06.04.1955

GRUBENUNFÄLLE / INDUSTRIEPrämien für heile Glieder

In dem noch unentschiedenen Streit um die Erhöhung der Bergarbeiterlöhne operiert die Industriegewerkschaft Bergbau u. a. mit dem Argument: "Die Bergarbeiter haben schon deshalb Anspruch auf den Höchstlohn der Industrie, weil sie von allen Industriearbeitern die schwersten körperlichen Opfer bringen müssen." Der Bergbau stehe zwar in der Unfallstatistik, aber nicht mehr in der Tarifskala an erster Stelle, nachdem die Löhne der Hütten- und Gießereiarbeiter aufgebessert worden seien.
Während die Kohlenproduktion im vergangenen Jahr auf 128 Millionen Tonnen anstieg, kamen durchschnittlich jeden Tag sechs Bergarbeiter ums Leben. Sie starben an den Folgen schwerer Unfälle oder an Silikose (Staublunge). Im Durchschnitt wurden jeweils 75 000 Tonnen Steinkohle mit einem Menschenleben aufgewogen.
Nun ist allerdings 1954 die Gesamtzahl der Unfälle im westdeutschen Steinkohlenbergbau unter Tage auf 108 100 - gegenüber 122 400 im Jahr 1953 - zurückgegangen, aber die Sicherheitsbeauftragten sind mit diesem Erfolg nicht zufrieden. Den höchsten Blutzoll leisten immer noch die Neubergleute, die in den Nachkriegsjahren im ganzen Bundesgebiet, zum großen Teil in Flüchtlingslagern, angeworben wurden, um die pensionsreifen alten Kumpel zu ersetzen.
Über eine Million Grubenrekruten fuhren seit 1950 an die Ruhr, aber nur 200 000 konnten sich an die harte Arbeit unter Tage gewöhnen. Wenn die vielen Kellner unter den Umschülern erst so viel Geld verdient hatten, daß sie sich einen neuen Frack kaufen konnten, schwirrten sie wie die Schwalben wieder ab. Nur der kleinere Teil der Neulinge hielt vier Jahre lang durch. Diese Zeit der "Frontbewährung" braucht aber jeder neue Kumpel, bis er sich im dunklen Pütt genau so sicher fühlt wie ein erfahrener Kraftfahrer im dichten Verkehrsstrudel.
"Er muß automatisch schalten lernen", sagt der Betriebsinspektor der Consolidation Bergbau AG, Alex Heitmann. "Ich wäre froh, wenn wir noch mehr alte Hauer hätten, die den jungen Leuten das richtige Verhalten unter Tage beibringen." Auf den Consolidation-Zechen in Gelsenkirchen
und Wanne-Eickel machte sich nämlich die starke Fluktuation der Nachwuchskräfte besonders nachteilig bemerkbar. Die beiden Zechen sind die ergiebigsten des gesamten Ruhrbergbaus. Durchschnittlich werden hier je Mann und Schicht 160 Kilogramm Kohle mehr gefördert als in den übrigen Grubenanlagen. Aber aus den Consolidation-Schächten wurden bis vor kurzem auch weit mehr Bergleute als aus den übrigen Ruhrschächten ins Krankenhaus oder auf den Friedhof befördert. (Im Durchschnitt kommen an der Ruhr auf je 100 000 Schichten 100 schwere oder tödliche Unfälle. Bei Consolidation liegt diese Verlustquote bei 230.)
Die jahreszeitlichen Schwankungen der Unfallhäufigkeit sind hier besonders kraß ausgeprägt. 1953 wurden tödliche und schwere Unfälle in folgenden Intervallen registriert: Januar 12,7 (je 100 000 Schichten), Februar 13, März 10,8, April 9,8, Mai 12,3, Juni 16,3, Juli 24, August 20,4, September 12,1, Oktober 20, November 40,1, Dezember 11,3. Betriebspsychologen führen die Unfallspitze des Sommers hauptsächlich auf größere körperliche Müdigkeit zurück. Die Kumpel gönnten sich nach der harten Arbeit zu wenig Schlaf und nutzten die lange Tageshelle zu exzessiven Motorradausflügen und anderen nervenaufpeitschenden Liebhabereien aus. Für die Herbstunfälle dagegen seien in erster Linie depressive Momente ausschlaggebend. Der Bergmann hocke zu viel zu Hause oder im Ledigenheim. Er habe zu viel Zeit, sich mit sich selbst, mit Familientratsch oder häuslichem Ärger zu befassen. Hinzu komme der starke Verdiensttrieb in der Vorweihnachtszeit.
Sagt der Leiter der Bergwerksdirektion Gladbeck, Karl Schneider, der sich vom einfachen Kumpel zum Bergwerksdirektor hochdiente: "Der Bergmann in seinem engen Loch unter Tage reagiert sehr stark auf seelische Impulse. Wenn er gallig ist, paßt er nicht auf. Aber auch Freude kann Unfallursache sein. Ich selbst wurde nach einer gutgelungenen Arbeit, über die ich mich sehr freute, auf der Zeche ''Schürbank'' von meinem Reviersteiger im letzten Augenblick zurückgerissen, als ich über einem 180 Meter tiefen Schacht in einen Förderkorb steigen wollte, der gar nicht da war. Dasselbe passierte mir Jahre später noch einmal. Damals hat mich der Betriebsführer davor bewahrt, 280 Meter von der zweiten zur dritten Sohle abzustürzen."
Aus den mannigfachen Erfahrungsberichten und Testergebnissen konnten die Unfallbekämpfungs-Spezialisten der Consolidation Bergbau AG schließen, daß mindestens 80 Prozent aller Unfälle auf Unachtsamkeit, menschliches Versagen und seelische Indisposition zurückzuführen sind. Die Zechenleitung ließ daraufhin in den Waschkauen Lautsprecher anbringen, um die nachlässigen Grubenkumpel nach der Schicht durch Werkfunk auf die Unterlassungen und Unachtsamkeiten hinzuweisen, die ihnen während der Arbeit oder beim Schichtwechsel unterlaufen waren.
Als auch das nicht viel half, versuchte es die Zechenleitung mit einem ausgefallenen Mittel. Sie ließ durch Aushang verkünden: "Wir starten jetzt den Unfalltoto." Sinkt die Unfallzahl in einem Revier*) um zehn Prozent im Monat, so erhält jedes Belegschaftsmitglied, das seine vollen Schichten verfahren hat, eine emmalige Prämie von fünf Mark. Für jedes Prozent weiterer Unterschreitung wird ein Zusatz von 25 Pfennig gezahlt. Für die Höhe der Prämie ist die Anzahl der Unfälle im Vergleich
zu den Zahlen der drei letzten Monate maßgebend.
Dieses Experiment brachte mehr Erfolg. Im August 1954 waren auf den beiden Consolidation-Zechen noch 237 Kumpel verunglückt. Im Oktober sank die Zahl der Unfälle auf 173, im November sogar auf 160. Anfangs hatten nur acht Reviere beim Unfalltoto mitgemacht, im Oktober beteiligten sich schon 21 der 33 Consolidation-Reviere. 52 863 Mark Prämien zahlte die Gesellschaft den Bergarbeitern der mustergültigen Reviere innerhalb der ersten drei Monate aus.
Als die Unfallkurve nach diesem Erfolgsquartal im Dezember wieder auf 197 Unfälle anstieg, änderte die Zechengesellschaft das Prämiensystem und führte eine neue Bewertungsmethode ein, von der sie sich einen nachhaltigeren Effekt verspricht. Die Direktion hat für die nächsten Monate sogenannte Richtzahlen festgesetzt, die aus dem Durchschnitt der amtlichen Unfallzahlen während der Jahre 1951 bis 1954 errechnet wurden; das sind zum Beispiel für März 185,6 Unfälle auf 100 000 Schichten. Diese Zahl muß im gesamten Consolidation-Bergbau unterschritten werden, erst dann gibt es Prämien. Die Prämiensumme wird nur an die Revierbelegschaften verteilt, die ständig unfallfreier werden. Sporadische Auf- und Abschwünge verderben alle Totochancen.
Die Spitzenfunktionäre der Industriegewerkschaft Bergbau sind vom Unfalltoto nicht sehr angetan. Sie sehen in dem Prämiensystem einen "Unternehmertrick", durch den die Kumpel mit verhältnismäßig billigen Mitteln dazu angehalten werden sollen, sich wegen kleiner Verletzungen erst gar nicht krank zu melden, weil sonst ihre Prämienchancen sinken. In der Tat sind die Prämien des Unfalltotos kein reines Unternehmergeschenk, denn die Gesellschaft profitiert auch davon, wenn weniger verunglückte Bergleute zu Hause bleiben. 1954 büßte der Ruhrbergbau 3,1 Millionen Schichten durch Unfälle ein. Das entspricht einem Förderungsausfall im Werte von neun Millionen Mark.
*) Revier = Betriebspunkt "vor Ort" mit durchschnittlich 160 Bergleuten.

DER SPIEGEL 15/1955
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