27.04.1955

WISSENSCHAFT / EINSTEINDie göttliche Harmonie

Als Einstein während des ersten Weltkrieges, durch ein Leberleiden und einen revoltierenden Magen stark geschwächt, in Berlin darniederlag, wunderten sich die Besucher über seine gleichbleibende Heiterkeit und Gemütsruhe. Die Frau des Physikers Born fragte ihn, ob er denn keine Todesfurcht empfinde. Einstein antwortete: "Weshalb? Ich fühle mich so solidarisch mit allen Lebenden, daß es mir einerlei ist, wo der einzelne anfängt und wo er aufhört."
In den dreißiger Jahren, wieder bei bester Gesundheit, gestand Einstein in der amerikanischen Gelehrten-Siedlung Princeton seinem Mitarbeiter Professor Leopold Infeld: "Gewiß, das Leben ist eine aufregende Angelegenheit. Ich genieße es. Es kann wunderbar sein. Aber wenn ich wüßte, daß ich in drei Tagen sterben müßte, wäre ich wenig davon beeindruckt und würde mir keine düsteren Gedanken machen. Ich würde mir überlegen, wie ich diese drei letzten Tage am besten verwerten könnte, meine Papiere ordnen und mich friedlich niederlegen."
Als sich Einstein am Freitag vor acht Tagen wegen eines schmerzvollen, aber ungefährlichen Gallenblasenleidens in das Krankenhaus von Princeton begab, blieben ihm noch knapp drei Tage. Doch er konnte sie nicht nutzen, seine Papiere zu ordnen. Der Tod kam überraschend, nach einem Riß der Hauptschlagader und starkem Blutverlust. In der Montagnacht um 0.15 Uhr setzte das Herz aus. Albert Einstein, 76, der Mann, der es unternommen hatte, den Kosmos und seine Kräfte in vier kurze Formeln zu zwingen, und der den Menschen ein neues Weltbild und ein neues Zeitalter beschert hatte, war tot.
Noch während in den Geisteszentren der Welt Nachrufe auf den "Kopernikus des 20. Jahrhunderts", den "Magier der modernen Physik", "den bedeutendsten schöpferischen Denker der Moderne" verfaßt wurden, entnahmen Pathologen - mit einer Genehmigung Einsteins versehen - dem Körper des Verstorbenen die lebenswichtigen Organe, vor allem das Gehirn. Eine eingehende Untersuchung durch Wissenschaftler soll Aufschluß über den Denkapparat des größten spekulativen Genies der Neuzeit geben, über das der Franzose Jean Amiry geschrieben hat: "Kein Ruhm ist mit dem seinigen zu vergleichen. Kein Einfluß auf das Weltbild war jemals gewaltiger. Wie Kepler hat Einstein die Menschheit durch eine Gedankenrevolution von unerhörter Schwungkraft dem Verständnis des großen Geheimnisses von Raum und Zeit nähergebracht."
Schon zu seinen Lebzeiten hat die Wissenschaft zu ergründen versucht, welcher Mechanismus es seinem Gehirn ermöglichte, Probleme zu lösen, die für den durchschnittlichen Menschen zu schwer zu begreifen sind. Über einen komplizierten Apparat wurden die winzigen, vom Gehirn ausgestrahlten elektrischen Impulse aufgefangen, verstärkt und aufgezeichnet. Nach einem Vergleich mit den Gehirnwellen durchschnittlicher Menschen verkündeten die Forscher, die den Kräften des Geistes mit den Mitteln der Physik nachspürten, ihre Theorie: "Beim Genie Einstein können sich gleichzeitig mehrere Gruppen von Gehirnzellen mit einem Problem beschäftigen. Dann tastet sein Geist eine Zellengruppe nach der anderen ab und sucht nach der korrekten Antwort, wie ein Radargerät den Himmel nach Flugzeugen absucht."
Einstein selbst hat behauptet, Vorstellungskraft und Phantasie seien wichtiger als Wissen, nur durch sie könnten menschliche Wesen "Göttern ähneln" und "zu den Sternen sprechen". "Seine gedanklichen Straßen sind übersät mit Furchen und Steinen", schrieb sein amerikanischer Biograph Gordon Garbedean, "und stoßen auf geheimnisvolle Abzweigungen, die oft zu Sackgassen im Labyrinth der Natur führen." Einem Freund erklärte Einstein: "Ich denke und denke und denke - monatelang, jahrelang. Neunundneunzigmal ist die Schlußfolgerung falsch. Beim hundertsten Male ist sie richtig." Unerschütterlich hielt er daran fest, "daß in gewissem Sinne reines Denken die Wirklichkeit erfassen kann".
Als Einstein - 1879 in Ulm - geboren wurde, glaubten die Physiker des 19. Jahrhunderts, die Wirklichkeit schon in Naturgesetzen erfaßt zu haben. Die Gelehrten waren überzeugt, daß es im Bereich der Naturwissenschaft nichts mehr zu revolutionieren gebe. Es war die Zeit, da dem jungen Max Planck, der später die Quantentheorie begründen sollte, von einem angesehenen Professor bedeutet wurde, er möge sich seine Absicht, Naturwissenschaft zu studieren, lieber noch einmal gründlich überlegen, denn in diesem Bereich gebe es nichts mehr zu entdecken, sei kein Ruhm mehr zu ernten.
Das mechanistische Weltbild der heute als "klassisch" bezeichneten Physik schien nahezu vollkommen. Vom - damals freilich noch hypothetischen, also nur vermuteten - Atom bis zu den entferntesten Spiralnebeln weit draußen im All schien das Weltgeschehen in vollendeter Ordnung und Harmonie abzulaufen - nach den Gesetzen, die die Physiker der Natur abgelauscht hatten.
In knapp zwei Jahrhunderten hatte sich der menschliche Geist aus dem Dunkel mystisch-religiöser Vorstellungen gelöst. Den Anstoß zu dieser stürmischen Entwicklung hatte nicht etwa eine Beobachtung, sondern ein Denkvorgang gegeben: Galileo Galilei (1564-1642) vermochte als erster sich aus jahrhundertealten, ausschließlich auf der schlichten sinnlichen Wahrnehmung beruhenden Denkgewohnheiten zu lösen und konnte deshalb die Ergebnisse seiner Experimente richtig deuten. Bis zu Galilei galt zum Beispiel die Lehre des Aristoteles, daß schwere Körper schneller fallen als leichte - wie es der Augenschein lehrt. Galilei aber - und das war die entscheidende Wende - mißtraute dem Augenschein und fand durch gedankliche Abstraktion, daß ohne störende Einflüsse alle Körper gleich schnell fallen.
Seine Fähigkeit, überkommene Anschauungen über Bord zu werfen, voraussetzungslos zu denken, zu abstrahieren, machte Galilei zum Vater der modernen Physik - modern im Gegensatz zur Physik des Altertums - und zum ersten wissenschaftlichen Positivisten: Er fragte zunächst nach dem "Wie" der Dinge und des Geschehens und erst dann - wenn überhaupt - nach dem "Warum".

Schönheitsfehler im All

Ein halbes Jahrhundert später schufen der Engländer Isaac Newton (1643-1727) und der Deutsche Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) neue mathematische Methoden (die Differentialrechnung und die Integralrechnung), die es gestatteten, komplizierte Bewegungsvorgänge mathematisch exakt zu erfassen.
Ausgestattet mit diesem mathematischen Rüstzeug, genaueren und zuverlässigeren Beobachtungsergebnissen, konnte Newton in rascher Folge drei Gesetze formulieren, mit denen alles damals überschaubare dingliche Geschehen in der Welt nicht nur beschrieben, sondern auch vorausberechnet werden konnte.
Nach Newton herrschte im Kosmos das Prinzip strikter Kausalität (keine Wirkung ohne Ursache und umgekehrt). Mit den nach diesem Prinzip formulierten Gesetzen ließen sich selbst die kompliziertesten Bewegungen der Himmelskörper lückenlos berechnen; es wurde zur Kleinigkeit, beispielsweise Sonnen- und Mondfinsternisse bis weit in die Zukunft hinein auf die Sekunde genau vorherzusagen.
Nur ein kleines Weltkörperchen, wenig größer als der Mond, karriolte auf einer Bahn um die Sonne, die sich mit den Newtonschen Gesetzen trotz aller Bemühungen nicht restlos erklären ließ: der Planet Merkur. Diesen Schönheitsfehler hofften die Astronomen jedoch beseitigen zu können.
Während die Wissenschaftler einer aufgeklärten Menschheit durch immer größere Teleskope immer tiefer in das All hineinstarrten und wieder und wieder die Gültigkeit der Newtonschen Gesetze bestätigt fanden, gelang es dem Dänen Olaf Römer sogar, die Geschwindigkeit des Lichtes zu messen (300 000 Kilometer in der Sekunde).
Rund hundert Jahre, nachdem Newton in seinen Gesetzen (Trägheits- und Gravitationsgesetz) die Mechanik des Weltalls erkannt zu haben glaubte, zimmerte der englische Mathematiker James Clerk Maxwell (1831-1879) den zweiten Eckpfeiler des Gedankengebäudes der klassischen Physik: die Gesetze der Elektrodynamik.
Als der Deutsche Heinrich Hertz einige Jahre später die von Maxwell am Schreibtisch entdeckten elektromagnetischen Wellen (Radiowellen) durch Experimente tatsächlich fand, schien der Mechanismus des Alls enträtselt zu sein.

Die Natur macht doch Sprünge

Mit dem Weltbild dieser Epoche, in der es scheinbar nichts zu entdecken gibt, wird der junge Einstein, Sohn schwäbischer Kleinbürger, auf dem Luitpold-Gymnasium in München vertraut gemacht. Zu Beginn eines Schuljahres erhält er das Handbuch der Euklidischen Geometrie. Die Lektüre beschert ihm ein Erlebnis, das - nach seiner eigenen Aussage - sein Leben entscheidend beeinflußt. Später schreibt er einmal: "Wen dieses Werk in seiner Jugend nicht begeistern kann, der ist nicht zum theoretischen Forscher geboren."
Die Mathematik fasziniert ihn, er beherrscht sie bald mühelos, doch wird er in vielen anderen Fächern von jedem mittelmäßigen Streber ausgestochen. Er verschlingt populärwissenschaftliche Bücher und stellt ein paar Jahre früher als seine Mitschüler fest, daß "viele Dinge in der Bibel gar nicht stimmen können". In einer pubertären Revolte bringt er es fertig, aus der israelitischen Religionsgemeinschaft auszutreten und die Schule, deren strengen Unterrichtsbetrieb er verabscheut, 1894 vorzeitig zu verlassen.
Als er aus dem Gymnasium austritt, sind seine Eltern schon nach Mailand ausgewandert. Aber er will nicht nur von der Schule herunter, er will auch nicht mehr Deutscher sein - es bleibt dunkel, welche Motive ihn zur Aufgabe der Staatsbürgerschaft bewegen. Er möchte Ingenieur werden, und der Vater ist bereit, ihn auf das Polytechnikum in Zürich zu schicken. Wohlhabende Verwandte sagen Unterstützung zu.
Einsteins Kenntnisse reichen jedoch nicht aus, er fällt bei der Aufnahmeprüfung durch und muß noch einmal auf die Kantonschule in Aarau. Der 16jährige berauscht sich an Kants Kritik der reinen Vernunft und an Mozart und Schumann: Er ist ein exzellenter Geigenspieler. Als das Polytechnikum ihn endlich aufnimmt, ändert er abrupt sein Ziel: Er wird theoretische Physik studieren. Er hat auch erwogen, Mathematik zu studieren, doch die Königin der Wissenschaften ist schon in so viele Spezialgebiete unterteilt, daß das Studium eines jeden einzelnen Sektors ihn ausfüllen könnte. Er aber möchte die Übersicht nicht verlieren.
Auf dem Polytechnikum gibt ihm Professor Pernet zu bedenken, wie schwierig der Physik-Lehrgang sei. Es fehle ihm ja nicht an Eifer und Wollen, aber doch wohl am Können. "Warum studieren Sie nicht lieber etwas anderes - Medizin oder Jus?" Einstein meint, dazu fehle ihm erst recht die Begabung. "Warum soll ich es mit der Physik nicht wenigstens probieren?" Pernet klopft ihm auf die Schulter: "Ich wollte Sie nur in ihrem eigenen Interesse warnen."
So schlecht wie in Zürich geht es ihm später nie wieder. Die schmalen Schecks seiner Verwandten (100 Franken monatlich) reichen nicht für das Notwendigste, denn er muß sich stets 20 Franken zurücklegen, um die zu erwartende Naturalisation bezahlen zu können. Obwohl er Nachhilfestunden erteilt, muß er hungern (was so schwere Schäden verursacht, daß er später operiert werden muß).
Trotz der Befürchtungen des Professors Pernet besteht er seine Examina. Auf der Suche nach einer Stellung erlebt er Mißerfolg auf Mißerfolg. Er bewirbt sich als Physiklehrer in mehreren Orten - überall wird er abgewiesen. Von einer merkwürdigen Existenzfurcht gejagt, durchfliegt er den Stellenmarkt der Zeitungen, späht nach jeder geeigneten Vakanz. Aufatmend akzeptiert er einen Vertreterposten an einer technischen Schule, dann eine dürftige Anstellung als Nachhilfelehrer an einem Internat in Schaffhausen. Am 21. Februar 1901 erhält er das Schweizer Bürgerrecht. Bei der Musterung wird er wegen seiner Plattfüße und seiner Krampfadern untauglich geschrieben.
Während Einstein zurückgebliebenen Schülern noch die Grundbegriffe von Newtons Lehren einpaukt, schließt in Berlin der junge Professor Max Planck, der ebenfalls entgegen dem Rat seiner Lehrer Physiker geworden ist, Untersuchungen ab, die alle für sicher und wahr gehaltenen naturwissenschaftlichen Anschauungen über den Haufen werfen. Max Planck hatte sich mit Untersuchungen über Wärmestrahlung beschäftigt, deren Gesetzmäßigkeiten noch nicht ganz erforscht waren. Er tat, was Generationen von Physikern vor ihm taten: Er stellte Versuche an, notierte seine Beobachtungsergebnisse und prüfte, ob sich aus diesen Ergebnissen ein Gesetz herauskristallisieren ließ, das die beobachteten Vorgänge exakt beschrieb.
Er fand ein Gesetz. Aber als der konservative Planck sich die Formel ansah, die er da erarbeitet hatte, war er entsetzt: Sie besagte unwiderlegbar, daß sich die Wärmestrahlen nicht kontinuierlich, also in ununterbrochenem Strome, ausbreiteten, was sie nach den Maxwellschen Gesetzen eigentlich tun sollten. Statt dessen kamen die "Strahlen" sozusagen in kleinen Portiönchen (Quanten) angehupft, eins nach dem anderen, mit einer Pause dazwischen. Der jahrhundertealte Satz "natura non facit saltus" (die Natur macht keine Sprünge), der bis zu jenem Tage als unabdingbares Grundgesetz aller Physik galt, war widerlegt, das Weltbild des 19. Jahrhunderts erschüttert.
Der unbekannte Physiker Einstein hat Muße, sich in die aufregenden Erkenntnisse zu vertiefen. Durch die Fürsprache eines Studienkameraden hat er einen Posten als technischer Experte dritter Klasse beim "Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum" in Bern bekommen. Er ist Schweizer Beamter mit einem Salär von 3500 Franken, das den materiellen Notstand beendet. Er heiratet eine Kommilitonin aus Zürich, die Serbin Mileva Marec, die ihm zwei Kinder schenkt.
Der 25jährige Ehemann und Vater entwirft eine kokett-ironische, steckbrieflich genaue Beschreibung von sich und notiert sie unter einem Porträt-Photo: "Einstein ist 1,76 Meter groß, breitschultrig und etwas nach vorn gebeugt. Sein kurzer Schädel wirkt ungemein breit. Der Teint ist von mattem Hellbraun. Über dem großen sinnlichen Mund sproßt ein schmächtiger, schwarzer Schnurrbart. Die Nase hat leichte Adlerform. Die sehr braunen Augen strahlen tief und weich. Die Stimme ist einnehmend, wie ein vibrierender Celloton. Einstein spricht korrekt Französisch mit einem leichten fremdländischen Akzent."
Seine Stellung beim Patentamt interessiert ihn. "Jeder Gelehrte müßte ein Schusterhandwerk haben", sagt er. Er bastelt an technischen Spielereien herum und erfindet sogar einen Apparat zur Messung kleiner elektrischer Spannungen. Doch das Basteln in der Freizeit, die Gutachten im Amt - sie sind nur der Ausgleich für die Gedankenarbeit, die er begonnen hat. Fasziniert von Plancks Ergebnissen und unter dem Zwang eines faustischen Erkenntnisdranges durchdenkt er nicht nur die gesamte Theorie der Physik noch einmal, sondern auch jedes der bis dahin als unerschütterlich angesehenen Gesetze der Mechanik. Er kommt zu der Überzeugung, daß selbst Lehrgebäude, wie die Mechanik und die Thermodynamik, keine absolute Gültigkeit haben.
"Nach und nach", sagt Einstein, "verzweifelte ich an der Möglichkeit, die wahren Gesetze durch konstruktive Bemühungen herauszufinden, die sich auf bekannte Tatsachen stützen." Das ist die damals akzeptierte wissenschaftliche Methode: Theorien müssen aus Tatsachen und Experimenten abgeleitet werden. "Je länger und verzweifelter ich mich bemühte", berichtet Einstein später, "desto mehr kam ich zur Überzeugung, daß nur das Auffinden eines allgemeinen formalen Prinzips uns zu gesicherten Ergebnissen führen könnte."
Jedes Jahr schreibt er nun in den "Annalen der Physik" einen Aufsatz über physikalische Probleme. 1905 - Einstein ist 26 Jahre alt - erscheinen gleich fünf. Die Artikel stechen rein äußerlich hervor: Sie zitieren keine Autoritäten und enthalten kaum Fußnoten. Ihre Titel lassen nicht ahnen, daß sie die größte Revolution in der Betrachtung der Welt seit Kopernikus ankündigen: "Elektrodynamik bewegter Körper" oder "Über einen die Erzeugung und Verwandlung des Lichtes betreffenden heuristischen Gesichtspunkt".
Der französische Physiker Louis de Broglie schreibt später: "Damals sprang das Genie, das durch nichts vorher zu erkennen gewesen war, vor den Augen der erstaunten wissenschaftlichen Welt dröhnend auf, so unerwartet wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel." Und der Naturwissenschaftler Bachelard fragte: "War so wenig nötig, einen Weltraum zu erschüttern? Ein einziger großer Gedanke sollte genügt haben, um zwei bis drei Jahrhunderte rationalistischen Denkens aufzuheben?"
Die Biographin Antonina Vallentin(1), die mit Einstein befreundet war, beschreibt die damalige Situation: "Man sollte meinen, die Revolution müsse am nächsten Tage ausbrechen, wenigstens sobald die großen Sachverständigen diese so neuen Ideen in sich aufgenommen haben. Aber noch einmal - doch nun zum letzten Male - spielt in Einsteins Leben die Nichtbeachtung eine Rolle, die dem Anfang seiner Laufbahn beschieden war. Nichts begibt sich - rein nichts! Diejenigen, welche später die immense Reichweite seiner Theorien erfaßten, schienen den Artikel, in dem er sie zum ersten Male entwickelte, nicht gelesen oder bemerkt zu haben."
Der spätere Mitarbeiter Einsteins, der Professor Infeld, erklärte das Schweigen der wissenschaftlichen Welt nach der Veröffentlichung der Relativitätstheorie mit der Isolation derjenigen Wissenschaftler, die Einstein zu folgen vermochten: "Hier und da hat sich ein einzelner Gelehrter über den Artikel gebeugt. Von seinem Schreibtisch aus hat er den Wechsel in der Anschauung des Universums erkannt. Aber um ihn herum ist niemand, der imstande wäre, zu begreifen, was ihn so bestürzt. Er wartet auf das zufällige Zusammentreffen mit einem anderen Gelehrten, so qualifiziert wie er selbst, um das Genie und die kühnen Gedanken eines Unbekannten zu erörtern, der keinen Lehrstuhl hat, keine Dozentur, nicht einmal akademische Titel."
Der Berner Patentamtsangestellte zweiter Klasse - er ist inzwischen befördert worden - scheint sich nach den Berichten der Vallentin der Reichweite der von ihm gefundenen Lösung, die von der Konzeption bis zur Niederschrift sechs Wochen beanspruchte, völlig bewußt gewesen zu sein. Wie nach einer übermenschlichen Anstrengung, wie ein Medium nach einer Séance, bricht er zusammen und ist zwei Wochen krank.
"Die Erschütterung war heftig", notiert die Vallentin. "Niemals sollte Einstein die Stunden vergessen, in denen er zur letzten Klarheit kam. Er war sich bewußt, daß er einen gesegneten Augenblick durchlebte. Er wußte auch, daß kein menschliches Gefühl, weder lebhafteste Leidenschaft noch tiefste Trauer, sich je an Intensität vergleichen lassen würde mit dem, was er empfand, als sich unter seinen Augen die Neuordnung des Universums vollzog."
Es ist - wie bei Galilei - die Kraft der gedanklichen Abstraktion, die Einstein befähigt, das Weltbild neu zu sehen. Einsteins Denken beginnt da, wo es bei normalen Menschen aufhört: An der Grenze der bildhaften Vorstellung. Weil er nicht bildhaft denkt, kann er die Barriere aus tief eingewurzelten Vorstellungen erkennen, die bis dahin niemand zu durchstoßen vermocht hat.
Seit Jahren schon hatten Experimente mit der Lichtgeschwindigkeit bestürzende, unerklärliche Ergebnisse erbracht. Die Forscher maßen mit hochempfindlichen Instrumenten die Geschwindigkeit des Lichts. Ergebnis, wie erwartet: 300 000 Kilometer je Sekunde.
Nun wurde die Versuchsanordnung geändert: Bei der nächsten Messung bewegte man die Meßeinrichtung mit hoher Geschwindigkeit dem Lichtstrahl entgegen. Nach der Galilei-Newtonschen Logik hätten sich nun die Geschwindigkeiten des Lichtes und der dem Licht entgegeneilenden Meßeinrichtungen summieren müssen. Doch das Meßergebnis blieb: 300 000 km/sec. Wie auch immer die Forscher die Instrumente gegenüber den Lichtstrahlen bewegten: stur jagte das Licht mit 300 000 km/sec. durch die Meßgeräte. Das war und blieb unverständlich.
Einige Dutzend hervorragende Physiker hatten sich an dem Phänomen der stets gleichbleibenden Lichtgeschwindigkeit erfolglos die Gehirne wundgedacht. Keiner aber hatte eine naheliegende - der Anschauung allerdings widersprechende - Frage gestellt: Wenn sich die Meßergebnisse nicht ändern, könnte es dann nicht sein, daß umgekehrt die Meßinstrumente sich als Folge ihrer Bewegung irgendwie ändern?
Einstein stellt diese Frage und bejaht sie. Mit grandioser Unbefangenheit folgert er aus den Beobachtungsergebnissen, daß
▷ die Lichtgeschwindigkeit absolut unveränderlich, also eine Naturkonstante ist;
▷ die Zeit von der Bewegung abhängig, "relativ" ist, also beispielsweise in einem mit hoher Geschwindigkeit dahinjagenden Raumschiff anders, nämlich langsamer, abläuft als auf der Erde;
▷ ein sich bewegender Körper, je nachdem, wie schnell er sich bewegt, in der Richtung seiner Bewegung mehr oder weniger zusammenschrumpft.
Unter diesen Voraussetzungen lassen sich die Ergebnisse der Lichtversuche mühelos deuten, das Phänomen der konstanten Lichtgeschwindigkeit ist enträtselt(2). "Die tiefe azurne Schale, in der alles Sein von Ewigkeit her ruht", als die die Zeit bis dahin erschien, ist zwar zerschlagen, aber dafür ordnen sich Naturgesetze, die sich eben noch zu widersprechen schienen, wieder zu einem harmonischen Gefüge.
Einstein setzt Dinge, die bis dahin nichts miteinander zu tun hatten, in neue Beziehungen zueinander: Die Zeit und den Raum zur Bewegung, den Beobachter zum beobachteten Ereignis.
Der Triumph, die Naturwissenschaft aus der Sackgasse geführt und ihr neue Wege gewiesen zu haben, ist um einen teuren Preis erkauft: Um den Preis der Anschaulichkeit. Von Einsteins Gedankenwerk kann man sich kein Bild machen. Er selbst versucht es immer wieder, den Inhalt seiner Theorien durch bildhafte kühne Gedanken-Experimente allgemein verständlich zu machen. Er läßt in seinen Beispielen Züge mit Lichtgeschwindigkeit dahindonnern, Fahrstühle und Raumschiffe durch das Weltall sausen - doch in populärwissenschaftlichem Sinne erfaßbar ist seine "Spezielle Relativitätstheorie" noch immer nicht. Sie läßt sich nicht in Bilder übersetzen - sie läßt sich nur in das Hekuba mathematischer Symbole fassen.
Die beiden ersten Behauptungen der "Speziellen Relativitätstheorie" - daß Raum und Zeit nicht absolute, sondern relative Begriffe seien - bringen zwar das Gebäude der klassischen Physik zum Einsturz, haben aber fürs erste genauso wenig praktische Auswirkungen, wie fünf Jahrhunderte zuvor die Erkenntnis, daß die Erde um die Sonne kreist, das Leben der Menschen beeinflußt hatte. Doch die dritte Spekulation, die Einstein an die beiden anderen knüpft, soll die Welt grundlegend verändern.
Raum, Zeit und Masse sind die drei Größen der mechanischen Naturbeschreibung. Raum und Zeit haben sich bereits als relative, vom Bewegungszustand abhängige Größen erwiesen. Einstein folgert, daß auch die Masse eines Körpers von seinem Bewegungszustand abhängig sei und mit seiner Geschwindigkeit wachse. Weitere Schlußfolgerungen führen ihn zu einer umwerfenden Erkenntnis: Energie hat Masse!
Durch genial einfache mathematische Überlegungen findet Einstein die Formel E=mc². Diese Formel soll später eine teuflische Kraft erschließen. Denn sie besagt: Eine winzige Masse entspricht einer unvorstellbar großen Energie. Die Formel ist die theoretische Voraussetzung für die Atombombe(3), die mit einigen Pfunden Uran eine Großstadt in die Luft sprengt. Die Formel besagt auch, daß Materie und Energie identisch, also verschiedene Erscheinungsformen desselben Etwas sind: wie Eis und Dampf verschiedene Erscheinungsformen des Wassers sind.
Dieses Prinzip ermöglicht es, zahllose Naturrätsel zu lösen. Es erklärt zum Beispiel die seltsame Tatsache, daß elektromagnetische Wellen mitunter auch als Teilchen der Materie auftreten. Es erklärt auch, weshalb radioaktive Substanzen Millionen Jahre lang energiereiche Strahlungen aussenden, warum die Sonne und andere Sterne über Jahrmilliarden Licht und Wärme spenden können.
"Wenn ich mich frage", sagt Einstein einmal zu dem Prager Physiker Frank, "woher es kommt, daß gerade ich die Relativitätstheorie gefunden habe, so scheint es an folgendem Umstand zu liegen: Der normale Erwachsene denkt nicht über Raum-Zeit-Probleme nach. Alles, was darüber nachzudenken ist, hat er nach seiner Meinung bereits in der frühen Kindheit getan. Ich dagegen habe mich derart langsam entwickelt, daß ich erst anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits erwachsen war. Naturgemäß bin ich tiefer in die Probleme eingedrungen als ein gewöhnliches Kind."
Doch vergehen noch drei Jahre, ehe - 1908 - eine größere Anzahl von Gelehrten auf Einsteins Werk aufmerksam wird. Der große Max Planck ist unter den ersten, die in Einsteins Theorie ein vollständigeres Bild des Universums erblicken, als es die Menschheit je zuvor schuf. Der schon weltberühmte Planck schreibt dem obskuren Schweizer Beamten einen Brief mit einer enthusiastischen Gratulation zu der Arbeit, "die den Kern unseres physikalischen Denkens berührt".
Der Brief ist der Anfang einer Freundschaft und einer temperamentvollen Korrespondenz. Langsam beginnt Einsteins Ruhm in die Schweiz zurückzustrahlen. Die Universität von Zürich hält es für ihre Pflicht, dem genialen Patentamts-Angestellten zu der Ehre einer Professur zu verhelfen. Einstein möchte aber lieber seinen "Schuhmacherposten" behalten - er läßt ihm neben der wenig anstrengenden Routine viel Zeit für seine physikalischen Meditationen, zu denen ihn - wie er einmal sagt - "Neugier und dämonische Besessenheit" treiben. "Es gibt eine Leidenschaft für das Verstehen."
Mit viel Überredung gelingt es den Zürichern schließlich, Einstein zur Einwilligung zu bewegen. Einer der Artikel aus den "Annalen der Physik" - wenn auch nicht der über die Relativitätstheorie - wird als Habilitationsschrift anerkannt. Auf der Universität Bern soll er seine Semester als Privatdozent sammeln. Als er zu seiner ersten Vorlesung erscheint, sitzen nur vier Hörer in den Bänken, zwei davon sind Einsteins Freunde und Kollegen Besso und Chavan. Unbekümmert hält der frischernannte Privatdozent seine Vorlesung über "Theorie der Strahlungen".
Sowenig er sich innerlich dem Lehrbetrieb verbunden fühlt, sowenig würdevoll tritt er äußerlich als Dozent auf. Als seine an derselben Universität immatrikulierte Schwester Maja sich eine Vorlesung ihres Bruders anhören will und sich beim Pedell nach dem Hörsaal erkundigt, fragt der zurück: "Was säged dr? Dä Schlampi isch eue Brueder? Da hätt'' i aber o nie tänkt!"
Seine kleine Hörerschaft bröckelt noch weiter ab, und für das Sommersemester 1909 belegt schließlich nur noch ein einziger Student, ein Litauer namens Max Stern, Einsteins Vorlesungen. Einstein schreibt ihm eine Karte: Er bitte um sein Verständnis dafür, daß er wegen mangelnder Beteiligung die Vorlesung nicht abhalten könne, er sei jedoch bereit, ihm außerhalb der Universität mit Rat zur Seite zu stehen.
Am 15. Oktober kann er endlich sein Amt an der Universität Zürich antreten. Auch dort hat er kaum mehr als ein Dutzend Hörer. Oft zieht der Professor mit seiner Schar abends noch ins Café "Terrasse" oder ins "Café am Bellevueplatz", um weiter zu diskutieren. Sein Schüler (und Biograph) Carl Seelig(4) berichtet später von einem solchen Schnack, der Einsteins Einstellung zur Mathematik erhellt. Man erhitzt sich über eine neue Arbeit Max Plancks. Einstein hat festgestellt, daß dem Großen in Berlin ein Lapsus passiert ist. Man beschließt, ihm zu schreiben. "Aber wir schreiben ihm nicht", sagt Einstein, "daß ihm ein Lapsus passiert ist. Das Resultat stimmt nämlich, nur der Beweis ist falsch. Die Hauptsache ist doch der Inhalt, nicht die Mathematik. Mit der Mathematik kann man alles beweisen ..."
In einem anderen Caféhaus-Gespräch mit dem Genfer Ingenieur Gustave Ferrière äußert er sich mißtrauisch über die starren Gesetze der Mathematik. Er sagt, die menschliche Logik decke sich nicht immer mit der physikalischen Wirklichkeit. Er legt fünf Streichhölzer auf den Tisch und fragt Ferrière: "Wie groß ist die Gesamtlänge dieser fünf Streichhölzer, wenn jedes fünf Zentimeter lang ist?" Ferrière: "Natürlich 25 Zentimeter!" Einstein: "Das behaupten Sie! Aber ich bezweifle es. Denn ich glaube nicht an die Mathematik!"
Er gibt der reinen Spekulation den Vorrang. "Eine Theorie kann an der Erfahrung geprüft werden, aber es gibt keinen Weg von der Erfahrung zum Aufstellen einer Theorie. Nur durch reine Spekulation wird man in den Stand gesetzt, die Naturphänomene zu koordinieren." Diese Auffassung deckt sich mit der des großen Mathematikers Gauß ("Meine Resultate habe ich längst, ich weiß nur noch nicht, wie ich zu ihnen gelangen soll"). Damit nähert er sich den Gebieten der Philosophie - doch er ist sich nie ganz klar darüber, welche Auswirkungen seine Theorien auf die Philosophie haben. Er betrachtet die Philosophen noch mit Mißtrauen und befürchtet, daß seine Gedanken in "Metaphysik oder leeres Geschwätz" ausarten könnten.
Als er 1911 an die Universität von Prag geht, muß er eine folgenschwere Entscheidung fällen. In Prag herrscht wie überall in Österreich ein versteckter Antisemitismus, und Freunde dringen in ihn, eine Konzession an die Vorurteile zu machen und auf dem Papier einer christlichen Religion beizutreten. Trotzig schreibt er daraufhin in den Fragebogen, den jeder Professor ausfüllen muß, zum erstenmal: "Religion: mosaisch". Und als er vier Jahre später - 34jährig - auf Vorschlag der beiden großen deutschen Physiker Planck und Nernst zum Direktor des Physikalischen Instituts der neugeschaffenen "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft" in Berlin und zum Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften ernannt wird, glaubt er zum erstenmal zu erkennen: "Die Juden sind eine Bluts- und Traditionsgemeinschaft, bei der die Religion keineswegs das einzig Bindende ist. Erst in Deutschland entdecke ich, daß ich Jude bin, und diese Entdeckung wird mir mehr durch Nichtjuden als durch Juden vermittelt."
Aber noch ist der Antisemitismus nicht so stark, daß er Einstein in der Arbeit behindern könnte. In den Prager Jahren, in denen er mit Franz Kafka und Max Brod verkehrte, hat er Muße gefunden, die 1905 veröffentlichte "Spezielle Relativitätstheorie" zu unterbauen, zu erweitern. In einem weiteren Aufsatz in den "Annalen der Physik" dehnt er seine Erkenntnis, daß Energie und Masse identisch sind, auch auf das Licht aus und knüpft daran zum erstenmal die Folgerung, daß Lichtstrahlen - die nach seinen Theorien als eine Energieform Masse besitzen - im Schwerefeld der Sonne aus ihrer Richtung abgelenkt werden müßten. Er schlägt vor, seine Theorie experimentell zu kontrollieren, indem man die Bahn des Sternenlichtes im Schwerefeld der Sonne beobachte. Da die Sterne bei Tag unsichtbar seien, gebe es nur eine Gelegenheit, Sonne und Sterne am Firmament gleichzeitig zu sehen: während einer Sonnenfinsternis. Einstein schlägt vor, während eines solchen Ereignisses die Sterne in unmittelbarer Nähe der verdunkelten Sonnenscheibe zu photographieren und die Aufnahmen mit den zu anderer Zeit aufgenommenen Photographien derselben Sterne zu vergleichen.
Aber eine geeignete Sonnenfinsternis ist nicht vor 1919 zu erwarten. Drei Jahre vor diesem kritischen Datum erscheint sein 64seitiges Hauptwerk: "Die Grundlagen der allgemeinen Relativitätstheorie". "Selten, vielleicht sogar nie, hat in der Geschichte des Denkens ein so dünnes Büchlein einen so umstürzlerischen Einfluß auf die Welt gehabt", schreibt Antonina Vallentin, dabei vielleicht das "Kommunistische Manifest" von Marx und Engels außer acht lassend.
Mit der "Allgemeinen Relativitätstheorie" zeichnet Einstein gewissermaßen den Bauplan des Kosmos. Seit Giordano Bruno (1548-1600) galt der Weltraum als unendlich. Das entspricht dem bildlichen Vorstellungsvermögen des Menschen, das eine Endlichkeit des Raumes nicht erfassen kann, denn - was ist hinter dem Ende? Die Physiker wußten indes, daß an der Vorstellung vom unendlichen Raum etwas nicht stimmen konnte: Im unendlichen Raum müßte auch die Summe der darin enthaltenen Massen unendlich sein, die nach Newtons Gesetzen aufeinander eine unendliche Anziehung ausüben müßten. Dann aber müßte das All im Chaos versinken. Der Raum kann also nicht unendlich sein, schließt Einstein. Aber auch die Newtonsche Schwerkraft will er nicht akzeptieren. Er hält es für unwahrscheinlich, daß die Erde gewissermaßen in den Raum hinauslangen und einen Gegenstand an sich reißen kann.
Seine Theorien, die an Stelle der Newtonschen Schwerkraft-Gesetze die Bewegungen der Himmelskörper erklären, sind noch unanschaulicher als die "Spezielle Relativitätstheorie". Einstein erhebt - was nicht mehr vorstellbar ist - die Zeit zur vierten Dimension seines Weltalls, das er als ein Raum-Zeit-Kontinuum bezeichnet. Dieser Einsteinsche Kosmos hat sehr sonderbare Eigenschaften: Er ist endlich, aber unbegrenzt. Man kann das "Raum-Zeit-Kontinuum" als ein vierdimensionales Gegenstück zur dreidimensionalen Kugelfläche bezeichnen. Auch die Kugelfläche ist unbegrenzt - sie geht in sich selbst über -, aber endlich, das heißt von endlichem, bestimmbarem Flächeninhalt. Analog dazu kann man auch die Ausdehnung und den Rauminhalt des Einsteinschen Kosmos bestimmen.
In dieser Weltarchitektur wird das mysteriöse Phänomen der Schwerkraft überflüssig. Nach Einstein erzeugen Massen in der Struktur des "Raum-Zeit-Kontinuums" einen Spannungszustand, ein sogenanntes Schwerefeld, durch das die geometrische Struktur des Raumes verändert wird. Der Raum bekommt sozusagen Beulen. Und in diesen "Beulen" rollen die Weltkörper auf Grund ihrer Trägheit gewissermaßen einher wie Roulettekugeln im Kessel. Den Beulen des Raumes folgt auch das Licht, und wo eine große Masse - etwa eine Sonne - den Raum besonders stark deformiert, wird es meßbar abgelenkt.
Eine Bestätigung seiner neuen Theorie kann Einstein schon vorlegen, als er sie veröffentlicht: Die sonderbare Bahnkurve des Planeten Merkur, die Newtons Mechanik nie hatte erklären können, fügte sich nahtlos in die Einsteinschen Formeln ein.
Die Konsequenzen der Einsteinschen Weltarchitektur sind nicht so sehr praktischer, eher erkenntnistheoretischer und philosophischer Natur. Gewisse Folgerungen machen es möglich, auf das Alter der Welt und damit auf einen Beginn zu schließen: Die Erkenntnisse der spekulativen physikalischen Theorie scheinen auf einen Schöpfungsakt als Ursprung alles Seins hinzudeuten.
Einstein ist sich seiner Leistung voll bewußt. Als ihm später sein Mitarbeiter Infeld eröffnet: "Ich glaube, daß die ''Spezielle Relativitätstheorie'' ziemlich bald formuliert worden wäre, auch wenn Sie es nicht getan hätten", stimmt er zu, schränkt jedoch ein: "Das gilt aber nicht für die ''Allgemeine Relativitätstheorie''. Ich bezweifele, daß sie selbst jetzt bekanntgeworden wäre."
Im Frühjahr 1919 werden von der Britischen Astronomischen Gesellschaft zwei Expeditionen ausgerüstet, die bei der für den 29. März erwarteten totalen Sonnenfinsternis versuchen sollen, dem Himmel während der Verdunkelung seine Geheimnisse zu entreißen: Sie sollen untersuchen, ob die Sonne tatsächlich, wie Einstein es behauptet hat, die Lichtstrahlen ablenkt.
Die Verdunkelung der Sonne ist am besten in der Äquatorgegend zu beobachten, und die beiden Expeditionen bauen ihre hochempfindlichen Instrumente in Nordbrasilien und auf einer Insel im Golf von Guinea auf. 16 Aufnahmen machen die Wissenschaftler während der zwei Minuten dauernden Finsternis. Auf vielen fehlt der eine oder andere Stern, einige lassen überhaupt nichts erkennen. Aber eine Aufnahme, die die Position von fünf Sternen wiedergibt, ist gut genug, um eine Nachprüfung der Einsteinschen Theorie zu ermöglichen. Monatelang prüfen und vergleichen die englischen Astronomen ihre Berechnungen und Beobachtungen.
Das Ergebnis ihrer Arbeit soll Anfang November 1919 in einer feierlichen Sitzung der Royal Society bekanntgegeben werden. Die Atmosphäre ist gespannt wie vor einem Gerichtsurteil. Der Präsident eröffnet die Sitzung und bezeichnet Einsteins Theorie als eine der größten Errungenschaften des menschlichen Denkens. "Es handelt sich hier nicht um die Entdeckung einer einsamen Insel, sondern eines ganzen Kontinents von wissenschaftlichen Ideen."
Das Urteil bestätigte Einsteins Theorie einhundertprozentig. Die Aufnahme schließt jeden Zweifel aus: Das Licht der Sterne wird tatsächlich durch das Schwerefeld der Sonne abgebogen (siehe Zeichnung). Der Abweichungswinkel stimmt fast überein mit den von Einstein vorausgesagten Werten. Das ist der Beweis - der Beweis auf kosmischer Basis - für die Richtigkeit seiner Schlüsse.
Es ist der Beginn des Einstein-Mythos, der Einstein-Legende. Noch am Sitzungstage sagt der Präsident der Royal Society: "Ich muß zugeben, bis heute hat mir noch niemand in einfachen Worten erklären können, was Einsteins Theorie wirklich bedeutet."
Alle Ereignisse wirken zusammen: Das von den Zeitungen geschürte Expeditionsfieber, die Spannung auf das Resultat wie auf den Ausgang einer Fußball-Weltmeisterschaft, die Erklärung eines Gelehrten, es gebe höchstens zwölf Experten auf der Welt, die Einsteins Theorien begreifen könnten. In Amerika wird ein Preis von 5000 Dollar ausgesetzt (den wiederum ein Patentamt-Angestellter in Dublin gewinnt) für eine allgemein-verständliche Darstellung der Relativitätstheorie in höchstens 3000 Wörtern.
Bis dahin ist Einsteins Name nur in der Gelehrtenwelt bekanntgewesen, nun bricht um ihn plötzlich ein unerwarteter Popularitätsrummel aus, wie ihn kein theoretischer Wissenschaftler jemals zuvor erlebt hat, und wie ihn selbst der Ozean-Überquerer Charles Lindbergh nicht stürmischer erfahren hat. Die Relativität wird zum Salonbegriff; Einstein ist à la Mode wie Psychoanalysen-Freud und Untergangs-Spengler. Er wird das Jagdziel der Autogramm-Meute. Seine Wohnung in der Berliner Haberlandstraße Nr. 5 wird von Bittstellern und Amateur-Astronomen belagert. Die Berliner Gesellschaftshyänen wollen ihn zum Abendessen - als "Tafelaufsatz", wie er sagt. Auf Wohltätigkeitsfesten und Hausgesellschaften muß er, der Meister kosmischer Harmonien, musizieren.
1921 erhält er den Nobelpreis, aber nicht für seine Relativitätstheorie - über deren Nutzen für die Menschheit ist sich das Komitee noch nicht schlüssig -, sondern für sein "Gesetz der photoelektrischen Wirkung".
Soziologen und Psychologen suchen vergeblich nach einer Erklärung für seinen neuen Ruhm bei den Massen. Er selbst steht ihm zuerst ungläubig gegenüber: "Ich weiß wirklich nicht, wie es zugeht, daß ich durch einige Aufsätze, die nur ein paar Menschen in der Welt fähig sind zu würdigen, so berühmt geworden bin." Später läßt es ihn gleichgültig. Seiner Kusine Elsa, die er nach seiner Scheidung von Milova geheiratet hat, sagte er: "Es kann nicht lange dauern."
Schließlich gewöhnt er sich daran, die Popularität als Mittel zur Verbreitung seiner Ideen zu benutzen. Er steigt auf Rednerpodien, schreibt Aufrufe und Aufsätze gegen Krieg und Intoleranz und für die Abrüstung. Er wirbt für den Zionismus, und als überzeugter Pazifist propagiert er eine "2-Prozent-Bewegung gegen den Krieg". Er hat errechnet, daß kein Volk Krieg führen könnte, wenn nur zwei Prozent aller Wehrdienstfähigen sich einer Einberufung widersetzen würden. In Amerika formiert sich daraufhin tatsächlich eine Gesellschaft, deren Mitglieder sogar Abzeichen mit dem "2%"-Symbol im Knopfloch tragen.

Einstein verspekuliert sich

Trotz all der hektischen Betriebsamkeit, trotz verschiedener Auslandsreisen und eines zusätzlichen neuen Postens (außerordentlicher Professor an der holländischen Universität Leiden), findet er in den Berliner Jahren genug Zeit, sich intensiv neuen Studien zu widmen. Langsam festigt sich sein Vertrauen in die Mathematik. Er erkennt, daß seine Relativitätstheorie ein mathematisches Fundament benötigt. Zwar meckert er fröhlich: "Seit die Mathematiker in die Relativitätstheorie eingebrochen sind, verstehe ich sie selbst nicht mehr", aber er zieht immer häufiger Mathematiker zu seinen Studien hinzu.
Im Grunde hält er jedoch an seinem Arbeitsprinzip des "konstruktiven Einfalls" fest: "Das Suchen und das Beurteilen geschieht in der Hauptsache gefühlsmäßig. Meistens kann ich mir aber a posteriori der Gründe klar bewußt werden. Das ist ja auch für die Formulierung unbedingt notwendig." Klar erkennbar ist allen seinen Mitarbeitern der Einfluß seiner geliebten Musik auf seine Arbeit. Einstein versichert, beide würden bei ihm aus derselben "Sehnsuchtsquelle" gespeist. Er sagt einmal, als er sein Arbeitsziel umschreiben soll, er sei "auf der Suche nach der höchsten Musikalität". Frau Elsa sagt dazu: "Man hält ihn für einen Träumer, aber in Wirklichkeit ist Albert ein sehr praktischer Mensch."
1929 hat - wie Frau Elsa es ausdrückt - "Albert wieder mal ein Ei gelegt": Die "Theorie des Einheitsfeldes". Die fünf Seiten dünne Schrift wird sofort mittels Bildtelegraphie nach Amerika übermittelt und die Leser der Morgenzeitungen starren gebannt auf die kryptischen Symbole, die eine Welt umfassen sollten.
Einstein hat es unternommen, die beiden Grundkräfte des Universums, die Schwerkraft (Gravitation) und den Elektromagnetismus, in einer Kette von Formeln auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen. Er glaubt, in seiner "Einheitlichen Feldtheorie" das Weltgefüge umfaßt zu haben. Aber er irrt. Er muß schon bald zugeben, sich diesmal mathematisch verspekuliert zu haben.
Inzwischen wird die überragende Bedeutung des Einsteinschen Erkenntnisvorstoßes für die moderne Physik immer deutlicher: Die Relativitätstheorie hat über ihren eigenen Bereich hinaus auch ganz andere Probleme der physikalischen Forschung entscheidend gefördert. Erst die durch sie vermittelte methodische und erkenntnistheoretische Schulung hat die Physiker befähigt, den modernen Problemen erfolgreich nachzugehen. Die zwischen 1920 und 1930 gelungene Enträtselung der geheimnisvollen Welt der Atome und ihrer seltsamen, neuartigen Gesetzmäßigkeiten wären nicht möglich gewesen, wenn nicht alle daran Beteiligten vorher von Einstein gelernt hätten.
Einsteins Schüler jedoch gehen andere Wege als ihr nach Einheit und Harmonie suchender Meister. Ihr strikter Positivismus führte die moderne Atomphysik in Bereiche, in denen mit einem halben Dutzend und mehr Dimensionen gerechnet wird, die Kausalität zugunsten des Zufalls und der Statistik völlig aufgehoben ist und in den letzten Konsequenzen sogar die Zeit rückwärts fließt, also das zweite Ereignis vor dem ersten stattfindet. Zwischen den abstrakten Formelsymbolen und der wahrnehmbaren Wirklichkeit klafft eine weite Lücke.
Die jungen Physiker nehmen sie als notwendig und sogar befruchtend hin. Einstein aber glaubt, daß der suchende Mensch doch noch eine Erkenntnis der eigentlichen Wirklichkeit erlangen wird. Und er hofft, daß die statistisch begründeten Wahrscheinlichkeitsgesetze der Atomphysik sich einst als provisorische Hilfsmittel erweisen werden: "Ich kann nicht glauben", sagte er, "daß Gott mit der Welt Würfel spielt!"
Ende 1932, während schon braune Sturmtrupps alle Berliner Viertel mit dem Schlachtruf "Deutschland erwache, Juda verrecke" durchziehen, bewegen Freunde ihn zur Abreise aus dem Weimar-Deutschland, demzuliebe er wieder die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hatte. Es trifft sich gut, daß ein amerikanischer Warenhauskönig namens Abraham Flexner mit einer großzügigen Stiftung in Princeton ein "Institut für fortgeschrittene Studien" gegründet hat. Dort sollen die berühmtesten Köpfe der Welt ungezwungen ihren Studien nachgehen und eine "wahre wissenschaftliche Gemeinschaft" gründen können. Einstein nimmt den Vorschlag, der einer Lebensabend-Versicherung gleichkommt, nach einigem Zögern an.
Nach kurzem Aufenthalt in Belgien und England trifft er im Herbst 1933 an der geographischen Endstation seines Lebens ein, während in Berlin schon seine Schriften öffentlich verbrannt werden, und sein Bild in der Galerie der Nazigegner neben den Photos Ernst Thälmanns und des KP-Managers Münzenberg erscheint mit der Unterschrift: "Einstein. Erfand eine stark umstrittene Relativitätstheorie. Wurde von der Judenpresse und dem ahnungslosen deutschen Volk hoch gefeiert, dankte dies durch verlogene Greuelhetze gegen Adolf Hitler im Ausland. (Ungehängt.)"
In der Klausur Princetons setzt er die Arbeit an dem ehrgeizigsten seiner Projekte fort: der "Einheitsfeldtheorie". Im Verlauf dieser Jahre kommt ihm immer mehr zum Bewußtsein, daß - wie der amerikanische Philosophie-Professor Hans Reichenbach es einmal ausdrückt - "seine Werke mehr Philosophie enthalten als manches philosophische System." Der Physiker Philipp Frank ordnet Einstein unter der Rubrik "logischer Positivismus" ein. Einstein selbst weigerte sich, seine Position in der Philosophie zu diskutieren.
In Princeton vertieft sich sein Glaube an eine "kosmische Religion", worunter er eine Offenbarung der unerschütterlichen Weltgesetze versteht. In den zwanziger Jahren hat ihm ein Rabbi aus New York ein Telegramm geschickt:
glauben sie an gott? stop bezahlte antwort fünfzig worte.
Einsteins Antwort:
ich glaube an spinozas gott der sich in der harmonie des seienden offenbart stop nicht an einen gott der sich mit schicksalen und handlungen der menschen abgibt.
Ein andermal sagt er, die Relativitätstheorie habe er nur entdecken können, weil er stets an die "göttliche Harmonie des Seienden" geglaubt habe.
Schon kurz vor dem ersten Weltkrieg hat H. G. Wells in einem Zukunftsroman die Schrecknisse eines Atombomben-Angriffs auf Paris beschrieben. Einstein glaubt dagegen, daß eine Befreiung der Atomenergie "nur theoretisch möglich" sei - er erwartet nicht, daß das noch zu seinen Lebzeiten tatsächlich geschehen könne. Doch da bringt im Sommer 1939 die jüdische Emigrantin Lise Meitner aus Deutschland die Nachricht nach Amerika, daß es den deutschen Professoren Hahn und Strassmann gelungen ist, das Atom zu spalten.
In Amerika wiederholen die Physiker Leo Szilard und Enrico Fermi den Versuch erfolgreich und stellen durch Experimente die Möglichkeit einer Kettenreaktion fest. Sie kommen zu der Folgerung, daß die größte Kraft, die die Menschheit je gekannt hat, in eine Bombe eingeschlossen werden kann. Ihre Gedankengänge gehen über das Verständnis eines normalen Menschen hinaus. Sie wissen, nur ein einziger Mann könnte sich in Amerika dank seines ungeheuren Rufes Gehör verschaffen und für das Abenteuer verbürgen.
Damit beginnt im Sommer 1939, was die Biographin Antonina Vallentin "das Drama Einsteins" nennt. Einstein, der idealistische Pazifist, wird beschworen, sich für die fürchterlichste Kriegswaffe der Menschheit einzusetzen. Er ist sich der Tragik der Umstände bewußt, als er sich am 2. August 1939 bereit findet, dem Präsidenten Roosevelt einen Brief über die Möglichkeit einer Atombombe zu schreiben.
Nach den apokalyptischen Schrecken von Hiroshima und Nagasaki gesteht er seinen Freunden: "Wenn ich gewußt hätte, daß es den Deutschen nicht gelingen würde, die Atombombe zu bauen, hätte ich mich von allem ferngehalten." Vergeblich versucht er, die Bilder der Atom-Toten durch Vorschläge zur Bildung einer Weltregierung zu bannen. Jetzt will er "Sprachorgan für das Gewissen der Menschheit sein".
Er gerät aber nur hilflos in das Getriebe der Politik, aus dem ihn seine Frau vor ihrem Tode (1936) immer herauszuhalten versucht hat: "Aber Älbertle, was tuescht Du da scho wieder für ei Unsinn schwätze!" Die gleiche plastische Naivität, mit der er sich in Berlin erfolgreich gegen das Eindringen bürgerlicher Konventionen in seine Sphäre gewehrt hat, hindert ihn daran, die politischen Realitäten in der Welt der Atompolitik zu erfassen. Er ruft zum Boykott der McCarthy-Ausschüsse auf, er beklagt sich weiter darüber, daß "Potsdam sich nach Washington verlagert" habe.
Nur wenige Freunde bemerken, daß der scheinbar heitere Greis, der sich zum Vergnügen der Zeitungsleser wie ein George Bernard Shaw kleine Bosheiten und Schnurrpfeifereien leistet und wie eine Simplizissimus-Karikatur durch Princeton schreitet, eine Maske trägt. Immer tiefer flüchtet er sich in seine Arbeit, immer weiter entfernt er sich von den jungen Physikern und Freunden, die ihm respektvoll sagen, daß er sich in eine Sackgasse verrannt hat. Sinnend füllt der "Hohepriester der Wissenschaft" Tag um Tag die Wandtafel in seinem Arbeitszimmer mit Zeichen, die nur ihm verständlich sind. Und endlich, nach jahrzehntelanger Denkarbeit, stehen eines Tages im Jahre 1950 drei kurze Formeln an der Tafel: die zweite Version der "Einheitlichen Feldtheorie".
Einer seiner Biographen, Lincoln Barnett, hat die ungeheure Tragweite dieser Theorie, nicht eben verständlich, beschrieben: "Sie formuliert universale Gesetze ... Die komplexe Totalität des Universums würde sich in eine einzige homogene Bewegung auflösen, in welcher Stoff und Universum nicht mehr voneinander trennbar sein würden."

Das letzte Bindeglied

Aber noch ein letztes Mal ist er genarrt worden: Noch immer sind die Formeln nicht vollkommen. Drei weitere Jahre braucht er, bis er das letzte Bindeglied findet und die vierte Formel auf seine Tafel schreiben kann. Gravitation und Elektrodynamik, alle Erfahrungen in der Physik, der Chemie und der Technik fügen sich harmonisch in ein größeres Ganzes. Nur für das "enfant terrible der Physik", das irrlichternde Atom, das in so vielen verschiedenen Erscheinungsformen auftritt, findet Einstein in seinem Universum keinen Platz. Aber er hofft - im Gegensatz zu den Physikern -, daß sich dieser Platz noch finden werde.
Eine zweite Hoffnung erfüllt sich unerwartet: Er verfügt nicht über das mathematische Rüstzeug, aus seinen Formeln Folgerungen zu kristallisieren, die durch Experimente oder Beobachtungen überprüft werden können. Er hofft, daß es einem anderen gelingen möge, aber er glaubt nicht daran. Doch es findet sich ein Mathematiker, der die Formeln versteht und löst: der in Amerika lebende tschechische Professor Vaclav Hlavaty. Einsteins Weltgesetz wird sich an der Wirklichkeit bewahrheiten können.
Die Frage nach der Schuld an dem Grauen von Hiroshima drängt sich bei ihm in den letzten fünf Jahren immer stärker in den Vordergrund, beherrscht sein Denken und Handeln immer mehr. "Ich halte mich nicht für den Vater der Befreiung der Atom-Energie. Meine Rolle hier war eine völlig indirekte", suggeriert er sich. Ein anderes Mal sagt er: "Ich habe eigentlich nur als Briefkasten gedient. Man hat mir einen fertigen Brief gebracht und ich habe ihn bloß unterschrieben."
Nur ein einziges Mal gibt er einem Menschen zu erkennen, daß er das "Drama Einstein" zu Ende gedacht hat. Als die alte Vertraute Antonina Vallentin ihn zum letzten Mal vor seinem Tode besucht, sieht sie sich einem seltsam veränderten Einstein gegenüber. "Das graue Licht, das durch das weite Fenster floß", berichtet sie, "vertiefte die Furchen seines Gesichts und fiel auf die schattendunklen Augenlider, die wie von seinem Feuerblick versengt schienen. Unter dem Einfluß dieses flammenden Blickes sagte ich schließlich: 'Sie haben aber doch auf den Knopf gedrückt.' Er löste den durchdringenden Blick von mir und ließ ihn wandern ... Und dann sagte Einstein langsam, Wort für Wort abtrennend, und als richte er sie nicht an mich, sondern an die Krone des alten Baumes, an der sein Blick hängen geblieben war: 'Ja, ich habe auf den Knopf gedrückt.'"
[Grafiktext]
LICHTSTRAHLEN KRÜMMEN SICH
Das Licht des Sterns wird
im Schwerefeld der
Sonne abgelenkt -
so daß der
Beobachter
auf der Erde
den Stern dort sieht

[GrafiktextEnde]
(1) Antonina Vallentin "Das Drama Albert Einsteins"; Günther Verlag Stuttgart; 288 Seiten; 13,80 Mark.
(2) Nach den Lorentz-Transformationen - von dem holländischen Physiker Lorentz (1853 - 1928) entwickelte Formeln, die Einstein übernahm - sind Körperschrumpfung und Zeitverlangsamung in einem bewegten System gerade so groß, daß für einen Beobachter innerhalb dieses Systems - der ja samt seinen Instrumenten mitschrumpft - die Lichtgeschwindigkeit stets gleichbleibt. Daraus folgt, daß ein sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegender Körper zum Nichts zusammenschrumpfen müßte, woraus sich wiederum ergibt, daß die Lichtgeschwindigkeit die größte im Kosmos mögliche Geschwindigkeit ist.
(3) Die Formel E=mc² bedeutet, daß die in jedem Körper enthaltene Energie (E) gleich seiner Masse (m) multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit (c) ist.
(4) Carl Seelig "Albert Einstein"; Europa Verlag, Zürich - Stuttgart - Wien; 304 Seiten; 17 Mark.

DER SPIEGEL 18/1955
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