05.10.1955

SÜDTIROL / VOLKSTUMKönig Laurins Rückkehr

Es war der 4. November 1918. Durch Bozen fluteten die Trümmer der österreichisch-ungarischen Armee. Wien hatte kapituliert. Die Front war zusammengebrochen. Als letzter geordneter Verband marschierte die Salzburger "Edelweiß-Division" die Straße zum Brenner hinauf. Noch heute erinnern sich die Alten unter der deutschen Bevölkerung Bozens, was ihnen die berühmten Salzburger "Rainer" damals zuriefen: "Haltet aus, Bozener!"
Seit Frühjahr dieses Jahres aber kommt aus dem ehemals fast rein deutschsprachigen Südtirol immer dringlicher der Ruf, das Deutschtum jenseits des bis zu 3000 Meter sich erhebenden Alpenkamms könne nicht viel länger mehr "aushalten".
Mitte Juli sagte der Tiroler Abgeordnete im italienischen Parlament, Dr. Karl Tinzl, daß seine Volksgruppe vom "Frieden des Todes" bedroht sei.
Auf Tinzls Klage hin machte sich der römische Korrespondent der schwedischen Tageszeitung "Dagens Nyheter", Dr. Agne Hamrin, nach Bozen auf. Was er dabei entdeckte, war dies: "In zwanzig Jahren dürfte die alteingesessene Bevölkerung (Südtirols) verdrängt sein."
Italiens Entnationalisierungs-Politik in Südtirol ist seit 1945 behutsamer geworden, keineswegs aber - wie Dr. Hamrin beobachtete - weniger entschlossen und weniger wirksam. "In Südtirol, der früheren österreichischen Provinz, die seit 1919 zu Italien gehört", schrieb Hamrin, "geht eine Umwandlung vor sich, die die deutschsprachige Minderheit des Landes und deren kulturelle Überlieferung langsam abzuwürgen droht."
Im benachbarten und stammverwandten Österreich beobachtet man die Entwicklung mit Kummer. Sie sei ihm eine "schmerzliche Erkenntnis", sagte Österreichs Außenminister Leopold Figl, und vor einigen Wochen meldete das offiziöse Organ des österreichischen Bundeskanzlers Raab, die "Neue Wiener Tageszeitung": "In politischen Kreisen Wiens rechnet man damit, daß im Oktober Verhandlungen zwischen Österreich und Italien zur Regelung des Südtiroler Problems beginnen."
Österreich hat ein Recht, solche Verhandlungen zu fordern. Am 5. September 1946 unterzeichneten in Paris der inzwischen verstorbene italienische Ministerpräsident Alcide De Gasperi und Österreichs Außenminister Karl Gruber ein - wie es damals in der Weltpresse hieß - "großes Dokument von wahrhaft europäischem Geist". Es war der österreichischitalienische Vertrag, der den vorwiegend deutschsprachigen Bewohnern der italienischen Provinz Bozen, also Südtirols, "die Ausübung einer autonomen regionalen Gesetzgebungs- und Vollzugsgewalt" zusicherte.
Was aus dem europäischen Geist des Vertrages und der darin zugesicherten Autonomie geworden ist, beschrieb am 11. Juli dieses Jahres der oberste Beamte der Südtiroler Selbstverwaltung, der Landeshauptmann Dr. Karl Erckert. Die Autonomie, sagte er vor dem Häuflein der 22 Abgeordneten des Bozener Provinz-Landtages, "ist toter Buchstabe geblieben".
Ob es zu den von der "Neuen Wiener Tageszeitung" angekündigten Verhandlungen zwischen Rom und Wien kommen wird, ist zur Stunde noch ungewiß. Inzwischen aber haben sich auch in der westdeutschen Bundesrepublik mahnende Stimmen gemeldet. Schrieb Mitte September - also wenige Wochen vor dem für Oktober angekündigten Besuch des italienischen Premiers Antonio Segni in Bonn - der Bundestagsabgeordnete Wenzel Jaksch im SPD-Pressedienst: "Die
Gleichfarbigkeit der Regierungen in Bonn und Rom sollte die deutsche Demokratie nicht daran hindern, auch in der Diskussion um Südtirol an der Seite des Rechts zu stehen." Jaksch bereitet inzwischen die Gründung einer parlamentarischen "Gruppe der Freunde Südtirols" vor.
Auf welche Art und Weise die deutsche Bundesrepublik dem Recht der Südtiroler dienen könnte, dafür gab in den letzten Wochen die österreichische Presse den Bonner Außenpolitikern einige diskrete Tips. Die "Salzburger Nachrichten" veröffentlichten das Wunschprogramm des italienischen Premiers Segni für seinen Besuch in Bonn, das der Zeitung "zufällig halboffiziell bekanntgeworden" war: Hilfe für die italienische Wirtschaft, deren Lage bei abnehmenden amerikanischen Dollarzuschüssen prekär zu werden drohe.
Es wäre, kommentiert die Zeitung diese italienische Wunschliste mit Seitenblick auf die Südtiroler Frage, "von Nutzen, wenn Italien weniger dem integralen Nationalismus und etwas mehr der guten Nachbarschaft diente".
Der "integrale Nationalismus" - der Versuch also, das deutschsprachige Volkstum zu italienisieren - ist in der Tat seit dem Ende des ersten Weltkrieges Leitstern der römischen Politik in Südtirol. Am Abend des 4. November 1918 marschierten in Bozen die Italiener ein. Seit jenem Abend steht die deutschsprachige Volksgruppe Südtirols in einem immer schwerer werdenden Kampf um die Erhaltung ihrer Eigenart.
Bei der letzten Volkszählung unter österreichischer Ägide im Jahre 1910 lebten in Südtirol 224 000 Deutschsprachige,
17 000 Ladiner*) und 6000 Italiener. Daß diese Zählung korrekt war, bestätigte die erste italienische Personenstands-Aufnahme im Jahre 1921. Sie registrierte 192 000 Deutsprachige, 17 000 Ladiner und 27 000 Italiener.
Heute gibt es rund 216 000 Deutschsprachige in Südtirol, also trotz des hohen Geburtenzuwachses der vorwiegend bäuerlichen Volksgruppe etwa 8000 weniger als im Jahre 1910. Die italienische Bevölkerung dagegen ist seit dem Ende des ersten Weltkrieges um das rund 17fache gewachsen, nämlich von 6000 auf 120 000.
Daß dieser langsame Überwanderungs-Feldzug der Italiener sich keineswegs auf die faschistische Zeit (1922 bis 1943) beschränkt, geht daraus hervor, daß sich von den heute in Südtirol ansässigen Italienern etwa 50 Prozent - nämlich 50 000 bis 60 000 - erst nach 1945 niedergelassen haben (s. Graphik Seite 32).
Das Ringen, das sich in diesen Ziffern abzeichnet, ist ein ergreifender und zugleich völlig unzeitgemäßer Vorgang, zu dem es in der westeuropäischen Geschichte der letzten Jahrzehnte keine Parallele gibt. Hineinreichend in eine Epoche, in der eine übernationale Ordnung Europas immer mehr zu einer zwingenden Notwendigkeit wird, konfrontiert dieses Ringen die Südtiroler mit der schier krankhaften, nach dem Wort eines österreichischen Politikers "letztlich nur mit dem romanischen Hahnenstolz" zu erklärenden Begierde der Italiener, die deutsche Volksgruppe biologisch und kulturell zu assimilieren.
So schwingt auf italienischer, aber auch auf deutscher Seite in diesem Konflikt viel Gefühl mit. Schon in den zwanziger Jahren schrieb der zu Hitlers Zeiten als jüdischer Asphaltliterat verschriene Alfred Kerr: "Das schönste Deutschland liegt am Brennerhang. Dies deutsche Sprachland, dies deutsche Weinland, dies deutsche Blumenland, dies deutsche Lichtland. Ein Ruf soll ergehen ''Heraus damit!'', solange noch unsereins Worte hat und eine Feder und eine Sehnsucht und einen Willen."
Und in der Unterhausdebatte über den österreichisch-italienischen Vertrag von 1946 seufzte der damalige Oppositionsführer Winston Churchill: "Warum dürfen die Einheimischen in diesem wundervollen Bergland, der Heimat des Volkshelden Andreas Hofer, nicht ein Wort zu ihrem Schicksal sagen? Warum kann dort nicht eine Volksabstimmung stattfinden?"
Mit Churchill empfanden damals der amerikanische Senator Vandenberg und selbst der neurotische Deutschenhasser Lord Vansittart die Mannhaftigkeit und den heiteren Freisinn der Südtiroler Bauern als etwas, das vor der italienischen Assimilations-Attacke hätte bewahrt werden müssen. Sie meinten, daß der europäischen Völkerpalette mit der Tiroler "Buam- und Dirndl"-Folklore ein schöner Farbtupf verlorengehen werde: ein gesundes, lebenskräftiges und freiheitsliebendes Bauerntum.
Dieses Bauerntum ist in der Tat der Kern und der Halt der Volksgruppe. Es stellt auch die bedeutendsten Sprecher der Südtiroler: den aus bäuerlichen Geschlechtern stammenden katholischen Klerus. Nirgendwo in Europa hat der Titel des einst viel aufgeführten Volksstückes von Karl Schönherr "Glaube und Heimat" noch so viel politische Gültigkeit und so viel soziale Wirklichkeit wie in Südtirol.
Die zugleich malerische und würdige Männlichkeit des Südtiroler Bauerntums wird sinnfällig in der Gestalt des Obmannes des Südtiroler Bauernbundes, Franz Innerhofer-Tanner, eines weißbärtigen Riesen aus dem Eisack-Tal.
Die politische Gewandtheit und Zähigkeit dieses Bauerntums aber verkörpert
ein anderer Mann. Die große italienische Tageszeitung "Resto del Carlino" beschrieb ihn kürzlich in einem Bericht aus Bozen: "Jeden Tag erscheint gegen fünf Uhr nachmittags unter den altehrwürdigen Laubengängen ein großer, massiger alter Herr mit einem menschenfreundlichen Lächeln, der Freunde und Gegner mit einem gleichmäßig feierlichen Lüften seines breitkrempigen Hutes begrüßt. Am schwarzen Kleid und am weißen Koller erkennt man den Geistlichen. Er betritt sodann das Allerheiligste des Südtiroler Deutschtums, die Redaktion der Tageszeitung ''Dolomiten''. Dieser Mann ist der Kanonikus Michael Gamper, das Herz und der Kopf des Südtiroler Freiheitskampfes, der einzige Österreicher, der niemals kapituliert hat."
An den Lebensläufen der beiden Greise läßt sich ein gutes Stück der Südtiroler Leidensgeschichte ablesen. Sie begann mit den grimmigen Kämpfen an der österreichisch-italienischen Dolomitenfront. Innerhofer war einer der Kämpfer.
Am 26. Oktober 1915 versuchten die italienischen Alpini zum wohl hundertstenmal, die österreichischen Stellungen am Col di Lana, einem Berggipfel der Dolomiten, zu stürmen. Tausende waren schon hüben und drüben auf dem "Blutberg" gefallen. Dann versuchten die Alpini, die "Felsenwache", einen entscheidenden Vorposten, zu besetzen. Zum Schluß standen auf österreichischer Seite nur noch zwei Männer vom 3. Tiroler Kaiserjägerregiment. Einer von ihnen fiel, der andere entkam durch einen tollen Sprung über eine Felswand. Es war der Jäger Innerhofer. Er erhielt dafür die höchste Auszeichnung der k. u. k. Monarchie, die an Nicht-Offiziere verliehen wurde: die Goldene Tapferkeitsmedaille.
Zwanzig Jahre später nahmen Karabinieri - italienische Gendarmen - den Bauern Innerhofer in Haft. Er hatte zu einer landwirtschaftlichen Ausstellung seine Tracht angelegt. Zu einer Zeit, da in Südtirol der deutsche Sprachunterricht verboten und die Ortsnamen italienisiert waren, war das eine unerhörte Herausforderung gewesen. Wiederum zwölf Jahre
später - am 16. Dezember 1947 - marschierten 500 Tiroler Bauern durch Bozen, an ihrer Spitze der weißbärtige Innerhofer. Vor der Präfektur, dem Sitz des höchsten italienischen Regierungsbeamten in Südtirol, schoben die Bauern die wachhabenden Karabinieri beiseite, drückten die Tür ein und schritten zum Büro des Hausherrn.
Präfekt Quaini versuchte vergeblich, durch eine Hintertür zu entkommen. Einer der Bauern erwischte ihn am Rockschoß und schob ihn mit den Worten: "Bleib lei stian, Manndl, und steh uns Red und Antwort" vor die 1,90 Meter hohe Figur des Innerhofer. Der forderte von dem mühsam um Haltung ringenden Präfekten, was den Südtirolern seit einem Jahr trotz des ihnen im österreichisch-italienischen Vertrag von 1946 verbrieften Rechts vorenthalten worden war: ein Autonomie-Statut.
Rund sechs Wochen später, am 28. Januar 1948, bescherte die italienische Kammer den Südtirolern das Statut. Es war ein fragwürdiges Geschenk, und die Südtiroler begegneten ihm voll böser Ahnungen. Sie sollten sich erfüllen.
Das Statut vereinigte das vorwiegend deutschsprachige Südtirol mit dem fast rein italienischen "Trentino", dem Gebiet um Trient. Der so erstandenen "Region Trentino - Alto Adige" (Alto Adige heißt Oberetsch und ist der italienische Name für Südtirol) gewährte das Statut die Autonomie, die im österreichisch-italienischen Vertrag der Provinz Bozen - also den Südtirolern - allein zugesagt war.
Mit dieser Manipulation erreichte Rom, daß die Deutschsprachigen auch innerhalb der ihnen zugestandenen Autonomie eine Minderheit blieben. Im Parlament der Region Trentino-Alto Adige, das in zweijährigem Turnus abwechselnd in Trient und in Bozen tagt, sitzen 33 Italiener und
15 Deutsche, während im Bozener Provinzial-Landtag neben den 15 Deutschen nur sieben Italiener Sitz und Stimme haben (siehe Graphik).
Die "Hinnahme" dieser Regelung (ausdrücklich akzeptiert haben die Südtiroler das Statut niemals) hatte die römische Regierung den Südtirolern dadurch schmackhaft zu machen versucht, daß sie im Regionalstatut - vorwiegend im Paragraphen 14 - der Provinz Bozen eine besondere Autonomie zusicherten: die sogenannte "Provinzial-Autonomie". Sie stellte den Südtirolern in Aussicht, daß sie immerhin 17 Sachgebiete der allgemeinen Verwaltung - darunter die kulturpolitisch wichtige Schulaufsicht - in eigener Zuständigkeit regeln sollten.
Die Übertragung dieser Rechte machte die italienische Regierung bei den Vorverhandlungen allerdings von einem belanglos scheinenden Vorbehalt abhängig: Sie sollte nicht vorgenommen werden, ehe die italienische Regierung dafür Durchführungsbestimmungen erlassen hat.
Dieser Vorbehalt entpuppte sich jedoch in den seit Januar 1948 vergangenen sieben Jahren als der zentrale juristische Kniff der italienischen Entnationalisierungs-Politik in Südtirol: Die Durchführungsbestimmungen sind - abgesehen von denen für drei verhältnismäßig bedeutungslose Sachgebiete - bis auf den heutigen Tag nicht erlassen worden; die sogenannte Provinzial-Autonomie ist mithin zum weitaus größten Teil "toter Buchstabe" geblieben.
Noch raffinierter: Die Südtiroler haben keinerlei rechtliche Handhabe, ihren verbrieften Anspruch juristisch geltend zu machen, denn es gibt in der Republik Italien keinen Verfassungsgerichtshof, obgleich dessen Gründung in der immerhin acht Jahre alten Verfassung Italiens vorgesehen ist.
Aber selbst wenn dieser Verfassungsgerichtshof eines Tages eingerichtet werden sollte, haben die Südtiroler keine Möglichkeit zu prozessieren. Prozeßfähigkeit hat laut Regionalstatut nur die Region, und deren Parlament wird von der italienischen 33:15-Mehrheit beherrscht.
Weiter: Das Regionalstatut verlangt, daß die Bozener Provinzial-Regierung - bestehend aus dem Präsidenten (Landeshauptmann) und fünf sogenannten Assessoren - entsprechend der nationalen Zusammensetzung des Provinzial-Landtages gebildet sein muß. Das bedeutet, daß in jeder Provinzialregierung die italienische Minderheit (sieben von 22 Mitgliedern im Provinz-Parlament) vertreten sein muß. Das wiederum hat zur Folge, daß jedes von der deutschen Mehrheit des Landtages beschlossene Gesetz, das den Italienern nicht paßt, durch den Rücktritt der italienischen Assessoren praktisch außer Kraft gesetzt werden kann.
Und schließlich: Jedes von der Provinz-Regierung erlassene Gesetz kann von der italienischen Zentralregierung blockiert werden, indem sie erklärt, sie werde es vor dem Verfassungsgericht anfechten. Da das Gericht zur Zeit nicht besteht, ist eine solche Erklärung der Regierung gleichbedeutend mit der endgültigen Ablehnung des Gesetzes.
Bis zum Jahre 1953 waren vom Bozener Landtag in vierjähriger Amtszeit sechs Gesetze beschlossen worden. Fünf davon wurden von der italienischen Regierung praktisch annulliert. Angesichts dieser Tatsache mußte der italienische Ministerpräsident Antonio Segni in einer Kammerdebatte im Juli immerhin zugeben, daß die Verwirklichung der Provinzial-Autonomie "im Rückstand" sei.
Gegen die lautlos funktionierende juristische Abwürgungs-Maschinerie haben die Südtiroler nicht viel mehr als ihre Vitalität
und ihre Intelligenz einzusetzen - sozialpolitisch ausgedrückt: ihr Bauerntum und den Klerus ihrer Kirche.
Um so mehr Bedeutung hat die Tatsache, daß Kirche und Bauerntum in Tirol seit rund tausend Jahren in gegenseitiger Achtung eng zusammenwirken. Im Gegensatz zu der Entwicklung anderswo im deutschen Sprachgebiet hat die Kirche in Tirol niemals ernsthaft versucht, sich die Bauern hörig zu machen.
Von den Anfängen der germanischen Herrschaft über Südtirol berichtet die Sage von König Laurin, dessen Gestalt und dessen Handeln den Kampf der Ureinwohner gegen die Ostgoten symbolisieren. Die Sage berichtet, daß König Laurin eine gotische Prinzessin raubte und deshalb von Dietrich von Bern (Theoderich dem Großen) bekriegt wurde.
Die Goten fanden Laurins Schlupfwinkel in den Bergen durch die herrlichen Rosen, die der zwergenhafte König züchtete. Laurin verfluchte die Rosen dafür: Sie sollten den Menschen weder bei Tag noch bei Nacht sichtbar sein. Er vergaß jedoch den Abend. Seither leuchten die Südtiroler Dolomiten jeden Abend bei Sonnenuntergang in der Farbe blutroter Rosen - das Alpenglühen - , und noch heute nennen die Bozener ihre Berge den "Rosengarten".
Den Ostgoten folgten die Langobarden und im sechsten und siebten Jahrhundert die Bajuwaren. Sie verdrängten die Ladiner in die Seitentäler und schufen unter dem Schutz der Kirche und eines spärlichen Bauernadels eine Gemeinschaft von freien Bauern, aus der später einige der
ersten lyrischen Dichter der deutschen Sprache hervorgehen sollten, darunter neben Oswald von Wolkenstein (etwa 1377 bis 1445) der größte unter ihnen: Walther von der Vogelweide (etwa 1170 bis 1230).
Als im Jahre 1363 die letzte Landesfürstin von Tirol, Margarete Maultasch, genannt die "häßliche Herzogin", ihre Herrschaft an die österreichischen Habsburger abtrat, übergab sie den neuen Herrschern ein Volk, dessen Bauern das Recht hatten, ihre Waffen im Hause aufzubewahren, und dessen Priester treue Sachwalter dieses Rechts waren.
Die Bauern bewahrten sich ihre Freiheit durch alle Wechselfälle der deutschen Geschichte bis in die neue Zeit. Das Bündnis der freien Bauern mit dem nationalen Klerus bewährte sich, als Tirol im Jahre 1809 gegen die französische Fremdherrschaft aufstand. Am Berge Isel kämpfte neben dem Landwirt von Passeier, Andreas Hofer, der Kapuzinerpater Joachim Haspinger.
Der Tiroler Klerus war es auch, der das Signal zum Widerstand gab, als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Italiener das Deutschtum südlich des Alpenkamms zu italienisieren begannen.
Südtirol und auch das Trentino gehörten damals noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie. Im Trentino, wo es damals noch mehr deutsche Sprachinseln gab als heute, begann der Volkstumskampf.
Die k. u. k. Monarchie konnte sich der italienischen Assimilations-Offensive schlecht erwehren. Der Vielvölkerstaat beruhte auf der Treue zum Habsburger Herrscherhaus. Diese Treue wäre zusammengebrochen, wenn die Monarchie in irgendeinem Volkstumskonflikt Partei genommen hätte.
So wurde der Tiroler Volkstumskampf gegen die italienische Assimilation innerhalb der Grenzen der österreichisch-ungarischen Monarchie zu einer Angelegenheit des deutschen Klerus. Am 13. Mai 1880 wurde in Wien der "Deutsche Schulverein" gegründet, die kulturelle Kampforganisation des Deutschtums in Österreich. Der geistige Vater dieser Vereinigung war der Tiroler Pfarrer Franz Xaver Mitterer aus Proveis, einem kleinen Ort nahe dem vorwiegend italienischen Trentino.
Zu den Pfarrkindern Mitterers in Proveis gehörten das Ehepaar Gamper und dessen für den geistlichen Beruf vorgesehener Sohn Michael, der heutige Kanonikus und Chefredakteur der Bozener "Dolomiten".
Gegenspieler der geistlichen Verteidiger des deutschen Volkstums in Südtirol war zunächst das antiklerikale und liberale Risorgimento*), später der Faschismus Benito Mussolinis.
Das Schlagwort "Italia fine al Brennero" - Italien endet am Brenner - stammt aus dem 19. Jahrhundert, die volkskundliche
Rechtfertigung dafür aber lieferte erst Anfang des 20. Jahrhunderts ein spitzbärtiges, dürres Männlein namens Ettore Tolomei, den die gottesfürchtigen Tiroler nach seinem Wohnsitz den "Teufel von Glen" nannten.
Beseelt von pathologischem Haß gegen Österreich ("Innsbruck, Stadt meines Hasses! Daß der Inn dich überflute, daß das Salz der Haller Salinen deine Felder vergifte, daß die Berge dich zermalmen!"), schuf er eine der raffiniertesten Geschichtsfälschungen der modernen Zeit: Er erfand den italienischen Namen Südtirols "Alto Adige", er erfand für Südtirol Tausende von italienischen Orts- und Flurnamen, er konstruierte aus den deutschen Familiennamen der Südtiroler deren angeblich romanische Herkunft und "bewies", daß - entgegen der amtlichen österreichischen Darstellung, wonach in Südtirol rund 224 000 Deutsche, 17 000 Ladiner und 6000 Italiener wohnten - in Wirklichkeit neben nur 160 000 Deutschen 80 000 "germanisierte Romanen" und 70 000 Italiener ansässig seien.
Dieses "wissenschaftliche Ergebnis" (das im Jahre 1921 durch die italienische Volkszählung endgültig widerlegt wurde), diente im Jahre 1919 in St. Germain dazu, die Gewissensbedenken des amerikanischen Präsidenten Wilson gegen die Auslieferung Südtirols an Italien zu beschwichtigen.
Zu hohen Ehren gelangte der "Teufel von Glen" unter Mussolini. Der Diktator berief den Geschichtsfälscher in den italienischen Senat.
Am 30. September 1922 - rund vier Wochen vor dem Marsch Mussolinis auf
Rom - wurde Bozen von den Faschisten besetzt. Von seinem Hof in Glen aus inspirierte Tolomei den nun in seiner ganzen Härte einsetzenden Volkstumskampf gegen die Deutschen Südtirols. Die Faschisten
▷ verboten alle deutschen Ortsnamen,
▷ lösten alle deutschen Schulen auf (1928 gab es in Südtirol keine deutsche Schule mehr),
▷ belegten deutschen Privatunterricht mit Gefängnisstrafen und Verbannung,
▷ jagten die Gemeinderäte auseinander,
▷ ersetzten die gewählten, vorwiegend deutschen Bürgermeister durch Italiener,
▷ italienisierten deutsche Familiennamen, indem sie ihnen i oder a oder o anhängten, und
▷ untersagten deutsche Grabinschriften.
In dieser düstersten Zeit des Südtiroler Deutschtums reifte der Kanonikus Gamper zum Haupt des Widerstandes. Er wurde Chefredakteur des Bozener "Volksboten", des Vorläufers der heutigen "Dolomiten". Seine denkwürdigste Leistung aber war, daß er es mit Hilfe des Klerus und mutiger Lehrer fertigbrachte, für die Kinder sogenannte "Katakomben-Schulen" zu organisieren.
Überall auf dem Lande und in den Städten entstanden geheime Schulen, die den Kindern das Lesen und Schreiben der deutschen Sprache beibrachten. Viele wurden entdeckt. Die Lehrkräfte wurden ins Gefängnis geworfen oder in das Konzentrations-Lager auf der Insel Lipari bei Sizilien verschleppt. Gleichwohl wurde insbesondere der Schulkampf zu einem Triumph des katholisch-deutschen Nationalismus.
Anfang der dreißiger Jahre jedoch griff der großdeutsche Gedanke - zu dessen Anhängern auch Xaver Mitterer und Michael Gamper gehört hatten - in neuer Gestalt aus Österreich und Deutschland nach Südtirol über. Das christlich-katholische Element trat in den Hintergrund zugunsten
der "Blut-und-Boden"-Gedankengänge des Nationalsozialismus.
In der Führung der Volksgruppe drängten junge Männer nach vorn, deren Selbstbewußtsein von der wachsenden Macht des Hitler-Reiches beflügelt wurde. Sie gründeten im Jahre 1932 den "Völkischen Kampfring Südtirol" (VKS) und erkoren im Jahre 1935 den Obmann der katholischen Gesellenjugend, den Schneidergesellen Peter Hofer, zu ihrem Führer.
Sie übernahmen die Katakomben-Schulen des Kanonikus Gamper, organisierten den wirtschaftlichen Widerstand der Volksgruppe gegen die italienischen Versuche, das deutsche Bauerntum von den Höfen zu verdrängen, und entzündeten - ähnlich wie die Nationalsozialisten in Österreich - nachts Feuer auf den Bergen. Die Strophe des Deutschlandliedes "Von der Etsch bis an den Belt" klang den Südtirolern in jenen Jahren wie die Verheißung einer nicht mehr fernen Zukunft.
Dieser emotionelle Auftrieb aber war das Vorspiel zu dem herzzerreißenden Konflikt der Volksgruppe, der am 23. Juni des Jahres 1939 begann. An diesem Tage einigte Hitler sich mit den Italienern über ein Abkommen, das die Südtiroler vor die Frage stellte, ob sie Deutsche oder Italiener sein wollten. Die Optanten für Deutschland sollten, so bestimmte das Abkommen, ihre Heimat aufgeben und nach Österreich umgesiedelt werden. Der Rest sollte - das war in dem Abkommen unausgesprochen enthalten - auf sein Volkstum verzichten. Der faschistische Präfekt in Bozen erklärte, die Optanten für Italien würden nach dem Süden umgesiedelt werden.
Von der Machtpolitik der beiden Diktatoren Hitler und Mussolini brutal vor die Wahl zwischen Volkstum und Heimat gestellt, entschieden sich 86 Prozent der Südtiroler für ihr Volkstum. 213 000 von insgesamt 247 000 deutschsprachigen und ladinischen Südtirolern optierten für Deutschland. Selbst der Bischof von Brixen, der greise Dr. Geißler, entschloß sich mit seinem ganzen Domkapitel zur Umsiedlung - trotz seiner Abneigung gegen Hitler und den Nationalsozialismus.
"Wo meine Herde hingeht", sagte er, "da gehe auch ich hin."
Die vierzehnprozentige Minderheit - 34 000 an der Zahl - , die zum Bleiben entschlossen war, wurde hauptsächlich von Bauern gestellt. Ihr Sprecher und Führer war der Kanonikus Michael Gamper. Er blieb und optierte für Italien. "Es war", schrieb die italienische Zeitung "Resto del Carlino", "für sein altes deutsches Herz das gleiche Opfer wie für den Papst, lutherisch zu werden."
Die Rettung für die Volksgruppe kam am 8. September 1943, dem Tag der italienischen Kapitulation. Die Umsiedlung wurde gestoppt. Peter Hofer wurde Präfekt von Bozen. Aber es war ein mit sich selbst zerfallenes und durch Hitlers frivole Politik entwürdigtes Deutschtum, das sich der Wendung und der kurzen Frist bis zum Zusammenbruch Deutschlands erfreuen konnte. Innerhalb der Volksgruppe brachen Zwistigkeiten aus. Gamper mußte auf italienisches Gebiet fliehen, seine rechte Hand in der Redaktion seiner Zeitung, Dr. Friedl Volgger, wurde in ein Konzentrationslager verschleppt. Hofer selbst wurde kurz vor der Kapitulation der Alpenfront bei einem Bombenangriff getötet.
Hitlers Politik hatte nachhaltige psychologische Folgen. Die Jugend der Volksgruppe, deren Begeisterungsfähigkeit schändlich mißbraucht worden war, verfiel in Lethargie und hat sich bis heute zum großen Teil noch nicht aus dieser Lethargie aufraffen können.
Mit den Alliierten kehrten die Italiener nach Südtirol zurück. Die Volksgruppe hatte einen schweren Stand. Juristisch konnte Italien neun Zehntel der Deutschen und Ladiner als durch Option deutsche Staatsbürger gewordene Ausländer betrachten. Obwohl Hitlers Teufelspakt mit Mussolini aus dem Jahre 1939 niemals ratifiziert worden war, hatten doch bis 1943 ungefähr 70 000 Südtiroler ihre Heimat verlassen müssen.
In dieser Lage gaben wiederum die Pfarrer Südtirols, an ihrer Spitze der mit den Alliierten zurückgekehrte Gampert, den Anstoß zu einem neuen Beginnen, zur rechtlichen und politischen Verteidigung der Volksgruppe. Dank ihrer Initiative erstand die Südtiroler Volkspartei (SVP),
die Partei, die jetzt mit drei Abgeordneten in der italienischen Kammer und mit zwei Senatoren im Oberhaus des italienischen Parlaments vertreten ist.
Die Pfarrer waren es auch, die die erste Willenskundgebung des Deutschtums in Südtirol nach 1945 zustande brachten. Sie sammelten vor der Pariser Konferenz des Jahres 1946 rund 156 000 Unterschriften für eine Petition, in der die Deutschen den Anschluß Südtirols an Österreich forderten.
Sie gaben damit der neu erstandenen Bundesrepublik Österreich eine politische Handhabe, sich zum Sachwalter der Interessen des Südtiroler Deutschtums zu machen. Das Ergebnis war der Vertrag vom 5. September 1946, in dem Italien der Provinz Bozen Autonomie zusicherte.
Der Vertrag gab den Südtirolern die Pressefreiheit zurück, gestattete die Neugründung der deutschen Vereine und ermöglichte den Wiederaufbau der deutschen Schulen. 1951 gab es in Südtirol wieder in 423 Orten deutschsprachige Volksschulen (Orte mit italienischen Volksschulen: 186), 27 deutschsprachige höhere Schulen (neben 32 italienischen) und die deutschsprachige Lehrerbildungsanstalt in Meran.
Doch blieb die rechtliche Basis dieser italienischen Zugeständnisse unverläßlich. Die Aufsicht über das Schulwesen, die Finanzhoheit, eigenes Vermögen, das Wohnungswesen und die Polizeigewalt - die Merkmale jeder Autonomie - wurde der Provinz Bozen vorenthalten.
Diese Tatsache war von Anfang an eine breite Lücke im Rechtsschutz der Volksgruppe, und tatsächlich sollte es nicht lange dauern, bis der nach 1945 wieder erwachende italienische Nationalismus diese Lücke nützte. Das war um so weniger verwunderlich, als sogar der italienische Unterzeichner des Vertrages von 1946, Alcide De Gasperi, unverblümt seine Entschlossenheit bekundet hatte, Südtirol "zu entdeutschen".
Den ersten Ansatzpunkt zu solchen Bestrebungen bot die "Optanten-Frage". 70 000 Deutsche waren auf Grund des Hitler-Mussolini-Paktes von 1939 nach Österreich
und zum Teil nach Deutschland umgesiedelt worden. In dem Vertrag von 1946 hatte sich De Gasperi verpflichtet, "die Frage der Staatsbürgerschafts-Option im Geiste der Billigkeit und Weitherzigkeit zu revidieren".
Die italienischen Rückwanderungsbehörden aber taten das Gegenteil. Ihre Engherzigkeit bei der Behandlung der Rücksiedlungsanträge läßt sich an der Tatsache ablesen, daß nach Südtiroler Schätzungen bis 1953 von den 70 000 Optanten nur 15 000 zurückkehren konnten, wobei - und das ist das eigentlich Bedenkliche an dem Vorgang - den Südtirolern kein Rechtsmittel gegen die Verschleppungstaktik der vorwiegend noch in faschistischen Gedankengängen befangenen italienischen Beamten zur Verfügung steht.
Es ist bezeichnend, daß - nach den Feststellungen der österreichischen Regierung - von rund 21 000 positiven Entscheidungen über die Rücksiedlungsanträge nur 9000 den Betroffenen mitgeteilt wurden, so daß etwa 12 000 der Rückkehrberechtigten einfach aus Unkenntnis in Deutschland und Österreich wohnen blieben.
Die Rechtsunsicherheit auf fast allen Verwaltungsgebieten hat zur Folge gehabt, daß jedes noch so belanglose Verwaltungsproblem politische Färbung angenommen hat. Fragen wie die Zulassung einer Hebamme, die Einstellung einer Kindergärtnerin, die Vergabe von Neubauwohnungen oder die Wasserversorgung sind zu schwerwiegenden politischen Objekten geworden und bilden insgesamt ein volkstumspolitisches Kampffeld, dessen Siege und Niederlagen hinter einer Wolke von Aktenstaub verborgen bleiben. Denn dank der Unklarheit der Rechtsverhältnisse fallen die einzelnen Entscheidungen im Halbdunkel der Amtsstuben.
Diese Verhältnisse charakterisieren das Wesen der neuen Entnationalisierungspolitik in Südtirol. Sie operiert mit einer Verwaltungspraxis, deren Maßnahmen - jede für sich genommen - belanglos zu sein scheinen und jedenfalls keinen Ansatzpunkt für eine allgemeine Erregung oder für Unwillensäußerungen des Auslandes bieten. Sie mobilisiert romanische Advokatenschläue und die Pfiffigkeit neapolitanischer Gassenjungen gegen die bäuerliche
Zähigkeit der Südtiroler, die Zauberkunststücke des listenreichen Königs Laurin gegen die Behäbigkeit und Arbeitsfreude der Bajuwaren. "Volksmord", schrieben im Herbst 1954 die SVP-Abgeordneten in einer Denkschrift an die italienische Regierung, "kann mit verschiedenen Methoden und Mitteln begangen werden."
Diese Praxis ist durchführbar, weil 90 Prozent der Beamten in der Provinz Bozen Italiener sind (etwa 4000 von insgesamt 4300). Entgegen den Bestimmungen des Vertrages von 1946 ist seit 1952 in Südtirol nur Italienisch als Amtssprache zugelassen. Ebenso widerrechtlich werden die Gemeindesekretäre jedes Südtiroler Dorfes von Rom ernannt. Die Sprachbestimmung wird sogar zum Teil in den Bozener Krankenhäusern angewandt, so daß die deutschsprachigen Patienten sich nicht mit den Ärzten und Pflegern verständigen können - "Zustände", schrieb die Tageszeitung "Delomiten", "wie im innersten Afrika!"
Wie wenig Angriffsflächen die italienische Entdeutschungspolitik in Südtirol
bietet, beschrieb der Abgeordnete der SVP in der italienischen Kammer, Dr. Tinzl, im Sommer dieses Jahres. Warum die Südtiroler ausgerechnet jetzt "solchen Lärm" machten, habe man ihn, Tinzl, gefragt, und er habe darauf antworten müssen: "Eben darum, weil nichts geschehen ist oder fast nichts" - nämlich zur Verwirklichung der Provinzial-Autonomie.
In diesem geräuschlos arbeitenden "Volksmord"-Mechanismus gibt es gewisse Schlüsselpositionen. Dazu gehören zum Beispiel die Wohnungsämter der größeren Städte. Diese Ämter fast ausschließlich mit Italienern besetzt und widerrechtlich der Südtiroler Verwaltungshoheit vorenthalten, sind gleichsam die Flankenstellung der künstlichen Industrialisierung Südtirols, die dafür sorgt, daß immer neue Massen italienischer Arbeiter in Südtirol Fuß fassen können.
Diese ständige Zuwanderung wird auch von den Arbeitsämtern gedeckt: Im Arbeitsamt Bozen gibt es kaum einen Deutschen.
Die Industrialisierung ist die wichtigste - und erfolgreichste - Angriffstaktik des italienischen Einwanderungsfeldzuges. Mit ihrer Hilfe hofft Italien, das deutsch-südtiroler Bauern-Idyll langsam beseitigen zu können. Der Plan stammt von Mussolini.
Im Jahre 1936 hatte in Südtirol der Aufbau der Industriezone Bozen begonnen. Seither verdüstern Fabrikschlote die Berggipfel des "Rosengartens". Damals errichtete auch die Automobilfirma "Lancia" bei Bozen ein großes Zweigwerk.
Das demokratische Italien blieb auf Mussolinis Linie. Seit 1951 stellt das Bozener Lancia-Werk - nachdem es 1950 vor dem Konkurs stand und mit Marshallplan-Dollars ausgebaut worden ist - Lastkraftwagen im Serienbau her. Es beschäftigt jetzt etwa 2500 fast ausschließlich aus dem Süden eingewanderte Italiener.
Weitere nach Südtirol und vorwiegend in das Etschtal bei Bozen verlagerte Betriebe sind das Karosserie-Werk "Viberti" (rund 200 Arbeiter), die Stahlwerke Falck (etwa 1000 Arbeiter), ein Magnesiumwerk, dessen Rohstoff von weither herangeschafft werden muß (rund 500 Arbeiter), und das Aluminiumwerk Montecatini (etwa 700 Arbeiter). Auch "Montecatini" muß auf dem
kostspieligen Eisenbahnweg mit Rohstoff versorgt werden*).
Das deutschsprachige Element wird von der Industrie langsam in die Seitentäler und Berge abgedrängt. Bereits 1946 stellte die (Nord-)Tiroler Landesregierung in Innsbruck in einer Broschüre fest, daß die Täler Südtirols bis 300 Meter über dem Meeresspiegel vorwiegend von Italienern, die Berghänge zwischen 300 und 400 Metern Höhe dagegen nahezu gleichmäßig von Deutschen und Italienern und die Höhen zwischen 400 und 1600 Metern fast ausschließlich von Deutschen bewohnt werden.
Diese Feststellung verdeutlicht das sozialpolitische Bestreben der Italiener,
die Bildung einer akademischen und technischen Elite unter den Südtirolern zu verhindern. Diese Absicht zeigt sich unter anderem auch darin, daß sich die italienische Regierung - entgegen den Bestimmungen des österreichisch-italienischen Vertrages - weigert, akademische Examen anzuerkennen, die an österreichischen Universitäten abgelegt worden sind. Damit ist beispielsweise das Entstehen eines deutschsprachigen Ärztestandes in Südtirol zumindest stark behindert. Die widerrechtliche Bestimmung des Italienischen zur alleinigen Amtssprache verhindert praktisch die Bildung einer deutschen Beamtenschaft.
Eine konkrete Antwort auf die von Dr. Tinzl im italienischen Parlament zitierte Frage "Warum jetzt plötzlich dieser Lärm um Südtirol?" gibt die jüngste Entwicklung eines der rabiatesten Entdeutschungsinstitute in Südtirol. Es ist das "Ente Nazionale
delle Tre Venezie*)" - eine Anstalt des öffentlichen Rechts, die im Jahre 1939 von Mussolini durch Gesetz mit der Macht ausgestattet wurde, Bodenbesitz zu kaufen und sogar zu enteignen.
Das "Ente" - wie es kurz genannt wird - war gegründet worden, um die deutschsprachigen Bauern von ihren ertragreichen Höfen in den Tälern zu verdrängen. Das "Ente" ist berechtigt, in einem Enteignungsverfahren die Höhe der Entschädigung durch einen Hoheitsspruch festzusetzen, gegen den es kein Rechtsmittel gibt.
"Dieser Zustand", sagte kürzlich Dr. Tinzl vor dem italienischen Parlament, "über dessen Unzulässigkeit in einem Staate, der ein Rechtsstaat sein will, keinerlei Zweite bestehen dürfte, ist nicht bloß bis zum heutigen Tage beibehalten worden, sondern das ''Ente'' hat aufs neue begonnen, von jenem Gesetz Gebrauch zu machen, indem es sogar zu solchen Enteignungen schreitet, die selbst Mussolini eingestellt hatte - und das, ohne darauf zu achten, daß wenigstens das Verfahren für die Festsetzung der Entschädigung abgeändert wird."
Diese Maßnahme der italienischen Regierung hat mehr als alle anderen die Männer um den Südtiroler Bauernführer
Innerhofer alarmiert. Sie zielt in der Tat auf die Lebensgrundlage der Volksgruppe, nämlich deren Bodenverbundenheit. Trotz eines nun fast 37 Jahre währenden Ringens hat die Volksgruppe rund 74 Prozent des Südtiroler Bodens festhalten können, nur knapp drei Prozent befinden sich zur Zeit in italienischem Privatbesitz.
Die Wiederbelebung des verhaßten "Ente" mag einer der Gründe gewesen sein, derentwegen die deutschen Chefs der Landwirtschafts-Ressorts in der Regionalregierung und der Provinzialregierung im Mai
von ihren Ämtern zurücktraten. Hans Dietl, Assessor - das ist der Titel eines Regierungsmitgliedes - in der Regionalregierung, und Dr. Peter Brugger, Assessor in der Provinzialregierung, entstammen der Kriegsgeneration der Volksgruppe.
Ihr eigenwilliger Schritt wurde in Südtirol als ein Zeichen dafür empfunden, daß die Lethargie der jüngeren Südtiroler Generation nachzulassen beginnt.
Daß damit eine dramatische Entwicklung in Südtirol eingeleitet werden könnte, ist die große Gefahr, die durch die italienische Politik der juristischen Winkelzüge und wirtschaftspolitischen Manipulationen heraufbeschworen wird. Und das ist, wie der europäische Chefkorrespondent der "New York Times", Cyrus L. Sulzberger, im Sommer schrieb, nicht ohne internationale Gefahren.
"Der Brenner ist", schrieb Sulzberger, "eine der strategischen Schlüsselstellungen des Kontinents. Was könnte Moskau besser passen als Unruhe an diesem Ort?"
Dieser an sich richtigen Überlegung fügte Sulzberger die Washingtoner Einheits-Erklärung für alle Konflikte in der westlichen Welt hinzu. "Einige Diplomaten", wußte er zu berichten, "haben den Verdacht, daß die Russen - nachdem sie sich entschlossen haben, Österreich die Freiheit zu gewähren - Wien dazu ermutigt haben, die Südtiroler aufzuhetzen, um auf diese Weise eine neue ''Büchse der Pandora'' in Westeuropa zu öffnen. Österreich ist ab jetzt neutral, während Italien Mitglied der Nato ist."
Die Südtiroler Presse beantwortete Sulzbergers törichte Unterstellung, die Österreicher und Südtiroler steckten mit den Sowjets unter einer Decke, indem sie eine Statistik der letzten italienischen Parlamentswahlen veröffentlichte, die zeigte, daß überall dort, wo deutschsprachige Gemeinden von der italienischen Einwanderung überschwemmt worden sind, gleichzeitig auch der kommunistische Einfluß gestiegen ist (siehe Graphik).
Gleichwohl ist Sulzbergers Verdacht, daß zwischen der Südtiroler Frage und der sowjetischen Europa-Politik gewisse Zusammenhänge bestehen, keineswegs ganz abwegig. Es ist offenkundig, daß in demselben Maße, wie der offene sowjetische Druck auf Westeuropa im Zuge der internationalen Entspannungspolitik nachläßt, die westeuropäischen Nationen die Neigung zurückgewinnen, alte nationale Streitäxte auszugraben.
Das demonstrieren die Entwicklung der Saar-Frage und noch mehr der leidenschaftliche Streit Griechenlands, der Türkei und Englands um die Insel Zypern. Die Südtiroler Frage ist in der Tat, wie der Südtiroler Vertreter von Braitenberg im italienischen Senat sagte, "ein Prüfstein für Italiens europäischen Geist".
Die Verantwortung für die Unruhe in Südtirol liegt ohne Zweifel bei den italienischen Entnationalisierungs-Politikern. Die Personifikation der deutschen Sache in Südtirol, der Kanonikus Gamper, hat erst vor kurzem internationale Anerkennung gefunden: Die Internationale Föderation der Minderheiten erkor ihn neben dem ehemaligen dänischen Außenminister Kraft zu ihrem zweiten Präsidenten.
Wenn Italien aber angesichts des Rechts der Südtiroler auf Autonomie kein Einsehen hat, "dann", so sagte dieser Tage der Südtiroler Bauernführer Innerhofer, "müssen die Bauern wie einst im Jahre 1947 aus dem ganzen Land nach Bozen kommen".
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Bei den Wahlen 1952/53 in Südtirol
wählten linksextrem
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Bei den Wahlen 1952/53 in Südtirol
wählten linksextrem
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Wunschliste für Bonn Der Teufel von Glen Hitlers Teufelspakt Lücken im Recht Fabrikschlote im Rosengarten Rußlands Interesse am Brenner
*) Die Ladiner sprechen Rätoromanisch, eine Sprache, die wie das Italienische aus dem Latein stammt. Ladiner - meistens Rätoromanen genannt - sind auch in der Schweiz ansässig.
*) Risorgimento heißt wörtlich "Wiederauferstehung", geschichtlich bezeichnet das Wort die nationale Bewegung zur Vereinigung aller Italiener in einem Staat.
*) Nach einem Gemälde von Alois Gahl gestochen von C. Rauscher.
*) Darstellung des Tiroler Malers Franz von Defregger (1835 bis 1921).
*) Im allgemeinen werden Aluminiumwerke in unmittelbarer Nähe von Bauxitgruben errichtet, weil die Elektrizität, die zur Aluminiumproduktion benötigt wird, leichter über große Strecken hinweg herangeschafft werden kann als das Bauxit.
*) Staatsgesellschaft für die drei Venetien - also für das eigentliche Venetien (Hinterland von Venedig), das julische Venetien (das an Jugoslawien grenzende Gebiet Italiens) und das tridentinische Venetien (das Gebiet um Trient).

DER SPIEGEL 41/1955
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