06.04.1955

INTERNATIONALESRAKETE STATT FERNBOMBER

Die strategische Luftwaffe ist nur eine Zwischenlösung
Die amerikanischen Journalisten James R. Shepley (links) und Clay Blair jun. (rechts) veröffentlichten Ende vorigen Jahres ein aufsehenerregendes Buch: "Die Wasserstoffbombe." Sie beschreiben darin die dramatischen Auseinandersetzungen um die Konstruktion der H-Bombe in den Vereinigten Staaten. Eine Übersetzung des Buches wird demnächst beim Steingrüben-Verlag in Stuttgart erscheinen*). Die Verfasser berichten in ihrem Buch unter anderem über den Wettlauf zwischen der Sowjet-Union und den Vereinigten Staaten um die Entwicklung ferngesteuerter Interkontinental-Raketen als Träger für Atom- und Wasserstoff-Bomben. Während die USA die Raketenwaffe zunächst gegenüber dem Ausbau ihrer strategischen Luftwaffe vernachlässigten, gewannen die Sowjets auf diesem Gebiete einen Vorsprung, der von den Amerikanern erst in den letzten Monaten aufgeholt wurde (siehe Graphik):
Am Ende des zweiten Weltkrieges standen ... nicht nur Sprengmittel von bisher unbekannter Wirksamkeit zur Verfügung (Atombombe), sondern auch Träger von unübersehbaren Möglichkeiten: ferngesteuerte Raketengeschosse. Ihre Entwicklung war in Deutschland vorangetrieben worden und befand sich gegen Ende des Krieges in einem Stadium, das für die Gegner Deutschlands zu einer großen Gefahr geworden wäre, wenn das "strategische Bombardement" Produktions- und Abschußmöglichkeiten nicht schon empfindlich beeinträchtigt hätte. Ferngesteuerte Raketengeschosse machen kostspielige und leicht verwundbare Bomber überflüssig. Sie ersparen die teure und langwierige Ausbildung des fliegenden Personals, dessen Verlust die Achillesferse der Bomber-Strategie ist. Die deutsche Rakete letzter Bauart - V 2 genannt (V = Vergeltungswaffe) - war ein bleistiftförmiges Projektil von 13,7 Meter Länge und 1,6 Meter Durchmesser, das eine Geschwindigkeit von 5500 Kilometer je Stunde erreichte. An der Entwicklung und Produktion dieser Waffe waren 12 000 Menschen beschäftigt gewesen, darunter 1500 Wissenschaftler und Techniker und 8000 Facharbeiter.
Die Deutschen stellten bis zum Ende des Krieges über 12 000 Raketen vom Typ V 2 her, davon wurden 4300 gegen die Alliierten abgeschossen. London und Antwerpen, auf das die Deutschen ihr Raketenfeuer konzentrierten, wurden am schwersten betroffen. Von den 2000 Raketen, die den Englischen Kanal überquerten, schlugen 1230 im Gebiet von London ein. Die Entwicklung einer Rakete, die über den Ozean fliegen konnte, verzögerte sich durch einen alliierten Luftangriff auf das deutsche Raketen-Forschungszentrum Peenemünde und konnte bis zum Ende des Krieges nicht mehr vollendet werden.
Leider blieb es auf amerikanischer Seite bei dieser negativen Form der Auseinandersetzung mit dem Problem. Im Besitz einer großen Bomberflotte - mit hervorragenden, schlachterprobten Piloten am Steuerknüppel - versäumten es die Vereinigten Staaten, nach dem zweiten Weltkrieg aus der deutschen Erfindung die Konsequenzen zu ziehen: die Konsequenz vor allem, daß für die strategische Luftkriegführung auch im Hinblick auf den Träger eine Revolution stattgefunden hatte, die eine möglichst schnelle Umstellung ratsam machte. Statt dessen beschränkte man sich darauf, 75 der erbeuteten deutschen V-2-Raketen teils zum Spaß, teils zu Forschungszwecken abzuschießen und ihre Funktionsweise zu testen. Eine beschränkte eigene Entwicklungsarbeit wurde eingeleitet oder fortgesetzt, aber sowohl in Mitteln wie in der Dringlichkeit so gering bewertet, daß Resultate größeren Stils kaum zu erwarten waren. Die Aufgabe der strategischen Luftkriegführung, die seit der Erfindung der Atombombe ersten und entscheidenden Rang in der strategischen Gesamtplanung hat, blieb nach wie vor der schnell veraltenden Bomberflotte übertragen ...
Ein Reformprogramm für das Strategische-Bomber-Kommando wurde (1948) in die Wege geleitet. Der erste Schritt war die Ernennung eines neuen Kommandeurs, General Curtius E. LeMay. Der Stabschef der Luftwaffe, General Vandenberg, erteilte ihm den Auftrag, aus dem Bomberkommando eine Eliteformation, ein Kampfinstrument ersten Ranges zu machen, für das die besten Flieger und Soldaten und die modernste Ausrüstung gerade gut genug waren.
Nachdem LeMay das Strategische-Bomber-Kommando übernommen hatte, wandte er sich zunächst der technischen Aufrüstung zu. Was er vorfand, ließ ihn frösteln. Als Fachmann sah er klar, daß die Maximalforderung - ferngesteuerte Raketengeschosse als Träger von interkontinentaler Reichweite - in den nächsten Jahren nicht zu erreichen war. Es blieb keine andere Wahl, als
das Bomberkommando zunächst mit Düsenbombern modernster Bauart auszustatten, eine kostspielige, aber notwendige Zwischenlösung.
Die Sowjets waren inzwischen dazu übergegangen, ebenfalls eine strategische Luftwaffe aufzubauen. Es kann heute als absolut sicher gelten, daß die Sowjet-Union Fernbomber mit interkontinentalem Aktionsradius in Serie herstellt. Andererseits versuchten die Sowjets, den kostspieligen Ausbau der strategischen Luftwaffe soweit wie möglich einzuschränken und verlegten das Hauptinteresse auf die Entwicklung interkontinentaler Raketenwaffen.
Raketenwaffen hatten die Russen immer schon interessiert, bereits in den dreißiger Jahren hatten sie eigene Versuche gemacht. Um so größere Anstrengungen unternahmen sie am Ende des zweiten Weltkrieges, die deutschen Raketenforschungs-Anlagen in Peenemünde und die unterirdischen Fabriken bei Nordhausen in die Hand zu bekommen, in denen die V 2 in Serienproduktion hergestellt worden war. Ihr Beutezug war ein voller Erfolg, sowohl an Material wie an Menschen. Über 175 der führenden deutschen Raketen-Konstrukteure und Wissenschaftler traten neben Anlagen und Produktionsplänen die Fahrt nach Rußland an.
Während die Vereinigten Staaten die Zeit damit verbrachten, ihre wenigen erbeuteten V-2-Raketen in die Luft zu schießen, versuchten sich die Sowjets mit Hilfe von deutschen Fachleuten unter der Oberleitung von Georgij Malenkow an einer eigenen Produktion. Sie stellten im Laufe der Zeit über 1000 Raketen vom deutschen V-2-Typ her, die sie teilweise für Experimente benutzten, die ihnen in der Hauptsache aber wertvolle Produktionserfahrungen einbrachten. Während sie auf Grund dieser Erfahrungen die V-2-Rakete verbesserten, arbeiteten die verschleppten Raketenfachleute an einer neuen Konstruktion.
Ein amerikanischer Raketen-Experte, G. P. Sutton von der North American Aviation Company, berichtete im Frühjahr 1954 von einer neuen sowjetischen Rakete, die er M 103 nannte. Nach Suttons Angaben wiegt diese Rakete nicht mehr als zwei gewöhnliche Personenwagen, erzeugt jedoch eine Schubkraft von 120 000 kg in der Sekunde, das entspricht einer Schubkraft von 50 gewöhnlichen Düsenmotoren.
Sutton warnte bei dieser Gelegenheit, daß die Existenz einer solchen Rakete einige Schlußfolgerungen erlauben würde, deren Ignorierung für die Vereinigten Staaten gefährlich sei. Das Vorhandensein dieser Rakete bedeute zum Beispiel, daß die Sowjets das Problem hitzefester Metallmäntel weitgehend gelöst hätten, denn bei einem Rückstoß von dieser Kraft würde sich die Rakete andernfalls selber verbrennen. Das bedeute weiter, daß die Sowjets bei der Lösung des Problems der Reibungswärme, die beim Wiedereintritt in die Atmosphäre entsteht und manche Raketen wie Meteore verglühen läßt, wahrscheinlich gute Fortschritte gemacht hätten. Das bedeute, kurz gesagt, daß die Sowjets die wesentlichsten Elemente besäßen, um eine Rakete von interkontinentaler Reichweite zu bauen.
Die Abwehrdienste haben bisher nicht bestätigt, daß die Entwicklung schon so weit fortgeschritten ist. Zunächst handelt es sich noch um eine Spekulation. Aber im Sommer 1954 stimmten die westlichen Abwehrexperten in der Meinung überein, daß die Sowjets bis zum Jahre 1960 eine Doppelrakete besitzen würden, die eine Sprengladung von 1,3 t über eine Entfernung von 4300 Kilometern transportieren und mit einer Genauigkeit von sechs bis acht Kilometern ins Ziel befördern könnte. Das würde ausreichen, um eine Wasserstoffbombe mit einem Zerstörungsradius von 16 bis 24 Kilometern auf ein Ziel abzuwerfen. Die gleichen Abwehrexperten schätzen, daß die Sowjets um das Jahr 1964, vielleicht schon 1963, eine Rakete von interkontinentaler Reichweite zur Verfügung haben, die auf eine Entfernung von 6400 Kilometern eine Treffsicherheit von acht Kilometern besitzt.
*) James Shepley und Clay Blair jun.: "Die Wasserstoffbombe"; Steingrüben-Verlag, Stuttgart, 1955; 280 Seiten; 14,80 Mark.

DER SPIEGEL 15/1955
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