06.04.1955

PUSKASDer Briefmarken-Bote

Eine der merkwürdigsten und meistbeachteten Schmuggelaffären des Ost-West-Umschlagplatzes Wien wird, wie die österreichische Kriminalpolizei hofft, möglicherweise am 17. April aufgeklärt werden können. An diesem Tage wird die ungarische Fußball-Nationalmannschaft zu einem Spiel gegen Österreich in Wien erwartet. Und der Ungarn-Stürmer Major Puskas, der häufig als "bester Fußballspieler der Welt" besungen wird, spielt in der dunklen Affäre eine wichtige, obschon bisher recht unklare Rolle.
Mitte Februar meldete die Weltpresse in knalliger Aufmachung: Ein Ungar namens Sumi Deveny, wohnhaft in Budapest, Rakoczy ut. 45, habe mit Mühe die Genehmigung zur Auswanderung nach Ekuador erhalten und daraufhin seinen kostbarsten Besitz, eine Briefmarkensammlung im Wert von 45 000 Schweizer Franken, dem Ferenc Puskas übergeben, der die Sammlung bei seiner nächsten Länderspielreise nach Österreich schmuggeln sollte.
Am 6. Februar, nach seiner Ausreise, habe Deveny die Marken bei einem Alexander Schwartz in der Wiener Gonzagagasse Nummer 15 abholen wollen, dem die Sammlung von Puskas in Gewahrsam gegeben worden sei. Schwartz habe dem Deveny jedoch die Briefmarken vorenthalten.
Tatsache ist jedenfalls, daß Deveny Anzeige erstattete und daß Alexander Schwartz samt seiner Frau verhaftet wurde. Bald bedauerte die Presse in spaltenlangen Artikeln den um all seine Habe betrogenen Auswanderer und fragte: Hat Schwartz sich die Sammlung widerrechtlich angeeignet? Oder hat etwa der Major Puskas die Marken als sein Eigentum ausgegeben und dem Schwartz verkauft?
Der Tatbestand, soweit er inzwischen aufgedeckt werden konnte, ist jedoch viel komplizierter, als man annahm. Richtig ist, daß Deveny am 20. Dezember 1954 ein Ausreise-Visum erhielt. Dagegen ist es Kennern der ungarischen Verhältnisse völlig rätselhaft, wie Deveny von dieser Genehmigung bereits am 4. Dezember gewußt haben will, an dem Tage also, da er dem Ferenc Puskas seine Briefmarken ausgehändigt haben will. Es gehört nämlich zu den elementaren volksdemokratischen Praktiken, Ausreise-Stempel, und sei es nach jahrelangem Warten, völlig überraschend zu geben.
Nicht weniger unwahrscheinlich klingt Devenys Angabe, Puskas habe die Sammlung dem ihm, Deveny, gänzlich unbekannten Alexander Schwartz in Verwahrung gegeben. Denn Deveny hat in Wien zwei ungarische Emigranten-Freunde, die Herren Farkas und Mezei, die sein Eigentum sicherlich gern gehütet hätten.
Hingegen steht fest, daß Alexander Schwartz Mitte Dezember, nachdem der ungarische Fußball-Major Wien passiert hatte, in aller Öffentlichkeit Briefmarken zum Verkauf anbot. Wie er jetzt vor Gericht angab, waren ihm die Marken von Puskas zum Verkauf für eine Summe von mindestens 4000 Dollar oder den Gegenwert in einer anderen Währung in Kommission gegeben worden.
Nach dem - erfolglosen - Verkaufsversuch in Wien reiste zu Weihnachten ein Abgesandter des Schwartz nach Bad Gastein und bot die Marken dem amerikanischen
Großhändler Harry Stolow an (SPIEGEL 6/1955). Doch Stolow wollte den geforderten Preis nicht zahlen. Nun kombiniert man in Wien: Hätte Schwartz die Marken wirklich unterschlagen, so hätte er sie um jeden Preis an den Mann gebracht.
Ende Januar erschien Deveny in Wien, suchte aber durchaus nicht spornstreichs den Alexander Schwartz auf, sondern besuchte geruhsam seine Freunde Farkas und Mezei, ehe er sich am 6. Februar endlich der Briefmarken entsann und zu Schwartz schlenderte.
Dort konnte Deveny weder ein Schreiben von Puskas vorweisen, das ihn als Besitzer legitimierte, noch nannte er irgendein Kennwort. Erst als Schwartz verhaftet worden war, trafen in dessen Wohnung binnen zwei Tagen drei widerspruchsvolle Telegramme ein, an denen die Wiener Kriminalpolizei heute noch herumknobelt. Als Absender zeichnete in allen drei Fällen Ferenc Puskas mit seinem Kosenamen "Öcsi", aber auch ohne kriminalistische Vorbildung ist unschwer zu erkennen, daß mindestens eines gefälscht sein muß. Die Depeschen lauteten nämlich:
▷ "Nach Vereinbarung Sammlung Deveny ausfolgen."
▷ "Ich habe Dir kein Telegramm geschickt."
▷ "Ich habe weder Dir noch jemand anderem ein Telegramm geschickt."
Es bietet sich die Erklärung an, daß Freunde des Alexander Schwartz auf das erste Telegramm hin an Puskas kabelten und Aufklärung heischten, worauf die Telegramme zwei und drei eingingen. Telegramm eins wäre mithin fingiert gewesen. Die Wiener Polizei aber hat für diese These genau so wenig Anhaltspunkte wie für den Verbleib der Marken, die Schwartz durch ungarische Matrosen an Puskas zurückgeschickt haben will.
Aus mancherlei Indizien haben ungarische Emigranten in Wien jetzt einen Hergang der Ereignisse rekonstruiert, der den verworrenen Tatbestand vielleicht aufschlüsseln könnte. Danach hat Deveny,
als er noch nichts von seiner Auswanderung wußte, dem Major Puskas wegen akuten Geldmangels die Marken weit unter ihrem Wert verkauft. Als neuer Eigentümer hat Puskas die Sammlung sodann seinem Agenten Schwartz zum Verkauf übergeben. In Wien angekommen, hörte Deveny bei seinen Freunden von den Verkaufsangeboten des Schwartz und versuchte, die Sammlung dadurch wieder an sich zu bringen, daß er sich als rechtmäßiger Besitzer ausgab.
Alexander Schwartz selbst muß schweigen. Jedes Wort, das er sagen würde, zöge ihn unweigerlich tiefer in ein Verfahren wegen Zollvergehens hinein. Aber auch die Hoffnung, daß Puskas sprechen werde, ist bei der Polizei recht gering, weil der Major seinem Geschäftskumpan Schwartz zuliebe kaum den Schutzmantel des Schweigens lüften wird, der die umfangreichen Zoll-Sünden prominenter Volksdemokraten vor der Strafverfolgung bewahrt.
Gerade die sieggewohnten ungarischen Fußballer, die aus Propaganda-Gründen regelmäßig ins Ausland geschickt werden, sind seit Jahren bewährte Kuriere eines regen illegalen Grenzverkehrs. Zu den Privilegien, die ihnen von den ungarischen Behörden bis vor kurzem stillschweigend gewährt wurden, gehörte das Recht zum Schmuggel. So schleppten die Fußballer nicht nur alles nach Ungarn ein, was gut und teuer war, sondern machten sich auch zu Zwischenträgern der Emigranten, die ihren in Ungarn verbliebenen Angehörigen Geld zukommen lassen wollten.
Nach dem Wiener inoffiziellen Devisenkurs werden für 100 ungarische Forint 60 österreichische Schillinge gezahlt. (Der offizielle Budapester Kurs steht auf 100:50.) Für je 100 Forint, die sie ihren Verwandten und Freunden schicken wollen, geben nun die ungarischen Emigranten in Wien den Fußballern sogar 80 Schillinge. Bis heute, so erklären sie, hätten die Sportler, die für den Schilling-Überschuß in Wien einzukaufen pflegen, die Gelder in Budapest stets pünktlich und korrekt überwiesen.
Schon hatten sich ganze Schmugglerorganisationen an die Fußballer gehängt, als im Herbst 1954 die Schiebungen ein Ausmaß annahmen, das die ungarischen Behörden selbst mit dem einen Auge, das sie noch nicht zugedrückt hatten, nicht mehr übersehen konnten:
Der Club "Vörös Lobogo" (Rotes Banner) füllte bei einer Sportreise den Autobus, der leer nach Budapest zurückrollen sollte, reichlich mit Nylonstrümpfen und anderen Luxusartikeln. Das war auch für das tolerante Ungarn zuviel. Die Ladung im Autobus wurde beschlagnahmt, und im Dezember ging eine ganze Serie von Schmuggelsendungen an der Grenze hoch.
Ferenc Puskas aber hat im Fall Deveny nicht Waren nach Ungarn hineingeschmuggelt, was in gewissen Grenzen noch offiziell geduldet wird, sondern Wertsachen, die nach strengen volksdemokratischen Gesetzen bei der Ausreise dem Staat abgeliefert werden müssen, außer Landes gebracht - eine Tat, die in Ungarn mit Zuchthaus bestraft wird.
Deshalb wird die Wiener Polizei vermutlich von Puskas nicht mehr hören als die Worte, die schon der ungarische Sportminister Gustav Sebes zur Sache sprach: Puskas habe mit der Angelegenheit nichts zu tun, es sei alles eine schmutzige Verleumdung.
Sumi Deveny ist bereits Anfang Februar, ohne sich um das weitere Schicksal seiner Markensammlung zu kümmern, nach Ekuador weitergereist.

DER SPIEGEL 15/1955
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