04.05.1955

SCHLAGER / STAR-PRODUKTIONAusbruch aus dem Konzern

Sieben Jahre lang war die schauspielernde Schlagersängerin Doris Day ein Star der amerikanischen Filmfirma Warner Brothers. Dann war sie es leid: sie löste ihren Vertrag und begann unverzüglich mit den Dreharbeiten zu ihrem autobiographischen Film "Rhythm and Blues" für die unabhängige Film- und Schallplattenfirma Arwin Productions. Die gleichberechtigten Besitzer der Arwin Productions sind Marty Melcher und Ehefrau Doris Kappelhoff, besser bekannt unter dem Namen Doris Day.
Als die Doris Day-eigene Firma Arwin Productions vor einiger Zeit mit Schallplattenaufnahmen begann, schien für die Film-Industrie noch kein Anlaß zur Aufregung gegeben. Wieder hatte sich ein prominenter Schallplatten-Star von den großen Firmen unabhängig gemacht, um in Zukunft nur noch das singen zu müssen,
was ihm - dem Star - besonders liegt, und zugleich - das Angenehme mit dem Nützlichen verbindend - das lukrative Massengeschäft mit der musikalischen Gebrauchsware selbst zu machen.
Schon vor der Day hatten gelegentlich andere Schallplatten-Größen - wie etwa der Bandleader Woody Hermann - eigene Plattenfirmen gegründet und sich damit in die Zahl der mehreren hundert Kleinfirmen eingereiht, die samt und sonders kein allzu großes Geschäft machen, weil sie nicht über ein ganz Amerika erfassendes Auslieferungsnetz verfügen.
Das Motiv zur Gründung einer unabhängigen Plattenfirma war zunächst immer der Wunsch, Musik auf den Markt zu bringen, die von den großen Platten-Konzernen als angeblich unrentabel abgelehnt und nicht in die Kataloge aufgenommen wurde. Denn die Konzerne bringen moderne Musik und Jazz wenn überhaupt, dann nur aus Prestigegründen heraus.
Die kleinen Firmen der selbständig gewordenen Stars fanden jedoch zumeist nur gerade eben ihr Auskommen. Das führte zu einer grotesken Umkehrung der ursprünglichen Entwicklung: um besser ins Geschäft zu kommen, engagierten die kleinen Firmen - ursprünglich aus Idealismus gegründet, um gute Musik zu vertreiben - populäre Jazzmusiker und Schlagerstars. Daraus ergab - und ergibt - sich dann mitunter die Situation, daß ein Tanzorchester bei Plattenaufnahmen auf seine Solisten verzichten muß, weil diese bei einer anderen Firma unter Vertrag stehen.
Im Grunde saßen beide Teile in der Klemme: die selbständigen Stars, weil ihnen der Verteiler-Apparat der großen Firmen fehlte, die großen Firmen. weil ihnen die populären Stars fehlten. Man mußte sich mithin, wollte man die gegenwärtige Hochkonjunktur im Platten-Geschäft nutzen, zusammenraufen, wobei die Stars in der stärkeren Position waren: Sie konnten die einmal gewonnene Selbständigkeit teuer verkaufen. Von Idealismus und guter Musik war allerdings kaum noch die Rede.
Im Falle der Doris Day endete die Entwicklung damit, daß die Plattenfirma Columbia, bei der sie unter Vertrag stand, anbot, den Vertrieb der von Doris Day in eigener Regie hergestelltenPlatten zu übernehmen. Der Columbia blieb auch keine andere Wahl: die Konkurrenz wartete schon hungrig darauf, das Geschäft mit Doris Day an sich zu reißen.
Soweit es sich um Platten handelt, ist der Fall Doris Day nur ein Beispiel für eine schon länger zu beobachtende Entwicklung. Neu ist jedoch, daß es der Day jetzt gelungen ist, dieses im Plattengeschäft erprobte Verfahren auch im Filmgeschäft erfolgreich anzuwenden. Ihre bisherige Filmfirma Warner Brothers hat ihr nämlich für ihre Filme die gleiche Hilfestellung versprochen, die der Schallplattenkonzern Columbia ihren Schallplatten geben will. Der Film "Rhythm and Blues", den die Day in eigener Regie begonnen hat, wird vom Verleih der Warner Brothers in
aller Welt vertrieben. Zum erstenmal in der Geschichte Hollywoods ist es damit einem Star gelungen, sich wirklich unabhängig zu machen, ohne auf die geschäftliche Rückendeckung der Großstudios verzichten zu müssen.
Dieser Schritt Doris Days ist der letzte in einer Entwicklung, die mit dem ersten Tonfilm - Al Jolsons rührseligem "Jazzsänger" - begann: die Schnulze hat sich endgültig durchgesetzt. So wie ein Broadwaytheater von sogenannten "Musicals" (operettenhaften Stücken mit zahlreichen Schlager- und Tanzeinlagen nach Stoffen aller möglichen Autoren von Irving Berlin bis Tolstoi und Shakespeare) beherrscht werden, so wird die Hauptsendezeit der Rundfunkstationen von den festen Programmen der großen Schlagerstars eingenommen. Diese Sänger wie Bing Crosby oder singende Komiker à la Bob Hope unterhalten ganze Armeen von Textdichtern, Komponisten, Co-Stars, Musikern, Akrobaten und Chargen, mit denen sie täglich ihre Sendungen füllen.
Der technische Fortschritt der Schallplatte und der gleichzeitige Aufschwung des Fernsehens stärkte die Position der Singstars. War es bis dahin schon einigen dieser Stars gelungen, sich in Hollywood lukrativ einzunisten, so konnten jetzt die zahllosen Fans ihre Lieblinge stündlich auf dem Fernsehschirm anhimmeln. Wollte Hollywood diese Millionen als Kunden nicht verlieren, so mußte es mit Sängern und Orchestern vollgestopfte Streifen in die Kinos bringen.
Ein erster Musikfilm-Versuch, die "Glenn Miller Story", glückte zur allgemeinen Zufriedenheit. Drei weitere Biographien berühmter Kapellmeister und Sänger sind gerade fertig geworden, sieben weitere sind in Arbeit und über vier andere wird augenblicklich noch beraten. Nebenbei profitiert der Jazz von der Musikhausse: drei verschiedene Firmen haben gleichzeitig abendfüllende Jazzspielfilme angekündigt.
Bisher war es üblich, Filmschlager, die beim Publikum ankamen, später auf Platten herauszubringen. Jetzt ist Hollywood dazu übergegangen, Schlager, die schon ein "hit", ein Verkaufserfolg sind, als Titel und Hauptthemen für neue Filme zu verwenden.
Die Mehrzahl der eingesessenen Hollywood-Stars, deren seltene Liedeinlagen bisher meist von Sängern synchronisiert wurden, stürzt sich jetzt kopfüber in den Gesangsunterricht, um der augenblicklich stärksten Verkaufsattraktion, der Schnulze, ihren Tribut zu zollen. Gleichzeitig nehmen die Kehlkopfstars auf den Spuren Frank Sinatras ebenso fleißig Schauspielunterricht, um das Ende des Schnulzen-Booms, das allerdings noch nicht abzusehen ist, überleben zu können. Eine Reihe kleinerer Firmen dreht inzwischen für das Fernsehen Musikkurzfilme am laufenden Band. Tagesausstoß: 20 bis 30 Stück.
Ein Sprecher der Warner Brothers bemerkte dazu: "Wir wollen die amerikanische Musik in unseren Filmen forcieren, bemühen uns aber gleichzeitig, das dramatische Element in unseren Musikstreifen zu verstärken." Der erste Film, der nach diesem Prinzip gedreht wird, ist Doris Days Eigenproduktion "Rhythm and Blues". Ihre Majestät die Schnulze hat jetzt auch in Hollywood königlichen Einzug gehalten.

DER SPIEGEL 19/1955
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/1955
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHLAGER / STAR-PRODUKTION:
Ausbruch aus dem Konzern

  • Überflutungen in Venedig: Für Touristen eine Attraktion, für die Bewohner ein Problem
  • Wahlkampf in Großbritannien: "Corbyn ist der unbeliebteste Oppositionsführer"
  • Italien: Fast 1200 Kilo Kokain in Bananenkisten
  • Bolivien: Geflohener Präsident Morales gibt nicht auf