17.08.1955

UFADie verschwundenen Millionen

An einem Tag Ende Juli war das Konferenzzimmer der "Rheinisch-Westfälischen Bank" in Düsseldorf Schauplatz einer filmwirtschaftlichen Debatte, deren Thema in aufreizendem Kontrast zu der auf Gelderwerb gestimmten Atmosphäre eines renommierten Bankhauses stand. Der mit Ministerialbeamten von Bund und Ländern besetzte sogenannte Ufi-Abwicklungsausschuß, dem die Liquidation des einstmals reichseigenen Filmvermögens obliegt, hatte sich an dem neutralen Ort eingefunden, um eine wichtige Entscheidung zu fällen: Soll die seit Jahren verlustreiche staatliche Filmproduktion bei der Ufa-Berlin, einer Tochtergesellschaft der Ufi, gestoppt werden? Oder soll man dem Verlust-Unternehmen eine neuerliche Millionhilfe gewähren?
Seit zwei Jahren ist der Ufi-Abwicklungsausschuß damit beschäftigt, gemäß einem vom Bundestag beschlossenen Liquidationsgesetz den Verkauf des staatlichen Filmvermögens vorzubereiten und derweil die zahlreichen Tochterfirmen des alten Konzerns nutzbringend zu verwalten. In Berlin verfügt der Ufi-Konzern über die Tempelhofer Ufa-Ateliers und die Afifa-Kopierwerke. Filme werden bei der Berliner Ufa erst wieder seit 1953 produziert, wenn auch nicht von der Ufa selbst, sondern von der eigens zu diesem Zweck gegründeten Tochtergesellschaft Capitol-Film GmbH.
Die letzte Etappe der Reprivatisierung, die Verkaufsverhandlung, war noch immer nicht erreicht, als Anfang Juli der Bundestagsausschuß für Presse, Funk und Film im Kantinenraum des Kopierwerkes Afifa aufmarschierte. In hochnotpeinlichen Vernehmungen etlicher Filmindustrieller spürten
die Abgeordneten den seit Monaten kursierenden Gerüchten über Millionenverluste der Ufa-Berlin nach.
Die Bundestagsabgeordneten trieben die beiden Berliner Ufa-Direktoren Feldes und Wille durch Fangfragen systematisch in die Enge, bis die zwei Sachwalter eines großen Namens schließlich in wütenden Ausfällen gegen den anwesenden Ufi-Liquidator Dr. Elmendorff hochinteressante Geschäftsvorgänge offenbarten, die bisher halbwegs verborgen geblieben waren.
Über die Vorgeschichte dieser folgenschweren Ausschußsitzung schrieb der Ausschußvorsitzende, der CDU-Abgeordnete Paul Bausch, später an Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard: "Der Ausschuß hat es als außerordentlich befremdend empfunden, daß die von ihm geladenen verantwortlichen Vorstandsmitglieder der Ufa kurz vor der Sitzung auf Veranlassung Ihres Ministeriums ... die Anweisung erhielten, der Einladung, die ich an sie hatte ergehen lassen, nicht Folge zu leisten." Erst nachdem er, Bausch, beim Bundeswirtschaftsministerium telephonisch interveniert habe, seien die Ufa-Vorstandsmitglieder vor den Abgeordneten erschienen. "Es mußte dadurch der bedauerliche Eindruck entstehen, als ob der Versuch gemacht werden sollte, zu verhindern, daß unerfreuliche Tatbestände zur Kenntnis des Ausschusses gebracht werden."
Sein Presse-, Funk- und Filmausschuß sei kein parlamentarisches Untersuchungsgremium, meinte Bausch in dem Brief an Erhard zutreffend. "Er hatte weder die Absicht, die von beiden Seiten (den Ufa-Direktoren und dem Liquidator Dr. Elmendorff) erhobenen schweren Beschuldigungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, noch waren die Mitglieder des Ausschusses über diese unerfreuliche Auseinandersetzung sehr erbaut." Im Namen der Abgeordneten legte Bausch "jedoch Wert auf die Klärung der Frage", ob die Vorgänge in der Berliner Ufa bei rechtzeitigem Eingreifen des zuständigen Wirtschaftsministeriums nicht hätten vermieden werden können.
Um welche Vorgänge es sich eigentlich handelte, deutete wenige Tage später der sozialdemokratische Ausschuß-Abgeordnete Kahn-Ackermann an. Unter der Überschrift "Die verschwundenen Millionen" fragte Kahn-Ackermann in der Korrespondenz "Film-Telegramm", warum die Regierung "sechs Jahre lang, nämlich von 1949 bis 1955, gewartet hat, um einen einigermaßen zutreffenden Rechenschaftsbericht darüber zu bekommen, was die Berliner Ufa mit den 20 Millionen D-Mark gemacht hat, die in diesen Jahren von der Muttergesellschaft (Ufi) in sie hineingepumpt worden sind. Und von denen acht Millionen, soviel steht fest, unwiderbringlich verwirtschaftet worden sind."
Für das der Erhardschen Marktwirtschaft verpflichtete Bundeswirtschaftsministerium, das den Vorsitzenden des Ufi-Abwicklungsausschusses in Gestalt des Ministerialdirektors Dr. Michel stellt, war es nicht ohne Pikanterie, daß der sozialdemokratische Abgeordnete Kahn-Ackermann, also ein Anhänger plan- und staatswirtschaftlicher Maximen, anzüglich fragte, "warum in den CCC-Ateliers des (Westberliner) Produzenten Artur Brauner so emsig gearbeitet wird, und warum die Ufa-Ateliers so häufig leerstehen..."
Die Ufa-Ateliers stehen nicht immer leer. Die meisten Filme werden im Sommer gedreht, damit sie rechtzeitig zu der im Herbst beginnenden Kinosaison fertig sind. Augenblicklich ist Atelier-Raum sehr knapp, die Produzenten müssen dort kurbeln, wo gerade eine Halle frei ist. Auch die Ufa-Ateliers sind seit Anfang Juli voll belegt. Aber in den Herbst- und Wintermonaten,
wenn die Hochkonjunktur abgeflaut ist, können die Produzenten Ateliers nach Belieben mieten. Nur wenige scheint es in die Hallen der Ufa zu ziehen. Warum das so ist, läßt sich den Andeutungen des CCC-Verwaltungsdirektors Dr. Herlitz entnehmen: "Der Apparat ist vielleicht etwas schwerfälliger. Diese Schwierigkeiten mit den vielen Gremien, die wirken sich auch auf die leitenden Herren aus."
In der vorletzten Sitzung des Ufi-Abwicklungsausschusses am 28. Juni im Haus Gehrhus, Berlin-Grunewald, berichtete der Berliner Industrielle Dr. Godefroid als Gutachter: Im Durchschnitt hätten die Ufa-Ateliers durch Unterbelegung schätzungsweise 100 000 bis 150 000 Mark monatlich eingebüßt. Am 20 Juni habe allein die kurzfristige Verschuldung des Berliner Komplexes 1,3 Millionen Mark betragen.
Daß es den Direktoren der Berliner Ufa in den vergangenen Jahren nie gelang, genug zahlungskräftige Filmproduzenten in ihre Ateliers zu bekommen, ist besonders verwunderlich, da die Ufi aus der Konzernkasse immer wieder Beträge zur Modernisierung der Anlagen nach Berlin überwies, die in ähnlicher Höhe keiner der meist gutverdienenden westdeutschen und Westberliner Atelierbesitzer hätte aufwenden können. Um ihrer Misere abzuhelfen, verfiel die Ufa schließlich auf die Idee, selbst Filme zu produzieren.
Im Sommer 1953 wurde dann die "Capitol" gegründet, die ihre Filme ausschließlich in den Ufa-Ateliers drehen sollte. Es entstanden die Liebeneiner-Filme "Das tanzende Herz" und "Die Stärkere", die verworrene "Hexe", der Vater-Tochter-Problemfilm "Ein Leben für Do" sowie die
harmlosen Lustspiele "Die kleine Stadt will schlafen gehen" und "Mädchen mit Zukunft". Ende Juli 1955 schrieb das "Berliner Wirtschaftsblatt": "... ist unangenehm aufgefallen, daß Versuche des Bundes, durch die Hintertür seiner eigenen Ufa-Ateliergesellschaft in die Filmproduktion einzusteigen, bisher zwar einige Filmleute
beschäftigt, aber zu keinem greifbaren kommerziellen Erfolg geführt haben, im Gegenteil. Die bundeseigenen Gesellschaften in Produktionen und Verleih*) arbeiten mit wesentlich größeren Verlusten, als es in der übrigen Filmwirtschaft ''üblich'' ist."
Einem Liquiditätsgutachten über die Capitol konnte der Ufi-Abwicklungsausschuß eindeutig entnehmen, daß die Ufaeigene Filmproduktion nur neue Löcher aufgerissen hat. Das Gutachten traute der Capitol nur unter ungewöhnlich günstigen Voraussetzungen zu, daß sie den Rest dieses Jahres ohne neue Finanzhilfe überstehen könnte.
Angesichts so fataler Mißerfolge einer staatlich kontrollierten Filmproduktion gab das Ufi-Ausschuß-Mitglied Dr. Freudling vom Bayrischen Finanzministerium erschrocken zu Protokoll, es sei kein Ende der Verluste abzusehen, wenn der Berliner Ufa-Komplex nicht bald reprivatisiert werde. Und Ausschuß-Mitglied Dr. Vaillant aus München fragte zynisch, "welche Konsequenzen sich für einen privatwirtschaftlich geleiteten Betrieb im gleichen Falle ergeben würden".
Trotzdem hielten sich die zwölf beamteten Abwickler für berechtigt, ihrem Unterausschuß für Finanzen die Frage aufzugeben, ob die Ufa sich mit dem neuerlichen Verlust von einer Million Mark abfinden sollte, der kaum zu vermeiden sei, wenn die Capitol-Produktion gestoppt werde und die Ufa-Ateliers mithin ab Herbst wieder leerstehen würden. Oder ob für drei neue Capitol-Filme noch einmal
3,5 Millionen Mark beschafft werden sollten.
Im Konferenzzimmer der Rheinisch-Westfälischen Bank entschloß sich der Abwicklungsausschuß Ende des vergangenen Monats, dem Vorschlag der Finanzexperten entsprechend, dem schlechten Geschäft gutes Geld nachzuwerfen. Unmittelbar vor der Reprivatisierung darf der Ufa-Komplex Berlin ein neues Obligo über 3,5 Millionen Mark eingehen, damit die Ufaeigene Capitol drei neue, teure Filme drehen kann. Der Ausschuß gab allerdings zugleich ein Urteil über die kaufmännischen Qualitäten der Berliner Ufa-Direktoren Feldes und Wille ab, indem er ihrem Widersacher, dem Ufi-Liquidator Dr. Elmendorff, uneingeschränkt das Vertrauen aussprach.
*) Gemeint sind die beiden Ufa-Tochtergesellschaften Capitol Film GmbH und Prisma-Filmverleih Gesellschaft mbH.

DER SPIEGEL 34/1955
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