20.04.1955

STUDENTEN / SOWJETZONEDer Aufstand von Greifswald

Der 30. März 1955 wird als ein besonderer Tag in die Geschichte der 500 Jahre alten Universität Greifswald (gegründet 1456) eingehen. An diesem Tage inszenierten die 700 Medizinstudenten der altehrwürdigen Alma mater an der Ostsee einen Vorlesungsstreik, der für 17 Kommilitonen vor dem Ersten Strafsenat des Bezirksgerichts Rostock ein schlimmes Ende finden soll.
Die Vorgeschichte dieser Studenten-Meuterei - wie sie andernorts nicht gerade selten vorkommt, in der Sowjetzone jedoch bis dahin noch nicht registriert wurde - hatte bereits eine Woche zuvor begonnen. Es war am 23. März, als Professor Dr. Gerhard Harig, 52, Staatssekretär für das Hochschulwesen im Pankower Volksbildungsministerium, von Ostberlin in die alte Hansestadt kam und das Geschäftszimmer der medizinischen Fakultät in der Rubenowstraße aufsuchte.
Staatssekretär Professor Harig kam nicht allein, sein Begleiter war der Professor Dr. med. Karl Walther, Generalarzt der Kasernierten Volkspolizei (KVP), der eigens für die Visite in Greifswald seine Generalsmontur angelegt hatte.
Welche Bedeutung dieser martialische Aufzug haben sollte, wurde dem Dekan und Hautspezialisten Professor Sigwald Bommer und dem Lehrkörper der medizinischen Fakultät in Greifswald erst klar, als die beiden SED-Emissäre mit ihrem Sonderauftrag herausrückten.
Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik habe beschlossen, eröffnete Harig seinen Greifswalder Kollegen, daß vom Beginn des neuen Studienjahres (1. September) an nur noch solche Studenten in die Matrikel der Greifswalder medizinischen Fakultät eingeschrieben werden können, die sich verpflichten, Militärärzte der KVP zu werden.
Ob das ein Befehl sei, wollte der dialektisch zurückgebliebene Dekan Bommer wissen. Staatssekretär Harig: "Befehle gibt es in einem demokratischen Staat nicht. Das ist ein unabänderlicher Regierungsbeschluß." Und: Wer sich bis zum Herbst nicht für die Karriere eines KVP-Arztes entscheiden könne, müsse eben an eine der (1954 eingerichteten) "Medizinischen Akademien" in Magdeburg, Dresden oder Erfurt übersiedeln.
Aber gerade das ist es, was die Medizinstudenten der Sowjetzone am meisten fürchten: an diese schnell improvisierten Ausbildungsaktivs überwechseln zu müssen. Die "Medizinischen Akademien" gelten als wissenschaftlich unzulänglich und stehen in dem Ruf, daß die von ihnen veranstalteten Staatsexamen außerhalb der Zone nur schwerlich anerkannt werden dürften.
So kam es denn zum Aufstand der Studiker. Der Pankower Beschluß hatte sich schnell in Kliniken und Labors herumgesprochen und gab Anlaß zu intensiven Mittagstisch-Debatten in der Mensa. Dort hatten überzeugte SED - Mannen alle Mühe, der Lesart zu widersprechen, daß aus der medizinischen Fakultät der Universität Greifswald bis zum Herbst eine "Militärärztliche Akademie" gemacht werden solle.
Der weitere Ablauf der Greifswalder Studenten-Revolte kann als ein Musterbeispiel dafür dienen, welche Grenzen auch ein kommunistisches Diktatur-Regime gegenüber offen geäußerten Meinungen einhalten muß. Die FDJ-Hochschulgruppe arrangierte zunächst im "Maxim-Gorki-Haus" am Greifswalder Marktplatz einen "Aussprache-Abend", zu dem allerdings nur Studenten des achten Semesters eingeladen wurden. Die Mediziner witterten ein Manöver - die Semester zu spalten und dann getrennt zu überfahren - und schickten Vertreter aller Semester.
Die Debatte vollzog sich in einer für sowjetzonale Verhältnisse erstaunlichen Offenheit. Nachdem die Gäste der FDJ den Regierungsbeschluß entschieden abgelehnt hatten, tönte ein Student: "Wir sehen uns gezwungen, der SED unser vollstes Mißtrauen auszusprechen, weil die Diskussion offensichtlich nur deshalb veranstaltet wird, um unsere Reaktion auf einem Tonband festzuhalten, aber nicht, um unsere Interessen zu vertreten."
Die Antwort des SED-Sekretärs Birkner: "Die SED verdient euer Mißtrauen nicht. Wir müssen den Regierungsentwurf befürworten, weil er der Jugend der gesamten DDR dient", ging im Scharren unter.
Die Pleite dieses Abends befeuerte die Anstrengungen der Greifswalder Einheits-Sozialisten, den akademischen Disput nun endlich in die Hand zu bekommen.
Die SED vertraute dabei noch ihren langweiligen Agitationsmethoden und mobilisierte die dialektisch gedrillten Studenten der "Arbeiter- und Bauernfakultät". Die proletarisch reinrassigen Kommilitonen sollten den nichtorganisierten Medizinern auf die Bude rücken und dort die Agitationsplatte mit Lenins Theorie von "gerechten
und ungerechten Kriegen" abspielen lassen.
Indes, ehe diese Reklame-Kampagne "von Mensch zu Mensch" noch angelaufen war, bekam die Greifswalder SED-Spitze Wind, daß die Mediziner für den 30. März einen Vorlesungsstreik planten.
Am Morgen dieses Tages blieben tatsächlich die Hörsäle der Mediziner nahezu leer. Die Professoren sagten ihre Vorlesungen ab. Nachmittags trafen sich die Streikenden dann auf dem Klinik-Gelände und diskutierten stramm nach Sowjet-Vorbild "Erfolg und Erkenntnis" ihres Ausstandes.
Angesichts dieses Massen-Stehkonvents blieb der SED nur das Aufgebot der "Kampfgruppen" aus den Greifswalder Reichsbahnbetrieben. Die Eisenbahn-Aktivisten lösten die Diskussionsgruppen auf, verkündeten aber gleichzeitig, daß abends in der Aula der Universität eine "Vollversammlung der Fakultät mit Professoren" stattfinde. So eine Vollversammlung hatten sich die Mediziner von Anfang an gewünscht.
Gleichwohl, das Meeting in der Aula verlief für alle Beteiligten nicht ganz planmäßig. Die SED hatte ihren Rostocker Bezirksleiter Karl Mewes engagiert, der sich über das etwas ungewöhnliche, ihm "besonders liegende" Thema: "Medizin und internationale Lage" verbreiten sollte.
Ehe nun aber Karl Mewes zu seinem eingelernten "Grundsatz-Referat" ansetzen konnte, sprang der cand. med. im 10. Semester Klaus Rintelin auf und schmetterte in den Saal: "Das ist keine Vollversammlung der Fakultät, sondern eine Vollversammlung der FDJ-Gruppe!"
Das war das Signal. Die Mediziner stimmten in den Protestruf ein und drängten
zu den Saalausgängen. Dabei kam es zu Rempeleien mit der FDJ; SED-Bezirksleiter Karl Mewes und SED-Ratsvorsitzender Werner Westphal wurden leicht lädiert.
Doch im Nu hatten SSD-Beamte und "Kampfgruppen"-Funktionäre die Ausgänge geschlossen und die auf fünfzehn Bereitschaftswagen nahe der Universität bereit gehaltenen Vopo-Kommandos alarmiert. Mit Karabinern bewaffnete Volkspolizisten und SED-Wacheinheiten, die aus Rostock und Stralsund nach Greifswald beordert worden waren, besetzten das Universitäts-Hauptgebäude.
Vor dem Portal waren die Polizei-Bereitschaftswagen rückwärts so aufgefahren, daß die rebellierenden Mediziner gleich wagenweise verladen werden konnten. Einem Teil von ihnen gelang es allerdings, sich rechtzeitig in Labors, Bibliotheken und Flurnischen zu verdrücken.
Die 250 Festgenommenen wurden in das Greifswalder Vopo-Gefängnis "Am Wall" verfrachtet und zwei Tage lang nach "Provokateuren und Rädelsführern" ausgefragt. 17 Kommilitonen - alle im sechsten Semester, alle Mitglieder der FDJ. einige sogar mit dem Parteibuch der SED - blieben auf der Strecke. Sie sitzen seit Ostern im Rostocker SSD-Gefängnis und warten auf ihr Urteil.
Diesen "Feinden des Staates" konnte bisher auch ein Kompromiß nicht helfen, den Rektor und Senat der Universität Greifswald in der Karwoche mit SED-Staatssekretär Harig geschlossen haben. Gegen die Zusicherung, alle Mediziner freizulassen, gaben die Greifswalder Professoren dem Pankower Hochschul-Funktionär das schriftliche Einverständnis zur Umwandlung ihrer medizinischen Fakultät in eine Militärärztliche Akademie.

DER SPIEGEL 17/1955
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