23.11.1955

SEGELFLIEGERSonntags in die Sowjetzone

Die Sturheit der westalliierten Kommandantur für Westberlin hat dem "Zentralen Flugsport-Club" der Sowjetzone eine offensichtlich freudig übernommene Gastgeberrolle beschert.
Die Rolle der Gäste spielen die Westberliner Segelflieger, denen jetzt langersehnte Flugfreuden bevorstehen, falls die letzten Wochenenden dieses Herbstes annehmbares Flugwetter bringen.
Unter dem Motto: "Besser in sowjetzonaler Luft als gar nicht geflogen" hat der Luftfahrtverband Berlin e. V. im Deutschen Aero-Club mit dem "Zentralen Flugsport-Club", einer Gliederung der sowjetzonalen Wehrsportorganisation "Gesellschaft für Sport und Technik" (GST), jüngst vereinbart, daß Westberlins Flugsportler künftig auf dem Flugplatz Schönhagen bei Trebbin in der Sowjetzone Trainingstage abhalten dürfen.
Der Auftakt dieser deutschen Wiedervereinigung auf luftsportlichem Gebiet fand am vorletzten Sonntag in Form gemeinsamer Trainingsbesprechungen mit den Segelfliegern der GST auf dem Flugplatz Schönhagen statt. Westliche Teilnehmer: mehrere Fluglehrer und Gruppenleiter des Luftfahrtverbandes Berlin.
Diesem Treffen war sieben Wochen zuvor ein erster verbandsoffizieller Besuch der Westberliner Segelflieger in Schönhagen vorausgegangen. Mit Genehmigung des Sportverbandes (West-)Berlin e. V. und mit Wissen des Westberliner Senats fuhren nach Schönhagen:
▷ der Präsident des Luftfahrtverbandes Berlin, Rechtsanwalt Dr. Heye Straatmann;
▷ sein Sachverständiger für Segelflug, Heinz Schubert;
▷ der Sachverständige für Motorflug, Wolfgang Boettger, und
▷ elf weitere Luftfahrtverbands-Mitglieder.
Die 14 Herren fuhren teils in eigenen Wagen, teils in einem Omnibus der GST nach Schönhagen. Sie wurden von einer stattlichen Abordnung der GST-Spitze unter Führung des stellvertretenden Leiters der "Abteilung Flugsport" in der GST, Scholz, empfangen und im Auftrage des Vorsitzenden des GST-Zentralvorstandes, des SED-Mitglieds Richard Staimer, mit belegten Brötchen bewirtet.
Auch sonst wurden die Westberliner großzügig behandelt. Mit Erlaubnis des Leiters des "Zentralen Flugsport-Clubs", Fritz Fliegauf, durften sie die in Schönhagen stationierten rund 30 Schul- und Leistungsflugzeuge nicht nur besichtigen, sondern auch nach Herzenslust fliegen, ohne nach ihren segelfliegerischen Kenntnissen gefragt worden zu sein.
Das Fazit des Tages: Die Teilnahme am Schönhagener Segelflugbetrieb soll ab sofort jedem Westberliner Segelflieger erlaubt sein. Wettbewerbe und Erfahrungsaustausch können bis nach Polen ausgedehnt werden, wo die Segelfliegerei nach dem Kriege schnell an die Weltklasse Anschluß gefunden hat.
Zur Bequemlichkeit der Westberliner Segelfliegerkameraden wird die GST mit eigenen Omnibussen einen Schnellverkehr von der Berliner Sektorengrenze nach Schönhagen einrichten und dafür sorgen, daß der Passierscheinzwang (der gegenüber anderen Westberlinern durchweg zu einer bürokratischen Schikane ausartet) nicht lästig falle.
Genosse Scholz ging schließlich so weit, seinen Westberliner Gästen einen weiteren Flugplatz anzubieten, der von Westberlin aus bequemer zu erreichen ist als Schönhagen: etwa in der Nähe des früheren Berliner Segelfluggeländes bei Staaken an der Autostraße nach Hamburg.
Wie attraktiv das volksdemokratische Anerbieten wirken mußte, wird angesichts der Anstrengungen verständlich, die der Luftfahrtverband Berlin bisher unternommen hat, um sich innerhalb der engen Grenzen der Westsektoren Trainingsmöglichkeiten zu verschaffen.
Seit über fünf Jahren versucht er vergeblich, den Widerstand der für dieses Problem allein zuständigen westalliierten Besatzungsbehörden zu überwinden.
Bisher wurde jeder Vorstoß des Luftfahrtverbandes von der Westalliierten Kommandantur mit Hinweisen auf die Bestimmungen des Potsdamer Abkommens und des Kontrollratsgesetzes Nr. 43*) abgeschlagen, sogar die Bitte, einen der beiden großen, inzwischen stillgelegten Luftbrücken-Flugplätze - Gatow oder Tegel - für kurze Gleitflüge der Anfänger-Schulung unter alliierter Aufsicht zu stellen.
So kam es, daß Westberlins Segelflieger übers Wochenende bis Braunschweig oder Lübeck fahren mußten, wenn sie Übungsflüge
absolvieren wollten. Neuerdings können sie es bequemer und billiger haben, dank dem Entgegenkommen der stets auf politischen Seelenfang bedachten Ostberliner Parteisportler, denen das Dilemma des Westberliner Luftfahrtverbandes nicht entgangen war.
Schon vor zwei Jahren hatte der östliche "Flugsport-Club" die Westberliner Segelflieger unter der Hand wissen lassen, daß sie ihren Sport in der Sowjetzone einfacher und billiger ausüben könnten - eben auf dem Flugplatz Schönhagen.
Die Westberliner, die schon damals - offiziell ohne Wissen ihres Verbandes - der Einladung nach Schönhagen folgten, erhielten aus dem Mammutfonds der sowjetzonalen "Gesellschaft für Sport und Technik" (GST) Tagegelder in Höhe von acht bis zehn Mark, damit sie sich in der Schönhagener Segelflieger-Kantine stärken konnten.
Politische Gegenleistungen wurden von ihnen nicht verlangt. Auch die GST-Segelflieger hatten nur für unpolitisches Fachsimpeln Interesse. Und bei Wettbewerben, an denen die Westberliner teilnahmen, wurden für sie besondere, unpolitische Preise bereit gehalten. Sieger aus der Sowjetzone mußten sich dagegen mit Trophäen "fortschrittlichen" Charakters zufriedengeben.
Im vergangenen Sommer wurde dem Berliner Luftfahrtverband klar, daß die Anziehungskraft Schönhagens unter diesen Umständen schlechthin unwiderstehlich ist. Sogar Segelflieger in der Bundesrepublik ließen sich locken. Die Zahl der Westberliner und westdeutschen Teilnehmer an der Luftsportschulung der GST
soll im vergangenen Jahr 500, in diesem Jahr bisher 700 betragen haben.
Indes lag dem Westberliner Verband - auch aus unpolitischen Gründen - daran, seinen Mitgliedern endlich innerhalb Westberlins das Recht zum Segelfliegen zu sichern. Doch fand Präsident Dr. Straatmann bei den Alliierten kein Gehör.
Der Berliner Senat hat seit 1951 viermal die begrenzte Freigabe des Segelflugs in Westberlin beantragt. Sein letztes Gesuch vom März 1955 ist bis heute nicht beantwortet worden. Als dann Dr. Straatmann vor gut sieben Wochen beim Senat
anfragte, ob er die GST-Einladung zum ersten offiziellen Gespräch mit den sowjetzonalen Segelfliegen annehmen könne, sagte man ihm, er solle das ruhig tun. Das Ergebnis werde sich dann schon bis London und Washington herumsprechen und dortige Stellen veranlassen, die Berliner Kommandantur zur Änderung ihrer bisherigen Einstellung anzuhalten.
Luftfahrtverbands-Präsident Dr. Straatmann hat inzwischen die Alliierte Kommandantur in Westberlin schriftlich von den Segelflieger-Ausflügen nach Schönhagen unterrichtet.
*) Das Kontrollratsgesetz Nr. 43 verbietet die Herstellung, Einfuhr, Ausfuhr, Beförderung und Lagerung von Kriegsmaterial. Als "Kriegsmaterial" gelten nach diesem Gesetz auch "Luftfahrzeuge jeder Art, schwerer oder leichter als Luft, mit oder ohne Antriebsvorrichtungen, unter Einschluß von Drachen ..."

DER SPIEGEL 48/1955
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