26.10.1955

HANDEL / NECKERMANNKataloge gegen Kartelle

Während der vergangenen Wochen, in denen Wirtschaftsminister Erhard fast täglich mit dieser oder jener Wirtschaftsgruppe Gespräche über das von der Konjunkturhitze hochgetriebene Preisniveau der Bundesrepublik führte, geschah es mehrere Male, daß ein hohlwangiger Mann aus Frankfurt am Main beim pausbäckigen Wirtschaftsminister vorgelassen wurde.
Ludwig Erhards Besucher war der Versandhandels-Kaufmann Josef Neckermann aus Frankfurt am Main. Minister Erhards Geistesverwandtschaft mit der Versandhandelsbranche ist kein Geheimnis, er selbst hat sich schon mehrfach dazu bekannt.
In den Wochen der Preisdebatte ließ der Minister den Versandhauschef aus Frankfurt zu sich rufen, weil er bei seiner Suche nach praktischen Möglichkeiten, die Preise zu stabilisieren, Auskünfte brauchte, die weder vom Interessentenstandpunkt der Fabrikanten noch von dem des Handels beeinflußt sein sollten. Da Josef Neckermann mit großen Teilen der Industrie wie des Handels gleichermaßen im Streite liegt, schien er für die Auskünfte der richtige Mann.
Gelegentlich erschien der Bundeswirtschaftsminister auch in Neckermanns Frankfurter Wohnung. Ludwig Erhard wollte sich aus den Statistiken und Marktberichten des Frankfurter Großversandhauses Klarheit darüber verschaffen, wieweit eine Stabilisierung der Preise durch die freiwillige Preisdisziplin der Käufer und Verkäufer zu erwarten ist, zu der er in den letzten Wochen die Öffentlichkeit der Bundesrepublik durch Hunderte von Zeitungs-Inseraten ermahnte. Neckermanns Einfluß dabei ging immerhin so weit, daß er Ludwig Erhard von der mutmaßlich nur schwachen Auswirkung der Jedermann-Importe überzeugen konnte, mit denen der Minister allzu weit vorpreschende Preise zurückdrängen wollte.
Josef Neckermann aus Frankfurt kämpft seit fünf Jahren an der westdeutschen Preisfront im vordersten Graben. Mit einem Radiogerät für 187 Mark, mit billigen Kühlschränken und Fernsehapparaten hat der Versandhändler die Laufgräben ganzer Handelsstufen aufgerollt und festgefügte Preise zum Wanken gebracht. Im vergangenen Monat leistete Neckermann mit einer hochbrisanten Preis-Zeitbombe den Bonner Konjunkturstrategen bei der psychologischen Preis-Kriegführung auch direkte Schützenhilfe: Er schickte seinen neuen Warenkatalog an 2,3 Millionen westdeutsche Haushalte. Auf einer roten Sonderseite prangte das Motto:
Preiserhöhungen? NEIN, Neckermann-Preise bleiben. Der Neckermann-Katalog mit allen seinen Angeboten und Preisen hat bis zum März 1956 Gültigkeit.
Da Neckermanns Katalog erfahrungsgemäß durch die Hände von etwa zehn Millionen Verbrauchern geht und Tausenden von Einzelhändlern zu Preisvergleichen dient, betrachtet Minister Erhard den Versandhändler aus Frankfurt in seinem Preiskrieg als willkommenen Bundesgenossen.
Die sechsmonatige Preisgarantie, die das Unternehmen in seinen Warenkatalogen offeriert, stellt Neckermann vor Entscheidungen, von denen Millionen-Verluste oder Millionen-Gewinne abhängen. In den ersten Wochen nach der Veröffentlichung des Katalogs muß sich zeigen, welche der angebotenen Artikel beim Publikum ankommen und welche nicht.
Neckermanns Dispositionen für den entsprechenden Materialnachschub gleichen in diesen Tagen der Arbeit eines Armeehauptquartiers nach Beginn einer großen Offensive. Gearbeitet wird in diesen Wochen Tag und Nacht. Seit der Katalog an die Kunden versandt ist, treffen täglich bis zu dreißigtausend Bestellungen in Neckermanns Hauptquartier am Frankfurter Ostbahnhof ein.
Die Post wird zunächst gewogen: An Hand des Gewichtes sind erste rohe Schätzungen möglich, wieviel Bestellungen sie enthält. Im Hollerith-Saal wird dann
mit Hilfe von Lochkarten für jeden Artikel die Zahl der Bestellungen ermittelt. Eine riesige Elektronen-Rechenmaschine, die in Sekunden bis zu neun verschiedene Einzelrechnungen über Preise, Stückzahl oder Kleidergrößen ausführt, addiert die verschiedenen Posten der Bestellzettel und locht die Resultate mit einer Geschwindigkeit von sechstausend Karten pro Stunde in die Pappkarten ein. Abends, gegen 22 Uhr, wenn Josef Neckermann im vierten Stock des Hauses seinen Abendimbiß einnimmt, wird ihm das genau aufgeschlüsselte Ergebnis vorgelegt.
Der gesamte Betrieb des Versandhauses ist weitgehend mechanisiert. Briefliche Anfragen werden im Saal der Auto-Typer beantwortet. Dort stehen Schreibmaschinen, auf denen - mit Hilfe von Lochungen auf einer Walze - Formbriefe über häufig wiederkehrende Geschäftsvorfälle ohne menschliches Zutun geschrieben werden können. Ein Druck auf einen roten Knopf bewirkt, daß der Brief automatisch heruntergetippt wird. Die Stenotypistin schreibt nur noch den Namen und die Adresse.
Die Neckermann Versand KG beantwortet zwei Drittel aller Anfragen auf diese Weise mit einem maschinegeschriebenen, persönlich wirkenden Brief. Kein Kunde ahnt, daß außer zum Schreiben der Anschrift keines Menschen Hand die Tasten berührt hat. Das restliche Drittel der Post, das kompliziertere Anfragen enthält, wird in einem Diktiersaal erledigt. Hier sprechen ständig 20 Damen Brieftexte in ihre Handmikrophone. Im nächsten glasverschalten Raum sitzen die Schreibkräfte und tippen die diktierten Texte von Tonbandgeräten ab.
Bis zu tausend Frauen arbeiten im Versandraum. Betriebsleiter Hariton hat hier eine 460 Meter lange Seilbahn montieren lassen. Große Drahtkörbe mit vielen Fächern drehen hier in einem Tempo, das beliebig reguliert werden kann, ihre Runden. Auf einem täglichen Fünf-Kilometer-Marsch begleiten ungelernte, billige Hilfskräfte jeweils einen Korb auf seiner Fahrt und legen während des Rundgangs die auf den Bestellzetteln angestrichenen Waren in die Fächer. Auf Fließbändern rollen die Pakete zur Verpackungsstation. Dann gleiten sie über eine Rutsche in den Keller: in Neckermanns eigenes Postamt.
Der Roboter-Betrieb ist notwendig, weil schnell gearbeitet werden muß, denn eine exakte Auswertung der ersten nach der Veröffentlichung des Herbst- und Winterkatalogs einlaufenden Bestellungen ist entscheidend für den Verlauf der sechsmonatigen Verkaufsperiode. Die Elektronen- und Hollerithkarten zeigen der Geschäftsleitung, ob die von ihr veranschlagte Menge eines Artikels wirklich abgesetzt werden wird und welchen Lieferanten frühzeitig ein Produktionsstopp oder ein Nachauftrag signalisiert werden muß. Denn zuviel Bestellungen können ebenso zu Verlusten führen wie zuwenig.
Josef Neckermann erläutert das im Versandgeschäft notwendige Fingerspitzengefühl an einem Beispiel:
▷ "Ich hatte 1954 einen Pullover für 2,50 Mark angeboten. Der Artikel schlug enorm ein. Wir hatten 15 000 Stück disponiert, benötigten dann aber rund 64 000, und diese Menge konnten wir natürlich nicht aus den Beständen liefern. Mit unseren Nachbestellungen gerieten wir nun plötzlich in die Zeit der Hauptsaison, und wir selbst mußten im Einkauf für den Pullover bis zu einer Mark über unseren Katalog-Verkaufspreis hinaus zahlen. Denn was im Katalog steht, muß geliefert werden."
Umgekehrt erging es Neckermann beim Verkauf des Kleides "Fatima". Von diesem Kleid waren 10 000 Stück bei den Fabriken und Zwischenmeisterbetrieben bestellt worden. 6300 Stück waren bereits fertiggestellt, als der Katalog herausgegeben wurde. Verkaufen konnte Neckermann von diesem Kleid nur 1400 Stück. Um nicht in der nächsten Saison abermals auf dem Kleid sitzenzubleiben, reduzierte er den Preis von 37,50 Mark auf die Hälfte und räumte durch einen Sonderverkauf das Lager. Neckermann jammert noch heute über diesen Fehlgriff: "Das hat mich nackte fünfzigtausend Mark gekostet."
Aber das sind seltene Pannen. Im allgemeinen hat Josef Neckermann während der kaum fünf Jahre, die sein Unternehmen existiert, nach dem Grundsatz "Kleiner Nutzen - großer Umsatz" glänzend verdient. Sein Vermögen wird auf einige Millionen Mark geschätzt; seine Frau Annemarie, geborene Brückner, ist mit einer Million Mark an dem Geschäft beteiligt. Die Firma verfügt über zwei eigene Kleiderfabriken, sie unterhält neben vielen Annahmestellen in den Großstädten der Bundesrepublik 15 Kaufhäuser, und in ihrer Kartei sind die Anschriften von zwei Millionen festen Kunden notiert Mit einem Umsatz, der 1955 wahrscheinlich die 200-Millionen-Grenze (einschließlich der Kaufhaus-Umsätze) überschreiten wird, hat sich Neckermann in die vorderste Linie der westdeutschen Versandgeschäfte geschoben.
Noch vor knapp vier Jahren hätten einige große Verluste - wie etwa die Fehldisposition des Kleides "Fatima" - die Firma Neckermann ruinieren können. Auch im zweiten Geschäftsjahr war die Finanzlage des jungen Unternehmens noch äußerst angespannt. Zudem drohte um jene kritische Zeit, im Frühjahr 1951, tödliches Unheil von dem Hessischen Verband der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels.
In diesem Verband sind die großen Warenhäuser und Textilgeschäfte zusammengeschlossen. Er startete in aller Stille eine Aktion gegen Neckermann, die später in den Gerichtsakten als böswilliger Vernichtungsboykott bezeichnet werden sollte.
Am 12. Juli 1951 trafen sich im Klubzimmer des Frankfurter Restaurants "Bei Wahl" einige seriös gekleidete Herren. Sie verhandelten drei Stunden lang, dann stand
ihr Schlachtplan fest. Man war entschlossen herauszufinden, welche westdeutschen Fabriken Neckermann mit Textilien belieferten, und wollte diese Firmen vor die Wahl stellen, entweder nicht mehr an das Versandhaus zu liefern oder aber sämtliche mittleren und großen Kaufhäuser des Verbandes als Kunden zu verlieren.
Als die Verschwörer auseinandergingen, waren die Rollen genau verteilt. Jeder sollte an einem bestimmten Frontabschnitt gegen Neckermann eingesetzt werden:
▷ Direktor Sack von der Kaufhaus Hansa AG für Herrenhemden und Herrenwäsche,
▷ Direktor Schmidt von der Firma Pfüller für Herrentrikotagen,
▷ Direktor Sauerstein von der Westdeutschen Kaufhof AG für Damenoberbekleidung,
▷ Direktor Schröder vom Kaufhaus Köster AG für Damenwäsche und Strümpfe und
▷ Direktor Beilharz vom Kaufhaus Schneider für Weißwaren.
Neckermann in seiner weißen Festung am Ostbahnhof spürte sehr bald, daß ihm die Luft knapp wurde. Sein Nachschub begann zu stocken, fest zugesagte Lieferverträge wurden storniert, und auch in der Frankfurter Stadtverwaltung, die für den Bau des Gebäudekomplexes eine selbstschuldnerische Bürgschaft in Höhe von 1,2 Millionen Mark übernommen hatte, kam Stimmung gegen Neckermann auf. Fast alle Lieferanten baten, man möge wenigstens ihre Firmenetikette aus den gelieferten Waren entfernen. In dieser kritischen Situation aber zeigte sich, daß Josef Neckermann ein Mann mit Ellenbogen ist, der - wenn es um die Existenz geht - bei der Wahl der Mittel nicht zimperlich ist.
Eines Tages hatte Neckermann von dem gesamten schriftlichen Material seiner Gegner Kopien in seinem Panzerschrank, einschließlich der Abschriften von Verpflichtungsscheinen, auf denen die Verbandsmitglieder einander gelobt hatten, jeden Fabrikvertreter aus dem Haus zu weisen, dessen Firma auch für Neckermann arbeitet.
Hessens Verband der Mittel- und Großbetriebe weiß heute noch nicht genau, wie die Verbandssekretärin Martha Holz es fertigbrachte, von all den geheimen Dokumenten und vertraulichen Anweisungen unbemerkt einen Durchschlag für Neckermann anzufertigen.
Als dem Versandhändler schließlich auch der komplette Schlachtplan aus dem Restaurant "Wahl" vorlag, engagierte er vier Juristen und schlug zurück. Neckermann beantragte eine einstweilige Verfügung gegen die Boykott-Maßnahmen des Verbandes und erhob eine Zivilklage. Streitwert: eine Million Mark.
Als der Verband vor Gericht seine eigenen Unterlagen gegen sich sprechen lassen mußte, kapitulierte er sofort. Alle Boykott-Anweisungen wurden widerrufen. Die 40 000 Mark Kosten, darunter auch das Honorar für den damaligen Neckermann-Anwalt und heutigen Vizepräsidenten der Montanunion, Franz Etzel, zahlte die Verbandskasse.
Damit war Neckermann über den Berg. Sein Unternehmen setzte im Jahre 1950 bereits Waren im Werte von über zehn Millionen Mark um, und mit diesem Umsatz hatte Josef Neckermann zumindest wieder die Stellung im Textilhandel zurückerobert,
die er schon am Anfang seiner beruflichen Laufbahn als junger Mann innegehabt hatte. Bereits 1934 hatte nämlich der langaufgeschossene 23jährige Jüngling Neckermann in seiner Heimatstadt Würzburg mit seinem Kaufhaus Merkur und der Kaufhalle einen jährlichen Umsatz von mehreren Millionen Mark erzielt. Den Kaufpreis für diese Unternehmen - 275 000 Mark - hatte ihm damals seine Familie aus den Erträgen der väterlichen Kohlen-Großhandlung zur Verfügung gestellt.
Der junge Neckermann wollte schon damals nichts lieber sein als ein Handelskaufmann. Drei Jahre lang war er bei einer Filiale der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank in die Lehre gegangen und hatte dann kurze Gastrollen als Jungkaufmann bei der Hedwigs-Hütte AG in Stettin und in Londoner Handelshäusern gegeben. Als blutjunger Warenhausdirektor entwickelte er sich sehr bald zum Schrecken der seriösen, auf Tradition bedachten Einzelhändler Würzburgs. Neckermanns erster Vorstoß in die Gefilde der Preiskalkulation war ein Geschäft mit Lampen. Er kaufte von einer Glashütte große Mengen Lampenschirme, ließ sich gußeiserne Lampenfüße kommen und montierte seine Leuchten selbst. Da er solchermaßen die Zwischenhandelsspannen eingespart hatte, konnte er die Lampen billig anbieten. Sie verkauften sich glänzend.
Noch ehe er in Würzburg als drittes Unternehmen das Stoffgeschäft Vetter & Co. erwarb, und noch ehe er, der Katholik, eine Protestantin heiratete und damit die Würzburger verärgerte, hatte er nahezu ein Dutzend Strafanzeigen und Klagen des lokalen Einzelhandelsverbandes hinnehmen müssen. Der junge Kaufmann bekam mehr als einmal Wutanfälle, wenn er seine niedrig kalkulierten Verkaufspreise wieder heraufsetzen mußte, weil nach den damaligen gesetzlichen Bestimmungen keine Preispolitik betrieben werden durfte, "durch die ein Mitbewerber geschädigt" werden konnte.
Der Haß auf die spießbürgerlichen Kaufleute, die sich allen Neuerungen im Warenvertrieb hartnäckig widersetzten, ist bis heute nicht verraucht. Neckermann erläutert seine Gefühle von damals mit der Erklärung: "Ich bin in der Ära des Einzelhandels-Schutzes groß geworden. Und das war natürlich für einen strebsamen jungen Mann nicht das richtige."
Wie viele strebsame junge Männer ging Neckermann im Dritten Reich nach Berlin. Dort hatte er den Referenten des Wirtschaftsministeriums schon vorher oft seinen Kummer über die "sturen" Würzburger Händler geklagt. In Berlin bot ihm das Bankhaus Hardy & Co. im Jahre 1938 das der Arisierung unterworfene Textil-Versandgeschäft "Wäschemanufaktur Carl Joel" zum Kauf an. Mit dem Kauf dieses Betriebes hatte der junge Neckermann nun endlich die passende Branche gefunden. Alles, was er sich wünschte - Massenproduktion, Massenabsatz und Verzicht auf Zwischenhandelsstufen - , war im Versandgeschäft möglich. Neckermann zahlte für Joels Betrieb rund eine Million Mark. Seine Neider sagen, er habe damit das Geschäft seines Lebens gemacht.
Auf jeden Fall erkaufte sich Josef Neckermann mit dem Unternehmen Joel gründliche Vorkriegskenntnisse in der Versandbranche. Zu der Wäschemanufaktur gehörten eigene Textilfabriken, die Bettwäsche und andere Textilien für den Versand herstellten. Als Neckermann deshalb im März 1950 sein Versandhaus in Frankfurt am Main eröffnete, hatte er als ein Fachmann aus der Vorkriegszeit bereits einen festen, wenn auch nur zweitrangigen Platz in der standesbewußten Hierarchie der deutschen Versandhändler.
Das war von einiger Bedeutung, denn die Versand-Branche ist in Deutschland ein Tummelplatz für eigenwillige Köpfe, die sich gelegentlich auch untereinander in die Haare geraten. Nur profilierte und kampflustige Persönlichkeiten waren überhaupt imstande gewesen, eine Verkaufsmethode
durch Jahrzehnte lebensfähig zu erhalten, die zwangsläufig einen der wichtigsten mittelständischen Berufszweige, nämlich den Handel, zum Todfeind hatte.
Daß heute in der Bundesrepublik die Spezialproduktionen ganzer Landschaftsgebiete (Pforzheimer Schmuckwaren, Bielefelder Leinen- und Baumwollwaren, Kaffee und Tee aus Bremen und Hamburg) versandt werden, ist darauf zurückzuführen, daß der Versandhandel gegenüber dem herkömmlichen Warenvertriebs-System (Fabrik, Groß- und Einzelhandel) tatsächlich einige betriebswirtschaftliche Vorteile bietet:
▷ Da seine Kundschaft nicht auf einen Ort beschränkt ist, kauft der Versandhandel große Mengen ein. Das sichert ihm Mengenrabatte.
▷ Das Versandgeschäft kauft direkt ab Fabrik. Da es die Ware auch direkt an den Kunden weitergibt, kann es zumindest auf eine der Handelsspannen (Groß- oder Einzelhandel) verzichten.
▷ Der Versandhändler bringt seine Ware mit Hilfe von Postboten unter die Leute. Er spart deshalb die Kosten für Verkaufspersonal und Ladenmieten.
Die Versandhäuser sind den Ladengeschäften gegenüber auch psychologisch im Vorteil. Das auf dem Lande von Geschäften mit nur geringem Umsatz angebotene Warensortiment ist den Dörflern und Kleinstädtern oft nicht modern genug. Durch Filme und illustrierte Zeitschriften weiß man heute auch im letzten Heidedorf, was modern ist, und bezweifelt den modischen Wert des wenig vielseitigen Angebots
ortsansässiger kleiner Läden. Der weite Weg in die Stadt ist in der schlechten Jahreszeit mißlich, und so greifen die großstadtfernen Verbraucher zum Katalog, den man abends auf dem Sofa in Ruhe durchstudieren kann. Selbst wenn dann bestellt wird, ist das kein Risiko, denn das Versandgeschäft nimmt Waren, die dem Kunden nicht gefallen, anstandslos zurück, ohne daß der Reklamierende dem Verkäufer Auge in Auge gegenüberstehen muß.
Hinzu kommt, daß Landbewohner und oft auch städtische Verbraucher die Überredungskunst und Verkaufsroutine der Verkäufer in den Stadtgeschäften fürchten. Sie trauen sich nicht, ein Geschäft zu verlassen, ohne etwas eingekauft zu haben. Zu Hause ärgern sie sich dann über den Kauf einer Ware, die sie ursprünglich nicht oder zumindest nicht zu dem gezahlten Preis hatten erwerben wollen.
Bestimmte Waren, wie beispielsweise Bettwäsche, kaufen ganze Bevölkerungsschichten schon aus Tradition beim Versandhandel. Das im Jahre 1907 gegründete Textilversandhaus Witt in Weiden, das den Textilversand in Deutschland einführte, hat ganzen Generationen von Bräuten die Wäscheaussteuer ins Haus geschickt.
Im Gegensatz zum Versandhandel muß ein Ladengeschäft immer verkaufsbereit sein und auf die Kunden warten. Dadurch werden viele Stunden am Tage nutzlos vertan, für die volle Löhne zu zahlen sind. Da in einem Versandgeschäft die Arbeit gleichmäßig abgewickelt werden kann, ist die auch im Hause Neckermann praktizierte Rationalisierung möglich.
Dabei ist Neckermanns Mechanisierung noch nicht die modernste. In dem jüngst
in Betrieb genommenen Gebäude der Fürther Großversandfirma "Quelle" werden in einem völlig neuartigen, komplizierten System von Fließbändern und Paternoster-Aufzügen sogar die Erkenntnisse der Atomphysik ausgenutzt. Von einer Isotopen-Anlage gesteuert. treten hier automatisch Zusatz-Fließbänder in Aktion, wenn irgendwo der Paketstrom zu groß wird. Das neue Versandgebäude der "Quelle" gilt als die fortschrittlichste Anlage der Welt.
Da das Versandgeschäft beim Vertrieb von Massenartikeln erhebliche Vorteile bietet, gab es im Jahre 1950, als Josef Neckermann in Frankfurt sein Versandhaus eröffnete, in Westdeutschland schon wieder ebenso viele Versandgeschäfte wie vor dem Kriege im ganzen Reichsgebiet: 3000*). Nach zweijähriger Arbeit und nach der erfolgreichen Abwehr der Boykott-Attacke der hessischen Textilhändler zählte das Versandhaus in Frankfurt unter diesen 3000 Versandhandels-Unternehmen zu den zehn größten.
Neckermann hauste zur Zeit der Gründung seines Unternehmens in einer alten Reichsarbeitsdienst-Baracke in Oberursel bei Frankfurt. Da er drei Töchter seines tödlich verunglückten Schwagers und noch ein Flüchtlingskind adoptiert hatte und die Familie so auf neun Köpfe angeschwollen war, mußten die Neckermanns in der Baracke in übereinandergebauten Bettkojen
schlafen. Im Oktober 1951 konnte dann die ganze Familie die luxuriös ausgestattete Wohnung im Verwaltungsgebäude der Gesellschaft beziehen.
Nichts aber hätte den Namen Neckermann über die interessierten Kreise hinaus bekannt werden lassen, wenn der Frankfurter Versandchef sich mit der Rolle begnügt hätte, einer unter zehn Versandmagnaten zu sein, die preiswerte Textilware mittlerer Qualität und eines mittleren Genres an eine vorwiegend auf dem Lande wohnende Bevölkerung verkauften. Doch mit dieser Rolle begnügte sich Josef Neckermann nicht. Nach seinen eigenen Worten ist für ihn der Beruf ein Sport, bei dem es darauf ankomme, "den Leuten zu zeigen, was man kann".
Dieser Ehrgeiz ließ ihn in eine noch einsamere Außenseiter-Position hineinwachsen, als er sie schon als junger Handels-Rebell in Würzburg bezogen hatte. Man hatte Neckermann, als er 1948 zur Vorbereitung seines Versandgeschäftes in Frankfurt eine Textilgroßhandlung betrieb, die Aufnahme in den Großhandelsverband verweigert. Nachdem er wenige Jahre später wieder eine führende Stellung in der Versandbranche erobert hatte, lehnte er es seinerseits dickköpfig ab, in den Verband der Versandhändler einzutreten. Ohne Anlehnung an seine Kollegen unternahm er einen Alleingang, der einen radikalen Bruch mit der Tradition des vorwiegend auf Bekleidung ausgerichteten Versandhandels zum Ziele hatte: Neckermann wollte Radioapparate verkaufen.
Das war leichter gedacht als getan. Monatelang verhandelte der Versandhauschef mit der westdeutschen Radio-Industrie. Die neue, von Neckermann in Aussicht gestellte Absatzmöglichkeit war zwar für die Fabrikanten höchst verlockend, aber die Furcht vor ihren Tausenden von Abnehmern im Groß- und Einzelhandel war größer. Einige Fabriken zeigten wohl eine gewisse Bereitschaft, machten jedoch zur Bedingung, daß Neckermann die Radios zu den gleichen Preisen verkauft wie der Ladenhandel.
Nun ist aber gerade diese Preisbindung der zweiten Hand eine jener Maßnahmen, die Josef Neckermann mit Vorliebe zur Sprache bringt, wenn er von der rückständigen, eingerosteten Maschinerie des Handels spricht. Neckermann wollte den Verkaufspreis für sein Radio selbst bestimmen. So mußte sich der Außenseiter Neckermann auch nach einem Außenseiter in der Industrie umsehen.
Er fand ihn schließlich in Gestalt der Radiofirma "Apparatewerk Bayern, Dachau". Mit dieser Firma exerzierte Neckermann dann das, was er "der Industrie Impulse geben" nennt.
Neckermann verfügt über einen Stab hochqualifizierter Techniker. Diese Techniker setzten sich mit den Ingenieuren aus Dachau zusammen, und in wochenlangem Ringen, in dem Neckermanns Ingenieure den bayrischen Radiobauern praktisch vorschrieben, welches Material zu verwenden und wie die Bestückung des Gerätes
anzuordnen sei, wurde der Verkaufspreis von zunächst mehr als 200 Mark auf 187 Mark herunterexperimentiert.
Tatsächlich wurde Neckermanns Klaviertastensuper mit UKW, Mittel- und Langwellenteil der sensationelle Verkaufserfolg, der den Namen Neckermann über den Flüchtlings- und Landbewohner-Kundenkreis der Firma hinaus der breiten Öffentlichkeit bekanntwerden ließ. Die Bestellungen kamen waschkörbeweise in das weiße Haus am Ostbahnhof. Das magische Auge des westdeutschen Rundfunkhandels begann ob dieses Erfolges stark zu tränen.
Man entschloß sich, Neckermanns Reparatur- und Kundendienst zu boykottieren. Zeitungsinserate erschienen: Wir reparieren keine Neckermann-Erzeugnisse! Der Obermeister Jerg von der Elektro-Innung des Kreises Aalen faßte seine Mitglieder mit einem Rundschreiben bei der Standesehre. Er schrieb:
Wir machen unsere Mitglieder darauf aufmerksam, sich in keinem Falle als Handlanger für das Versandhaus herzugeben, was auch mit unserer Berufsehre in keiner Weise in Einklang steht, ganz abgesehen davon, daß wir Elektro- und Radiogeräte im eigenen Geschäft verkaufen können und hierzu keine Versandhäuser brauchen.
Der biedere Obermeister mußte sehr bald die gleiche Erfahrung machen, die zwei Jahre zuvor schon die hessischen Textilhändler vierzigtausend Mark gekostet hatte, daß nämlich Neckermanns Juristen in Wettbewerbsfragen hart zurückschlagen. Schon kurze Zeit nachdem das Boykottrundschreiben die Adressaten erreicht hatte, verurteilte das Landgericht Ellwangen die Aalener Elektro-Innung zum Widerruf.
Als Antwort auf den neuen Boykott schuf sich Neckermann einen eigenen Kundendienst mit etwa 40 Reparaturdienststellen in Westdeutschland. Er legte sich eine Flotte von fahrbaren Elektrowerkstätten (VW-Bussen) zu, die jeweils mit Reparatur-Geräten im Werte von 75 000 Mark ausgerüstet sind und von einem Elektromeister gefahren werden. Da diese fahrbaren Werkstätten nicht nur Radiogeräte, sondern sämtliche Elektroartikel reparieren, war das Geld für diesen kostspieligen
Kundendienst gut angelegt. Denn Neckermanns Absatz von Elektroartikeln steigt ständig.
Die Radio- Industrie reagierte auf das billige Rundfunkgerät zwiespältig. Sie war zwar über den neuen Konkurrenten keineswegs erfreut, in ihren Kommentaren aber klang häufig einiger Unmut über den Handel mit. Düsseldorfs "Industriekurier" schrieb: "Ausgenutzt wurden von dem Versandhaus die Bereiche, die eine große Typenvielfalt von in zweiter Hand preisgebundenen Markenartikeln aufweisen, mit der dem Einzelhandel das Heft in die Hand gegeben wurde. Dem Handel ist es bei diesen Artikeln mit der Zeit gelungen, die Handelsspannen zum Teil auf 100 Prozent und mehr heraufzuschrauben. Damit findet natürlich selbst der kleinste Händler noch seine Existenz. Das kleine Geschäft in der Vorortstraße braucht in der Woche nur einen oder zwei Apparate zu verkaufen, um bestehen zu können."
Nach dem Radiogerät baute das Frankfurter Versandhaus einen Phono-Super (Radiogerät mit Plattenspieler). Und als auch die Schallplatten-Industrie sich weigerte, ihn zu beliefern, produzierte Neckermann kurzerhand Platten in eigener Regie. Das Ergebnis: Seine Langspielplatten sind um etwa die Hälfte billiger als die über den Ladentisch verkauften. Systematisch erweiterte der trutzige Kaufmann sein Elektro-Sortiment.
Als sein Winter-Katalog 1954/55 außer Radios, Phono-Truhen und Waschmaschinen erstmalig ein Fernsehgerät anbot, war dem eine monatelange Erkundungsarbeit vorausgegangen. Wieder hatte ihn niemand beliefern wollen. Abermals jedoch fand der Frankfurter Kaufmann eine Außenseiter-Firma, die noch dazu in finanzieller Bedrängnis war. Die Körting-Werke in Grassau griffen nach dem Strohhalm, den ihnen Neckermann hinhielt. Techniker beider Firmen machten sich in nächtelangen Versuchen daran, das Neckermannsche "Weltblick-Modell" mit einer 43-cm-Bildröhre zu entwickeln, das heute zum Preis von 548 Mark das billigste Gerät dieser Art auf dem deutschen Markt ist.
Während die Ingenieure an den technischen Einzelheiten feilten, sichtete die
"Abteilung Marktforschung" Kundenbriefe und wälzte Bevölkerungs- und Einkommensstatistiken. Während Neckermann bei der Fertigung von Kleidern zunächst kleine Probeserien herstellen läßt, die dann in seinen Warenhäusern und unter der viertausendköpfigen Belegschaft zu Test-Zwecken angeboten werden, ließ er für die Elektro-Geräte von Marktforschungs-Instituten eine Sonderbefragung vornehmen.
Angeblich kann Josef Neckermann zur Zeit kaum so viele Fernsehgeräte liefern, wie die Kundschaft verlangt. Während sein Versandhaus den niedrigen Preis hält, haben einige Fernseh-Firmen den Preis ihres "Kampfgerätes gegen Neckermann" vor einigen Wochen von 698 Mark auf 748 Mark erhöht. Am Frankfurter Ostbahnhof höhnt man darüber: "Das ist doch nur gemacht worden, damit der Handel wieder seine Marge von 41 Prozent hat. Aber 41 Prozent oder 25 Prozent Handelsspanne, das bringt doch einen Unterschied von 150 Mark."
Tatsächlich drückt Neckermann in einigen Zweigen des Elektro-Angebots die westdeutschen Preise sichtbar herunter. Eindeutig ist das bei Kühlschränken der Fall. Als vor zwei Jahren der Neckermann-Kühlschrank (55 Liter Inhalt) für 295 Mark auf den Markt kam, fielen die Preise anderer Kühlschränke um zehn bis zwanzig Prozent. Josef Neckermann schwört auf die preissenkende Wirkung der Massenfertigung. Mengenprobleme haben ihn seit den Tagen seiner Würzburger Nachttischlampe immer fasziniert, und während des Krieges verschaffte ein Sonderposten in Berlin dem heutigen Versandkaufmann auf diesem Gebiet einmalige Erfahrungen.
Neckermann war den ganzen Krieg über u. k. gestellt. Obwohl erst 27 Jahre alt, spielte er als Eigentümer des Versandhauses Joel bereits 1939 in der Zweckvereinigung der Versandgeschäfte eine wichtige Rolle. Als damals die Kleiderkarten eingeführt wurden und dadurch die Existenz der Versandgeschäfte bedroht war, verfocht Neckermann gegenüber dem Reichswirtschaftsministerium temperamentvoll
die Ansicht, gerade dem Versandhandel erwüchsen in Kriegszeiten besondere Aufgaben für die Massenversorgung. Nach einer Betriebsbesichtigung beauftragte das Wirtschaftsministerium den Josef Neckermann schließlich, für die Dauer des Krieges alle nicht zur Wehrmacht gehörenden zivilen Kräfte des Reiches mit Textilien zu versorgen.
Zu diesem Zweck wurde die "Zentrallagergemeinschaft GmbH" gegründet. Eine Million des Gesellschaftskapitals übernahm der Direktor Karg vom Berliner Kaufhaus Hertie, die zweite Million stellte Josef Neckermann. Diese Zentrallagergemeinschaft führte fortan unter der Leitung ihres Hauptgeschäftsführers Neckermann Kriegs-Sonderprogramme durch. Sie versorgte die Westwall-Arbeiter mit Arbeitskleidung, Decken und Wäsche. Sie uniformierte die Beamten der Zivilverwaltungen (zum Beispiel die "Kartoffel-Leutnants") in den besetzen Gebieten, sie fertigte Kleidung für die Millionen "Ost"-Arbeiter.
Für den vierten Kriegswinter bekam die Zentrallagergemeinschaft sogar den Auftrag, die Soldaten der Rußland-Front mit Winterbekleidung auszurüsten. Ein Jahr zuvor hatte es noch geheißen, der deutsche Soldat werde sich seine Winterkleidung in Moskau holen. Im Winter 1942/43 sollte nun Neckermann mit seinem "Sonderprogramm A" die Ostfrontkämpfer wärmen.
Neckermann ließ Stoffe und Kleidungsstücke in Kältekammern ausprobieren. Er fertigte auch die aus Überfallhose und Jacke bestehenden gesteppten Tarnanzüge. Er ließ die grünen Fausthandschuhe herstellen, die nur einen Handschuhfinger zum Schießen freiließen, und er setzte es gegen den Willen des OKW durch, daß seine Winteranzüge an die Stelle der bis dahin benutzten Schneehemden traten.
Mit der Frage, warum trotz dieser Vorbereitungen auch im zweiten Rußland-Winter die Winterbekleidung teilweise erst im Januar an der Front eintraf, kann man heute in das stets beherrschte Pokergesicht Neckermanns einige Erregung bringen. Der ehemalige Geschäftsführer der Zentrallagergemeinschaft verteidigt sich energisch: "Die gesamte Winterbekleidung für die Ostfront war von uns am 1. September 1942 auf Lager geliefert, und zwar in Höhe von jeweils vier bis fünf Millionen Stück. Damit hatten wir unsere Aufgabe gelöst. Was dann zu spät an die Ostfront kam, ist in der Bürokratie des Heeres steckengeblieben."
Sein Amt im Kriege ließ den jungen Geschäftsführer, der meist im Berliner Hotel "Adlon" wohnte, auch mit einer ihm vorher unbekannten Branche vertraut werden: dem Diamantenhandel. Neckermann schleppte in den letzten Kriegsmonaten einen Blechkoffer mit sich, der bis an den Rand mit hochkarätigen Diamanten gefüllt war. Der Geschäftsführer der Zentrallagergemeinschaft besaß diese Diamanten, um mit ihnen, zum Teil über die Schweiz, Textilrohstoffe für seine Großprogramme aufzukaufen. Über die Diamanten durfte Neckermann "im Rahmen der durch das Reichswirtschaftsministerium vorbehaltenen Steuerung persönlich verfügen".
Noch am 23. Februar 1945 wurden ihm vom Berliner Bankhaus Sponholz & Co. Kassetten mit 12 941 Karat Diamanten übergeben. Der Geschäftsführer Neckermann wollte dafür noch in den Tagen des Zusammenbruchs in Oberitalien Rohstoffe einhandeln. Seine Zentrallagergemeinschaft hatte für die Diamanten 4 956 468 Papier-Reichsmark gezahlt.
Josef Neckermann geriet mit seinem Diamantenkoffer in den Strudel des Zusammenbruchs. Im April 1945 verließ er Berlin, um bei der provisorischen "Reichsgruppe Süd" als Textilfachmann für den Endsieg weiterzukämpfen. Kurz bevor ihn in Rottach-Egern amerikanische Panzer einholten, vergrub Neckermann die Diamanten in einen Kartoffelacker. Später versenkte er die Kassette nachts im Tegernsee.
Als die Kassette im Frühjahr 1946 wieder ans Tageslicht kam, wurde der glitzernde Inhalt amtlich registriert - zum Zwecke der Abwicklung der Zentrallagergemeinschaft. Der Juwelier Josef Förg stellte fest, daß die Kassette 9670 Karat Diamanten enthielt. Gegenüber der vom Bankhaus Sponholz ausgehändigten Menge ergab sich mithin ein Fehlbestand von rund 3270 Karat Diamanten. Josef Neckermann wurde verhört. Er konnte erklären, daß er im Auftrage des Reichswirtschaftsministeriums kurz vor dem Zusammenbruch "etwa 3100 bis 3300 Karat Diamanten" an den Leiter der vorgesehenen Außenstelle Nord des Wirtschaftsministeriums, Dr. Otto Kirchfeld, abgegeben habe.
Unter dem Aktenzeichen Nr. 3785/47 der Landpolizei von Bayern wurden die kriminalpolizeilichen Ermittlungen über Neckermanns Diamanten mit folgendem Vermerk abgeschlossen:
▷ "Im Hinblick auf die erwiesenen ehrlichen Bemühungen und die Tatsache, daß Neckermann den Nachweis über die fehlende Karatmenge zu erbringen vermochte, kommt ein strafbares Verschulden des Neckermann zumindest nicht in Frage."
Trotzdem sind in Kreisen, in denen Neckermanns Nachkriegserfolge mit Neid beobachtet werden, die Kombinationen nicht verstummt, nach denen zwischen den Diamanten und Neckermanns meteorhaftem Aufstieg ein Zusammenhang besteht.
Die Diamantenaffäre bereitete Neckermann nach dem Kriege keine Schwierigkeiten. Dennoch zögerte sich sein Nachkriegsstart als Versandhändler bis zum Jahre 1950 hinaus: Er hatte sich in den Maschen der alliierten Kontrollrats-Gesetze verfangen. Sein Vermögen war kraft Kontrollrats-Gesetzes Nr. 52 beschlagnahmt worden. Als der rastlose Kaufmann dennoch daranging, seine Würzburger Kaufhäuser wieder in Betrieb zu nehmen, wurde er verhaftet. Ein US-Militärgericht verurteilte ihn zu einem Jahr Zuchthaus.
Neckermann verbüßte die Strafe in der Strafanstalt Ebrach. Als man ihn entließ, wog er noch 89 Pfund, und eine heimtückische Bauchdrüsen-Tuberkulose zwang ihn
anschließend zu monatelangem Aufenthalt im Krankenhaus. Während Neckermann so zur Untätigkeit verurteilt war, sorgte ein schwarzhaariger kleiner Rumäne namens Hariton für Neckermanns Familie. Hariton, heute technischer Betriebsleiter des Versandhauses, war durch den rumänischen Handelsattaché in Berlin mit Neckermann bekannt geworden. Nun hamsterte er auf strapaziösen Rucksackfahrten Lebensmittel und ließ die schwergeprüfte Familie mit seinen Horoskopen auf bessere Zeiten hoffen.
Bevor jedoch diese besseren Zeiten anbrachen, mußte Josef Neckermann noch zwei schwierige Hürden nehmen. 1949 wurde er ein zweites Mal vor einem Militärgericht angeklagt. Dieses Mal lautete die Anklage, er habe - wieder unter Verletzung des alliierten Gesetzes Nr. 52 - einen Wirtschaftsprüfer beauftragt, die nach dem Westen verlagerten Betriebe und Anlagen der Zentrallagergemeinschaft GmbH zu liquidieren. Das neuerliche Verdikt lautete auf vier Jahre Zuchthaus und 30 000 Mark Geldstrafe. Neckermann legte Berufung ein.
Er erreichte es schließlich, daß ihn die amerikanischen Gerichte sowohl hinsichtlich der Vorwürfe im Zusammenhang mit der Zentrallagergemeinschaft als auch der bereits mit einem Jahr Zuchthaus geahndeten Anschuldigungen voll rehabilitierten. Sein recht beträchtliches Vermögen wurde freigegeben.
Auch die Auseinandersetzung mit dem inzwischen amerikanischer Staatsbürger
gewordenen Kaufmann Carl Joel nahm schließlich ein versöhnliches Ende. Neckermann hatte seinerzeit für den Erwerb der "Wäschemanufaktur Joel" eine Million Reichsmark in bar gezahlt und außerdem Verpflichtungen der Firma Joel übernommen. Aber die Kaufsumme, die damals durch den Druck auf arisierungspflichtige Betriebe für Neckermann recht günstig ausfiel, kam nie in Joels Hände. Joel mußte flüchten.
Der im Januar 1955 zwischen Joel und Neckermann geschlossene Vergleich sieht vor, daß alle Ansprüche Joels durch eine Zahlung Neckermanns in Höhe von etwa zwei Millionen Mark abgegolten sind. Seitdem hat Josef Neckermann die Hemmschuhe der Vergangenheit ausgezogen und besitzt volle finanzielle Bewegungsfreiheit für sein Versandunternehmen.
Die wiedererlangte Verfügungsgewalt über sein Privatvermögen gestattete dem Versandkaufmann, die Kapitalbasis des Unternehmens seinen Ideen von der Massenfertigung und dem Massenverkauf anzupassen. Nach dem Vergleich mit Joel konnte er auch einem seiner Kommanditisten, dem Baukaufmann Willy Kaus aus Hanau, eine Kapitaleinlage von drei Millionen Mark wieder auszahlen.
Außer der einen Million Mark Kommanditeinlage der Ehefrau Neckermann arbeitet noch ein Millionenbetrag der Grafen zu Derneburg-Münster (Vater und Sohn) in dem Versandgeschäft. Die größte Kommanditeinlage jedoch hält die "Investierungsgesellschaft für Industrie- und Handelsunternehmungen mbH". Hinter dieser Firma steht die Berliner Handelsgesellschaft, ein altes Bankhaus, zu dem Neckermann seit seiner Berliner Zeit gute Beziehungen unterhält. Die Investierungsgesellschaft hat ihren Kapitalanteil bei Neckermann in den letzten Wochen von 15 auf 20 Millionen Mark erhöht.
Diese geballte Kapitalkraft zieht immer wieder Industriefirmen an, die Neckermanns prompte Zahlungsweise höherschätzen als das Renommee beim Verband. Neckermann und seine Mitarbeiter wissen ihre Geschäftsfreunde auch abzuschirmen, wenn Detektive zu ergründen suchen, wer das Haus Neckermann beliefert.
Nur starke Firmen lassen das Firmenetikett auf ihrer an Neckermann gelieferten Ware, wie beispielsweise die Miederfabrik Spießhofer & Braun, die ihre Marke "Triumph" nennt. Sie ist eine der finanzstarken Firmen, die einen Boykott nicht zu fürchten brauchen. Weniger standfeste Firmen jedoch schlagen sich, wenn sie trotz aller Vorsichtsmaßnahmen als Neckermann-Lieferanten erkannt werden, sehr bald an die Brust und leisten Abbitte. So kommen Erklärungen zustande, wie etwa die im Verbandsblatt der Büroartikel-Branche veröffentlichte Erklärung der Firma Mundus GmbH:
Wir beliefern in Zukunft nicht mehr die Firma Neckermann mit der "Hermes-Baby". Wir haben uns von dem maßgebenden Fachhandel davon überzeugen lassen können, daß Schreibmaschinen tunlichst nur von einem Fachgeschäft vertrieben werden sollten.
Wer nicht kapituliert, muß mit wirtschaftlichen Nachteilen rechnen. So wurde der dem Fabrikanten Wilhelm Köppen in Lüneburg von der hannoverschen Großhandlung Bumke erteilte Auftrag über die Lieferung von Herden annulliert, als Hermann Bumke erfuhr, daß Köppen für Neckermann Kühlschränke zusammenbaut.
Als die Rundfunkindustrie sich weigerte, dem Josef Neckermann Röhren für seine Radios zu liefern, kaufte er Röhren in Frankreich ein. Als ihm die Kühlschrankbranche der Bundesrepublik die kalte Schulter zeigte, holte er die verweigerten Kühlaggregate aus dem Ausland herein. Die Luxemburger Firma "Siwi" war sofort bereit, dem Frankfurter Händler
Aggregate zu liefern, und seinen 92-Liter-Kühlschrank bezieht Neckermann komplett von der englischen Firma Pressed Steel Ltd., Oxford. Trotz der 21 Prozent Zoll und Abgaben kann Neckermann westdeutsche Geräte unterbieten.
Allerdings ist es kein Vergnügen, für Neckermann zu fabrizieren. Er selbst weiß, daß sich viele Hersteller "wahnsinnig alterieren" über sein sogenanntes "Impulse-andie-Industrie-Geben". Zusammenarbeit mit Neckermann bedeutet oft nicht mehr und nicht weniger, als daß das Fabrikationsbüro der Lieferfirma in das Haus Neckermann verlegt wird. Die Labors und Werkstätten am Frankfurter Ostbahnhof zerlegen jedes Gerät, jede Faser in ihre Bestandteile. Der Fabrikant muß auf Fragebogen erklären, wie das Metall, das er verwendet, legiert ist, was die Baumwolle gekostet hat, wie hoch die Spinnmarge und wie hoch der Kostenanteil der Löhne am einzelnen Produkt war: Neckermanns Rohstoffexperten sind stets genau über die Preisentwicklung auf dem Weltmarkt informiert.
Die Lieferfirmen müssen ein sogenanntes Pflichtenblatt unterschreiben. Das von der Firma Körting unterschriebene Pflichtenblatt für das Fernsehgerät "Neckermann-Weltblick" zum Beispiel enthält detaillierte Anweisungen, 27 an der Zahl, nach denen das Gerät so und nicht anders zu bauen ist.
Die Firma Neckermann scheut sich auch nicht, Verträge zu arrangieren, die den Einheitsbedingungen der westdeutschen Textilwirtschaft zuwiderlaufen. So müssen sich beispielsweise die Fabriken für den Fall, daß ein Artikel besonders gut abgesetzt wird, ausdrücklich verpflichten, Neckermann auch in den Saison-Monaten bevorzugt nachzubeliefern, selbst wenn das für sie einen Verdienstausfall bedeutet.
Diese Methode, nach der ein Händler dem Fabrikanten erklärt, wie er seine Ware zu produzieren habe, trägt viel zu
Neckermanns Isolierung bei. Manchmal wird das einem Fabrikanten noch nachträglich zuviel, so daß er selbst die Impuls-Ader zu Neckermann durchschneidet. Aber nicht nur mit Fabrikanten und Händlern lebt der Pfennigfuchser vom Frankfurter Ostbahnhof auf gespanntem Fuße. Auch in der eigenen, der Versandhandelsbranche, hat er nur wenige Freunde.
Mit Gustav Schickedanz vom Großversandhaus Quelle, das für sich in Anspruch nimmt, den größten Versandumsatz (ohne Kaufhäuser) zu haben, liegt Neckermann sogar in offener Fehde. Die Quelle-Männer hatten sich etwas Besonderes einfallen lassen, um in ihren 2,3 Millionen Katalogen für die Qualität ihrer Waren zu werben. Sie teilten mit, daß ihre sämtlichen Textilwaren einer Qualitätsprüfung durch das Forschungsinstitut Hohenstein unterworfen werden. Das biete den Kunden eine völlig neue Qualitätsgarantie, so daß sie "mit blindem Vertrauen kaufen" könnten. Neckermann focht diese Werbemethode wütend an.
Nach wochenlangem Verhandeln wurden schließlich im September dieses Jahres vierzehn Anträge auf einstweilige Verfügungen und eine ordentliche Klage durch einen außergerichtlichen Vergleich aus der Welt geschafft. Freunde sind die Frankfurter und Nürnberger Versandhändler dadurch aber nicht geworden.
Josef Neckermann hat seine Freunde in der Firma und in der neunköpfigen Familie. Der Betrieb ist der Mittelpunkt des Neckermannschen Lebens. Mutter "Annemie" ist federführend für die Kleidermodelle, und in dem großen, mit antiken Möbeln ausgestatteten kombinierten Wohn-, Musik- und Eßzimmer des Hauses bildet die Qualität von Neckermann-Erzeugnissen auch bei gesellschaftlichen Anlässen den Hauptgesprächsstoff. Meist sind die Abende mit geschäftlichen Besprechungen ausgefüllt. Deshalb hat stets eine Köchin bis nachts um zwei Bereitschaftsdienst. Hausherr "Nekko" lebt zum großen Teil von (Neckermann-) Kaffee und -Zigaretten.
Frau Neckermanns familiäre Gefühle sind nicht auf Mann und Kinder und auf die Belegschaft begrenzt. Durch einen regen Briefwechsel pflegt sie das direkte Gespräch mit der Kundschaft. Zu Weihnachten,
Ostern und zu anderen Festtagen verschenkt sie selbstverfaßte Gedichte und am Flügel im vierten Stock komponierte Lieder. In dem Neckermann-Band "Festgedichte", den mit Copyright-Schutz auszustaffieren die Firma für angezeigt hielt, stehen Reime für alle möglichen Anlässe, beispielsweise für Hochzeiten:
Habt lieb euch, vertragt euch
und kriegt viele Kinder,
und damit es geht
ein bißchen geschwinder,
wünsch'' ich euch Zwillinge
am laufenden Band,
darauf freuen wir uns
schon allesamt.
Das Band der großen "Versand-Familie" ist besonders eng zu den Dorfkunden geknüpft. Ganze Dörfer geben Sammelbestellungen auf (ein Sammelbesteller, der die Listen ausfüllt, bekommt drei oder fünf Prozent Provision). So ist es verständlich, daß kürzlich die Gemeinde eines Schwarzwald-Dorfes schrieb, da das ganze Dorf bei Neckermann einkaufe, sei es wohl nicht unbescheiden, Herrn Neckermann um die Finanzierung der dringend benötigten neuen Feuerspritze zu bitten.
Neckermanns einziges Hobby ist der Reitsport, den er mit sehr beträchtlichem
Erfolg ausübt, wovon eine umfangreiche Sammlung von Pokalen Zeugnis gibt. Seinen letzten größeren Sieg errang der Versandhauschef vor einem Jahr bei einem Jagdspringen in Hamburg, wo er mit null Fehlern in 119 1/5 Sekunden vor Fritz Thiedemann (128 4/5 Sekunden) den ersten Platz belegte. Neckermann unterhält in Niederrad bei Frankfurt einen eigenen Reitstall und besitzt außer seiner Lieblingsstute "Duclas" noch fünf Pferde. Morgens zwischen sieben und acht sitzt oft die ganze Familie im Sattel.
Wie im Berufsleben, so liebt Josef Nekkermann auch auf dem Parcours Hindernisse. Flachrennen besucht er nicht. Selbst beim Reitsport behält er noch einen Fuß in seinem Geschäft. Er bekennt: "Ich betrachte den Sport als etwas Lebensnotwendiges, denn es gibt nichts, was einem ehrlicher die Antwort auf die Frage gibt, ob man noch leistungsfähig ist und über eine gewisse Spannkraft verfügt."
Der Reitsport ist ihm auch Sprungbrett für seine seltenen Ausflüge in die Gesellschaft. Unter den alteingesessenen Millionärs-Familien Frankfurts*) hat ein Versandhändler Mühe, nicht wie ein Hausierer unter Ladenbesitzern angesehen zu werden. Da aber Josef Neckermann als glänzender Reiter bekannt ist und man auch seine Finanzkraft hoch einschätzt, wurde ihm im Frühjahr dieses Jahres vom Frankfurter Reit- und Fahr-Club die Aufgabe anvertraut, in Frankfurt nach fünfzehnjähriger Pause wieder ein großes Reitturnier zu organisieren. Neckermann stellte dafür sofort sein ganzes Werbebüro zur Verfügung, stiftete Preise und übernahm das gesamte finanzielle Risiko.
An dem im "Palmengarten", seit 1873 Frankfurts Gesellschaftshaus, veranstalteten Fest und an dem Reitturnier nahm dann in der Tat die ganze deutsche Reiterprominenz teil. Josef Neckermann machte auf dem Reiterball im Frack die Honneurs. Auf den Tischen war für die Millionärs-Gattinnen mit feinsinnigem Werbe-Effekt Neckermanns Schokolade (Tafel 0,95 Mark) ausgebreitet, die Neckermann von seinem Schweizer Gesinnungsgenossen Gottlieb Duttweiler bezieht. Seit diesem Reiterfest ward Josef Neckermann in Veranstaltungen der großen Frankfurter Gesellschaft nicht mehr gesehen.
Er bleibt gesellschaftlich wie wirtschaftlich ein Einzelgänger. Für sein Unternehmen ist es dabei lebenswichtig, daß er in Kreisen der Hersteller Einzelpersönlichkeiten findet, die mit ihm Geschäfte machen. Er ist deshalb erklärter Gegner einer überspitzten Mittelstandspolitik mit staatlicher und parlamentarischer Unterstützung, etwa durch Berufsordnungen oder ähnliche Schutzgesetze.
Er unterstützt mit glühendem Eifer Professor Erhards Kampf für ein hartes Kartell(verbots)gesetz, nicht zuletzt deshalb, weil bindende Preisabsprachen zwischen den Fabrikanten (Preiskartell) es ihm erschweren würden, zu Ausnahmepreisen
Ware zu beziehen und unter Ladenpreis zu verkaufen. Neckermann ist der Ansicht, daß es gleichbedeutend mit dem Ende der freien Marktwirtschaft wäre, wenn der gegenwärtig vorliegende, "weiche" Entwurf eines Kartellgesetzes vom Bundestag angenommen würde. Betriebe, die nicht mehr rationalisierungsfähig sind, müssen nach Neckermanns Ansicht sterben. Das sei nicht zu ändern.
Mit seinen Kühlschränken, Fernsehapparaten und Radiogeräten spricht Nekkermann mehr und mehr auch städtische Bevölkerungskreise an und macht so das Versandhaus selbst in Großstädten allmählich salonfähig. Die Kaufhäuser, die er neben seinen Versand-Annahmestellen in Westdeutschland eröffnet hat, geben auch mißtrauischen Kunden - die einen Kauf lediglich auf ein Photo im Katalog hin ablehnen würden - Gelegenheit, Neckermanns Ware selbst zu begutachten und sie zum Katalog-Preis mit nach Hause zu nehmen.
Der Versandhandel wird gutgeführten Fachgeschäften jener Branchen kaum gefährlich werden, in denen es auf große Auswahl gleicher Artikel, auf fachmännische Beratung und individuelle Bedienung besonders ankommt. Solche Fachgeschäfte,
die ein großes Sortiment auf Lager halten, haben notwendigerweise auch höhere Allgemein-Unkosten als das auf geringere Auswahl und vor allem auf Stapelware eingestellte Versandgeschäft. Geschmackvolle Frauen lieben es nicht, auf dem Sonntagsspaziergang ihrem Neckermann-Modell zu begegnen; das Kleid "Britta" hat Neckermann beispielsweise bis jetzt 63 000mal verkauft.
Bei Artikeln jedoch, an denen die Verbraucher eine gewisse Uniformität nicht stört, billigen die Volkswirtschaftler allgemein dem Versandhandel eine echte preisregulierende Funktion zu. Zweifellos hält die Existenz von Versandgeschäften auch jene Bestrebungen zur Vereinfachung des Warenvertriebs wach, die sich in Westdeutschland schon seit einigen Jahren durch die Einführung sogenannter "Handelsketten"*) abzeichnen.
Viele westdeutsche Handelsbetriebe erreichen nicht jene optimale Betriebsgröße, bei der dank großer Umsätze mit niedrigen Kosten gearbeitet werden kann. Außerdem ist die Zahl der Großhandelsfirmen im Bundesgebiet von 17 245 vor dem Kriege auf 39 871 nach dem Kriege angestiegen. Selbst wenn man den Bevölkerungszuwachs in Westdeutschland berücksichtigt, entspricht das noch immer einem Anstieg der Zahl der Großhandlungen um mehr als die Hälfte.
Nicht zuletzt auf diese kostentreibende Situation der Handelsfirmen ist der Nachkriegserfolg des Versandwesens in Westdeutschland zurückzuführen: Vor dem Kriege entfielen auf die rund dreitausend Versandhandelsfirmen im Reichsgebiet 2,3 Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes. Heute ist die Zahl der Versandhändler in der Bundesrepublik auf über viertausend gestiegen, und ihr Anteil am Einzelhandelsumsatz hat sich auf fünf Prozent erhöht.
Als eine der rationellsten Vertriebsformen hat der Versand inzwischen sogar Eingang beim herkömmlichen Textilhandel gefunden. Gegen die Proteste aus den eigenen Reihen schlossen sich vor einigen Wochen in Düsseldorf etwa 60 Firmen unter dem Namen "Kronen-Versand GmbH" zu einer Versandhandels-Organisation zusammen. Auch die westdeutschen Konsumgenossenschaften haben ihr Versandgeschäft ständig ausgedehnt, und für den Fall, daß der Ladenschluß an Sonnabend-Nachmittagen in der Bundesrepublik Gesetz wird, haben zahlreiche westdeutsche Großkaufhäuser bereits in einer Geheimabsprache beschlossen, einen eigenen Versandhandel zu betreiben.
In dem Frankfurter Händler Josef Neckermann hat das Versandgeschäft einen temperamentvollen Vorreiter gefunden, dessen Ehrgeiz noch lange nicht befriedigt ist. In dem weißen Haus am Frankfurter Ostbahnhof liegen die Pläne bereit, nach denen sich die Neckermann Versand KG, ebenso wie die Fürther "Quelle", demnächst auch in die westdeutsche Motorisierung einschalten will.
Über den Bau eines preiswerten Mopeds verhandelt Neckermann bereits seit einiger Zeit. Als zweite Etappe ist vorgesehen, ein modernes Klein-Automobil in das Verkaufsprogramm aufzunehmen. Über den Preis dieses neuen Wagens sagt Josef Neckermann nur: "Er kostet höchstens 2500 Mark." Ob und wie diese Pläne zu realisieren sind, bleibt zunächst noch Nekkermanns Geheimnis.
Verschwörer tagen im Klubzimmer Die Leuchte von Würzburg "Witt" steuerte die Bräute aus Ein Außenseiter baut die Radios Tarnanzüge für die Ostfront Diamanten im Tegernsee Detektive forschen nach Lieferfirmen Ein Auto für 2500 Mark?
*) Unter ihnen nehmen außer Neckermann eine führende Stellung ein: Großversandhaus Quelle, Witt in Weiden, Photo-Porst, Schöpflin in Haagen, Wündisch in Augsburg, Hamburger und Bremer Großversender von Kaffee und Tee u. a. Die große Zahl der Firmen erklärt sich nicht zuletzt aus der Fülle kleiner und kleinster Versandgeschäfte, zu denen auch Buch- und Postkartenversender, Versandgeschäfte für diskrete Artikel usw. gehören.
*) In der Stadt Frankfurt und Umgebung wohnen 135 Personen mit mehr als einer Million Mark steuerpflichtigem Jahreseinkommen.
*) Dabei schließt sich ein großer Kreis von Einzelhändlern zusammen, um die Preisvorteile des Masseneinkaufs in Anspruch nehmen zu können.

DER SPIEGEL 44/1955
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