06.04.1955

EMPFÄNGERDer Lichtmann kassiert

Auf einem Tisch im ersten Stock des Hauses 32 in Essens Beethovenstraße liegen, sorgsam gestapelt, 15 000 Plakate. In den nächsten Tagen werden sie von den Litfaß-Säulen in Nordrhein-Westfalen verkünden, daß es noch vor dem Osterfest möglich sein wird, bei der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk A. G. (RWE) auch Fernseh-Empfänger auf Stottern zu erwerben. Das hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben: Fernsehgeräte vom Kraftwerk.
Die Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk A. G. hat die Fernsehgeräte in die Liste ihres Ratenzahlungs-Systems zu den gleichen Bedingungen aufgenommen, unter denen sie ihre Kunden beim Kauf aller übrigen Elektrogeräte vom Staubsauger bis zum Kühlschrank unterstützt: Der von der RWE mit Strom versorgte Kunde zahlt für seinen Empfänger, den er sich beim Fachhändler abholen kann, zehn Prozent des Kaufpreises. Den Rest kassiert der Lichtmann der RWE in achtzehn Monatsraten jeweils mit der Stromrechnung.
"Wir sind nicht daran interessiert, Luxusgeräte zu finanzieren", schränkte Diplom-Ingenieur Robert Corlin vom RWE-Ressort V (Kundenverkehr) ein. "Die Anschaffungspreise sollen 800 Mark nicht überschreiten."
Mit der Finanzierung von Fernseh-Empfängern wollen die RWE zweierlei erreichen. Sie wollen
▷ dem Fernsehfunk eine breitere Teilnehmerbasis verschaffen (letzter Stand: 112 378 gemeldete Teilnehmer sowie schätzungsweise 60 000 Schwarzseher),
▷ für sich selbst eine neuartige Werbung betreiben.
Der Strom, den ein Fernseh-Empfänger während eines dreistündigen Abendprogrammes verbraucht, kostet etwa sechs Pfennig. Das ist selbst bei einem Absatz von mehreren tausend Geräten nicht genug, um dem Kraftwerk große Gewinne zu garantieren. Doch die RWE-Leute denken so: Die Finanzierung von Fernsehgeräten bringt zwar zusätzlich Belastungen und einen Gewinn erst auf weite Sicht - aber die Kunden werden durch diese neue Möglichkeit darauf aufmerksam gemacht, was ihnen ihre Elektrizitätsgesellschaft alles bietet. Mit anderen Worten: Sie werden sich eher bewegen lassen, im Zuge der allgemeinen Elektrifizierung auch einen stromfressenden Elektroherd oder einen Kühlschrank auf Raten anzuschaffen, dessen Verbrauch bei den RWE gewinnbringend zu Buche schlägt.
Außerdem sprechen noch zwei Dinge für den neuen Plan der RWE. Einmal die Tatsache, daß ihren Werken anderthalb Millionen Haushaltungen angeschlossen sind, also mit einer ebenso großen Zahl potentieller Käufer zu rechnen ist. Zum anderen, daß die RWE 1951 mit dem Kühlschrankgeschäft einen Riesenerfolg erzielten. Damals hatte die Gesellschaft Kühlschränke, die auch im Elektro-Fachhandel auf Raten zu haben sind, in ihr Ratenzahlungssystem aufgenommen. Binnen kurzem war die damalige deutsche Kühlschrank-Jahresproduktion verkauft.
"Wir denken", sagte RWE-Kundenverkehrs-Chef Robert Corlin, "so eine Initialzündung könnte auch dem deutschen Fernsehen nicht schaden."
In diesem Jahr will die deutsche Fernseh-Industrie 400 000 Geräte produzieren und absetzen.

DER SPIEGEL 15/1955
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/1955
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EMPFÄNGER:
Der Lichtmann kassiert

  • Neue Saurierarten entdeckt: Gestatten: Nullotitan Glaciaris
  • Trotz Eruptionsgefahr: Soldaten bergen Opfer von White Island
  • Surflegende Slater erhält Höchstwertung: "Wollte eigentlich eine andere Linie fahren"
  • Autogramm: Seat Mii Electric: Kleines Vorspiel