06.04.1955

TEXTILHANDEL / INDUSTRIEDer billige Jakob

Mehr spontan als wohlüberlegt hatte der CDU-Bundestagsabgeordnete Joseph Illerhaus im Januar angekündigt: "In den nächsten Wochen fahre ich nach Italien. Ich will mich an Ort und Stelle einmal über das soziale Klima informieren."
Einige Zeit später gab Illerhaus diesen Reiseplan, den er nicht als Parlamentarier, sondern als Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Textil-Einzelhandels gefaßt hatte, unter dem Vorwand auf: "Ich komme nicht dazu. Die Pariser Verträge nehmen mich zu stark in Anspruch."
Über diese Absage ärgerten sich die ebenfalls in einem Fachverband zusammengeschlossenen Tuch- und Kleiderstoff-Fabrikanten, deren Interessen mit denen der Textileinzelhändler und Konfektionäre seit einiger Zeit heftig kollidieren. Die westdeutschen Tuch- und Kleiderstoff-Fabrikanten möchten nämlich von den Schneidertischen und aus den Ladengeschäften just die spottbilligen Streichgarnstoffe verbannen, mit denen die Konfektionäre und Händler ihr bestes Geschäft machen. Diese Stoffe stammen nicht von deutschen Webstühlen, sondern aus dem italienischen Textilzentrum Prato bei Florenz.
In dieser etwa 80 000 Einwohner zählenden Stadt herrschen nach Ansicht der über Absatzflaute klagenden westdeutschen Tuchfabrikanten ebenso schlimme soziale Mißstände wie vor hundert Jahren bei den schlesischen Webern im Eulengebirge. Nur so sei es zu erklären, daß die Pratenser schwere Wollmantelstoffe für neun Mark je Meter (bereits verzollt) nach Westdeutschland liefern können, während die westdeutschen Fabrikanten für die gleiche Ware mindestens 13 Mark berechnen müssen.
Die westdeutschen Tuchfabrikanten rechneten indiskret vor, was die Konfektionäre und Einzelhändler an einem Mantel aus solchem Stoff etwa verdienen (Herstellungspreis 80 Mark, Ladenverkauf 170 Mark). Während sich der Streit um die Prato-Einfuhren verschärfte, gab Illerhaus seinen Reiseplan auf, der als beruhigende Geste gegenüber den Tuchfabrikanten gedacht war, um zu dokumentieren, daß der Präsident des Textileinzelhandels-Verbandes ihren Nöten nicht verständnislos gegenüberstehe. Im übrigen glaubt Illerhaus auch ohne gründliche Inspektion zu wissen, daß es sich bei dem sogenannten Prato-Problem nur um viel Geschrei und wenig Wolle handele.
Mit dieser Ansicht hat Illerhaus durchaus recht, denn mit reiner Schafwolle haben die Produkte aus Prato nichts mehr gemein. Sie werden vielmehr aus regenerierter Wolle, also aus zerfaserten Lumpen, hergestellt. Italien importiert eigens für Prato jährlich 72 000 Tonnen Alttextilien aus Amerika. Aus diesem Lumpenberg fingern flinke Frauenhände erst einmal die noch gut erhaltenen Kleidungsstücke heraus. Da die Amerikaner ihre Anzüge und Kleider kaum halb so lange strapazieren wie Mitteleuropäer, machen die Pratenser Lumpenimporteure vorab schon ein gutes Geschäft mit dem Textiltrödel, den sie hauptsächlich in Süditalien absetzen.
Der Profit aus dem Altkleiderhandel verbilligt den übrigen Textilmüll, der durch die Reißwölfe wandert und schließlich zu Streichgarn versponnen wird. Aus diesem grob gezwirbelten kurzfaserigen Garn weben die Pratenser dann jene Stoffe, deren Preise in ganz Europa nicht zu schlagen sind: in erster Linie schwere gewalkte
Mantelstoffe in Velours-Art, ferner Loden, aber auch Kleider- und Anzugstoffe.
Nun werden zwar auch in Westdeutschland und in den übrigen westeuropäischen Ländern die meisten Stoffe mit Reißwollzusätzen hergestellt. Die Prato-Stoffe bestehen aber bis zu 97 Prozent aus Reißwolle (der Rest ist billiges Nylon). Die anfangs fülligen Gewebe werden meist nach kurzer Zeit unansehnlich und dünn.
Der Preisdruck aus Prato hat aber auch soziale Ursachen: In Prato und Umgebung klappern zur Zeit 6500 Webstühle. Der größte Teil dieser Webstühle steht nicht in regelrechten Textilfabriken, sondern in den ärmlichen Häusern von Heimarbeitern. Die Heimarbeiter haben die Webstühle nur von den Unternehmern oder von auftragvergebenden Verlegern gemietet, denen sie dann die Fertigware gegen geringen Gewinn abliefern.
Seit Bundeswirtschaftsminister Erhard am 1. April 1953 die Einfuhrbeschränkungen für Textilien aufhob, haben es die Pratenser nicht mehr nötig, ihre Stoffballen nach China oder in den afrikanischen Busch zu verfrachten. Dorthin wurden nämlich früher die meisten Prato-Waren exportiert. Heute ist die westdeutsche Bundesrepublik Pratos bester Kunde. Hier besteht für diese Stoffe insofern ein offener Markt, als die meisten westdeutschen Tuchfabriken nur Tuche und Stoffe guter Qualität produzieren. Die Spezialbetriebe, die Prato-ähnliche Ware aus Reißwolle herstellen, liegen jenseits der Zonengrenze. Die unscheinbaren Städte der Lausitz - Forst, Spremberg, Cottbus und Sagan - waren früher das deutsche Revier des billigen Jakob.
In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Techniker und Textilingenieure aus der Lausitz nach Prato abgewandert. Sie ließen sich nicht in Westdeutschland nieder, weil hier der Qualitätsdünkel ausgebrochen war. Nach den tristen Zeiten der NS-Wehrwirtschaft, derentwegen alle Stoffe für den zivilen Bedarf nur aus Reiß- oder Zellwolle hergestellt werden durften, glaubten die westdeutschen Fabrikanten, daß jetzt nur noch bestes Kammgarn oder reinwollenes Streichgarn Trumpf sei. Sie rechneten nicht mit dem schnelleren Wechsel der Damenmode, der die Kundinnen veranlaßt, lieber billiger, aber dafür öfter zu kaufen.
Erst als die Prato-Lawine anrollte, versuchten 45 Streichgarnwebereien, den Billigkeitswettlauf mitzumachen. Aber sie wurden von den Prato-Importeuren sehr schnell abgehängt. Seitdem klagt der Präsident des Verbandes der Deutschen Tuch- und Kleiderstoffindustrie, Dr. Alexander Schippan in Aachen: "Wir können den Meterpreis nur um wenige Groschen senken. Das wirkt sich auf den fertigen Anzug oder Mantel gar nicht aus."
Unter dem Preisdruck aus Prato kapitulierten zahlreiche Streichgarnfabrikanten. Sie entließen einen Teil ihrer Belegschaften, gingen zur Kurzarbeit über oder stellten ihre Betriebe auf die Herstellung von Kammgarnstoffen für die anspruchsvollere Kundschaft um. Dadurch fühlen sich nun wieder die traditionellen Kammgarnweber in Aachen bedroht, denn der westdeutsche Textilmarkt ist ohnehin mit Kammgarnstoffen übersättigt.
Bundeswirtschaftsminister Erhard will dem stürmischen Drängen der abgehängten Tuch- und Kleiderstoff-Fabrikanten, die höhere Schutzzölle fordern, nicht nachgeben. Er schmunzelte vielmehr über den marktregulierenden Erfolg seiner Liberalisierungspolitik: Von 1950 bis 1954 ist der Durchschnittspreis für Textilien um neun Prozent gesunken
Als die Pratenser erfuhren, daß die westdeutschen Fabrikanten gegen sie Sturm laufen, strichen sie noch etwas von ihren billigen Preisen ab, um ihre Stellung in Westdeutschland gegen jede Opposition zu festigen. Nun kostete das Kilo Prato-Gewebe (einschließlich 16 Prozent Wertzoll und sechs Prozent Umsatzsteuerausgleich) im Durchschnitt nur noch 10,80 Mark (1953 : 15,40 Mark). Prompt importierten die westdeutschen Konfektionäre noch mehr Prato-Stoffe als vorher: Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 6800 Tonnen Prato-Stoffe für rund 70 Millionen Mark nach Westdeutschland eingeführt.*) Diese Menge entspricht einer Stofflänge von sieben Millionen Metern, aus denen rund 2,5 Millionen Mäntel, Kleider und Jacken hergestellt wurden.
Die Kunden lassen sich nicht nur durch den relativ niedrigen Preis, sondern auch durch das Etikett blenden, das in jedes Kleidungsstück aus Prato-Stoff eingenäht wird. Darauf steht: "Reine Wolle - Importware." Sagt Tuchfabrikanten-Präsident Schippan ärgerlich: "Das Wort Importware hat immer noch eine Zauberwirkung für die Deutschen." Durch die Bezeichnung "Reine Wolle" werde der Käufer regelrecht irregeführt.
Die Gegner der Prato-Ware - dazu gehören auch die Wollimporteure und Schafzüchter - bedrängten nun, am 9. März, das Sachverständigengremium, das über Bezeichnungsfragen zu entscheiden hat. Der Sachverständigenausschuß solle endlich veranlassen, daß auch in Deutschland,
ähnlich wie in Amerika, die Reißwolleprodukte eindeutig als "shoddy" (soviel wie schäbig) deklariert werden. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt, nachdem die Verbände der Textil-Einzelhändler und Konfektionäre Einspruch erhoben hatten.
Seither belehrt das internationale Wollsekretariat, die Zentrale der Wollinteressenten in London, über sein westdeutsches Zweigbüro in Düsseldorf die westdeutschen Textil-Kunden gratis und schriftlich, wie man Prato-Ware am ehesten erkennt: "Zieht man aus dem Gewebe einen Faden heraus und dreht ihn in einzelne Fasern auf, so läßt ein hoher Anteil kurzer und kürzester Fasern auf eine beträchtliche Reißwollbeimischung schließen."
Und weiter: "Gewebe, die einen hohen Prozentsatz geringwertiger Reißwolle enthalten, lassen, wenn man in sie hineingreift und sie zusammendrückt, die für eine gute Wollqualität typische Elastizität vermissen. Sie sind matt im Griff, und es fehlt ihnen die Sprung- und Bauschelastizität."
Am 24. März berieten Dr. Schippans führende Verbandsmitglieder über weitere Maßnahmen gegen den billigen Jakob. Bundeswirtschaftsminister Erhard müsse endlich "die hemmungslose Einfuhr" aus Prato bremsen. Doch der Bundeswirtschaftsminister versicherte bereits dem CDU - Bundestagsabgeordneten Illerhaus, der an dem Textilwarengeschäft seines Schwiegervaters in Duisburg-Hamborn beteiligt ist, daß der westdeutsche Markt den Pratensern weiterhin unbeschränkt offenstehen würde. So konnte Verbandspräsident Illerhaus seinen 50 000 organisierten Textileinzelhändlern vor kurzem beruhigt mitteilen: "Der Herr Bundeswirtschaftsminister ist der Meinung, daß aus dem Handelsvertrag mit Italien nicht gut ein Posten von 70 Millionen Mark (das war die vorjährige Einfuhrquote aus Prato) herausgebrochen werden kann. Oder sollen wir dafür auch noch Apfelsinen kaufen?"
*) Die aus Prato eingeführte Warenmenge entspricht 12 Prozent der westdeutschen Textilproduktion. Vor 1940 führte Deutschland jährlich nur etwa sieben Tonnen Textilien aus Italien ein.

DER SPIEGEL 15/1955
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