30.03.1955

PISCATOR / TheaterExperimente von vorgestern

Bekenntnis-Theater" - Erwin Piscator, der weißhaarige Sechziger mit der Zigarre, der Bühnen-Beweger und rote Direktor der zwanziger Jahre, hat seine Lieblingsvokabel nun auch in einem Westberliner Programmheft untergebracht. Tolstois "Krieg und Frieden", "für die Bühne nacherzählt" von Alfred Neumann, Erwin Piscator und Guntram Prüfer, wurde im Schiller-Theater uraufgeführt.
Piscator bekennt sich wieder - und zwar mittels einer zerhackten und plattkommentierten Dichtung - für den Frieden und gegen den Krieg. Werner Fiedler schildert es im "Tag" so: "Piscator ... polkt aus dem Tolstoi-Roman einige Figuren heraus: Darf ich vorstellen: Fürst Andrei Bolkonski ... seine Frau Lisa ... sein Vater, Fürst Nikolai ... und über jeden Auftretenden wird noch rasch ein Charaktersteckbrief ausgegeben. Und dann wird gezeigt, wie der Napoleonische Krieg störend in ihre ... privaten Geschicke eingreift."
Das ist vom Kritiker Fiedler noch wohlwollend ausgelegt. Viele der Familien-Episoden auf der Bühne - der Tod im Kindbett, die Melancholie des Witwers, die neue Liebe, Verlobung, Untreue und Entlobung - haben mit dem Krieg nichts
mehr zu tun, und mit Tolstoi fast nichts mehr. "Krieg und Frieden", schreibt Edwin Montijo im "Kurier", sei "ein Werk aus homerischem Geiste" und "nicht von ungefähr das Nationalepos des alten Rußland ... Wer den Inhalt ... nacherzählen wollte, müßte größerer Magie fähig sein als jener Justus von Liebig, der von einem Büchslein seines Fleischextraktes behauptete, es enthalte die Kraft eines ganzen Ochsen."
Piscator, der einst zum Ruhm des Klassenkampfes und zum wohligen Schrecken des Berliner Westens mit der Bühnentechnik experimentierte, der Eisengestänge auffuhr, Filme und Projektionen zwischen das Schauspiel schaltete, "laufende Bänder" und "motorisierte Brücken" benutzte, er hat auch diesmal, milder allerdings, die Spielfläche demonstrativ-politisch eingerichtet: im Hintergrund eine von unten beleuchtete gläserne Schräge, "anzusehen wie ein U-Bahn-Schacht" (Friedrich Luft), die "Schicksalsbühne" für die militärischen Ereignisse. Hier wütet Napoleon, Gefechtskarten erscheinen, eine Schlacht wird gar an Holzsoldaten demonstriert. Davor, auf der "Aktionsbühne", begeben sich die privateren Episoden, und einige der Hauptpersonen haben dort ihre festen Plätze.
"Der Erzähler" und Erklärer hält teils die "Handlung" in Gang - er faßt zusammen, was nicht vorzuführen ist, interviewt die Spieler und springt selbst in kleinen Rollen ein - , teils verkündet er zwischendurch den Sinn der Sache. Werner Fiedler:
"Der Conférencier gehört ins Kabarett, und er muß dort mehr Geist ... entwickeln und hintergründigeren Ernst als der Erzähler in Piscators ''epischem Bühnenstück''. Experimente sind willkommen - aber nicht solche von vorgestern."
Und Friedrich Luft: "Der Umstand, daß ein halbes Dutzend kräftiger Bühnenarbeiter im Laufe des Abends immer das gleiche Arbeitszimmer des alten Fürsten Nikolai achtmal bei offener Bühne und in Anwesenheit der wartenden Akteure aufbauen und dann wieder mühsam entfernen müssen, ist eher komisch als wirksam. Das ''Moderne'', das Andeutungs-Theater, wird hier schließlich komplizierter als die gute, alte ''komplizierte'' Bühne jemals war ..."
Der Premierenbeifall im Schiller-Theater war trotz allem enthusiastisch: 41 Vorhänge - das ist der Hausrekord seit fast drei Jahren, seit Fehlings "Maria Stuart". Die Rezensenten fragten sich, ob hier "eine gewisse falsche Freude an der Vereinfachung" zu konstatieren sei oder nur Heimweh nach dem Kurfürstendamm. Die zwanziger Jahre sind Berlins verlorenes Paradies, und Piscator ist ein Prominenter jener Jahre und erst jetzt zurückgekehrt.
"Die meisten Versuche, sich auf der Bühne mit der politischen und sozialen Gegenwart auseinanderzusetzen, gehen auf Piscator zurück", schrieb Herbert Ihering, der Theaterkritiker und -essayist. Der Dramatiker Ferdinand Bruckner bescheinigte Piscator: "Junge Regisseure, die nie etwas von ihm gesehen haben, haben trotzdem von ihm gelernt."
Was Bertolt Brecht als Autor für das sozialistische, kraß polemische und "dokumentarisch-epische" Theater war, das war als Regisseur Erwin Piscator. Die meisten Stücke, die er aufführte, in der "Volksbühne" oder in seinem Haus am Nollendorfplatz, zählen nicht mehr: Ehm Welks "Gewitter über Gottland", Leo Lanias "Konjunktur", Mehrings "Kaufmann von Berlin", Rudolf Leonhards "Segel am Horizont". Aber die Schocks, die Piscator technisch erzeugte, alle lauten Mittel, mit denen er die Tendenz verstärkte, haben Theatergeschichte gemacht.
Falls die Tendenz im Text nicht recht gedieh, hat sie Piscator manchmal inszenatorisch nachgereicht. Doch just die Tendenz, die er verfocht - für den Arbeiter gegen das Kapital, für den Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter - , hat im Westen ihren schönsten Schmelz verloren. Piscator hat zwar vor einigen Jahren Amerika und seine New-Yorker Theaterschule verlassen. aber bis Pankow kam der ehemalige Moskau-Fahrer nicht.
Brecht, der erklärt, ein fehlerhafter Sozialismus sei ihm lieber als ein fehlerloser Kapitalismus, dichtet und inszeniert im Sowjetsektor Berlins weiter Klassenkampf. Brecht bekennt sich immer noch zum Kommunismus, im Schutz und im Dienst eines Pseudo-Staats allerdings. Piscator will das nicht, oder er wagt es nicht, aber bekennen, und mehr als sonst üblich, möchte auch er.
Revolutionär möchte Piscator sein, auch heute, aber wie? Der Widersinn des Krieges, den die meisten Menschen ohnehin längst begriffen haben, wird durch die Tolstoi-Dramatisierung am wenigsten nachgewiesen. Eine "Nathan"-Inszenierung in Marburg, die ihr Regisseur "tief erschütternd" nennt und "ein Selbstbekenntnis des heutigen Deutschland", in mehreren Städten Millers "Hexenjagd", das Schauspiel gegen den Massenwahn - Piscator hat sich schon das Aktuelle ausgesucht.
Er unterstreicht als Regisseur noch immer die Tendenzen, die Anklagen und Lehrsätze im Schauspiel, er plakatiert sie - und wiederum am liebsten mit Hilfe der Kulissen. Doch nur wenig Sprengkraft steckt in den Tendenzen, diesen Bekenntnissen zu Toleranz und Frieden - verglichen mit den Bomben, die der Kommunist Piscator in die Klassenschlacht der zwanziger Jahre warf. "Ist eben eine lahme Zeit", resigniert Albert Beßler, der Dramaturg des Schiller-Theaters. "Was wollen Sie noch? Heute können Sie höchstens gegen eine gewisse bornierte Sattheit angehen!"
*) Szene aus Piscator-Neumanns "Krieg und Frieden" im Berliner Schiller-Theater.

DER SPIEGEL 14/1955
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