27.07.1955

LOCKSTEDTER LAGER / GEMEINDENAuch Lola fand Zuspruch

Das holsteinische Dienstmädchen Ingeborg Müntz, 23, mußte kürzlich die Erfahrung machen, daß des Menschen Glück zuweilen vom Namen seines Heimatortes abhängen kann. Ingeborg Müntz hatte sich auf ein Zeitungsinserat hin bei einer Münchner Familie als Hausangestellte beworben und selbstverständlich nicht vergessen, ihren Wohnort anzugeben, der seit Jahrzehnten "Lockstedter Lager" heißt.
Aber nicht an Fräulein Ingeborg Müntz in Lockstedter Lager, sondern an den "Lagerleiter der Flüchtlingslagers Lockstedter Lager in Holstein" schrieb daraufhin die Hausfrau aus der Bayern-Metropole, um sich nach dem Leumund der "Insassin Müntz" zu erkundigen.
Die Bundespost, die den angeschriebenen Lagerleiter nicht auftreiben konnte, zeigte sich jedoch der Situation gewachsen und stellte den Brief dem Bürgermeister Hannes Niemann zu, der sich verärgert hinsetzte und die Herrschaften in München schriftlich belehrte: Lockstedter Lager sei
kein Flüchtlingslager, sondern eine richtige, normale Landgemeinde und Ingeborg Müntz die Tochter einer ehrbaren eingesessenen Familie.
Etwas besser als der Ingeborg Müntz, die das bajuwarische Mißtrauen auch mit bürgermeisterlicher Amtshilfe nicht ausräumen konnte und sich schließlich mit einer Stellung in Hamburg bescheiden mußte, erging es dem nahezu zwei Meter großen Arthur Boskamp, 35, der - umgekehrt - für seine in ehemaligen Kasernen untergebrachte chemisch - pharmazeutische Fabrik einen tüchtigen Apotheker von München nach Lockstedter Lager engagieren wollte.
Als der Apotheker antwortete, er wolle "vom Lagerleben eigentlich nichts mehr wissen", spendierte Boskamp ihm kurz entschlossen eine Rückfahrkarte und überzeugte ihn an Ort und Stelle, daß in Lockstedter Lager richtige Häuser stehen, in denen man nach anstrengender Pharmazeuten-Tätigkeit einen geruhsamen Feierabend verbringen kann.
Obgleich der Flüchtlings-Fabrikant Arthur Boskamp seinen Apotheker aus München bekam, hatte er dennoch jenen Antrag unterstützt, seinen Wohnort umzutaufen, der am 26. November 1954 von sechzehn Unternehmern aus Lockstedter Lager dem schleswig-holsteinischen Innenministerium eingereicht und von dort ohne Kommentar an den Gemeinderat von Lockstedter Lager weitergegeben worden war.
Der Zweimeter-Fabrikant hatte nämlich feststellen müssen, daß seine Geschäftsfreunde mit dem Ortsnamen, wenn auch keine Lager-Vorstellungen, so doch nicht weniger schädliche Assoziationen verknüpften. Bei der Frankfurter "Achema"-Messe widerfuhr es in diesem Jahr dem Boskamp beispielsweise, daß ihn der grauhaarige Vertreter der Firma "Casella" anpolterte: "Gehen Sie mir bloß weg mit Lockstedter Lager, da bin ich genug geschliffen worden!"
Schon seit langem trägt Fabrikant Boskamp und tragen die anderen Mittel- und Kleinindustriellen von Lockstedter Lager schwer daran, daß sie und ihre Fabrikate mit dieser ausgeprägt militärischen Vergangenheit ihres Wohnortes in Verbindung gebracht werden. In der Tat standen schon die Entstehung des Ortes und seines Namens unter kriegerischen Auspizien. Es war im Jahre 1870, als die französischen Kriegsgefangenen der verbündeten deutschen Armeen in Güterzügen aus Frankreich herangerollt und größtenteils in Schleswig-Holstein, nämlich in dem eigens für diesen Zweck hergerichteten Lockstedter Lager, untergebracht wurden.
Zwei Jahre später bezogen dann preußische Rekruten die von den Franzosen verlassenen Behausungen. Lockstedter Lager wurde zum Truppenübungsplatz, auf dem fortan mancher Soldaten-Jahrgang Schweiß lassen mußte, und auf dem sogar ein Kaiser-Manöver in Szene gesetzt wurde.
Gemeinsam mit preußischen Infanteristen exerzierten von 1915 an auch finnische Freiwillige durchs Manövergelände. Sie kämpften als preußisches Jägerbataillon Nummer 27 gegen den russischen Zaren und bildeten 1918 im finnischen Freiheitskampf die Kerntruppe der aus dem Boden gestampften finnischen Armee.
Gerade diese finnischen Krieger aber werden, weil sie noch heute dem Ort ihrer ersten militärischen Geh- und Stehversuche eine beispielhafte Anhänglichkeit entgegenbringen, den weniger traditionsbewußten Neubürgern von der Art Arthur Boskamps gern als Vorbilder hingestellt. Zuletzt kam am 22. Mai dieses Jahres aus Suomi eine Abordnung höherer Offiziere, die 1915 im Lockstedter Lager ausgebildet worden waren, um das im Jahre 1939 errichtete finnische Ehrenmal an einer neuen Stätte im Birkenhain neu zu weihen. Auf dem Gedenkstein steht, in finnischen Granit eingemeißelt, der dem westdeutschen Bundesbürger des Jahres 1955 nicht mehr so leicht zugängliche Satz: "Das mächtige Deutschland nahm Finnlands junge Männer auf und erzog sie in seinem ruhmreichen Heer zu Soldaten."
Die Unternehmer behaupten nun allerdings, daß die mit ihrem Wohnort verbundenen heroischen Emotionen für den Geschäftsgang bedeutungslos seien, während das ausländische Ressentiment gegen alles, was "Lager" heißt, erheblich zu Buch schlage, und zwar negativ. So begründeten Arthur Boskamp und seine Mitstreiter ihren Antrag damit, daß "zahlreiche Angehörige insbesondere westeuropäischer Nationen während des Krieges in deutschen Konzentrationslagern untergebracht waren". Diese Menschen hätten aber gegen den Ausdruck Lager "ein lebenslängliches Vorurteil".
Um die Gefühle seiner ausländischen Kundschaft tunlichst zu respektieren, zog Fabrikant Boskamp denn auch seine alten Auslandsprospekte mit der verhängnisvollen Ortsbezeichnung ein, ließ neue Werbeschriften drucken, auf denen einfach "Holstein" steht, und wunderte sich danach, daß Briefe mit Auslandsaufträgen ihn nun erst recht nicht mehr erreichten.
Bei dem steifen Widerstand der Alteinwohner - Bürgermeister Niemann, 54: "De Industrie hett Pech, ik bün hier bor'n" - hätte sich in Lockstedter Lager vermutlich nichts geändert, wenn nicht SPD und BHE bei den Gemeinderatswahlen am 15. April 1955 zusammen neun Sitze erobert und durch ihren Zusammenschluß den am alten Namen hängenden bürgerlichen Wahlblock überflügelt hätten.
Zum erstenmal seit neun Jahren hatten die Reformgeister unter ihrem riesenhaften Wortführer, dem BHE-Kommunalpolitiker Arthur Boskamp, das Übergewicht, als sich der Gemeinderat am 21. Juni in "Hülsings Hotel" zur entscheidenden Sitzung versammelte. Zum erstenmal auch füllten bei einer Gemeinderatssitzung die Zuschauer den Saal bis auf den letzten Platz. Sie wurden Zeugen einer erbitterten Redeschlacht.
Als Vertreter von 120 Bauern mit je 20 Hektar Land plädierten die Wahlblock-Männer leidenschaftlich für die Beibehaltung des alten Namens mit seiner stolzen militärischen Tradition. Die Bauern warfen vor allem ihre Kartoffeln in die Waagschale, die als "Kartoffeln aus Lockstedter Lager" von den Feinschmeckern in ganz Europa geschätzt würden.
Dann erhob Arthur Boskamp seine Stimme. Die sechzehn Industriellen, verkündete er, hätten insgesamt 1000 Einwohner in Lohn und Brot gesetzt, und sie
könnten nicht länger dulden, daß der Name ihres Wohnortes ihnen die einträglichsten Geschäftsbeziehungen vermiese. Schließlich hätten auch die beiden anderen ehemaligen Truppenübungsplätze Munsterlager und Sennelager sich in "Munster" und "Senne" umbenannt, und überhaupt sei der Name Lockstedter Lager "nicht ästhetisch".
Fabrikant Boskamp und sein Fähnlein feierten einen glorreichen Sieg. Mit neun gegen vier Stimmen bei drei Enthaltungen beschloß der Gemeinderat, den Namen zu ändern. Boskamp: "Die drei Schweigsamen waren Einzelhändler, die wollten es mit niemandem verderben."
Zunächst muß der Namenskrieg nun allerdings auf höherer Ebene noch einmal wiederholt werden, nämlich im Schleswig-Holsteinischen Landtag in Kiel, in dem der BHE mit der CDU und der FDP in der Regierungskoalition sitzt, während die SPD opponiert. Selbst wenn sich auch hier BHE und SPD zu einer gemeinsamen Front zusammenschlössen, wäre der Ausgang noch zweifelhaft, zumal das Land Schleswig-Holstein in Namensänderungsfragen bisher recht zurückhaltend war.
Unterdes haben die politisch aufgeweckten Gemeinderäte von Lockstedter Lager, die nach Bonner Muster den Fraktionszwang und interfraktionelle Ausschüsse in Ehren halten, bereits die Bildung eines Tauf-Ausschusses vorgesehen, der in absehbarer Zeit seine Vorschläge unterbreiten soll. Die einfachste Lösung, eine Umtaufe in "Lockstedt", scheidet deshalb aus, weil nur fünf Kilometer entfernt ein ererheblich kleinerer Ort dieses Namens liegt und die Bundespost vor unlösbare Probleme gestellt werden würde.
Wie sehr die Namensfrage die Massen bewegt, zeigte sich an der lebhaften Beteiligung der Arbeitnehmer an einer Umfrage, die bereits vor der Abstimmung des Gemeinderats von den sechzehn Industriellen veranstaltet worden war. Dabei sprach sich die Mehrheit für "Groß-Lockstedt" aus, aber auch Namen wie "Lockstedter Heide" und "Lohmühle" und die alte Kommißabkürzung "Lola" fanden starken Zuspruch.
Inzwischen kursieren in Lockstedter Lager immer neue Geschichten von Mitbürgern, die ebenso wie Ingeborg Müntz ohne Verschulden vom Unheil ereilt worden sind.
So berichtete der Elektro-Ingenieur Kurt Lange, 48, nach seiner Heimkehr von einem dreimonatigen Aufenthalt in Südamerika von einem Mißgeschick besonderer Art. Während Einreisende in Südamerika normalerweise nur eine Spritze gegen Typhus erhalten, war Lange, da man ihn für einen Lagerinsassen hielt, gleich gegen drei verschiedene Krankheiten geimpft worden.

DER SPIEGEL 31/1955
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/1955
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LOCKSTEDTER LAGER / GEMEINDEN:
Auch Lola fand Zuspruch

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur" Video 02:41
    Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht