06.04.1955

ARCHÄOLOGIE / WISSENSCHAFTDer Fund des Beduinen

Zu früher Stunde wurden die prominentesten Jerusalemer Journalisten in das Büro des israelischen Ministerpräsidenten und Außenministers Mosche Scharett gerufen - "zwecks Entgegennahme einer wichtigen Erklärung". Über die Art dieser Erklärung war dem Pressechef kein Sterbenswörtchen zu entlocken, und die Zeitungsleute rätselten vergebens, was für ein sensationelles außenpolitisches Ereignis ihnen wohl enthüllt werden würde
Doch es handelte sich nicht um Politik. Mit strahlendem Lächeln eröffnete Ministerpräsident Scharett den Pressemännern: "Meine Herren, ich bin heute Bringer froher Kunde. Ein nationaler Schatz von unermeßlichem Wert, die größte archäologische Entdeckung des Jahrhunderts in diesem Lande, ist in unserer Hand. Wir haben die restlichen vier Tote-Meer-Rollen erworben."
Damit war der Schlußpunkt hinter eine Geschichte aus dem Bereich der Archäologie gesetzt, die sich in den letzten acht Jahren abspielte und nicht weniger spannend ist als die Stories des "Götter, Gräber und Gelehrte"-Genres. Sie begann, als sich an einem Frühlingstag des Jahres 1947 ein Beduine namens Mohammed Dab auf der Suche nach einem aus seiner Herde entflohenen Zicklein in eine felsige Gegend bei Jericho (nordwestlich des Toten Meeres) verirrte. Ermüdet vom erfolglosen Suchen
streckte er sich alsbald auf der sandigen Erde nieder und vertrieb sich die Zeit damit, Steine in ein hochgelegenes Felsloch zu werfen. Plötzlich hörte er nach einem Steinwurf ein merkwürdiges Klirren - es klang, als ob ein Gefäß zerbreche.
Von abergläubischer Angst gepackt, rannte Mohammed Dab davon und kehrte erst nach einer Stunde mit einigen Hirten zurück, die den Felsen erkletterten, um die geheimnisvolle Geräuschquelle zu untersuchen. Das Loch im Felsen führte in eine mit Krügen und Tongefäßen angefüllte Höhle. Aus zwei großen, versiegelten Steinkrügen fischten die Hirten sieben vergilbte, mit harzgetränktem Leinen umhüllte Lederrollen heraus.
Am nächsten Markttag zogen sie mit ihrem Fund nach Bethlehem und boten ihn für zwanzig palästinensische Pfunde (etwa 47 Mark) einem Antiquitätenhändler an. Doch der wies sie achselzuckend zurück. Ein anderer Händler nahm die Rollen schließlich "zur Ansicht" mit. Er offerierte sie dem Archäologie-Professor Elieser Sukenik von der Universität Jerusalem.
Sukenik hatte sich durch eine Reihe erfolgreicher Ausgrabungen wissenschaftlichen Weltruf erworben. Schon 1920 leitete
er als Vorsitzender den Internationalen Archäologen-Kongreß in Berlin. Elf Jahre später brachte er - wiederum in Berlinkirchliche Kreise durch eine sensationelle Mitteilung in Aufruhr: Er erklärte in einem Vortrag vor der Archäologischen Gesellschaft, die Grabeskirche in Jerusalem könne unmöglich über dem Grabe Christi erbaut worden sein, weil in der Innenstadt des altjüdischen Jerusalem niemals Tote begraben werden durften. Andererseits habe er aber in den jüdischen Katakomben eines Jerusalemer Außenbezirks ein Grab entdeckt, über dem der Name des Toten eingemeißelt war: Jeschua Sohn Josefs.
Professor Sukenik faltete die ihm angebotenen Rollen vorsichtig auseinander, warf einen Blick auf die krausen Zeichen der Handschriften und hielt - wie er später selbst berichtete - für einen Augenblick den Atem an: Die Schriften mußten rund zweitausend Jahre alt sein. Die ältesten bis dahin gefundenen Bibelhandschriften aber stammten aus dem neunten Jahrhundert. Niemand hatte für möglich gehalten, daß in dem feuchten Klima Palästinas noch ältere Papyrus-Rollen existieren könnten. Zweifellos: Das war der Fund seines Lebens.
Die erste Untersuchung bestätigte, daß es sich um Handschriften handelte, die von einer unbekannten jüdischen Sekte stammten. Einige der Rollen waren so vom Alter gedunkelt, daß man sie nur mittels Infrarot-Photographie entziffern konnte. Andere waren leicht lesbar.
Insgesamt enthielten die Rollen zwei Texte des Buches Jesaja, eine Sammlung von Dankpsalmen, die nicht im biblischen Psalter enthalten sind und eine Beschreibung des Kampfes der "Söhne des Lichts" gegen die "Söhne der Finsternis". Darin waren Organisation, Taktik und Strategie sowie die Waffen der antiken jüdischen militärischen Einheiten beschrieben. Ferner enthielten die Rollen einen Kommentar zum Buche Habakuk, die Verfassung und Lebensordnung einer offenbar den biblischen Essenern nahestehenden Sekte und das apokryphe (nicht zur Heiligen Schrift gehörige) Buch Lamech*). Die Rollen mußten aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert v. Chr. stammen. Mithin waren sie die ältesten hebräischen Handschriften, die jemals aufgefunden wurden.
150 Pfund (etwa 3500 Mark) verlangte der Händler aus Bethlehem. Das war damals für einen Jerusalemer Professor viel Geld. Sukenik kaufte daher erst einmal drei Rollen für 50 Pfund. Am nächsten Tag sollte der Händler aus Bethlehem wiederkommen - inzwischen wollte sich der Professor den Restbetrag für die übrigen vier Rollen verschaffen. Er war entschlossen, nötigenfalls eine Hypothek auf sein Häuschen aufzunehmen.
Doch just am gleichen Tag, dem 29 November 1947, beschloß die Vollversammlung
der Vereinten Nationen in New York die Teilung Palästinas und die Errichtung eines jüdischen Staates.
Am nächsten Tag brachen an vielen Orten Palästinas Unruhen aus, das auf jordanischem Boden liegende Bethlehem wurde von Jerusalem abgeschnitten. Wenige Monate später begann der Krieg zwischen Israel und den Staaten der Arabischen Liga. Die restlichen vier Handschriften-Rollen blieben im Feindstaat Jordanien und gelangten schließlich in den Besitz des Erzbischofs der assyrisch-orthodox-christlichen Gemeinde von Jordanien, des Metropoliten Athanasios Jesua Samuel. Der Sitz des Erzbischofs war das St.-Markus-Kloster. Es lag dicht hinter der quer durch Jerusalem verlaufenden Hauptkampflinie.
Noch während der Kriegswirren schlüpften waghalsige Unterhändler durch die Feuerlinien zwischen der Hebräischen Universität und dem St.-Markus-Kloster, um die Manuskripte für den Professor Sukenik zu kaufen. Aber der geschäftstüchtige Erzbischof schraubte den Preis immer höher. Schließlich schnitten die erstarrten Fronten innerhalb der Stadt Jerusalem die Verbindung mit Jordanien
und damit jede weitere Verhandlungsmöglichkeit endgültig ab.
Der Professor aber wollte nicht aufgeben. Er war wie besessen von dem Gedanken, die Rollen in seinen Besitz zu bringen. Während arabische Bomben in der Nähe niedergingen, schrieb er in sein Tagebuch: "Ich las wieder ein wenig im ''Kampf der Söhne des Lichtes''. Vielleicht ist das die größte Entdeckung, die hier im Lande gemacht wurde; ihre Bedeutung ist nicht abzuschätzen." Und als sein jüngster Sohn, Mathias, fiel, schrieb er: "Das einzige, was mich noch aufrechterhält, ist der Gedanke an die Handschriften."
Erzbischof Athanasios brachte indessen die vier Handschriften nach Amerika in Sicherheit und ließ sie in der Kongreß-Bibliothek von Washington ausstellen. Die Wissenschaftler reagierten mit entzückten Kommentaren. Der Theologie-Professor Ernst Würthwein von der Universität Tübingen maß den Funden "ganz große Bedeutung" für die Bibelwissenschaft bei, da sie um Jahrhunderte älter seien als alle bisher bekannten Handschriften: "Außer einem Papyrusblatt mit den Zehn Geboten und dem Anfang des jüdischen Glaubensbekenntnisses besaßen wir bisher keine Bibelhandschriften aus dem Altertum. Handschriften, die das hebräische Alte Testament in größeren Teilen oder ganz enthalten, entstammen frühestens der Zeit um und nach 900 n. Chr., nur wenige Fragmente gehen in das sechste bis achte Jahrhundert zurück."
Da die Rollen vom Toten Meer aber spätestens im ersten Jahrhundert n. Chr., wahrscheinlich jedoch noch in vorchristlicher Zeit geschrieben wurden, sprach G. Lankester Harding, Direktor der Altertümer-Verwaltung in Jordanien, sogar von dem "vielleicht sensationellsten und hervorragendsten archäologischen Ereignis unserer Zeit". Dr. W. F. Albright von der John-Hopkins-Universität jubilierte: "Der größte Handschriftenfund der Epoche!"
Nach der Washingtoner Ausstellung aber ging die Spur der Handschriften verloren: Es hieß, sie seien einem unbekannten Privatsammler für eine Million Dollar verkauft worden.
Als Professor Sukenik 1952 starb, nachdem er eine vorbildliche kritische Ausgabe der drei bei ihm befindlichen Handschriften vorbereitet hatte, hinterließ er seinem Sohn Jigal in seinem letzten Willen ein Vermächtnis: Er sollte nach den restlichen Rollen fahnden und sie in den Besitz des Staates Israel bringen. Sohn Jigal, Jahrgang 1917, hatte sich als Offizier im "Befreiungskrieg" besonders ausgezeichnet und war unter dem hebräischen Namen Jadin in den Jahren 1949 bis 1952 als Oberkommandierender und Generalstabschef der israelischen Armee der jüngste Generalstabschef der Welt. Nach dem Tode des Vaters trat er aus der Armee aus und ging als Archäologie-Student nach Amerika, mit dem Vorsatz, alles daranzusetzen, um den letzten Wunsch des Vaters zu erfüllen. Jahrelang spähte er vergeblich nach den verlorenen Handschriften.
Da erschien am 1. Juni 1954 im "Wall Street Journal" unter "Verschiedenes" eine kleine Anzeige:
Zu verkaufen: Vier biblische Manuskripte spätestens aus dem Jahre 200 v. Chr. Ideales Geschenk für Private und Vereine. Anfragen unter Box F 206, Wall Street Journal.
Einem Journalisten, Monty Jacobs vom Londoner "Jewish Chronicle", fiel die Anzeige
auf. Er machte den Archäologie-Professor Albright auf sie aufmerksam. Gleichzeitig benachrichtigte er Jigal Jadin, der sich damals gerade in New York aufhielt.
Jadin wollte mit dem Inserenten nicht selbst in Verbindung treten, um seinen Namen nicht nennen zu müssen. Er fürchtete, daß arabische und vatikanische Einflüsse den Übergang der Handschriften in jüdische Hände zu verhindern trachten würden. Er fürchtete auch, daß man dem Sohn des Professors Sukenik einen exorbitanten Liebhaberpreis nennen würde. Jadin fand schließlich einen amerikanischen Archäologen als Mittelsmann. Der Inserent verlangte 300 000 Dollar. Ein jüdischer Mäzen, Samuel Gottesman aus New York, war bereit, die geforderte Summe aufzubringen.
Am 2. Juli 1954 wurde der Kauf perfekt. Im 30. Stockwerk des New-Yorker "St. Moritz Hotels" öffnete Ex-General Jadin bei heruntergelassenen Fensterläden, in Anwesenheit des israelischen Generalkonsuls Harman und des findigen Journalisten, der zuerst auf die Spur hingewiesen hatte, glückstrahlend einen schwarzen Lederkoffer, in dem die ersehnten Handschriften lagen. Der letzte Wunsch des Professors Sukenik war in Erfüllung gegangen.
Die Handschriften sollen jetzt als nationale Reliquie in einem Saal der Universität Jerusalem ausgestellt werden. "Mit dem Erwerb dieser Kostbarkeiten", erklärte der Präsident der Universität, Professor Benjamin Mazar, "besitzen wir vielleicht den größten historischen Schatz in der Welt."
*) Lamech: Nach Moses einer der Vorväter der vorsintflutlichen Menschheit.

DER SPIEGEL 15/1955
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