23.03.1955

LANDSER-FILMSo war die Wochenschau

Gegen Ende dieser Woche werden sich elf Herren der Freiwilligen Filmselbstkontrolle (FSK) im Wiesbadener Schloß Biebrich zu einer geheimen Sitzung zusammenfinden. Wichtigster Punkt der Tagesordnung: Beratung über die Zulassung des abendfüllenden Dokumentarfilms "So war der deutsche Landser". Die elf Herren - Vertreter der Filmwirtschaft, des Bundes, der Länder und der Kirchen - sollen entscheiden, ob sie den aus alten Wochenschauen zusammengeklebten Film über den zweiten Weltkrieg endgültig ablehnen oder aber zur Vorführung freigeben. Anfang des Monats hatten sie sich in vierstündiger Beratung zu dem Entschluß durchdiskutiert, den Film wegen "militaristischer, nationalistischer und nationalsozialistischer Tendenzen" abzulehnen.
Dabei war der Hersteller des Films, der 34jährige "Arca-Film"-Produzent Gero Wecker, damals mit der Überzeugung nach Wiesbaden gefahren, einen ausgesprochenen Antikriegsfilm gemacht zu haben, der wegen seiner pessimistischen, negativen, gewissermaßen wehrkraftzersetzenden Grundhaltung nicht eben aktuell sei. Wecker: "Die Wirkung dieses Films ist doch erschütternd. Wer das gesehen hat, kann doch nur sagen: Nie wieder!"
In dieser Auffassung hatten ihn kurz vorher Erfahrungen mit dem Amt Blank bestärkt.
Um seinen Landserfilm gegen mögliche Bonner Einwände abzusichern, hatte Wecker Anfang des Jahres das Bundespresseamt und das Amt Blank um "beratende Stellungnahmen" gebeten. Beide Ämter lehnten ab; sie wollten nicht durch positive oder negative Reaktion die alleinverbindliche Entscheidung der Freiwilligen Selbstkontrolle beeinflussen. Amt-Blank-Pressechef (und Ritterkreuzträger) Hans Guhr ließ jedoch durchblicken, daß der Film zum gegenwärtigen Zeitpunkt recht ungelegen komme. Laut Wecker äußerte sich Guhr, das Amt Blank sei bemüht, der Meinung entgegenzuwirken, Soldat sein bedeute Krieg, und Krieg bedeute Vernichtung. Gerade diese Meinung aber würde der Film bekräftigen.
Gegen die Wochenschau-Ausschnitte an sich hatte die Selbstkontrolle nichts einzuwenden. Wochenschau-Montagen hatten schon die Filme "So war unser Rommel", "Beiderseits der Rollbahn" und "Bis fünf nach zwölf" in geschickterer Mischung geboten. Die "Süddeutsche Zeitung" jedenfalls bezeichnete Weckers Produkt (Herstellungskosten: ganze 200 000 Mark) treffend als "abendfüllende Klebe-Arbeit" und "Die Welt" fragte: " So war der deutsche Landser? Ach nein, so war die Wochenschau."
Was den Selbstkontrolleuren mißfiel, war der Text. "Die militaristische Tendenz des Landserfilms entsteht", so formulierte die FSK, "ganz allein durch die reißerische, pointierte Form (des Textes)..., die eine rückhaltlose Anerkennung der Waffenanwendung ohne ethischen Hintergrund ausdrückt, so daß das gezeigte Kriegsgeschehen glorifiziert und als Heldenepos wirkt."
Gerade den von ihm und seinem Militärberater Graf Bossi-Fedrigotti verfaßten Text aber hält Produzent Wecker, ehemaliger Panzerhauptmann und Träger des goldenen Verwundetenabzeichens, für das "wesentliche Stil-Element" des Filmes. "So war der deutsche Landser" solle den zweiten Weltkrieg ja aus der Sicht des Infanteristen zeigen. "Und da muß man den Landser denn auch so sprechen lassen, wie er es sieht."
Das hört sich in Weckers Film so an:
▷ "Wenn du auf freier Steppe aus der Hose mußt, muß das ganz schnell gehen, sonst hast du dir den Hintern angefroren... Kollektivschiß nennt man so was."
▷ "Wer in einer solchen Bratröhre (Panzer) durch die afrikanische Wüste rasselt, dem ringeln sich Dampfwölkchen aus den Ohren. Dafür (Soldaten braten
Spiegelei auf Panzerplatte) konnten wir in Rußland aus einer Feldflasche voll Negerschweiß in Sekundenschnelle Mokka-Eis machen."
▷ "Die Stellungen der Tommies (El Alamein) wurden von uns völlig zerackert und durch den Wolf gedreht."
▷ "Wir glauben ja nicht, daß die Tommies so dumm sind, sich hier (Atlantikwall) die Köpfe einzurennen. Aber man hat schon Pferde kotzen sehen."
In Weckers Text ist der deutsche Landser "kein Verrückter und kein Held". Er ist, "geduldig und stur wie ein Muli", in den Krieg "hineingeschlittert", bis 1944 bei der Invasion "auch dem Schützen A... im letzten Glied" klar wurde, daß er "bei der falschen Feldpostnummer war".
Die Gegner hatten es auch nicht besser: "Die anderen beißen genau so ungern ins Gras wie wir...", erläutert der Sprecher. "Den Landsern drüben paßt das natürlich auch nicht, aber was sollen sie machen? ... Im Augenblick (bei der Invasion) geht ihnen (den Tommies) aber bestimmt irgendwas mit Grundeis."
Die Selbstkontrolleure stießen sich weniger an dem selbstgefällig schnodderigen Jargon, mehr an den Akzenten, den der Text einigen Szenen gab. So werteten sie es zum Beispiel als nationalistische Pointe, daß der Sprecher betont, "Soldaten von der Division Hermann Göring" hätten die Kunstschätze des Klosters Monte Cassino vor den Bomben der Alliierten gerettet.
Als politisch bedenklich empfanden die FSK-Männer besonders die Betextung einiger Dokumentaraufnahmen vom Abzug der deutschen Truppen aus Paris. Ein Photo des Generals von Choltitz, des Stadtkommandanten von Paris, wird gezeigt. Der Sprecher sagt, daß General Choltitz Paris zur offenen Stadt erklären und kampflos habe räumen lassen. "Und wie danken sie es uns?" fragt der Kommentator. Die darauffolgenden Aufnahmen zeigen, wie französische Widerständler und Zivilisten aus Fensterhöhlen und Kellerlöchern einzelne in den Straßen herumirrende deutsche Soldaten wie auf dem Schießstand abknallen. "Das ist ein Kesseltreiben auf ein gehetztes, müdes Wild", sagt der Sprecher. "Der Tod überfällt uns nicht in ehrlichem Kampf."
Adolf Hitler ist entweder "der Führer" oder schlicht "Adolf", selten "Adolf Hitler". Zu Anfang des Films (bei einer Parade auf der Berliner Ost-West-Achse): "Diplomaten aus aller Welt gaben sich bei Adolf die Klinke in die Hand. Wo so viel Staatsmänner aus aller Welt Adolf Hitler aufsuchten, war es für uns ein klarer Fall, daß der Laden stimmte." Später, in Rußland: "Hat Adolf nicht schon genug gesiegt? Unser Bedarf an Siegen ist gedeckt!" Und noch später: "Am 2. Oktober befiehlt der Führer den letzten Vorstoß auf Moskau. Wenn er uns das persönlich gesagt hätte, dann hätten wir
ihm geantwortet: 'Wie stellst du dir das vor? Sieh' dir das mal an! (Schlamm)'."
Die FSK legte Wecker nahe, seinen Film durch Schnitte und Textänderungen zu entnazifizieren und zu entglorifizieren. In solchen Änderungen ist Wecker bereits geübt. Sämtliche Filme, die er bisher in Wiesbaden vorlegte, wurden in erster Instanz beanstandet - immer aus moralischen Gründen. Als Importeur schwedischer und französischer Filme eckte er zum erstenmal mit dem Ulla-Jacobsen-Film "Sie tanzte nur einen Sommer" an, dann mit den Françoise Arnoul-Filmen "Verbotene Frucht", "Zur Liebe verdammt", "Im Schlafsaal der großen Mädchen" und "French Can Can".
Aber diesmal wollte Wecker nicht allzu weit nachgeben. Als die FSK ihm riet, den schnodderigen Jargon-Kommentar durch einen seriösen, kriegsgeschichtlichen Text zu ersetzen, spreizte er sich: "Wir ändern höchstens zehn Sätze."
Die Selbstkontrolleure ließen - wie immer - mit sich reden. Wenn Wecker schon nicht auf den Kommißton verzichten wolle, solle er wenigstens einige Änderungen vornehmen:
▷ Er müsse stärker herausarbeiten, daß der deutsche Landser ein Opfer des Regimes gewesen sei und nichts gegen den von Hitler angezettelten verbrecherischen Krieg habe tun können.
▷ Bei den Monte-Cassino-Bildern müsse bemerkt werden, daß die Kunstschätze des Klosters ausgerechnet von den Soldaten einer Division gerettet worden seien, deren Namensherr, Hermann Göring, selbst überall - in Holland, Frankreich, Belgien - Kunstschätze geraubt habe.
▷ Das Bild des Generals von Choltitz solle herausgeschnitten werden; der Kommentar müsse erwähnen, daß die Franzosen sich bei ihrer Jagd auf deutsche Soldaten für die Verbrechen der Deutschen in Oradour gerächt hätten.
Produzent Wecker besprach sich mit seinem Verleiher Herbert O. Horn (dessen "Neuer Filmverleih" als Empfänger von Bundesbürgschaften eng mit den Bonner Stellen zusammenarbeitet). Nächtelang brüteten die Männer der "Arca"-Produktion schließlich über einer Neufassung, in der die Wünsche der FSK berücksichtigt werden sollten. Die Änderungen, die sie dann vornahmen, gingen weit über die ursprüngliche Konzession ("höchstens zehn Sätze") hinaus: 380 Meter des einst 2880 Meter langen Filmes wurden herausgeschnitten, ganze Textpassagen weggelassen oder verändert.
Nach den bisherigen Erfahrungen mit der Selbstkontrolle, die noch nie einen Film endgültig abgelehnt hat, kann Wecker auf eine Freigabe seines zusammengestoppelten Filmes bauen, wenn er auch eine einzige Empfehlung der FSK trotzig ignoriert hat: den Wunsch der Selbstkontrolleure, daß vor Hitlers Namen hin und wieder das Attribut "Verbrecher" gesetzt werde.

DER SPIEGEL 13/1955
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