06.04.1955

UNFALL-URSACHEN / KRAFTFAHRTAb heut' nur Sauerkraut

Es war der 12. Oktober des vergangenen Jahres, kurz vor acht Uhr morgens. Ein schwerer Sechszylinder-Plymouth mit schweizerischer Nummer fuhr auf der übersichtlichen Strecke beim Kraftwerk Rheinfelden-Schwörstadt zwischen den beiden badischen Städten Rheinfelden und Schwörstadt mit einer mittleren Geschwindigkeit von sechzig Kilometern je Stunde in Richtung Wehr. Aus Richtung Wehr kamen zur gleichen Zeit zwei Volkswagen in einem Abstand von etwa sechzig Metern, der erste mit einer Geschwindigkeit von etwa achtzig Kilometern, der zweite etwas langsamer.
Ohne jeden ersichtlichen Grund verließ der schweizerische Straßenkreuzer plötzlich die rechte Fahrbahn, fuhr schräg über die Straße und stieß so mit dem ersten Volkswagen frontal zusammen. Der Fahrer des zweiten Volkswagens war der zuständige Richter für Strafsachen beim Amtsgericht Säckingen, Dr. Rückeberg. Er stoppte scharf und konnte später vor Gericht erklären, was nach dem Zusammenprall geschah.
Nach Rückebergs Aussage hatte der erste VW trotz seiner Geschwindigkeit einen Satz nach hinten gemacht. Die beiden Insassen mußten schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht werden, der Wagen wurde später verschrottet.
Der Fahrer des Plymouth, der siebzigjährige Schweizer Bürger Fritz Bell-Blesing aus Basel, hatte den ganzen Vorgängen in den ersten Minuten nach dem Unfall ziemlich teilnahmslos zugesehen, bis ihn ein herbeigerufener Polizist nach geraumer Zeit in der Polizeiwache vernahm.
Die Folge der Vernehmung war ein Strafbefehl über 1000 Mark, gegen den der Siebzigjährige Beschwerde einlegte. Es kam zur Verhandlung vor dem sonst nur mit Zivilstreitigkeiten beschäftigten Gerichtsassessor Träger vom Amtsgericht Säckingen. Der Leiter des Gesundheitsamtes, Dr. W. Graf, wurde als Gutachter hinzugezogen.
In dieser Sitzung konnte Plymouth-Fahrer Bell-Blesing unwiderlegt behaupten, daß er
▷ am Abend vor dem Unglückstag schon gegen 21 Uhr zu Bett gegangen,
▷ gegen Morgen mit Leibschmerzen aufgewacht sei und
▷ kurz vor dem Unfall wegen großer Labilität im Verdauungstrakt habe anhalten müssen.
Dr. W. Graf erklärte in seinem Gutachten, die körperliche Verfassung des Siebzigjährigen sei erstaunlich gut, es bestehe deshalb keinerlei Veranlassung, ihm den Führerschein zu entziehen. Es sei nicht ausgeschlossen,
▷ daß der Unfall durch den Genuß von Sauerkraut verursacht worden sei.
Bei seiner Vernehmung durch den Polizeibeamten hatte Bell-Blesing von dem Sauerkraut nichts gesagt. Der Polizeibeamte meldete lediglich, der Fahrer habe einen "benommenen" Eindruck gemacht; diese Benommenkeit konnte aber auch von
einer leichten - beim Unfall zugezogenen - Gehirnerschütterung herrühren.
Das Gericht schloß sich dem Sauerkraut-Gutachten des Dr. Graf an und sprach Plymouth-Fahrer Bell-Blesing frei. Durch den Sauerkrautgenuß habe der Angeklagte sich offensichtlich den Magen verdorben, argumentierte das Hohe Gericht. Die Folge davon seien Verdauungsstörungen gewesen, die sich noch kurz vor dem Unfall unliebsam bemerkbar gemacht haben.
Das im Sauerkraut enthaltene Säurekonzentrat habe die Eigenschaft, dem Blut
Wasser zu entziehen. Außerdem gelange bei derartigen Verdauungsstörungen viel Blut in die Darmgefäße; dadurch werde Blutarmut im Kopf hervorgerufen, die wiederum akute und kollapsähnliche Bewußtseinsstörungen verursache, wodurch der siebzigjährige Fahrer die Herrschaft über den schweren amerikanischen Wagen verloren habe.
Da aber der Fahrer, so geht die Urteilsbegründung nahtlos weiter, nicht hätte wissen können, daß eine Bewußtseinsstörung eintreten werde, könne man ihm auch nicht zum Vorwurf machen, daß er
trotz seiner Verdauungsbeschwerden weitergefahren sei und dadurch den Unfall verursacht habe.
"Wir konnten ihm nicht nachweisen", sagt der Gerichtsassessor Träger heute, "daß er kein Sauerkraut gegessen hatte. Wir konnten ihm auch nicht nachweisen, daß er keine Verdauungsstörungen hatte. Und wir konnten ihm nicht nachweisen, daß er keine Bewußtseinsstörung hatte. Also mußten wir ihn nach dem Grundsatz ''in dubio pro reo''*) freisprechen. Aber
wir haben ausdrücklich festgestellt, daß von diesem Urteil zivilrechtliche Ansprüche nicht betroffen sind."
Die Staatsanwaltschaft der Trompeterstadt Säckingen hat gegen das Sauerkraut-Urteil Berufung eingelegt. Der Sachverhalt sei nicht genügend aufgeklärt. Obwohl doch ein in solchen Dingen beschlagener Richter, der Dr. Rückeberg, Zeuge des Unfalls gewesen sei, und auch ein Polizeibeamter verhältnismäßig schnell zur
Stelle war, sei der Plymouth-Fahrer Bell-Blesing kein einziges Mal daraufhin untersucht worden, ob er Alkohol im Blut hatte. Bell-Blesing, ein angesehener Mann, ist Prokurist bei der Ciba AG, einer pharmazeutischen Fabrik in Wehr (Baden).
Lastwagenfahrer vom Hochrhein, die von dem Säckinger Urteil erfuhren, brachten an der Rückseite ihrer Wagen Schilder an mit dem Text: "Der kluge Mann hat vorgebaut, er ißt ab heut'' nur Sauerkraut."

DER DICKE MUSS WEG
schrieben in den letzten Wochen zahlreiche Saarländer auf im Saarland umlaufende 100-Francs-Scheine. Die Ziffer 100 in der rechten oberen Ecke der Banknote ergänzten viele zu einem Porträt des saarländischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann. Die 100-Francs-Noten werden zur Zeit im Saarland aus dem Verkehr gezogen und durch Münzen zu 100 Francs (Wert etwa 1,20 Mark) ersetzt. Nach einer formlosen
Weisung der Saarländischen Rediskontbank, die von dem Franzosen Fabre Gilly geleitet wird, dürfen die saarländischen Kassen beschriebene oder bemalte Geldscheine nicht in Zahlung nehmen, sondern müssen die Besitzer solcher Noten direkt an die Rediskontbank verweisen. So soll festgestellt werden, welche Kreise die Geldschein-Propaganda gegen das Johannes-Hoffmann-Regime betreiben.
*) Im Zweifelsfall ist zugunsten des Angeklagten zu entscheiden.

DER SPIEGEL 15/1955
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/1955
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNFALL-URSACHEN / KRAFTFAHRT:
Ab heut' nur Sauerkraut

  • Folgen des Brexit: Wie die Eliteuni Cambridge jetzt schon leidet
  • Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"
  • 73-jährige rennt von England bis Nepal: 10.000 Kilometer - allein und zu Fuß
  • Demokratiebewegung: Zehntausende gehen in Hongkong auf die Straße