16.02.1955

WIENER BURG / TheaterVor Rott sind alle gleich

Mitte Januar hielt Adolf Rott, der Direktor des Wiener Burgtheaters, im Studio des Senders "Rot-Weiß-Rot" eine Pressekonferenz ab, die sich mit der Kampagne gegen seine Geschäftsführung befaßte. Damit erreichte der Kampf um die traditionsreichste Bühne des deutschen Sprachbereiches seinen vorläufigen Höhepunkt.
Rott stand einer Gruppe von Theater-Rezensenten gegenüber, die mit der klassisch-verbindlichen Wiener Kritik von ehedem nichts gemeinsam hatten. Die Journalisten waren aus anfänglich wohlwollender Reserve - Rott hat "die Burg" erst zu Beginn der Spielzeit 1954/1955 übernommen - angesichts seiner als fragwürdig empfundenen Leistungen bald zu scharfen, von Fiasko zu Fiasko gesteigerten Angriffen übergegangen.
Die Besorgnis und Erbitterung der Rott-Kritiker wurde durch die Aussicht auf die für den Herbst 1955 geplante feierliche Wiedereröffnung des ehrwürdigen, im Kriege zerstörten Hauses am Ring verschärft. Die Kritiker befürchteten, daß Rott die "Weihe des Hauses" zu einer grandiosen Blamage Österreichs im Scheinwerferlicht der Welt machen könne.
Ein Silvester-Artikel von Hans Weigel im Wiener "Bildtelegraf" spiegelte die Einstellung gegenüber dem "Regime Rott" besonders deutlich. Weigel, ein vielbeachteter Wortführer im neuen österreichischen Kultur-Umtrieb, sagte: "Ich schrieb anläßlich der Ernennung am 1. Juli 1954, daß ''man gut gewählt'' habe, und am 27. August, daß ''Direktor Rott die Skeptiker enttäuschen'' werde. Diese und ähnliche Prognosen muß ich mit dem Ausdruck des Bedauerns widerrufen. Denn: was sich derzeit im Burgtheater begibt und vorbereitet, ist ein Niedergang von gigantischem Ausmaß ...
Das Burgtheater, das nach allgemeiner Ansicht im vergangenen Sommer aus einer bedrohlichen Krisensituation schleunigst hätte gerettet werden müssen, ist aus dieser mit betriebsamer Rasanz mitten in die Katastrophe gesteuert worden, Mißerfolge und Affären jagen einander, und dies ist nicht die Ansicht eines einzelnen Kritikers, sondern Gesprächs-, besser gesagt: Geflüsterstoff aller jener, die es wissen müssen."
Und dann wurde Weigel wünschenswert massiv: "Wenn man Adolf Rott, der einen Fünfjahresvertrag bekam, die Gage für die restlichen viereinhalb Jahre beim Abschied in die Hand drückt, wird man sich künstlerisch und sogar materiell viel ersparen."
Dennoch übertrug man Juli 1954 Rott die Direktion, vor allem in der Hoffnung, daß dieser sehr dynamische Mann Ordnung schaffen werde. Der dem Rott als Mitdirektor beigegebene Theater-Theoretiker Schreyvogel sollte Rotts heftiges Temperament dämpfen.
Zu spät erinnerte man sich, daß Adolf Rott vor seinem Amtsantritt in Münchens Theater am Gärtnerplatz mit seiner Inszenierung der Operette "Gianina" einen epochalen Durchfall erlitten hatte. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb, es sei "eine verrottete Operette" herausgekommen: "Jeglicher Charme fehlte. Es gab billigen Klamauk sowie preiswerte Komödiantik neben unbezahlbaren Geschmacksverirrungen."
Im Herbst gab es dann prompt in Wien eine Panne nach der anderen. Zuerst erklärte Rott auf einer Pressekonferenz, er
werde nach dem April keine Premieren mehr machen, um die Eröffnung des Burgtheaters im alten Gebäude an der Ringstraße vorbereiten zu können. Auf diese Hiobsbotschaft folgte die Uraufführung von Franz Pühringers "Die Erde ist wieder bewohnbar". Sie wurde ein fulminanter Durchfall.
Friedrich Torberg, renommierter Romancier, Herausgeber der scharf polemisierenden Wiener Monatsschrift "Forum" und angriffslustiger Theaterkritiker, legte los: "Vielerlei ist es, was den Dichter Franz Pühringer aus Linz sympathisch macht. Schon daß er dichtet, spricht für ihn. Auch seine Überzeugung, daß der Friede dem Krieg und keine Atombombe einer Atombombe vorzuziehen sei, muß man gutheißen. Und außerdem leitet er in Linz ein Marionettentheater." Den Figuren Pühringers bescheinigte Torberg, sie erfüllten "wenigstens ein dramatisches Postulat: sie erregen Mitleid".
Das Echo auf das Stück von der wieder bewohnbaren Erde war auch sonst einigermaßen mißtönend. Torbergs große Gelegenheit kam aber erst mit der Weihnachts-Premiere des Kleistischen "Käthchen von Heilbronn". Die Burgtheater-Inszenierung dieses Jöblichen Ritterdramas gedieh im Hohn-Gelächter der Kritik zur Katastrophe. Einen Zuschauer, der zischte, titulierte Direktor-Stellvertreter Buschbeck mit "Dummkopf" und ließ die Personalien von der Polizei feststellen.
Friedrich Torberg, geübter Satiriker, schickte dem Malheur in der Januar-Nummer seines "Forum" eine vernichtende Parodie nach. Darin versetzte er das Femegericht vom Anfang des Kleistischen "Käthchen" an den Schluß des Stückes und stellte den als Richter vermummten drei Rittern die Aufgabe, ein Urteil über das "Käthchen von Heilbronn" zu fällen.
Die drei stoßen auf ihrem Stolperpfad zum Urteilsspruch überall an. Sie verheddern sich absichtlich in den teils unübersichtlich pathetischen oder knöchern-bürokratischen Sätzen des Kleistischen Dramas. Sie bemitleiden die Darsteller, um sich über die Inszenierung um so nachhaltiger belustigen zu können. Und sie besprechen mit gartenlaubiger Verständigkeit die Prinzipien, nach denen Rott
Spielplan und Schauspieler behandelt, nur um Rott desto grandioser zu blamieren.
Das alles läßt Torberg mit taschenspielerischem Geschick durcheinanderlaufen. Da fragt zum Beispiel der zweite Ritter den ersten, was das Käthchen dem Grafen vom Strahl auf eine auch grammatisch nicht wenig verwirrende Frage eigentlich erwidert habe:
ZWEITER: Gemach, ihr Herrn. - Was sagt das Käthchen drauf?
ERSTER: Nun, was sie immer sagt: Mein hoher Herr, Und manchmal sagt sie: Mein verehrter Herr, Manchmal: Mein hoher und verehrter Herr, Manchmal -
ZWEITER: Genug. Wir wissen, daß ihr Wortschatz Nicht eben just in vielen Farben spielt.
ERSTER: Sie auch nicht.
ZWEITER: Wer?
ERSTER: Johanna Matz.
DRITTER: Je nun.
ERSTER: Man muß ihr immerhin zugute halten, Daß sie, obschon noch nie in vielen Farben, So doch in vielen Filmen hat gespielt. Und trotzdem, anders als die andern, kehrt sie -
DRITTER: Johanna kehrt?
ERSTER: - ans Burgtheater wieder. Das spricht, bei meinem Eid, für sie.
DRITTER: Ei freilich.
ZWEITER: Das schon. Doch nicht die Rolle.
DRITTER: Freilich ei.
ERSTER: Die ward von oben über sie geschickt. Vor Rott sind alle gleich.
Das Urteil gelingt endlich, nachdem der Graf vom Strahl aus der Kulisse das Stichwort gegeben und gerufen hat: "Was ist zu tun mein Herz? Und was zu lassen?" Das Urteil lautet daraufhin: "Zu lassen ist das Käthchen von Heilbronn." Mit Posaunenstoß und Umzug, den "eine gute Presse für die Direktion des Burgtheaters" beschließt, endet das Nachspiel.
Nicht zuletzt Torbergs parodistisches Nachspiel veranlaßte auf dem Höhepunkt der Stimmung gegen die Direktion des Burgtheaters jene Pressekonferenz, auf der sich Rott seinen Angreifern stellte. Rott sagte, er habe den Nachlaß von zehn Jahren Mißwirtschaft übernommen. Was er in diesem Jahre spiele, habe er geerbt.
Er übernehme daher für kein Stück des Jahres die Verantwortung Der von Buschbeck "Dummkopf" titulierte Zischer sei lediglich Exponent einer der verschiedenen miteinander verfeindeten Schauspielergruppen gewesen. Er, Rott, habe eine Weltkarriere geopfert, um die Direktion des Burgtheaters zu übernehmen.
Nach diesen Verteidigungsreden entsetzte Rott die Fachleute mit dem Versprechen, er werde in den ersten anderthalb Jahren nach Eröffnung des neuen Hauses alle Stücke Grillparzers inszenieren. Am Tage nach der Konferenz protestierten telefonisch Autoren und Schauspieler im Unterrichtsministerium. Rott habe das Burgtheater desavouiert. Viele drohten mit Klage wegen Schädigung ihres Rufes. Seine Erklärung, er übernehme keine Verantwortung für dieses Jahr, komme der Aufforderung an das Publikum gleich, nicht ins Burgtheater zu gehen.
Das Kultus-Ministerium beginnt, sich mit dem Fall Rott zu beschäftigen. Der Leiter der Bundestheaterverwaltung, Ing. Ernst Marboe, hat dem Rott bis jetzt eine Chance gelassen und nicht in die Direktionsgeschäfte eingegriffen.
Nun scheint er auf die Aufforderung zu reagieren, mit der Kritiker Hans Weigel seine Silvestermeditation über die "Burg" schloß: "Ja, da müßte etwas geschehen, - da müßte sogar vieles geschehen - , da müßte sozusagen alles geschehen, denn wenn nicht bald etwas geschieht, passiert etwas! Aber wird etwas geschehen? Wird mehr geschehen als daß man sagt: Es muß etwas geschehen? Was wird geschehen? Vielleicht wird ausnahmsweise einmal doch etwas geschehen."
*) Ewald Balser als Graf Wetter vom Strahl, Johanna Matz als Käthchen.

DER SPIEGEL 8/1955
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