30.08.2004

RECHTSCHREIBUNG„Völkischer Aufbruch“

Während der NS-Zeit planten linguistische Eiferer eine radikal veränderte Rechtschreibung. Zwar stoppte Hitler selbst das Projekt - aber die Ideologen machten nach Kriegsende weiter.
Der Plan war von perfider Logik: Um ein Volk zu knechten, brauche man nur seinen Kulturstolz zu zerrütten. Am wirksamsten sei dafür die "Störung des sprachlichen Selbstbewußtseins".
So schrieb 1942 der Linguist Georg Schmidt-Rohr. Ein kompletter Wechsel des Schriftsystems etwa führe zur völligen "Erschütterung des geschichtlichen Bewußtseins" und zur "Entwertung des Schrifttums" früherer Zeiten - dabei mochte er an die Türkei denken, die 1928 das lateinische Alphabet eingeführt hatte.
Dergleichen könne für den besetzten Osten Europas nur recht sein, meinte der Schreibtischstratege. Eine neue, besondere Schrift für das Ukrainische werde die "sprachpolitische Aufspaltung des russischen Reiches" in Gang bringen; auch in Polen könnte man "durch Einführung einer neuen Rechtschreibung" den bekanntermaßen starken Geschichtssinn brechen. Ein "Geheimes politisches Sprachamt" sollte die Zersetzungsarbeit steuern.
Gehör fand Schmidt-Rohrs Vorschlag in der NS-Bürokratie nicht mehr. Denn dort verfolgten eifrige Neuerer seit längerem ganz ähnliche Ziele - ironischerweise für das Deutsche selbst. Natürlich wurde der Traditionsbruch, um den es ging, nicht als solcher verkündet; ein "völkischer Aufbruch" sollte es werden. Wenn Reinhard Markner zu schildern beginnt, was er und sein Mitstreiter Hanno Birken-Bertsch in Archiven aufgestöbert haben, schwingt in der nüchternen Stimme des Berliner Historikers immer noch Staunen mit.
"So viel Material zu finden, das hätten wir kaum für möglich gehalten", erzählt Markner, 37. Anfangs wollten die beiden nur den vagen Hinweisen auf die nationalsozialistischen Rechtschreibreformer nachgehen. Doch was sie entdeckten - und in einem präzise recherchierten Buch auch publik machten - liefert ein geschichtliches Lehrstück der ungewohnten Art*.
Mit der Normierung von 1901, die nach preußischem Muster das "th" ("Thür") abschaffte, sonst aber weitgehend den Ist-Zustand bestätigte, war Konrad Dudens Hauptziel erreicht gewesen: Einheitlichkeit. "Hätte man damit eine gründliche Re-
form ... verbinden wollen", schrieb er 1902, hätte man "den Boden unter den Füßen verloren und wäre einem in der Luft schwebenden Trugbilde nachgejagt".
Doch die Vision deutscher Gründlichkeit blieb. Sprachvereine wie private Wortbastler, aber auch Philologen und Poeten entwickelten im Geist von Avantgarde und Lebensreform eigene Systeme - oft mit radikaler Kleinschreibung. 1920 plädierte sogar eine Kommission des Reichsschulausschusses für eine "gründliche phonetische Reform" - aber einen "keiser" wollten Drucker und Verleger auch nach Ablauf seiner Herrschaft nicht. Selbst Mindestforderungen einiger Sachverständiger blieben im Jahr darauf ungehört. Änderungsapostel fühlten sich gebremst. So empfanden viele die Wende von 1933 als Chance für ihr Anliegen - sei doch ohnehin, wie einer von ihnen damals schrieb, "der Reformgedanke auf unaufhaltsamem Marsche".
So schien es tatsächlich. Kaum hatte Adolf Hitlers Partei die wichtigsten Ämter besetzt, verkündete am 8. November 1933 ein Zeitungsartikel, im Reichsinnenministerium sei beabsichtigt, "schon im Frühjahr 1934 einen neuen Duden fertigzustellen". Als erster Schritt sollte die "Kleinschreibung aller Wörter mit Ausnahme der Satzanfänge und Eigennamen", dazu "die Abschaffung der zahllosen Doppelschreibungen und Doppelformen" durchgesetzt werden.
Zwar wurde der Urheber der Meldung, ein gewisser Theodor Steche, rasch zurückgepfiffen. Doch immerhin konnte er einen Auftrag von Rudolf Buttmann vorweisen. Buttmann, dessen NSDAP-Ausweis die Nummer 4 trug, war Ministerialdirektor im Berliner Innenministerium und hatte zudem von September 1933 an den Deutschen Sprachverein gleichgeschaltet. Am 1. April 1935 wurde Buttmann zudem Chef des "Deutschen Sprachpflegeamtes".
Aber nicht nur im Innenministerium gab es Reformideen. Auch Bernhard Rust, Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, glaubte mit einem radikalen Umbau der Schreibung punkten zu können. Nur die Gelegenheit fehlte noch.
Im Januar 1941 schien sie gekommen: Reichsleiter Martin Bormann verfügte, alles Gedruckte solle möglichst rasch von der angeblich undeutschen Fraktur ("Schwabacher Judenlettern") auf Antiqua-Schriften umgestellt werden. Kurz danach versammelte Rust eine Runde einschlägiger Neuschrieb-Anwälte. In knapp zwei Monaten war eine Liste fertig, die rigorose Änderungen empfahl:
* gemäßigte Kleinschreibung der Hauptwörter;
* Wegfallen der Dehnungsbuchstaben (das bot, der kan, di libe);
* ss statt ß nach kurzem Vokal;
* f statt v (fi, frefel), ei statt ai (keiser), ks statt x, chs und cks (seks) und ähnliche Ersetzungen, vor allem bei Fremdwörtern (kor, schossee, idülle);
* Trennung nach Sprechsilben (wa-rum, karp-fen);
* kein Komma "vor ,und'' und ,oder'' in Satzverbindungen".
Die Vorschläge konnten nur darum so brutal ausfallen, weil ihre Urheber überzeugt waren, Schreibung sei "der sichtbare Ausdruck der Sprache", also blasses Nachbild feuriger Rede. Ein Papier, das Markner und Birken-Bertsch in Akten der Reichskanzlei aufspürten, forderte unumwunden: Wenn Meer und Mär, Gewähr und Gewehr "gleich gesprochen" würden, müsse man sie eben auch gleich schreiben.
So argumentieren viele Reformer im Grunde noch heute. "Es geht doch nur um die Schreibung, nicht um die Sprache", meint Hofrat Karl Blüml aus Wien, momentan Vorsitzender der Rechtschreibkommission. "Wenn der Lesende Geschriebenes liest, dann bringt er es innerlich wieder zum Klingen", erklärte jüngst sein Schweizer Kollege Horst Sitta. "Er verflüssigt es gewissermassen und versucht, das zu verstehen, was der andere gesagt hätte, wenn er sprechen würde."
"Wenn das Lesen so abliefe, würde man für eine Zeitungsausgabe Wochen brauchen", kontert Markner. Allenfalls Anfänger durchliefen jeden Text mühsam "subvokalisierend". Die "Lehre vom Vorrang des Mündlichen" sei längst passé. Den Reformern indessen diene die Behauptung, es ginge ja bloß um Äußerlichkeiten, als Freibrief zum Eingreifen und Vorschreiben - heute wie damals.
"Kernig, hart, straff, bündig und wirksam" müsse das Deutsche klingen, forderte 1939 ein Sprecherzieher; diesen NS-Idealen sollte auch die künftige Schreibung dienen. Franz Thierfelder, der 1938 "Die Grundlagen der deutschen Sprachgeltung in Europa" dargelegt hatte, schrieb: Für die "Weltverbreitung unserer Sprache" sei ein gründlicher Kehraus unabdingbar.
Minister Rust war zufrieden - aber er wollte Taten sehen. In Schreiben an das Innenministerium und die Reichskanzlei drängte er, die "einmalige Gelegenheit" zur Radikalkur zu nutzen. Als er damit kein Gehör fand, ließ der Erziehungsminister wenigstens im eigenen Amt eine Broschüre ausarbeiten, die bald in den Schulen verteilt werden sollte: "Regeln für die deutsche Rechtschreibung und Wörterverzeichnis". Hauptautor war der frühere Duden-Redakteur Otto Basler.
Am 27. Juni 1944 erfuhren die Leser mehrerer großer Zeitungen, was der Erziehungsminister plante: "Fosfor, Kautsch, Plato, Ragu, Tese, Träner", titelte ungläubig der "Hannoversche Kurier". In einem Artikel hatte Baslers Kompagnon Karl Reumuth das Regelwerk vorgestellt - ohne Zustimmung von oben.
Das war ein fataler Fehler. Hitler, der aus den "Münchner Neuesten Nachrichten" davon erfuhr, fragte seinen Sekretär Martin Bormann befremdet, was los sei. Für kurze Zeit kursierte sogar das Gerücht, die Neuerer hätten nach einem Führerbefehl gehandelt. Wie diese Mär fiel dann auch das Unternehmen selbst in sich zusammen. Rust war blamiert; eine Million Exemplare der bereits gedruckten Rechtschreib-Broschüre (vorgesehener Preis: 35 Pfennig) wanderte in den Reißwolf.
Nicht genug damit: Am 24. August 1944 machte ein - diesmal authentischer - Befehl Hitlers auch die letzten spärlichen Hoffnungen der Neuerer zunichte:
Der Führer, dem die Angelegenheit durch eine Pressenotiz bekannt wurde, ordnete die Zurückstellung der gesamten Rechtschreibungsarbeiten bis Kriegsende an. Er betonte, eine Reform der Rechtschreibung sei alles andere als kriegswichtig, daher sei jede weitere Bearbeitung dieser Angelegenheit umgehend einzustellen.
War das lange Werben für "Tambur" und "Majonäse" vergebens gewesen? Mit oder ohne Führer, die Reformer sahen sich zur Sprach-Besserung berufen. Und so machten sie auch nach dem Ende des Dritten Reichs unbeirrt weiter.
Otto Basler etwa brachte 1948 ein Werk namens "Deutsche Rechtschreibung - Regeln und Wörterverzeichnis" heraus, das bis auf Kleinigkeiten ("AG." statt "NSDAP." als Abkürzungsbeispiel) dem eingestampften Büchlein entsprach. Das Vorwort bemäntelte die Eingriffe nach dem Lautprinzip - "Filantrop", "Filosof", seltsamerweise auch "Hachse (Unterbein)" - geschickt als Modernisierung. "Ein heute noch befremdliches Wortbild wird bald angenommen sein ... Schritt für Schritt sollen Erleichterung und Neuschreibung ... Boden gewinnen." In Bayern bekam das Werk bald den schulamtlichen Segen.
Als im Oktober 1950 die westdeutschen Kultusminister einen neuen Entwurf anforderten, wurde Basler prompt Vorsitzender des "vorbereitenden Ausschusses". 1953 übernahm eine "Arbeitsgemeinschaft für Sprachpflege" die Sache. Auch deren Lenker war ein alter Bekannter: Franz Thierfelder, der nun im geteilten Deutschland vor einer drohenden "Auflösung der Sprachgemeinschaft" warnte.
Die Forderungen, die das Gremium im Juni 1954 vorstellte, glichen bis auf wenige Retuschen denen, die NS-Minister Rust einst abgezeichnet hatte. Auch der Appell klang, zeitbedingt umformuliert, dringlich wie damals: "Eine weitere Verschiebung der Reform ... ist nicht mehr möglich", sonst "könnte die geistige Stellung Mitteleuropas ernstlich erschüttert werden".
Von wegen: Kaum waren sie bekannt, wurden die "Stuttgarter Empfehlungen" unter öffentlichem Hohnlachen ad acta gelegt. Erst die 68er-Bewegung brachte einer neuen Generation von Reformern den nächsten Auftritt. Mit der Botschaft, Schüler sollten weniger Fehler machen, nutzten die Schreibänderer nun die linke Vision der Chancengleichheit als Vehikel ihrer Pläne. Und diesmal drang das "Volksbeglückungsprojekt" (Markner) nach Jahren der Lobbyarbeit tatsächlich durch: Mit vielen Abstrichen wurde 1996 eine Schrumpf-Version des Neuschriebs beschlossen; 1998 trat sie in Kraft. Die Folgen spüren Leser und Schreibende bis heute. Reinhard Markner meint lächelnd: "Eigentlich hätte Helmut Kohl die Sache damals leicht stoppen können - mit ein paar gezielten Anrufen." JOHANNES SALTZWEDEL
* Hanno Birken-Bertsch, Reinhard Markner: "Rechtschreibreform und Nationalsozialismus - Ein Kapitel aus der politischen Geschichte der deutschen Sprache". Wallstein Verlag, Göttingen; 136 Seiten; 15 Euro.
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 36/2004
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„Völkischer Aufbruch“

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