27.07.1955

SCHIFFBAU-STUDIUM / HOCHSCHULEHeilige Frau Latte

Auf dem Wannsee, dem überfüllten Ostsee-Ersatz der Westberliner, veranstalteten die Schiffbau-Studenten der Technischen Universität Berlin eine akademische Kulthandlung maritimer Art. Mit einem der Äquatortaufe ähnlichen Zeremoniell wurden einige junge Schiffbau-Aspiranten zu vollgültigen Knappen einer Gemeinschaft geschlagen, die den Namen "Orden der Heiligen Frau Latte" trägt. Auch die Professoren der Fakultät für Maschinenwesen, Abteilung Schiffstechnik, nahmen beifällig und wohlwollend schmunzelnd an dieser sogenannten "Lattenspritze" teil.
Nicht erschienen war der Ordinarius und Inhaber des "Lehrstuhls für das Entwerfen
von Schiffen", Dipl.-Ing. Ernst Klindwort, 55. Das Berliner Hochschulamt hatte nämlich den Vertrag des Professors gekündigt - mit einem Telegramm, das die Behörde am letzten Tag der vertraglich vereinbarten Frist vier Minuten vor Dienstschluß aufgab. Das Angestelltenverhältnis sei, erklärte der Senat, aus "betrieblichen Gründen" gelöst worden.
Der gekündigte Professor hatte einst als leitender Konstrukteur der Hamburger Großwerft Blohm & Voß den Ozeanriesen "Europa", der später das "Blaue Band" gewann, mit entworfen. Als 1945 die deutsche Schiffbauindustrie stillgelegt wurde und die Engländer auch über Klindwort ein zweijähriges Berufsverbot verhängten, musterte der Ingenieur als Schiffbaureferent beim Hamburger Senator für Wirtschaft und Verkehr an. 1951 berief ihn dann die Fakultät für Maschinenwesen der Technischen Universität Berlin-Charlottenburg zum Nachfolger des international bekannten Schiffbau-Professors Horn. Da sich ihm hier eine Chance zu bieten schien, die Blohm-&-Voß-Tradition an junge Studenten weiterzugeben, nahm Klindwort die Berufung an.
In diesem Sinne begann er jede seiner Vorlesungen frei nach Cato*) mit den Worten: "Im übrigen bin ich der Meinung, daß wir unsere Schwimmdocks bald zurückbekommen müssen." Gemeint waren damit die Docks von Blohm & Voß, die im Jahre 1945 als Reparationen abgeschleppt worden waren.
Klindwort lehrte eine Art Weltanschauung vom Schiff als einem einheitlichen Organismus. Den Studenten gefiel das wenig. Sie wollten präzise Formeln hören, nach denen sich auch im engen Rahmen der Besatzungsgesetze etwas Brauchbares konstruieren
ließ. Aus dieser Differenz zwischen Angebot und Nachfrage ergab sich bald studentische Unzufriedenheit. Die Studenten waren offenbar der Ansicht, daß der Aufbau der Vorlesungen nicht allein Sache des Dozenten sei, sondern daß sich vielmehr der Dozent ihren Wünschen anzupassen habe.
Nun steht es seit eh und je den Studenten frei, welche Vorlesungen sie besuchen wollen und welche nicht. Jeder Professor kann also an der Zahl seiner Hörer ablesen, ob seine Vorlesungen beliebt sind oder nicht. Diese liberale akademische Methode genügte den straff organisierten Schiffbauern indes nicht.
Die Fachschaft Schiffbau berief darum eine Vollversammlung ein, um zu beraten, was gegen Klindwort und seine den Studenten unbequemen Theorien zu tun sei. Zeitnah beschloß die Fachschaft, gegen ihren philosophierenden Professor zunächst einmal das Mittel des Streiks anzuwenden und seine Vorlesungen zu boykottieren. Obendrein richtete die Fakultät schließlich auf Drängen der Studenten eine Parallel-Vorlesung des außerordentlichen Professors Dr. Ing. Strohbusch ein.
Professor Klindwort ist überzeugt, daß dieser Dolchstoß ein Werk jenes "Ordens der Heiligen Frau Latte" ist, dem seit vielen Jahrzehnten die meisten Schiffbau-Studenten angehören und der auch an der Technischen Universität Berlin auf den Kurs der Fachschaft Schiffbau beträchtlichen Einfluß hat*).
Der Boykott der Klindwort-Vorlesungen wurde - gewiß nicht zufällig - von Angehörigen des Latte-Ordens überwacht. Boykottbrecher wurden von ihnen beiseite genommen und schließlich mit Erfolg davon überzeugt, daß es unkameradschaftlich, aber auch unklug wäre, einen von der Studentenschaft befehdeten Professor zu unterstützen. Nur ein Student vermochte auf die Dauer diesen Argumenten und schließlich auch etwas massiveren Andeutungen - wie sie bei Streikposten üblich sind - zu widerstehen und hielt dem Professor die Treue.
Boykott und Überwachung hatten ihre tieferen Gründe. Klindwort, obwohl wie sein Vorgänger Horn selbst alter Latten-Bruder, führt den Kampf dieser akademischen Zunft gegen ihn auf eine Kontroverse zurück, die er vor geraumer Zeit mit dem Ordensmeister hatte. Jener Ordensmeister, bereits Student höheren Semesters, hatte sich geweigert, Klindwort darüber Auskunft zu geben, welche Unterlagen er für eine Prüfungsarbeit aus dem "Kupfer-Archiv"**) der Latte benutzt hatte.
Dieses "Kupfer-Archiv" macht den "Orden der Heiligen Frau Latte" zu einer Art studentischer Selbsthilfe-Organisation. Das Kupfer-Archiv macht es auch verständlich, warum "Frau Latte" so bedeutenden Einfluß auf die Schiffbau-Studenten ausübt. Während des fünfjährigen, sehr harten Schiffbaustudiums haben nämlich diejenigen Studiker eine bedeutend größere Chance, ihren Dipl.-Ing. nach Hause zu tragen, die sich auf die Prüfungserfahrung der ihnen voraufgegangenen Semester stützen können.
Diese Prüfungserfahrung aber liegt in Form von Konstruktionspausen und einer wohlassortierten Prüfungsfragen-Kartei als Erbe der Examinierten an ihre Nachfolger in einem Aktenschrank der Latte im Arbeitssaal EB 232 der TU-Berlin. Zum "Kupfer-Archiv" gehören auch als Ergänzung zahlreiche teure Rechenmaschinen und Konstruktions-Hilfsgeräte in den drei Arbeitssälen der Schiffbaustudenten. Wer der Latte nicht angehört, darf diese Geräte nicht benutzen.
Die seltsame Fachgemeinschaft, die seit fast 80 Jahren nach ungeschriebenen Gesetzen zusammenhält, war als einzige studentische Organisation zu Hitlers Zeiten weder verboten noch gleichgeschaltet. Böse Zungen behaupten heute, dies sei darauf zurückzuführen gewesen, daß sich der Orden 1938 in einer Festschrift rühmte, überall dort, wo die Latte bestand, sei es auch schon vor 1933 für Juden fast unmöglich gewesen, Schiffbau und Schiffsmaschinenbau zu studieren. Auch heute noch wird das Ordenslied der Danziger Lattenbrüder kolportiert, zu singen nach der Melodie "Der Gott, der Eisen wachsen ließ":
Ein neuer Orden, kampfbereit,
Trotzt an der Weichsel wieder.
Da klingt der Stahl, da dröhnt der Eid
Der deutschen Lattenbrüder.
Die Fülle der Einflußmöglichkeiten der "Heiligen Frau Latte" war es jedoch nicht allein, die das Ende der Lehrtätigkeit des Schiffbauers Klindwort in Berlin besiegelte. In der acht Seiten langen Begründung, warum Klindwort nicht in das Beamtenverhältnis übernommen werde,
erwähnt der Volksbildungssenator auch einen Verstoß gegen die Einrichtungsordnung für Dozenten-Zimmer: Klindwort hatte für seinen Arbeitsraum ein amtliches Ruhesofa angefordert. Verübelt wird ihm zudem ein Zwischenfall, den er bei einem Vortrag des Bundesverkehrsministers Hans-Christoph Seebohm provozierte.
Als Seebohm vor der Technischen Universität über Verkehrsfragen sprach, behauptete er, die Ozeanriesen "Europa" und "Bremen" - nach dem ersten Weltkrieg der Stolz der deutschen Überseeschiffahrt - seien von Anfang an unrentable Propagandabauten gewesen. Das hatte den "Europa"-Miterbauer Klindwort zu einem vernehmlichen Zwischenruf veranlaßt, in dem er dem Bundesverkehrsminister "Unkenntnis" vorwarf. Dadurch hätten, schrieb Volksbildungssenator Tiburtius später in seiner Ablehnungsbegründung, "die anwesenden Mitglieder der Fakultät und zahlreiche Studierende einen sehr ungünstigen Eindruck" erhalten.
Gegen die Weigerung des Senats, ihn in das Beamtenverhältnis zu übernehmen,
und gegen die Kündigung seines bisherigen Angestellten-Verhältnisses kämpft Klindwort nun mit einer "Erläuterung zum Brief des Senators" publizistisch und mit zwei Klagen vor dem Verwaltungsgericht juristisch. Gegen den "Orden der Heiligen Frau Latte" kann der Schiffbauer nicht vorgehen, denn diese Organisation hat keine Statuten und ist in keinem Vereinsregister eingetragen.
Des Ärgers überdrüssig, ist Klindwort zunächst wieder nach Hamburg zu seiner Familie gefahren. In Berlin hinterließ er an der Wand seines Dozenten-Zimmers ein Plakat, auf dem drei große V stehen. Sie bedeuten nach Klindwort: Vereinigung der Verfolgten des Volksbildungssenators.
Inzwischen haben die Lattenbrüder Berlins beim Allgemeinen Studenten-Ausschuß (AStA) der Technischen Universität jetzt die Zulassung als eine "ordentliche Studentenorganisation" beantragt. Eine formale Satzung hat ihr Ordensmeister Udo Ude bereits entworfen. Es ist aber nicht wahrscheinlich, daß in diesen Statuten auch ein Streikrecht gegen unbequeme Professoren proklamiert wird.
*) Der römische Politiker Cato pflegte seine Reden vor dem Senat mit dem Satz zu beschließen: "Im übrigen bin ich der Ansicht, daß Karthago zerstört werden muß." Er tat dies fast zwanzig Jahre lang, bis im 3. Punischen Krieg (149 bis 146 vor Christi) Karthago wirklich "dem Erdboden gleichgemacht wurde".
*) Der "Orden der Heiligen Frau Latte" wurde 1878 in der Berliner Schiffbauer-Frühstückskneipe Kahlberg in der Königstraße gegründet. Sein Name leitet sich von der Strak-Latte her, die eines der wichtigsten Reißbrettinstrumente beim Entwerfen von Schiffen ist.
**) Der Name "Kupfer-Archiv" ist von "abkupfern" abgeleitet, einem inzwischen kaum noch gebräuchlichen Pennäler-Ausdruck für das Abschreiben bei schriftlichen Arbeiten.

DER SPIEGEL 31/1955
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