03.08.1955

TOUR DE FRANCEFahren mit Dynamit

Die mörderische, 52 Jahre alte "Tour de France" der besten europäischen Berufs-Radfahrer, die am letzten Sonnabend zu Ende ging, hätte um ein Haar schon am 18. Juli in der alten päpstlichen Residenzstadt Avignon geendet.
Selbst die abgebrühtesten motorisierten Tourbegleiter können sich nicht daran erinnern, daß jemals ein Abschnitt dieses drei Wochen dauernden Rennens grausamer war, als die Fahrt von Marseille nach Avignon über den 1912 Meter hohen Mont-Ventoux-Paß. Die sengende, vom nackten Gestein reflektierte Sonnenhitze machte die über zahllose Schlaglöcher hoppelnden sogenannten "Giganten der Landstraße" zu Bagnosträflingen des neuzeitlichen Sports.
Vor der Steigung hatte der Schweizer Ferdi Kübler, 36, Tour-de-France-Sieger des Jahres 1950 und Straßen-Weltmeister 1951, das gesamte Feld durch einen wilden Spurt abgehängt. Daraufhin hatte der französische Favorit Louison Bobet, 30, seinem Landsmann Geminiani, der sich als Teamkollege für den Sieg des stärksten Fahrers seiner Mannschaft aufopfern muß, die Weisung erteilt, er solle Kübler im Auge behalten.
Das gelang dem Radler Geminiani nur mit äußerster Anstrengung. Denn so wie Kübler den Mont Ventoux hinaufraste,
war seit dem Sieg des berühmten italienischen Bergfahrers Fausto Coppi im Jahre 1952 niemand mehr davongestürmt. Nur der schweizerische Mannschaftsbegleiter in seinem weißen Automobil folgte dem wildgewordenen Rennfahrer.
Zehn Kilometer vor dem höchsten Punkt des Passes begann Kübler komisch im Zickzack zu fahren. 500 Meter hinter ihm rollte bereits der von Motorrädern umschwärmte Franzosen - Liebling Louison Bobet heran.
Kübler kommt nicht vom Fleck: ein Fahrer nach dem anderen geht an ihm vorbei. Über die Abfahrt, die er sonst im 80 - Kilometer - Tempo hinunterschnurrte, tastete sich der 36jährige mit angezogenen Bremsen.
Kübler wird angespornt: "Fahr doch, fahr doch!" "Ich sehe nichts mehr!" keucht er zurück.
Der ausgehöhlte Gigant steigt vom Rad, legt sich in den Straßengraben, schüttet sich den Rest einer Mineralwasser-Flasche über den Kopf und flucht vor sich hin: "Schweine sind es, die das mit uns machen!" Dreimal klettert Kübler in den Wagen seines Mannschaftsbegleiters. Dreimal wirft der ihn wieder hinaus und setzt ihn auf sein Rad. Kurz vor Kontrollschluß endlich quält sich Kübler durch das Etappenziel und brabbelt mit geschwollenen Lippen ein um das andere Mal: "Nie mehr - nie mehr!"
Inzwischen hatte der "Tour"-Sieger von 1953 und 1954, Louison Bobet, das Tagesziel längst erreicht. Er hatte die Photographen unwillig zur Seite gestoßen und war lang hingeschlagen wie ein Clown, als er vom Rad steigen wollte.
Und draußen auf der Strecke lag zehn Kilometer vor der Paßhöhe der "Tour"-Zweite von 1953, Jean Malléjac, 27, im Straßengraben. Seine Augen waren geschlossen, aber mit einem Fuß, der immer noch an das Pedal geschnallt war, kurbelte er ruhelos weiter.
Der "Tour"-Arzt Dr. Dumas brachte schließlich mit einer Kampfer-Injektion
wieder etwas Leben in die erstarrten Züge des Bewußtlosen. Helfer wollten Malléjac auf eine Bahre legen. Plötzlich riß sich der Radfahrer los und schrie: "Laßt mich los, ich werde noch gewinnen!" Man mußte den Tobenden auf der Bahre festschnallen und nach Avignon ins Krankenhaus transportieren.
Während die Ärzte um Malléjacs Leben kämpften und als offizielle Erklärung des Kollapses verbreitet wurde, der Rennfahrer habe einen Hitzschlag erlitten, hatte sich Ferdi Kübler in seinem Hotelzimmer eingeschlossen. Klopfte jemand an die Tür, so brüllte Kübler scheinbar wirre Sätze zurück: "Ferdi wird bald explodieren, Ferdi ist mit Dynamit geladen!"
Nun ist aber "Dynamit" der Slang-Ausdruck für jene aufputschenden, gesundheitsschädlichen Drogen, die man gemeinhin als "Doping-Mittel" bezeichnet. So konnten denn auch die Organisatoren der "Tour" sich nicht länger taub stellen, als Rennarzt Dumas drohte, er werde Anzeige gegen Unbekannt erstatten: wegen Vergehens gegen das Rauschgift-Gesetz.
Zum erstenmal in der Geschichte der "Tour" überfielen die sportlichen Kommissäre die Rennfahrer und Masseure in ihren Zimmern. Sie fanden Arsenale verbotener Doping-Mittel: Injektionsspritzen, Tabletten, Flaschen und eine ganze Tasche voll energiespendender "Weckamine".
Zwar ersuchte die Rennleitung die internationale Jury der "Tour de France" unter dem Druck der Indizien, die eine große Anzahl von Fahrern und Helfern eindeutig belasteten, eine Untersuchung einzuleiten. Zwar wurde Rennarzt Dumas gebeten, seine medizinischen Untersuchungen fortzusetzen und seine Schlußfolgerungen bekanntzugeben. Zwar erklärte Frankreichs Radsport-Präsident, er werde gegen die Schuldigen Klage einreichen. Zwar trat außer Malléjac auch Ferdi Kübler in Avignon nicht zur Weiterfahrt an. Doch die "Tour de France" ging weiter.
Vor dem Start in Le Havre hatte Rennleiter Goddet die zukunftsfrohen Worte gesprochen: "Die ''Tour'' wird noch rollen, wenn das letzte Fahrrad ins Museum gewandert ist ... Nicht weil sie selbst radfahren, verfolgen Millionen unser Rennen, sondern aus Freude am Sport."
*) V. l. n. r.: Hassenforder, Deledda, Geminiani.

DER SPIEGEL 32/1955
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/1955
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TOUR DE FRANCE:
Fahren mit Dynamit