21.12.1955

SCHWEDEN / FAMILIENNAMENDie Pyramide bröckelt

Mit einiger Sorge schauen Tausende schwedischer Bürger auf eine alte Stockholmer Kaserne. Sie erwarten aus dem roten Backsteingebäude ein Neujahrsgeschenk besonderer Art: einen neuen Namen.
Jene Stockholmer Kaserne beherbergt das Statistische Amt. Eine Abteilung dieser Behörde ist "Statens Namnbyrå", das staatliche Namenbüro. Jetzt vor dem "Jul"-Fest, das sich bis zum "Trettondaeg" (dem dreizehnten Tag, 6. Januar) in das neue Jahr hinzieht, schwitzen die Beamten des Namenbüros hinter riesigen Aktenbergen nicht weniger als die Verkäuferinnen der großen Warenhäuser. Es gilt, möglichst viele der drängenden Kunden noch vor den Feiertagen mit einem neuen Namen zu bedienen. Sie wollen sich ihr begehrtestes Weihnachtsgeschenk, das neue Namensschild, zum 1. Januar, wenn die Bekannten ihren Neujahrsbesuch abstatten, an die Haustür schrauben.
Daß Schwedens Bürger in so großer Zahl mit ihren Familiennamen unzufrieden sind, beruht auf einer kuriosen Eigenart des Landes: Über 20 Prozent der Bevölkerung, rund 1,5 Millionen von sieben Millionen Schweden, tragen einen der fünf Namen: Andersson, Johansson, Karlsson, Nilsson und Svensson. Auf die beiden ersten dieser Massennamen hören je fünf Prozent der Bevölkerung.
Außerdem sind sehr viele weitere Familiennamen durch Anhängen des "son"
an andere Vornamen gebildet, wie etwa Petersson, Persson, Gustavsson. Insgesamt tragen nicht weniger als 47,4 Prozent aller Schweden einen "son"-Namen*). Aber auch andere Familien-Titel, die auf -berg, -ström, -lund oder -kvist enden, sind in ungewöhnlicher Vielzahl vertreten. So heißen beispielsweise je 0,3 Prozent der Bevölkerung, also immer noch halb so viele wie in Hamburg Meier, Lundberg und Bergström**).
Diese Namenshäufungen entstanden dadurch, daß sich bis zum Jahre 1901 jeder Schwede nennen konnte, wie er wollte. Der Name mußte nur beim Pastor in das Kirchenbuch eingetragen werden.
Es war seit jeher weitverbreitete Sitte, die Kinder nicht mit Familiennamen, sondern
nach dem Vornamen des Vaters zu benennen, dem man ein schlichtes "son" (Sohn) oder "dotter" (Tochter) anhängte.
Dem schwedischen Gefängnisdirektor Sigfrid Wieselgren blieb es vorbehalten, diesen unbürokratischen Praktiken ein Ende zu bereiten. Er hatte nämlich die für einige Adelshäuser recht betrübliche Feststellung machen müssen, daß sich viele seiner Kunden mit wohlklingenden Adelsnamen ausgerüstet hatten. Auf Wieselgrens Betreiben nahm der Reichstag schließlich 1901 eine Familiennamenverordnung an, die alle - größtenteils nach Rufnamen gebildeten - Namen wie Karlsson oder Johannsson zu Familiennamen erhob und sie vor weiteren Veränderungen sicherte.
Seither war die Namenspyramide in dem Land der Massennamen, in dem alte und auch altmodische Gesetze eine große Rolle spielen, zu einer ungeschriebenen gesellschaftlichen Rangordnung geworden.
Die unterste Schicht dieser Pyramide war das Heer der gewöhnlichsten "Sons".
Etwas höher rangierten die selteneren übrigen "Sons", wie Gunnarsson oder Martinsson.
Darauf fußten die guten Mittelstandsnamen, die auf "ström", "dahl", "lund" oder "berg" endeten.
Als Spitze vor den untersten Adelsschichten schließlich konnte man die stolzen "Kvists", wie Rosenkvist, Lindkvist oder Almkvist, betrachten.
In Kreisen des bürgerlichen Mittelstandes und der traditionsbeladenen Armee spielte diese Ordnung eine gewaltige Rolle. Noch heute werden die Menschen in der Provinz oder die Mannschaften beim Militär von der Beamten- und Offizierskaste der "Kvists", "Ströms" und "Lunds" regiert.
Wie sehr diese Ordnung trotz jahrzehntelanger sozialistischer Umerziehung heute noch eingehalten wird, zeigt das Beispiel des Sergeanten Persson. In der Garnison des stolzen 8. königlichen Kavallerieregimentes zu Umeå hatte er sich als Turnierreiter von internationaler Klasse hervorgetan.
Zweimal, bei den Olympischen Spielen 1948 und 1952, verteidigte er die Reiter-Ehre seines Vaterlandes. Jedesmal wurde er für die Zeit, in der sein Name auf den Titelseiten der Weltpresse erschien, zum Fähnrich gemacht, auf daß er seinen Kampfgenossen aus anderen Ländern ebenbürtig wurde.
Obgleich ihm seine Vorgesetzten bescheinigten, daß er auch außerhalb des Sattels einen tüchtigen Offizier abgäbe, mußte Fähnrich Persson nach jeder Olympiade die goldenen Tressen wieder von seinem Uniformrock abtrennen. Er wurde wieder zum schlichten Sergeanten, denn ein Leutnant oder gar ein Rittmeister in einem königlichen Kavallerieregiment mit dem vulgären Namen Persson wäre eine gesellschaftliche Unmöglichkeit gewesen.
Nun gab es zwar immer Bestrebungen, den schicksalhaft degradierten und vor Verwechslungen
aller Art nicht froh werdenden "Sons" zu helfen. Schon 1920 erarbeiteten zwei Sprachwissenschaftler ein "Svensk Namnbok" (Schwedisches Namenbuch), das mit gutgemeinten Namenvorschlägen gefüllt war.
Aber nur wer sich dazu überwand, ein in vollendeter Form gehaltenes Gesuch an den König zu schreiben, was man der Überlieferung nach nur in großer Not und mit Hilfe eines teuren Anwalts tat, hatte eine Möglichkeit, von seinem Namen loszukommen.
Im Jahre 1946 erließ der König schließlich eine Verordnung, die es den "Sons" wesentlich leichter machte, zu einem neuen Namen zu kommen. Seither wird über die Anträge im Statistischen Amt entschieden. Jeden Mittwoch werden der Leiterin des Amtes, dem ehemals ersten weiblichen Minister Karin Kock, die fertig bearbeiteten Namengesuche zur Entscheidung vorgelegt.
Um Arbeit braucht das Namenbüro keine Sorge zu haben. Ständig sitzt das Wartezimmer voller Menschen, die ratlos in dem umfangreichen Namenverzeichnis "Svensk Namnbok" blättern. Es ist schwer zu entscheiden, ob sich die zukünftigen Generationen einer Familie (übersetzt) "Gabel", "Krummhorn", "Fußboden", "Eichenkranz" oder "Palmenbirke" nennen sollen. Solche staatlichen Namenvorschläge wurden von bedeutenden Philologen des Landes in mühevoller Arbeit zusammengestellt.
Der Verschleiß an Namen ist außerordentlich groß. Denn es sind nicht nur die mehr als drei Millionen "Sons", denen nach den neuen Vorschriften bessere Namen zugebilligt werden, sondern auch beispielsweise Personen, die sich durch einen gleichnamigen Kriminellen verunglimpft fühlen oder die ihren Familiennamen mit anderen Personen im gleichen Haus teilen und deshalb ständig unter Verwechslungen zu leiden haben. Selbst Verbrecher können, wenn sie nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis Reue zeigen
und versprechen, sich zu bessern, von dem an ihre Untaten erinnernden Namen befreit werden.
Der Inhalt des schwedischen Namenbuches schrumpft allerdings rapide, denn aus übergroßer Angst vor neuen Namenshäufungen wurde verordnet: Jeder sauer erarbeitete neue Name darf nur einmal vergeben werden.
So ist es verständlich, wenn das "Släktnamnskommitté (Familiennamenkomitee), das mit der Schaffung neuer Namen beauftragt wurde, den erforderlichen Nachschub kaum produzieren kann. Deshalb wird den Antragstellern auch anheimgestellt, sich diejenige Buchstabenfolge, die ihre Kinder und Kindeskinder ein Leben lang als Unterschrift verwenden sollen, in amateurmäßiger Heimarbeit zusammenzubasteln.
Hierbei sind allerdings genaue Vorschriften der Sprachästhetik zu beachten. Allzu gewagte private Schöpfungen, wie Löwengebrumm, Putzdauz, Rußland oder Casanova, wurden von den Philologen nicht für wert befunden, in den schwedischen Namenschatz aufgenommen zu werden.
Oft dienen Wohnorte oder auch Spitznamen als Vorlage für neue Familiennamen. So wurden die beiden bekannten Fußball- und Eishockeystars Hans und Stig Andersson, die Zwillingsbrüder sind und deshalb in Sportlerkreisen "Die Zwillinge" genannt wurden, auf "Tvilling" umgetauft.
Mit jedem Namen, der durch diese Aktion geändert wird, bröckelt ein Stein aus der Namens- und Gesellschaftspyramide. 64 000 in den letzten Jahren erfundene Schwedennamen haben bereits die ersten Risse in dem altertümlichen Bauwerk sichtbar werden lassen. 1907 gab es nicht mehr als rund 16 500 verschiedene Familiennamen.
Die eigentlichen Abbrucharbeiten begannen jedoch erst in diesem Jahr. Die Gebühren sind gering. Ein neuer Familienname kostet nur sechzehn Mark und 20 Pfennig.
*) Im neuen Adreßbuch der Stadt Hamburg entfallen von etwa 800 000 Eintragungen 4500 auf den Namen Meier (in allen möglichen Schreibweisen), das sind etwas mehr als ein halbes Prozent der Adreßbuch-Eintragungen.
**) Insgesamt gibt es in Schweden 43 vornehmlich nach den Endungen bestimmte Namensgruppen. Bei der Untersuchung eines repräsentativen Querschnitts von 17 487 Personen ergab sich folgende Verteilung auf die 43 Namenstypen: Es enden auf -son: 8294 Personen oder 47,4 % -berg: 2017 Personen oder 11,5 % -ström: 1439 Personen oder 8,2 % -gren: 876 Personen oder 5,0 % -in: 666 Personen oder 5,0 % -lund: 604 Personen oder 3,5 % -man: 599 Personen oder 3,4 % -kvist: 578 Personen oder 3,3 % Der Rest von 13,9 Prozent verteilt sich auf 35 weniger häufige Namentypen.

DER SPIEGEL 52/1955
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