06.04.1955

20. JULIDas Recht nach dem Tode

In der mitternachtstristen Halle des Münchner Hotels "Bayrischer Hof", die für den deutschen Film das ist, was das Bundeshausrestaurant für die Bonner Politik, hatten sich an einem Abend des vergangenen Monats die Filmproduzenten Arthur Brauner und Wolfgang Reinhardt zufällig zu einer langen, erbittert geführten Schachpartie zusammengefunden. Mit keinem Wort wurde die größere Partie erwähnt, die beide mit der gleichen Unerbittlichkeit gegeneinander spielten. Sie lagen in einem Wettrennen um die Verfilmung der Ereignisse des 20. Juli.
Seit die westdeutsche Filmindustrie an den Rekordbesucherzahlen von "Canaris" und "Die letzte Brücke" erstaunt erkannt hat, wie falsch die jahrelang gehätschelte Theorie war, daß sie ihrem Publikum mit allem, nur nicht gerade mit Zeitfilmen aus der jüngsten deutschen Vergangenheit kommen dürfe, hat der Run auf Filmstoffe aus dem Dritten Reich mit derselben Intensität eingesetzt wie vor vier, fünf Jahren die braune Illustrierten-Renaissance. Aber die Filmleute sahen sich einigen juristischen Hindernissen gegenüber, die zur Zeit des Presse-Booms entweder noch nicht vorhanden waren oder nicht beachtet wurden.
Das sogenannte Kunstschutzgesetz aus dem Jahre 1907 legt in seinem Paragraphen 22 fest, daß niemand ohne seine Einwilligung abgebildet werden darf. Der folgende Paragraph 23 löst jedoch "Bildnisse aus dem Bereich der Zeitgeschichte" aus diesem Tabu heraus. Diese Freistellung wiederum wird im Paragraphen 24 durch die Einschränkung neutralisiert, daß die "berechtigten Interessen" des Abgebildeten nicht verletzt werden sollen.
In den letzten Jahren hat nun der Bundesgerichtshof einige Entscheidungen gefällt, die dazu beitragen, das Recht auf "Schutz der Persönlichkeit" zu stärken. So hat der Bundesgerichtshof in einer Urteilsbegründung zu einem Streitfall innerhalb der Richard-Wagner-Familie im November des vergangenen Jahres festgestellt, daß der im Grundgesetz verankerte Schutz der Persönlichkeit "einer ungenehmigten Offenlegung der jedem Menschen geschützten Geheimsphäre entgegensteht", allerdings mit der Einschränkung: "... soweit nicht
private oder öffentliche Belange das Interesse an der Unantastbarkeit der Eigensphäre der Persönlichkeit überwiegen."
In derselben Urteilsbegründung wird nun - und das ist gerade für jegliche Verfilmung der Vorgänge des 20. Juli bedeutsam - die Vererbbarkeit des Persönlichkeitsrechtes unterstrichen. Da heißt es: "Das Persönlichkeitsrecht wirkt über den Tod des ursprünglichen Rechtsträgers fort ... Denn die schutzwürdigen Werte der Persönlichkeit überdauern die Rechtsfähigkeit ihres Subjektes, die mit dessen Tode erlischt."
Eingedenk dieser Rechtslage haben nun die beiden Film-Kontrahenten versucht, sich die Zustimmung der Überlebenden und Hinterbliebenen zu ihren Projekten zu sichern.
Wichtigstes Aktiva des Produzenten Reinhardt war eine Briefsammlung des mit ihm liierten Filmanwalts Otto Joseph, in der ihm - immer unter dem Vorbehalt einer würdigen und vertretbaren Darstellung der Personen und Ereignisse - die Wahrnehmung der Persönlichkeits- und Urheberrechte der noch lebenden oder toten Verschwörer übertragen wird. In der Sammlung befindet sich auch ein Zustimmungsschreiben der Witwe des Obersten von Stauffenberg, das der Anwalt als kostbarsten Besitz wertet. Ferner hat er sich durch Zustimmung von Ehefrauen, Söhnen, Töchtern, Neffen und Cousinen die Rechte an der Darstellung der Taten der Feldmarschälle Hoeppner und von Witzleben, des Generalobersten Beck, der Generale Oster und von Stülpnagel und des Grafen von der Schulenburg gesichert. Der Münchner Journalist Jochen Willke hat eine nüchtern-sachliche Zusammenfassung der Ereignisse des 20. Juli als Grundlage für den Reinhardt-Film zu Papier gebracht.
Hatte nun Reinhardt seinem Rivalen die gewichtige Zustimmungsmappe voraus, so hatte ihn Brauner rein zeitlich überholt. Der CCC-Produzent, in der Filmbranche wegen seiner Fixigkeit geschätzt, gefürchtet und belächelt, hatte die Vorarbeiten so weit abgeschlossen, daß er Wochen vor seinem Konkurrenten mit den Dreharbeiten würde beginnen können. Es war ihm andererseits klar, daß die Gegenseite "persönlichkeitsrechtlich" in der stärkeren Position ist. Brauner traf deswegen Vorsorge, alle rechtlichen Tret-Minen zu umgehen: "Wir arbeiten mit den echten Namen, soweit es die Widerständler genehmigen. Sonst nehmen wir Schlüsselfiguren. Schließlich haben Eingeweihte beim Canaris-Film im Obersten Holl ja auch den Oster erkannt. Und für das breite Publikum spielen alle diese Namen sowieso keine Rolle."
Produzent Brauners "Hauptwiderständler" ist der General von Gersdorff, der an einem früheren Attentatsversuch auf Hitler beteiligt war. Er stellte sich dem Produzenten als Berater zur Verfügung, nachdem er sich "davon überzeugt hatte, daß von Autoren und Produktion nichts unversucht gelassen wird, einen politisch, historisch und künstlerisch sauberen Film zu schaffen"
Während sich Reinhardt auf den 20. Juli und seinen echten Helden, den Obersten von Stauffenberg, konzentrierte, setzte Brauner seine Skripter Jörg Lüddecke und Günter Weisenborn ("Der lautlose Widerstand") auf breiterer Front an. Er will drei Attentatsversuche auf Hitler zeigen, darunter auch das von Gersdorff geplante Zeughaus-Attentat. Brauners Film soll mit den makaber-schaurigen Bildern aus dem Volksgerichtshof und einigen kontrastierend aufeinanderfolgenden Szenen enden: hier eine Durchhalte-Rede Hitlers - dort Bilder vom letzten verzweifelten Volkssturmaufgebot.
Den realen Personen der Zeitgeschichte haben Weisenborn und Lüddecke die erdichtete Figur eines jungen fanatisch nationalsozialistischen
Offiziers zugesellt, der sich durch das Erlebnis der Anti-Hitler-Verschwörung zum ebenso fanatischen Gegner des Regimes wandelt. In Brauners Version soll - im Gegensatz etwa zu Regisseur Pabsts Hitler-Film "Der letzte Akt" - der Diktator nicht in einer Spielfilm-Maske, sondern nur in eingeblendeten Wochenschau-Aufnahmen erscheinen. Als Himmler dagegen verpflichtete Produzent Brauner den Berliner Schauspieler Ernst Schröder.
Nach wochenlangem Hin und Her stieg Produzent Reinhardt in der vergangenen Woche aus dem großen Wettrennen aus. Aber noch hat Brauner nicht gesiegt. Produzent Jochen Genzow ("Angst") sicherte sich sogleich das Reinhardtsche Projekt für seine Ariston-Film.
Der Ausgang des Zweikampfes der Produzenten ist noch immer ungewiß. Es scheint, als wolle keiner nachgeben; denn im April wollen sowohl Brauner als auch Genzow mit den Dreharbeiten beginnen.
Nun hat sich aber der Dr. Josef Müller ("Ochsensepp") in das Rennen eingeschaltet. Als alter Canaris-Mitarbeiter und halbwegs prominente Person der Nachkriegspolitik glaubt er genug Ansehen zu genießen, um den Ausbruch eines filmischen Bruderzwistes im Kreis des deutschen Widerstandes verhindern zu können.
Tatsächlich wollen sich ehemalige Widerständler, darunter der Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, im Laufe dieser Woche in Frankfurt mit den Filmproduzenten treffen, um die beiden Widersacher zu einer Einigung zu bewegen. Entweder soll einer von ihnen auf sein Vorhaben verzichten oder sie sollen in Gemeinschaftsproduktion drehen. Eine dritte Möglichkeit wäre, daß die beiden Filmmänner ihre Projekte miteinander abstimmen. Die ehemaligen Widerständler möchten auf jeden Fall verhindern, daß dem deutschen Kinopublikum in einer Saison gleichzeitig zwei konkurrierende, das Thema unterschiedlich behandelnde Filme über den 20. Juli vorgesetzt werden.

DER SPIEGEL 15/1955
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