26.01.1955

CHANSON / EARTHA KITTDie schwarze Helena

Eine Jazzband setzt mit vollem Blech ein. Zwei, drei Takte, dann ertönt eine leicht angerauhte Frauenstimme: "C''est si bon..." Schon nach den ersten fünf Worten spürt der Zuhörer, daß es nicht das alte sentimentale Chanson der Schlagerparaden ist. Und spätestens nach einem Seufzer der Erwartung, einem Zittern in der plötzlich sinnlich trägen Stimme und einem deutlichen Stöhnen "Hmmm... c''est bon" verliert sich seine Phantasie in Gebiete, für deren statistische Erfassung Dr. Kinsey zuständig ist.
Nach zweimal schnell aufeinanderfolgendem "C''est bon" spricht dann die Stimme kühl vor dem mit "C''est bon, C''est bon" einsetzenden Männer-Chorus:
Ich suche einen Millionär mit
(Pause, überlegend:) ... großen Cadillacs
(Sehnsüchtig:) Nerzmänteln!
Juwelen ...
bis zum Hals, you see ...?
(berechnend:) Vielleicht jemand mit einer
kleinen Jacht, non?
(nüchtern:) Sie wissen doch...
ich warte auf jemand, der
mir viel Luxus bieten kann
(Kokettierend, selbstsicher:) Ce soir - heute abend?
(Erwartungsvoll:) Demain - morgen?
(lachend, seufzend:) Hmmmm
Es wird sein sehr ... (
Verführerisch:) verrückt ...
Non?
(Plötzlich metallisch schreiend:) Voila, c''est im - por - tant!!!
Als die Platte auf dem amerikanischen Schallplattenmarkt erschien, waren sich die Kritiker zumindest in einem Punkt einig: Sie übertraf in direkter Ansprache alles, was in den letzten Jahren in Wachs geritzt worden war. Die Schallplattenjockeis der großen Rundfunksender
nahmen die "zärtliche Quälerei" kaum noch von den Plattentellern, und als die "Hymne der Leidenschaft" an die Spitze der Bestsellerliste schoß, wurde klar, daß ihre Interpretin nicht nur selbst ein Star geworden war, sondern auch einen neuen Drall in das Schlagergeschäft gebracht hatte. "Seit Jahren hat kein neuer Star einen seltsameren Zauber über den Broadway geworfen", schrieb die New-Yorker Journalistin Phyllis Battelle, "als diese 26jährige Frau, die halb wie ein Kind und halb wie eine Teufelin aussieht und Eartha Kitt heißt."
In den letzten Wochen hat sich der seltsame Zauber auch über Europa gelegt. In Norwegen, Holland, Frankreich und selbst in Deutschland rückten die eilig herausgebrachten Kitt-Platten in Bestseller-Bereiche. Die Kölner "Electrola" schickt gleich neun neue Titel*) der Neger-Chanteuse auf den Markt und wunderte sich: "So etwas ist überhaupt noch nicht dagewesen - es gab sogleich einen Sturm dafür und dagegen." Beim Londoner BBC schritt der Zensor ein und verbannte die Kitt-Songs als "zu gewagt" vom Programm.
Die Sender auf dem Kontinent aber kennen kaum noch ein Schlagerprogramm ohne Kitt. Im NWDR bezeichnete Schlagerjockei Kurt A. Jung sie letzte Woche schon als "eine unserer besten Freundinnen", beurteilte ihre "C''est si bon"-Interpretation als "erregend" und sprach von den Männern, "die ihre Augen geschlossen hatten und tief aufseufzten". Der Sprecher des BFN Köln klagte vor einer Kitt-Platte: "Welch ein Jammer, daß wir kein Fernseh-Sender sind."
Der visuelle Eindruck hätte dem akustischen nicht nachgestanden. Tausenden von Nachtklub-Habitués, von Männern mit kleinen Jachten und großen Cadillacs, ist das Bild vertraut: "Mit den geschmeidigen, kraftvoll verhaltenen Bewegungen einer jungen Löwin auf freier Wildbahn schleicht sie ins Scheinwerferlicht", beschrieb die amerikanische Zeitschrift "Collier''s" einmal einen Kitt-Auftritt. "Ihr kleines, nach hinten geneigtes Gesicht hat einen lauernden Ausdruck, so, als überlege sie, ob sie die Zuschauer umschmeicheln oder aber ihnen an die Kehle springen soll.
Ihre großen, dunklen Augen scheinen Wärme auszustrahlen, während sie geradewegs durch verschiedene gestärkte Hemdbrüste hindurchstarren. Ihre 160 cm große, vor Gesundheit vibrierende 100-Pfund-Figur füllt die sie umschnürende Robe mit einer solchen Suggestion animalischer Macht, daß jeder Mann versteinert sein muß."
Die Atmosphäre ist dann genügend angeheizt für einen Kitt-Song. Wenn der durchschnittliche maskuline Mensch in Reichweite von Eartha Kitts Stimme kommt, vernimmt er unmißverständlich den Ruf der Wildnis. Wenn er dann
versucht, dem Ruf zu antworten und zu folgen, werden seine aufgestörten Emotionen jedoch durch plötzlich betonte Teilnahmslosigkeit der Sängerin wieder beruhigt. Und doch ertönt der Ruf wieder und wieder, er scheint allein an ihn, an jeden einzelnen aller Männer gerichtet zu sein. "Und so eine Botschaft kann man natürlich nicht überhören", seufzte ein Broadway-Kritiker. "Denn nach zwei Strophen Eartha Kitt - ob sie nun ein Kinderlied oder die Nationalhymne singt - , nach höchstens zwei Strophen wird jeder Mann zum heulenden Derwisch."
Wie sie auf der Bühne steht, könnte sie entweder Verkörperung extremer kindweiblicher Unschuld oder Symbol ebenso extremer weiblicher Sündhaftigkeit sein. Die Entscheidung, welches von den beiden Extremen es sein soll, hat allein der Betrachter. Darin liegt - vielleicht - der Schlüssel zu dieser seltsamen, viel gefeierten neuen Figur im amerikanischen "Show Business".
Orson Welles, der ihr die Rolle der Helena von Troja in seiner europäischen "Faust"-Produktion gegeben hatte, nannte sie "die aufregendste Frau der Welt" und biß ihr auf der Bühne die Lippen wund - "als Kompliment für alle Frauen aller Zeiten!" Sogar die "New York Times" schnurrte: "Sie ist eine Brandbombe, sie kann einen Song in Flammen aufgehen lassen."
Aber die Kitt läßt nicht nur Songs, Nachtklubbesucher und Orson-Welles-Inszenierungen in Flammen aufgehen. Im vergangenen Monat brachte sie auch ein seriöses Theaterstück am Broadway zum Glühen. In dem Schauspiel "Mrs. Patterson" spielt sie ein 15jähriges Negermädchen
und überzeugte die verwöhnten Rezensenten ebenso wie den Maharadscha von Cooch Behar, der kürzlich im Londoner "Churchill Club" ihre Hexereien mit weitäugigem Entzücken verfolgte, bis er schließlich heiser ausrief: "Ravissante! Ich bin vernichtet!"
Ihre Hauptrolle in "Mrs. Patterson" war mehr als nur ein persönlicher Erfolg. Sie war zugleich Symptom für eine Wandlung im Verhältnis zwischen Weiß und Schwarz in Amerika. Als erste Negerin steht die Kitt in einer Hauptrolle auf einer ernst zu nehmenden amerikanischen Sprechbühne.
Eartha Kitt ist keine Außenseiterin wie einst Josephine Baker, die ihre einsame Karriere in Europa machen mußte, weil ihr die amerikanische Rassenschranke den Sprung in die Spitzenklasse versperrte. Neben Eartha Kitt ist noch ein ganzes Rudel anderer Negerinnen durch schieres Talent in den inneren Kreis höchstgeschätzter und -bezahlter Künstler eingedrungen. Er war bisher - außer im Jazz - den Bleichgesichtern reserviert.
Anfang des Monats eroberte farbiges Können sogar die rot-goldene Metropolitan Opera, den vornehmsten Musentempel New Yorks. Die Altistin Marian Anderson sang als erste Negerin in der "Met" den Part der Zauberin in Verdis "Maskenball". Als sie in der zweiten Szene auftrat, zwangen die Ovationen des Hautevolee-Publikums den Dirigenten Mitropoulos, das Orchester vorübergehend abzuklopfen.
Noch ein Stück weiter am Broadway läuft der Film "Carmen Jones" Von Otto Preminger für die Fox gedreht. verpflanzt er Bizets spanische Moritat über die Folgen blinder Leidenschaft ins Milieu amerikanischer Neger. Neger spielen die Star-Rollen in dieser "Superproduktion", und das Temperament der farbigen Akteure pulvert die abgedroschene Handlung so heftig auf, daß die weißen Kritiker sich "in die Luft gesprengt" fühlten. "Time"
meinte: "Energie ist die Essenz dieses Filmes, das Publikum wird nicht nur aufgepeitscht, es wird unter Starkstrom gesetzt." Selbst die Breitwand ist zu schmal für die Vitalität der dunklen Carmen, Dorothy Dandridge, die seit der Premiere zu den Anwärterinnen auf den "Akademie-Preis" ("Oscar") gerechnet wird.
Auf der Suche nach neuen kräftigeren Sinnesreizen für ein Publikum, das der Bandmaß-Schönheiten allmählich überdrüssig wird, haben die Produzenten die moderne Negerin entdeckt. Die baumwollpflückende Niggermammy von einst gibt es nicht mehr. In den Großstädten wachsen braune Mädchen von weißer Eleganz. Doch ihre Gesichter sind noch nicht zu kosmetischen Max-Factor-Masken erstarrt. Sie strahlen noch den vielgerühmten "animalischen Magnetismus" aus, der im "Show Business" die Registrierkasse klingeln läßt.
Auch die farbigen Männer durchbrechen als Sänger und Schauspieler das Klischee des ewig grinsenden, gutmütigen und dummen Niggers mit den dicken Lippen, den Blendax-Zähnen und dem rollenden Dialekt, das ihnen ein als Neger verkleideter weißer Sänger namens Al Jolson ("Sonny Boy") vor mehr als 20 Jahren aufzwang. Die dunkel pigmentierten Künstler haben aufgehört, nur als Dienstmädchen, Schlafwagenschaffner, Steptänzer und Ulkfiguren aufzutreten.
Der amerikanische Soziologe David Riesman meinte zu diesem Wandel: "Die feindliche Fremdheit beginnt sich zumindest an der Peripherie aufzulösen. Seit hundert Jahren streben die Neger allen Erniedrigungen zum Trotz nach der Welt der Weißen, die sie aus ihrer Elendstiefe heraus mit ähnlicher Bewunderung betrachteten wie die Griechen ihre Götter ... Die Neger haben sich der äußerlichen Lebensform der Weißen angepaßt, und auf immer mehr Gebieten beginnen die Weißen den Farbigen als einen Menschentyp zu erkennen, den sie brauchen, weil er ihrem Sport, ihrer Zivilisation, ihrem Lebensgefühl eine neue Vitalität geben kann. Die Fremdheit ist geblieben, aber sie hört auf, eine feindliche Fremdheit zu sein. Sie ähnelt eher der Fremdheit zwischen den Geschlechtern. Die Feindschaft beginnt sich in ein Voneinander-Fasziniertsein zu wandeln."
Das Stück, in dem Eartha Kitt die Hauptrolle spielt, handelt von der Sehnsucht eines Negermädchens nach der Welt der Weißen. In Visionen erscheinen der Fünfzehnjährigen seltsame Gestalten aus der Welt außerhalb des elenden Hinterhofes, auf dem sie lebt:
▷ ein merkwürdiges Individuum, "der Nacht-Farmer" genannt, das offensichtlich die Vorstellung der kindlichen Träumerin vom eleganten Nachtleben Chikagos repräsentiert;
▷ drei weiße junge Damen des feudalen amerikanischen Südens, die alle in übertrieben vornehmem Unisono sprechen;
▷ und als wichtigste von allen "Mrs. Patterson", die Titelfigur des Stücks, bei der - im wirklichen Leben - die Mutter des Kindes als Reinemachefrau arbeitet. Sie wird in der Phantasie der Fünfzehnjährigen zum Inbegriff der blassen, schmachtenden Eleganz ihrer Klasse und ihrer Rasse.
So mächtig ist schließlich der Einfluß de "Mrs. Patterson"-Vorstellung, daß es der größte Ehrgeiz des Negerkindes wird, schnell aufzuwachsen und eine "reiche weiße Dame" zu werden.
An diesem Punkt überschneidet sich die Broadway-Rolle seltsam mit dem wirklichen Leben der Eartha Kitt, das auch in einem Flecken der Südstaaten begann: im Städtchen North des Staates Süd-Karolina. Als sie 1928 dort zur Welt kam, bestand North aus ein paar windschiefen Hütten, die inmitten dampfend heißer Baumwollpflanzungen und feuchter Sumpfwälder lagen, einer Umgebung, die seit Jahrhunderten Armut, Krankheit und Aberglauben brütet.
"Meine erste Kindheitserinnerung ist eine lange, schlammige Straße bei Sonnenuntergang", berichtet die Kitt. "Meine Mutter hielt mich an der Hand und auf dem anderen Arm trug sie meine kleinere Schwester Anna Pearl. Wir gingen durch North zum Hause einer Witwe, die wir Tante Rosa nannten. Das Wichtigste an diesem Spaziergang ist, daß ich niemals davon zurückkehrte."
Ihr Vater, der für einen weißen Baumwollpflanzer arbeitete und mit einem Anteil an der Ernte entlohnt wurde, hatte sie Eartha, die "Erdgeborene" oder "Der-Erde-Geweihte", genannt, um nach sechs Jahren der Mißernten und Fehlschläge dem Boden für das erste gute Baumwolljahr zu danken. Mit dem kärglichen Ertrag hatte er sich davongemacht. Dann hatte ihre Mutter wieder geheiratet. Der Stiefvater erklärte sich zwar bereit, Anna Pearl mit in die andere Stadt zu nehmen, in der er lebte, aber Eartha mochte er nicht.
"Meine Haut war zu hell", erklärte die Kitt, "und meine Haare waren lang und braun, gar nicht wie die der anderen Negerkinder in North. Während wir die schmutzige Straße entlang gingen, hörte ich meine Mutter sagen, das sei der Grund, weshalb mein Stiefvater mich nicht bei sich haben wolle. Niemand wollte mich nehmen. Wenn meine Mutter ihre Verwandten bat, mich zu behalten, war
die Antwort immer dieselbe: In unserem Haus wollen wir kein gelbes Kind."
Nach einem Jahr erfuhr sie, daß ihre Mutter gestorben sei. Sie wurde in dem Waldfriedhof beigesetzt, der zu dem großen Herrenhaus gehörte, wo der weiße Besitzer aller Baumwollpflanzungen in der Umgebung von North residierte. "Meine Vorstellung vom Jenseits war bestimmt von den rosigen Phantasien in den Spiritual-Liedern der Neger des amerikanischen Südens. Immer öfter zog ich mich in die unwirkliche Welt meiner Träume zurück, plauderte mit meiner Mutter, die in wunderschönen weißen Kleidern in der Pracht und dem unermeßlichen Reichtum des Himmels wandelte, wo sie nie mehr Baumwolle zu pflücken brauchte. Die farblose, häßliche Welt der Armut um mich herum verschwamm, und ich sah mich in einer üppigen Phantasie-Welt in der ich sang, tanzte und meine eigenen Dramen und Komödien erfand, in denen ich selber die Rollen der ''feinen, reichen Damen'' und der schönen, aber bösen Hexen spielte, die über alle anderen eine geheimnisvolle, unwiderstehliche Macht ausüben."
Bald wurde Eartha aus ihren Phantasien gerissen. Eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter in New York adoptierte sie, und mit 15 Jahren arbeitete Eartha in der großen Stadt in einer Kleiderfabrik.
Damals begegnete ihr auf der Straße das Schicksal in der Gestalt eines kleinen Negermädchens, das sie nach dem Weg zu den Tanz-Studios der berühmten Katherine Dunham fragte. Eartha folgte einer Eingebung und ging gleich selber mit: "Ich hatte keine Ahnung von geschultem Tanzen, aber ich bat trotzdem, der großen Dunham vortanzen zu dürfen. Ich hatte ja nichts zu verlieren."
Was niemand erwartet hatte, geschah. Eartha wurde als Schülerin in die Dunham-Tanzgruppe aufgenommen. "Ein volles Jahr lang sah ich keine Rampenlichter. Immer nur üben, üben und wieder üben." Dann hatte sie die komplizierten Figuren der haitianischen, kubanischen und afrikanischen Tänze und die seltsamen Rhythmen und Harmonien der dazu gesungenen Lieder endlich erlernt. Aber erst an ihrem 20. Geburtstag war sie fit für eine der Auslands-Tourneen der Dunham-Truppe.
Innerhalb einer berühmten Tanzgruppe, das merkte sie bald, waren ihre Möglichkeiten begrenzt. Während des Gastspiels in Paris ergaben sich unerwartet die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Ausbruch aus der Truppe. Die Kitt war der Madame Frede aufgefallen, der betont maskulinen, Smoking tragenden Besitzerin des Nachtklubs "Carrolls". Obwohl die Kitt bis dahin nur als Tänzerin aufgetreten war, wollte die Frede das Experiment unternehmen, sie als Sängerin herauszubringen. Kurz entschlossen verließ die Kitt das Dunham-Ensemble.
Ihr Puma-Gesicht, ihre biegsame Figur, ihre fremdartige Stimme und ihre aufreizenden Tanzbewegungen zogen nicht nur Touristen, sondern auch die verwöhnte Montmartre-Kundschaft zu "Carrolls". Orson Welles sah sie dort und engagierte sie für die einigermaßen verrückte Doppelrolle Gretchen-Helena in seiner "Faust"-Version. In dieser Rolle, in der sie Faust-Welles in beschwörenden Songs (von Duke Ellington) durch die Jahrhunderte zu begleiten hatte, kam sie zum ersten Male nach Deutschland.
Was die deutschen Zuschauer frappierte, war ihre geschmeidige Art, Faust mit allen
Mitteln der Verführungskunst zu umgirren. Und selbst die Zuschauer, die kaum verstanden, was die Kitt sagte, waren gebannt, wenn ihre melodisch fließende Stimme plötzlich in sehnsüchtigen Gesang überging, wenn sie "Halleluja" heraussang: Das erste "Halleluja" noch einfach und ohne Betonung, dann zuckte ihr Körper unvermittelt in kaum angedeuteten Gesten, der winzigste Schritt wurde zu einer elektrisierenden Bewegung, die sich auf das Publikum übertrug. Lässig, locker, ein wenig lasziv glitt sie über die Bühne, dehnte das "Halleluja" wie einen sammetweichen, langgezogenen Klagelaut, der von imaginären Urwaldtrommeln begleitet zu sein schien:
Ha - le -
luja
luja
wuja
Oh Hale
luuuuuu
ja.
Ein paar Monate später - wieder allein - wurde sie auf Gastspielen im Mittleren Osten zum Idol der wohlhabenden levantinischen Halbwelt. Geschenke trafen ein:
▷ kostbare Juwelen;
▷ die Schenkungsurkunde für einen Palast in Ägypten;
▷ Elefanten;
▷ ein Diamant - "so groß wie meine Faust" - von einem exotischen Prinzen.
Damals schickte die Kitt alle Gaben, die ihre Wunschliste aus dem (später geborenen)
"C''est si bon" leicht gefüllt hätten, wieder zurück. "Ich hatte keine Lust, im Harem irgendeines Sultans zu verschwinden."
Bald sang sie wieder, schon mit dem Etikett "Königin der Nachtklubs" versehen, in Europa. "Europa", so schrieb ein Pariser Kritiker, "wird ihr zuhören, solange sie nur singen will."
In New York aber war sie ein Niemand. Als sie im Dezember 1951 im New-Yorker Nachtklub "La Vie en Rose" auftrat, war es für sie ein neues Debüt. Jeder, der irgend etwas war im New-Yorker "Show-Business", hatte ihr gute Ratschläge gegeben: dies und das sollte sie singen, so und so sollte sie nicht singen. Die Premiere war ein Versager. Am fünften Tag fiel sie während der Vorstellung um. Ihr Vertrag wurde annulliert.
Sie sei ausgerutscht, erklärte Eartha ihren Unfall. Aber die Kolumnisten und Amateur-Psychiater des Broadway hatten eine andere Diagnose: Ohnmachtsanfall hysterisch-psychosomatischer Natur als Ausweg aus einer Situation, der sie sich nicht gewachsen fühlte. Sechs Wochen der Meditation und Selbstprüfung brachten ein wichtiges Ergebnis: Sie würde sich in Zukunft weniger beraten lassen und einfach so singen, wie es ihr in den Sinn kam.
Auf dieser Basis war ihr zweiter Versuch in New York - diesmal nicht im vornehmen Ost-Manhattan, sondern im Künstlerviertel Greenwich Village - ganz der große Erfolg, den sie sich erhofft hatte. "Seit jenem Augenblick", sagt die Kitt, "lasse ich mir von keinem mehr sagen, was das Geheimnis meines Erfolges ist."
Theater-Produzent Leonard Sillman gab ihr eine Star-Rolle in seiner brillanten Revue "Neue Gesichter 1952", und die amerikanischen Kritiker übertrafen von da an ihre europäischen Kollegen mit lobenden Adjektiven für ihr Talent im Singen, Tanzen und Schauspielern. (Die Show wurde später mit Eartha Kitt in der Hauptrolle verfilmt.) Nach ihrer Vorstellung in den "Neuen Gesichtern" trat die Kitt jeden Abend in dem plüschigen Nachtklub "Zum blauen Engel" auf und brach dort alle Publikums-Rekorde. 1953 gab sie ihr Debüt an der amerikanischen Westküste und brachte die ganze blasierte Film-Kolonie von Hollywood auf die Beine und in den Mocambo-Klub.
Mit "C''est si bon" landete sie in der Spitzengruppe der Schallplatten-Millionäre. Sie gehört zu den fünf meistgekauften Schallplatten-Stars Amerikas*).
Der Preis für ihr Auftreten als Gast in einem Fernsehprogramm ist von 500 Dollar auf 5000 Dollar je Abend gestiegen. Ihre Wochengage für Nachtklub-Engagements schnellte von 350 Dollar auf 10 000 Dollar. Ihr Jahres-Bruttoeinkommen übersteigt das der meisten Geschäftsunternehmen, in denen sie auftritt. Jacques-Fath-Schöpfungen beherrschen ihre 25 000-Dollar-Garderobe. Dutzende der besten Schlagerkomponisten bemühen sich, Songs für sie zu schreiben. Die Fernseh-Produzenten stehen quasi Schlange.
Die Phantasien des achtjährigen Negerkindes von den Baumwollfeldern Südkarolinas und die Sehnsüchte des 15jährigen Negermädchens aus "Mrs. Patterson" haben sich erfüllt. Sie ist die "feine, reiche Dame", und sie hat auch - wie "Mrs. Patterson" - einen Platz in der weißen Klasse und Rasse. Sie lebt völlig in einer weißen Welt: Sie wohnt nur in "weißen" Hotels, verkehrt nur in weißer Gesellschaft, hat eine weiße Sekretärin, einen weißen Publicity-Manager, einen weißen Agenten, weiße Freunde, und ihre ständig wechselnde, sich ständig vergrößernde Entourage besteht aus weißen Männern.
"Geachtet, geliebt und verehrt in der seltsamen Welt der Weißen, die sie so begierig aufgenommen hat, wird ihr die Gunst von Aristokraten und das romantische Interesse von Millionären zuteil", konstatierte das Negerblatt "Ebony" im vergangenen Monat. In den vergangenen Wochen schaffte sie sogar, was noch keiner Negerin gelang: Sie brachte das Kastensystem Hollywoods ins Wanken. Sie hat alle weißen Bewerberinnen um die Gunst des begehrten Kino-Millionenerben Arthur Loew jr. ausgestochen. Klatschjournalisten der Filmkolonie halten es für möglich, daß die Kitt siegreicher Partner der ersten salonfähigen Misch-Ehe Hollywoods wird.
*) "C''est si bon", "Let''s do it", "Under the Bridges of Paris", "Somebody Bad stole the Wedding Bell", "Sandy''s Tune", "Lovin''Spree", "Santa Baby". "Easy does it", "Mink schmink".
*) Die anderen vier: Perry Como, Eddie Fisher, Tony Martin und die Ames Brothers.

DER SPIEGEL 5/1955
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Die schwarze Helena

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