18.05.1955

KRIMINAL-HÖRSPIEL / RUNDFUNKProzeßakte Vampir

Die Hörer der zweiten Abendnachrichten des NWDR werden sich am Montag und Donnerstag vor Pfingsten sowie am Pfingst-Sonntag etwas gedulden müssen: Statt um 21.45 Uhr werden an diesen drei Tagen die Nachrichten erst eine Viertelstunde später ausgestrahlt.
Das ist kein gänzlich ungewöhnlicher Vorgang; wichtige politische Übertragungen und ungefüge Sendeblöcke wie Opern-Übertragungen können die Abendnachrichten schon einmal von ihrem angestammten Platz im Programm verdrängen. Das Erstaunliche an der Programm-Änderung in jenen drei Tagen aber ist die Tatsache, daß sie durch eine Kriminalspiel-Serie verursacht wird. Sie läuft bereits in dieser Woche an.
"Prozeßakte Vampir" ist der attraktive Titel dieser fünfteiligen Hörspielfolge mit starkem Kriminalstory-Einschlag. Sie ist
das Ergebnis sehr spezieller Überlegungen der Hamburger Hörspiel-Abteilung.
Hörspielchef Dr. Heinz Schwitzke glaubt fest daran, daß das Hörspiel auch im Zeitalter des Fernsehens eine Zukunft hat. NWDR-Hörerforscher Wolfgang Ernst unterbaut diesen Glauben mit soliden Zahlen. Nach seinen Test-Ergebnissen wird jedes Hörspiel im Bereich der NWDR-Mittelwelle von mindestens 15 bis 25 Prozent der Gesamthörerschaft konsumiert, das sind zweieinhalb bis vier Millionen Menschen.
Ernst hat aber auch herausgefunden, daß mindestens sieben von zehn Hörern die Abwechslung lieben. Sie wollen problemhaltigen Stoff zum Nachdenken und zwischendurch Unterhaltsames zur Aufheiterung. "Nur das Kriminalhörspiel hat eine besondere Gemeinde", sagt Hörerforscher Ernst. "Es sind etwa zehn Prozent der Gesamthörerschaft, und diese erwärmen sich für andere Hörspielgattungen kaum."
Hörspielchef Schwitzke hat sich mit diesem Sonderpublikum für Kriminalhörspiele abgefunden. Andererseits mußte er immer wieder daran denken, was er während der acht Abende langen Kriminal-Serie "Gestatten, mein Name ist Cox" erlebt hatte. Diese Halbstunden-Spiele wurden außerhalb der Hauptsendezeit um 22.15 Uhr ausgestrahlt. Und während an anderen Tagen die Meßgeräte zeigen, daß das Publikum des nordwestdeutschen Sendebereichs gegen 22 Uhr abschaltet und zu Bett geht, registrierten sie für die Cox-Abende beinahe eine Stunde allgemeinen Rundfunk-Konsum mehr.
Zu dieser verlängerten Hörbereitschaft gibt es bisher nur einen einzigen Parallelfall: als Mathias Wieman vor der 21.45-Uhr-Nachrichtensendung Hemingways "Der alte Mann und das Meer" vorzulesen begann und nach den Nachrichten weiterlas.
Es müßte also doch möglich sein, überlegte sich Schwitzke, einerseits Kriminalspiel-liebende Hörer auf einem Umweg auch für Themen des "großen" Hörspiel-Programms zu erwärmen und andererseits tiefergehende Probleme der Zeit in spannender Form darzubieten. Ein zufälliges Gespräch mit dem am Chiemsee schreibenden Autor Horst Mönnich ("Die Autostadt", "Das Land ohne Träume") ergab eine Möglichkeit, dieses Ziel wenigstens zeitweilig zu erreichen.
Mönnich skizzierte dem lauschenden Hörspiel-Manager eine Monumentalgeschichte aus jüngster deutscher und ausländischer Vergangenheit. Sie enthielt
▷ zwei Kriminalaffären,
▷ mehrere menschlich tragische Fälle,
▷ internationale Verwicklungen,
▷ eine originelle Abwandlung des Schuldproblems und aus allen diesen Gründen
▷ Spannung.
"Es ist eine tolle Geschichte", fand Mönnich selbst. "Aber ich weiß nicht, ob ich das jemals richtig hinkriegen werde." Schwitzke redete ihm diese Zweifel aus und behielt am Ende recht. Intendanten-Stellvertreter Hilpert zögerte nicht, für die fünf Hörspiel-"Kapitel" der Mönnichschen "Prozeßakte Vampir" die günstige 21-Uhr-Sendezeit zu genehmigen.
Im ersten Kapitel erfährt Privatdetektiv Gilbert Cross in New York, daß bei den Azoren ein französisches Postflugzeug abgestürzt ist. An Bord befand sich Cross-Freund Masur, ehemals Rechtsanwalt in Berlin, inzwischen argentinischer Bürger. Zwar steht Masurs Name auf der Liste der Geretteten, aber es bleibt zunächst unbekannt, ob der kostbare Schmuck, den
Masur bei sich hatte, geborgen werden konnte. Während Cross auf eine Nachricht darüber wartet, geht er in der Erinnerung die Geschichte dieses Schmuckes durch. An ihr wird zugleich Zeitgeschichte deutlich.
Von Anfang bis Ende der Hörspiel-Serie geht es um diesen Schmuck. Er ist dem Masur weniger wegen seines enormen materiellen Wertes teuer, Masur hängt viel mehr aus immateriellen Gründen an den Kostbarkeiten. Er identifiziert Diademe, Ringe und einen Mistelzweig aus Gold und Perlen mit dem Andenken an seine verstorbene Frau Eliza, eine geborene Aaronheim.
Masur emigrierte mit ihr zur Nazizeit nach Paris. "Sie hatte nur noch den Schmuck", sagt Masur. "Alles, was ihr Leben war, alles, was sie davon Stück um Stück hatte aufgeben müssen, was verloren war und nicht wiederkehrte - alles fand sie in diesem Schmuck gesammelt, ungebrochen, unangetastet."
In Frankreich wanderte der Schmuck in ein Depotfach der (von Mönnich erfundenen) "Banque de Paris". 1940 flohen die Masurs vor den heranrückenden deutschen Truppen. Als Eliza dabei tödlich verwundet wurde, nahm sie sterbend ihrem Mann das Versprechen ab, unter allen Umständen den Schmuck wieder an sich zu bringen.
Damit übertrug sich die magische Bedeutung der Kostbarkeiten von Eliza auf Masur. Er setzte fortan den Besitz des Schmucks mit dem Besitz seines Lebens gleich. Zunächst aber mußte er bei der Flucht nach Argentinien die Kassette im Schutz der Bank zurücklassen.
Masur war schon vor dem Kriege argentinischer Bürger geworden. Deshalb schützte Argentinien Masurs Pariser Eigentum auch während der Besetzung durch die Deutschen. Allerdings konnte der amtierende Konsul nicht verhindern, daß Masurs Pariser Haus, wie alles Emigrantenvermögen, zunächst beschlagnahmt und sein Safe gesperrt wurde.
Der Zweitschlüssel dieses Safes lag bei den deutschen Akten. Haus wie Schmuck wurden jedoch nicht angerührt, auch wurde die Banque de Paris niemals von den Deutschen besetzt.
"Diese Dinge klingen teilweise wie ausgedacht", sagt Mönnich. "Ich habe aber bei jeder Einzelheit nachgeprüft, wie das damals gehandhabt wurde." Auch die überraschenden juristischen Einzelheiten, die später in der Geschichte vorkommen, stehen haargenau im Einklang mit den damals bestehenden Gesetzen und Entscheidungen. Mönnich: "Jede Einzelheit wäre so möglich gewesen, wie sie dargestellt ist."
Als Masur 1945 nach Paris zurückkehrt und seinen nichterbrochenen Safe öffnet, ist der Schmuck verschwunden. An Stelle der Kassette birgt das Fach nur eine Quittung des Deutschen Reiches, Oberfinanzpräsidium Berlin, Devisenüberwachung. Masur bricht zusammen. Bei dieser Gelegenheit lernt Detektiv Cross ihn kennen und bietet ihm seine Dienste für Nachforschungen an.
Von hier an spult Mönnich die Geschichte Strang für Strang so ab, wie sie
sich den Nachforschern Masur und Cross dargeboten hat. In jedem Kapitel ergreift ein anderer Erzähler das Wort, was die Gefahr birgt, den Hörer zu verwirren.
Schon Kapitel zwei der Geschichte ("Sie kamen bis Metz") erforderte besondere Sorgfalt des Regisseurs. Cross gibt darin den Stafettenstab des Erzählers an Harry Stoneway weiter, einen Berater bei der Anklagebehörde in Nürnberg. Stoneway soll dem Cross die deutschen Beamten der Pariser Devisenstelle ausfindig machen. Quer durch die Westzonen rast Stoneways Verhaftungswelle. Am Ende stellt sich ein Mann namens Sommer, der die Quittung in Masurs Banksafe unterschrieben hatte. Er erzählt eine phantastische Geschichte, die Geschichte der Berliner Firma Finow.
Sie verdankt ihrem sensationell wirksamen Haarfärbemittel "Vampir" ihren Aufstieg, ihrem französischen Handelspartner jedoch ihren Ruin. Rechtsvertreter der Franzosen ist gemeinsam mit seinem am Ruin der Finows schuldigen, betrügerischen Partner eben jener Schmuck-Besitzer Masur. Dessen in Paris beschlagnahmtes Vermögen, darunter der ominöse Schmuck, konnte dem Gesetz nach verwendet werden, um die durch Masurs Partner um ihren Besitz gebrachte Frau Finow zu entschädigen. Die "Prozeßakte Vampir" wird während der Hitler- und Kriegsjahre schließlich zu einem Zeitdokument.
Am Ende gerät Frau Finows Anspruch auf den Schmuck ins große Getriebe der
Weltgeschichte Anno 1944/45. In Frau Finow und Masur kämpfen schließlich zwei von der Zeitgeschichte Vernichtete um das, was sie ihr Recht nennen.
"Darum ging es mir bei der ganzen Affäre", erklärt Mönnich. "Auf der einen Seite wollte ich an diesem komplizierten Fall die Zeit zwischen 1930 und 1950 ausleuchten und mit der Zeit ihre Opfer. Der Schmuck ist ein Sinnbild. Alle, die ihn haben wollen, sind juristisch und moralisch im Recht. Und gerade dieses Recht wird ihre Tragödie. Sie verhärten sich im Kampf so sehr, daß sie nur knapp an schweren moralischen Verbrechen vorbeikommen."
Der während der deutschen Besetzung von Paris nach Masurs Meinung verlorengegangene Schmuck taucht schließlich bei jenem Gerichtsvollzieher auf, in dessen Obhut Frau Finow einst die dem Argentinien-Emigranten Masur abgenommenen Preziosen gelassen hatte, ehe sie wieder verschwanden. Es erweist sich, daß der bis dahin brave preußische Beamte Glienicke - "Üb' immer Treu und Redlichkeit" ist dieses Kapitel überschrieben - im Untergang von Berlin der Versuchung nicht hatte widerstehen können. Er hatte den Schmuck zunächst in einem Banktresor deponiert, der später von den Russen geplündert wurde. Als die Bank ihm einige Zeit nach der Plünderung eine Quittung für das geleerte Tresorfach anbot, nahm er sie, obwohl er den Schmuck schon vor der Plünderung wieder an sich gebracht hatte.
Aber Glienicke gibt den Schmuck nicht gleich her. "Ich bin noch immer Beamter", eröffnet der Defraudant den Schmuckjägern Cross und Masur. "Der Schmuck gehört dem Staat. Sie werden ihn über die Gerichte erhalten, Herr Masur. Niemals aus meiner Hand. Auch wenn ich ihn veruntreuen wollte. Rufen Sie die deutsche Polizei."
Dieser Akkord von Treu und Redlichkeit ist ein würdiger Schlußstein der Affäre. Detektiv Cross erzählt: "Im Namen des Volkes wurde der Gerichtsvollzieher Glienicke wegen Unterschlagung und Untreue im Amt zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. Die Strafe war milde, weil erst durch sein schuldhaftes Verhalten das Recht eines anderen wiederhergestellt werden konnte.
"Mit dieser Feststellung war Masur gemeint. Hätte Glienicke nicht rechtzeitig den Schmuck aus dem Banktresor geholt, wären Masurs Juwelen wie alles, was dort lagerte, der Roten Armee in die Hände gefallen. Das hielt man Glienicke zugute. Schließlich gab das Gericht den Schmuck Elizas an Masur zurück."
Aber nach seinem Zeitpanorama von Schuld, Leid und Verwirrung genügte Mönnich dieser juristisch trockene Schluß noch nicht. Als letzten Effekt erfand er Masurs Flugzeugunglück. Der Hörer erfährt am Ende, daß Masur zwar gerettet, der Schmuck aber mit dem Postflugzeug auf den Meeresgrund gesunken ist: der Fetisch einer untergegangenen Lebensform erweist sich noch in der Vernichtung als Symbol.

DER SPIEGEL 21/1955
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