26.01.1955

DÜSSELDORF / TheaterEin Kindermörder wird human

Die undankbarste Rolle in der jüngsten Premiere des Düsseldorfer Schauspielhauses spielt ein Mann im Ledermantel, der drei Akte lang mit dem Rücken zum Publikum eisern ausharren muß. Er personifiziert den dumpfen Trommelklang zu dem "Marschlied", das sich Gustaf Gründgens zu seinem Düsseldorfer Finale vor dem Weggang nach Hamburg auserkor.
Als der Hausherr nach dem letzten Akt den Beifall des wie stets ausverkauften Hauses entgegennahm, stand der Autor, der 36 Jahre alte Engländer John Whiting, neben ihm und verbeugte sich strahlend: ein schmaler, dunkelhaariger junger Mann, selber Schauspieler, außerdem Soldat des zweiten Weltkriegs und seit 1947 überraschend schnell arrivierter Bühnenschriftsteller. Sein zweites Stück, das Lustspiel "Wo wir fröhlich gewesen sind", wurde vom Berliner Schiller-Theater zur Uraufführung angenommen.
Mit dem düsteren "Marschlied" schrieb Whiting ein Schauspiel, das die "Welt" am Tage nach der Düsseldorfer Premiere fragen ließ: "Würde er (Gründgens) es wohl gespielt haben, wenn ein verkappter deutscher Autor hinter einem englischen Pseudonym gesteckt hätte?"
Der schweigsame Mann im Ledermantel nämlich - daher die ominöse Frage der "Welt" - bewacht drei Akte lang im Regierungsauftrag einen haftentlassenen gescheiterten General, der seiner Nation eine militärische Katastrophe bereitet hat. Nach dem verlorenen Krieg hat ihn die Besatzungsmacht mit dem Recht des Siegers in ein Lager gesperrt, aus dem er sieben Jahre später, beim Abzug der fremden Truppen, zwar entlassen, aber sofort unter zivile Überwachung der eigenen Regierung gestellt wird.
Wenn sich der Vorhang öffnet ist General Ruppert Forster gerade in der Luxusvilla seiner früheren Geliebten Catherine eingetroffen. Aber damit ist er noch immer nicht frei. Die Opposition des neu errichteten Staatswesens verlangt, daß dem General a. D. auf dem ordentlichen Gerichtswege der Prozeß gemacht werde. weil er für den Ausbruch des Krieges verantwortlich und an dessen unglücklichem Ausgang schuldig sei.
Erst allmählich erfahren die Zuschauer, was den General eigentlich zerrüttet und dadurch seine Nation um den Sieg gebracht hat. Als er mit seinen Panzern siegreich zur Entscheidungsschlacht vormarschiert war, hatte sich ihm in einem Dorf eine Horde von waffenlosen Kindern in den Weg geworfen. Um den Aufmarschplan zu erfüllen und den Sieg zu retten, hatte er schließlich den Anführer der Kinder mit der Pistole niedergestreckt.
In Whitings Textbuch rasseln auf dieses Signal hin die Panzerketten los und walzen ungerührt über die Leiber von annähernd 400 Kindern hinweg. In Düsseldorf freilich blieb es bei einem einzigen Kindermord. "Was von außen nach Deutschland kommt, pflegt halt (von der H-Linie bis zur Remarque-Ausgabe) gemildert zu werden", meinte Albert Schulze Vellinghausen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" dazu "Unser Publikum ist eben so zartfühlend,
geht nie zu Catchern und liebt nur die unschuldigen Vergnügungen. Würde wohl gar ohnmächtig, wenn es plötzlich etwas von einem neuen bethlehemitischen Kindermord erführe. Der also wurde diskret verschwiegen, es kam nur zu einem einzigen Opfer. Was ja - weiß Gott - auch gereicht hätte."
In dem General aber war nach diesem Vorfall der kriegerische Idealismus zerbrochen. Er hatte seine militärische Unschuld verloren, und während er verstört mit seinem Gewissen im Streit lag, verpaßte er den Anschluß an den Endsieg. Dafür will ihn nach dem Abzug der Besatzer die Opposition vor Gericht stellen.
Der greise Staatslenker und Kanzler Cadmus sieht das gar nicht gern. Die innenpolitische Lage hat sich gerade so schön konsolidiert. Leider nur ruft die Opposition unentwegt nach General Forsters Skalp. Aus Gründen der Staatsräson empfiehlt ihm der Kanzler eine Dosis Gift als probates Mittel zu einem für alle Beteiligten annehmbaren und durchaus standesgemäßen Abgang.
Aber Ruppert Forster ist nicht mehr der General mit dem intimen Verständnis für staatspolitische Notwendigkeiten. Er ist jetzt in erster Linie ein Mensch, der sich vor seinem Gewissen frei entscheiden will. Während ihm die fremdgewordene Geliebte aus früheren glanzvollen Tagen nicht mehr viel zu sagen hat, erblickt er in dem spröden jungen Mädchen Dido das Symbol für ein neues, einfaches, humanes Leben, das sich ihm schon in den Hirtenliedern vor den Toren seines Internierungs-Lagers angekündigt hat.
Einem jungen unbedarften Hauptmann bleibt es überlassen, den gewandelten General noch einmal zu desillusionieren: der Text der Hirtenlieder sei in Wirklichkeit obszön. Nach dieser Aufklärung entschließt sich Forster, seine menschliche Schuld auf eigene Faust zu sühnen, und nimmt mit dem Gift des Kanzlers schlichten Abschied von dieser Welt.
"Diese Story wäre ... von einer erregenden Aktualität", fand Karl Heinz Ruppel in der "Süddeutschen Zeitung". "John Whiting ... hebt sie ... auf eine Ebene ... des echten Zeitstücks ..."
Andere Kritiker waren zurückhaltender. Bei allem Lobpreis für die "hinreißende Leistung" vor allem von Gründgens, dem verhaltenen, in sich gekehrten General, und Peter Esser, dem macchiavellistischen
Kanzler, meinte Gerd Vielhaber in der "Welt": "Es knistert und schwelt - aber es zündet nicht. Hier stellen sich die Fragen: Verkörpert der General die Reaktion oder nicht? Verkörpert der Kanzler die Intelligenz oder nicht? Ist das junge Mädchen eine zufällige oder schicksalhafte Erscheinung? Bedeutet das Gift einen Ausweg oder eine Niederlage? Alle diese Fragen sind tief erregend. Keinem Menschen in seiner Vereinsamung kann die persönliche Entscheidung abgenommen werden ... Aber der Autor Whiting entscheidet sich nicht."
Mit der größten Skepsis äußerte sich Albert Schulze Vellinghausen: "Die Spannungen bleiben sensationell ... Das ist nicht ganz ungefährlich: Man schneide das Stück nur kräftig zurecht und man erhält, je nach Bedarf, die brauchbarste Mohrenwäsche - vom unschuldigen Massenmörder, der doch nachher so nett seinen Glauben an die Humanität zurückgewann."

DER SPIEGEL 5/1955
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