangenen Jahres insgesamt ein Börsenwert von über 4800 DM je 1000 RM-Aktie notiert.
Für Aktien des Stahlvereins, die der Bremer Holzkaufmann Krages etwa vor vier Jahren aufgekauft hat, ergibt sich heute eine einträgliche Vermögensrechnung:
▷ Kaufpreis der 1000-RM-Aktie Ende 1950 etwa 480 DM (Kursstand Dezember 1950: 48).
▷ Auf Deutsche Mark umgestellter Kapitalwert dieser Aktie heute 3000 DM.
▷ Kurswert an der Börse Ende 1954 rund 4800 DM.
▷ Wertgewinn pro Aktie innerhalb von vier Jahren 4320 DM.
Besonders in der Zeit des Korea-Booms legte Hermann Krages seine flüssigen Mittel in Aktien des Stahlvereins und anderer Montangesellschaften an. Auf Befragen gibt er heute preis: "Es liegt nahe, in Zeiten, wie etwa 1950, wenn sich die Lagerbestände im Warengeschäft erheblich verminderten, die frei werdenden Mittel in Wertpapieren anzulegen*)."
Die märchenhafte Chance, während der Entflechtung und Neugliederung der Schwerindustrie Westdeutschlands durch Aktienspekulation Geld zu verdienen, wird an dem Kursverlauf der vergangenen Jahre deutlich. Stahlvereins-Aktien wurden jeweils am Jahresende notiert:
▷ 1948 zu 15 Prozent,
▷ 1949 zu 59 Prozent,
▷ 1950 zu 48 Prozent (hier konnte man also auch Geld verlieren),
▷ 1951 zu 167 Prozent,
▷ 1952 zu 198 Prozent und
▷ 1953 zu 205 Prozent.
Auch die Papiere beispielsweise der Rheinischen Stahlwerke Essen, an denen Hermann Krages ebenfalls beteiligt ist, nahmen einen ähnlichen Kursaufschwung. Noch im August vorigen Jahres, als die Rheinstahl-Verwaltung aus Anlaß der bevorstehenden Hauptversammlung eine Pressekonferenz veranstaltete, lag der Kurs bei 217. Selbst wenn Krages erst zu diesem Zeitpunkt Rheinstahl-Aktien gekauft oder durch Umtausch anderer Aktienpakete erworben hat, so ist ihm durch den Endspurt der Aktienhausse während der zurückliegenden Monate allein an seinem Rheinstahl-Paket ein Vermögenszuwachs von fast 400 000 Mark entstanden. Denn Rheinstahl-Aktien notierten zum Jahresende 1954 mit 307.
Der Holzkaufmann Krages hat nun durch verschiedene Börsentransaktionen versucht, Teile seines Aktienbesitzes auf ein Unternehmen zu konzentrieren. Zunächst vermuteten Fachleute an der Ruhr, er wolle sich besonders auf Aktien der Gelsenkirchener Bergwerks-AG. legen, um angesichts der Beteiligungen der Gruppe Thyssen und der Rheinischen Stahlwerke von zusammen 42,5 Prozent das Zünglein an der Waage zu sein. Dann schien sich Krages, nachdem die Pakete von Thyssen und Rheinstahl durch Verkäufe aufgesplittert waren, auf Papiere der Zechengesellschaft Erin konzentrieren zu wollen. Als die Erin-Kurse plötzlich heftig nach oben schlugen, hieß es an der Börse: "Aha, Krages kauft."
Eine angestrebte Konzentration auf die Gußstahlwerke Bochumer Verein mißlang. Auch der Bochumer Verein wurde nicht "sein Betrieb", obwohl der Außenseiter aus Bremen versuchte, ein Aktienpaket des Bochumer Vereins zu erwerben, das sich im Besitz der besonders reich mit Industriebeteiligungen
gesegneten Rheinischen Stahlwerke befand. Die darüber geführten vorfühlenden Gespräche müssen wenig konkrete Formen angenommen haben, denn bei Rheinstahl erinnert man sich nur an unklar geführte Unterredungen. Rheinstahl hat dann seine Beteiligung am Bochumer Verein in voller Höhe an den schwedischen Industriellen Axel Wenner-Gren verkauft.
Dagegen gehören die Ruhrstahl AG. und die Rheinisch-Westfälische Eisen- und Stahlwerke AG. zu jenen Verarbeitungsfirmen, die Rheinstahl gern mit in den krisenfesten Verbundkonzern aufnehmen möchte, an dessen Errichtung die Verwaltung seit einiger Zeit arbeitet. Die Rheinstahl-Direktion hatte den Alliierten mühsam die Erlaubnis abgerungen, für diese Betriebe wenigstens eine sogenannte transitorische, also zeitweilige Konzentration einzugehen.
Bei den Rheinischen Stahlwerken in Essen geschah es dann schließlich auch, daß der Neuling Krages im Ruhrgebiet mit den alteingesessenen Montan-Aktionären in offenen Konflikt geriet. Der Streit entzündete sich an der Frage, in welchem Verhältnis das Reichsmark-Kapital bei Rheinstahl auf Deutsche Mark umgestellt werden sollte.
Die Geschäftsleitung hatte früh darauf hingewiesen, daß es der Firma Rheinstahl nicht möglich sein werde, Reserven in dem Umfang aufzutauen, wie es manche andere Unternehmungen konnten. Einer der Gründe dafür lag darin, daß Rheinstahl nach den niedrigen Sätzen des D-Mark-Bilanzgesetzes und nicht nach den großzügiger bemessenen Bewertungsrichtlinien der direkt entflochtenen Unternehmen umstellen muß*). Und daß es sich bei Beteiligungen, die gerade bei Rheinstahl einen großen Teil des Vermögens darstellen, nicht lohnt, sie allzu hoch anzusetzen, weil auf Beteiligungen keine Steuerabschreibungen wie etwa auf Fabriken, Anlagen usw. gewährt werden.
Auch im Hinblick auf die geplante Abrundung des Konzerns durch die Einbeziehung von Verarbeitungswerken hatte die Verwaltung angedeutet, daß sie für diese künftigen Aufgaben gewisse Reserven schaffen wolle. Schon 1953 hieß es in einem freiwillig erstatteten Zwischenbericht an die Aktionäre: "Die Verwaltung ist der Überzeugung, daß es auch das Anliegen der Rheinstahl-Aktionäre ist, die D-Mark-Eröffnungsbilanz mit Reserven auszustatten, die eine stete Aufwärtsentwicklung des Unternehmens ermöglichen."
In dem Geschäftsbericht für die Hauptversammlung am 1. Dezember 1954 schließlich wurde gesagt: "Nach vorsichtiger Abwägung der zukünftigen Ertragsaussichten ist die Verwaltung zu dem Ergebnis gelangt, den Aktionären eine nominelle Kapitalumstellung im Verhältnis 1:1,2 vorschlagen zu sollen." Gleichzeitig kündigte die Direktion an, allen Aktionären würden aus dem Beteiligungs-Portefeuille der Rheinstahl pro Reichsmark-Aktie noch 400 DM-Aktien ausgeschüttet, so daß sich das Umstellungsverhältnis insgesamt auf 1:1,6 erhöht**).
An diesem Punkt der Tagesordnung legte der für Hermann Krages erschienene Professor Meilicke auf der Hauptversammlung
Protest ein. Im Namen seines Auftraggebers forderte er eine Umstellung des Kapitals im Verhältnis 1:2. Hier nun schien den zahlreichen Gegnern des Bremers ein Motiv durchzuschimmern, das vor den alliierten Behörden einmal zur Sprache gekommen war. Krages hatte dort gesagt, er suche keinen Einfluß, sondern Geld.
Professor Meilicke warf der Verwaltung in Essen vor, sie verberge in der Bilanz etwa 250 Millionen Mark stille Reserven, davon allein 150 Millionen durch eine Unterbewertung ihres Stahlverein-Pakets. Tatsächlich hat die Rheinstahl-Bilanz vorsichtig unsichtbare Werte zurückgestellt. So sind beispielsweise die nominal 220 Millionen Mark Kapitalbeteiligungen an den Nachfolgegesellschaften des Stahlvereins nur zum halben Wert eingesetzt. Meilicke forderte höhere Ansätze, denn dann könne auch eine höhere Umstellung erfolgen.
Protestrufe wurden laut, als Professor Meilicke vorschlug, notfalls könne man ja auch noch zusätzlich Aktien der transitorischen Beteiligungen (also Beteiligungen gerade an den Betrieben, die die Verwaltung zur Komplettierung des angestrebten Verbundkonzerns behalten möchte) an die Aktionäre ausschütten, ähnlich den Papieren der Gelsenkirchener Gesellschaft. Hier wurde der Gegensatz zwischen den Altaktionären und dem Bremer Holzkaufmann besonders deutlich, denn manche Aktionäre befürchten, Krages denke nur daran, möglichst viel aus seinem Paket herauszuschlagen, ohne Rücksicht darauf, was auf lange Sicht für das Unternehmen gut sei.
Einer der alten Rheinstahl-Aktionäre sprang auf und rief Professor Meilicke erregt zu, er vertrete hier offensichtlich "revierfremde Interessen". Der Aufsichtsratsvorsitzende, Geheimer Kommerzienrat Dr. Hermann Schmitz, wies darauf hin daß der
Bremer Aktionär doch wohl erst in den letzten zehn Jahren im Revier aufgetaucht sei, während in der Verwaltung der Rheinstahlwerke Herren säßen, die seit fünfzig Jahren mit dem Revier beschäftigt seien. Aber Professor Meilicke blieb auftragsgemäß bei seinem Protest. Alle anderen Aktionäre stimmten für die Vorschläge der Verwaltung.
Wenige Tage danach machte der Bremer Großaktionär Ernst mit seinem vorgetragenen Protest. Er reichte noch im alten Jahr beim Landgericht Essen eine Anfechtungsklage gegen die ihm zu niedrig erscheinende Kapitalumstellung und einige andere Beschlüsse der Hauptversammlung ein. Krages steht auf dem Standpunkt, es müsse einmal etwas "gegen die Thesaurierungspolitik*) der Vorstände geschehen".
Unter seinen Aktionärskollegen bei der Rheinstahl Essen aber hat sich Hermann Krages mit seiner Klage noch unbeliebter gemacht, denn sie hat erhebliche aufschiebende Wirkungen. Einmal kann das neubeschlossene Kapital nicht in das Handelsregister eingetragen werden. Zum anderen könnte die Auszahlung der auf der Hauptversammlung in Essen beschlossenen sechsprozentigen Dividende an die Aktionäre auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Weil ähnliche Einsprüche des Großaktionärs Krages auch bei anderen Gesellschaften befürchtet werden, ist seine Anfechtungsklage im ganzen Ruhrrevier Tagesgespräch.
Vorletzte Woche hielt in Oberhausen der Gutehoffnungshütte-Aktienverein, von dem der Holzkaufmann Krages ebenfalls etwa fünf Millionen Reichsmark-Aktien gekauft hat, seine Hauptversammlung ab. Generaldirektor Dr. Hermann Reusch, selbst uralter Ruhradel, meinte dort im kleinsten Kreise: "Dieser Herr Krages muß sich erst einmal an den Ton im Revier gewöhnen. Er ist hier ja noch ein ziemlich junger Mann."
*) Das gesamte Kapital der früheren Vereinigten Stahlwerke betrug 460 Millionen Reichsmark.
*) Über einen früheren größeren Krages-Besitz von Aktien war vorher nur bekannt gewesen, daß sich zumindest in der Familie Krages einige Pakete Schiffahrtsaktien, darunter mindestens 2,8 Millionen "Norddeutscher Lloyd" und eine halbe Million DDG "Hansa", befunden hatten.
*) Dem SPIEGEL gab Krages dazu noch die Erklärung: "Im übrigen sind mir verschiedene Aufsätze des SPIEGEL aus den Jahren 1949/50 bekannt, mit welchen auf die Unterbewertung gerade von Montanen und Kali-Aktien besonders hingewiesen worden ist." Photos von sich gibt Hermann Krages weder heraus noch läßt er zu, daß Photos gemacht werden.
*) Die Rheinischen Stahlwerke, die seit 1926 eine reine Bergbaugesellschaft sind, wurden nicht direkt entflochten, das heißt, sie brauchten keinen ihrer Betriebe aus dem Konzern auszugliedern. Rheinstahl wurde vielmehr nur in seiner Eigenschaft als Großaktionär an anderen Montanbetrieben in die Aktien-Entflechtung einbezogen.
**) Jeder Rheinstahl-Aktionär empfängt mithin für seine alte 1000-RM-Aktie für 1200 DM neue Rheinstahl-Aktien und für 400 DM Aktien der Gelsenkirchener Bergwerks-AG.
*) 1947 als Angeklagter im sogenannten Kriegsverbrecher-Prozeß gegen die IG-Farben-Industrie in Nürnberg.

DER SPIEGEL 5/1955
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