13.09.2004

„Der Mann geht stets aufs Ganze“

Hans Magnus Enzensberger, 74, über die ansteckende Kraft des Humboldtschen Erkenntnisdrangs, die gegenwärtige Jammersucht der Deutschen und die Rolle des widerständigen Intellektuellen gestern und heute
SPIEGEL: Herr Enzensberger, mit dem Neudruck des "Kosmos"-Großwerks und der ersten deutschen Ausgabe der "Ansichten der Kordilleren" haben Sie und Ihr Büchermacher Franz Greno ein geradezu üppiges "Humboldt-Projekt" in Gang gebracht. Seit wann begeistern Sie sich für Alexander von Humboldt?
Enzensberger: Mein Interesse an ihm geht mindestens 30 Jahre zurück. Humboldt hat mir einfach immer gefallen. Bewunderung ist, denke ich, ein sehr gesundes Gefühl, und nur wenige Figuren eignen sich dazu. Man hat gewissermaßen seine Hausgötter. Und wenn man für ihre Bekanntheit etwas tun kann, ja eigentlich muss, werde ich unruhig. Das war bei Montaigne so, und das ist auch bei Humboldt so.
SPIEGEL: Was hat den Weltentdecker für Sie sympathisch gemacht?
Enzensberger: Vielleicht gar nicht in erster Linie die enorme wissenschaftliche Leistung, sondern diese unbedingte Unabhängigkeit. Dieser Mann wollte sich nicht einbinden, festnageln, reduzieren lassen. Das war damals ja viel verlangt; Deutschland war ein kleinstaatliches, engbrüstiges Land. Die größten Geister mussten in Kuhdörfern wie Weimar existieren. Humboldt hat gesagt: Nein, nein, so geht es nicht. Dieser Horizont hat ihm nicht genügt.
SPIEGEL: Sie bewundern also vor allem seinen Charakter?
Enzensberger: Ja, sein Temperament. Die triebhafte Energie des Forschers hat seiner Sache einen Inhalt gegeben. Humboldts Unabhängigkeit ist ja nicht leer. Er fragt zuerst: Wo ist die Hauptstadt der modernen Wissenschaft? Das war damals Paris. Also auf nach Paris! Doch Europa ist ihm auch zu klein. Also wird eine riesige Forschungsreise geplant, und zwar nicht, indem man Anträge stellt oder Planstellen einnimmt, sondern auf eigene Kappe, mit eigenem Geld. Er ist das Gegenteil eines Stubengelehrten; er will alles selber sehen und wahrnehmen, nicht nur aus Büchern kennen lernen. Einmal sagt er: Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derjenigen, die die Welt nicht angeschaut haben. Das sagt er über Hegel!
SPIEGEL: Humboldts Freiheitssinn hat etwas Widerspenstiges, Eigensinniges ...
Enzensberger: Ich nenne das lieber Unabhängigkeitsgefühl, weil das näher an der Person ist. Freiheit ist ja ein abstrakter Wert, aber bei ihm wird sie ganz konkret, ganz körperlich. Man bietet ihm an, er solle Minister werden, Botschafter oder Museumsdirektor - nein, das kann er nicht brauchen. An Stelle der bürgerlichen Sicherheit wählt er das Risiko. Das ist außergewöhnlich, das gefällt mir.
SPIEGEL: Weil es der gewöhnlichen deutschen Trägheit so entgegengesetzt ist?
Enzensberger: Genau. Denken wir an die alte Bundesrepublik: Das war Bonn - auch eine Art Dorf. Humboldt dagegen ist über alles Provinzlertum immer schon hinaus, er war ein Kosmopolit. Er sprach viele Sprachen; wenn er irgendwo hinfuhr, lernte er vorher noch mal schnell die Landessprache. Aber dieser Unbürgerliche, Welthungrige und Freiheitssüchtige war auch ein Salonlöwe, ein äußerst eleganter Herr, in Paris fast eine Art Superstar. Er nutzte es aus. Man hat ihm das auch vorgeworfen: Kammerherr beim preußischen König, was ist das für einen Mann, der an der Französischen Revolution sehr interessiert war? So jemand ein Fürstenknecht?
SPIEGEL: Für das, was er dachte, sagte und sogar schrieb, hätte er eigentlich im Gefängnis landen müssen.
Enzensberger: Aber er verstand es eben, die richtigen Allianzen zu knüpfen. In Berlin, wo viele ihm seinen Ruhm neiden, setzt er sich über die Hofschranzen, die Ultras und Chauvinisten hinweg und hält sich an den König. So ist er gegen Angriffe geschützt. Diese Strategie ist höchst eigenartig, sehr ungewöhnlich für die Zeit.
SPIEGEL: Aber überlebensnotwendig für einen, der so für Toleranz eintritt. Humboldt war zum Beispiel stets gegen Sklaverei.
Enzensberger: Und erst recht ist er, ganz aufklärerisch, für die Juden eingetreten. Damals gab es ja eine Art atmosphärischen Antisemitismus. Viele der großen Geister dieser Zeit - etwa Fichte - dachten so. Humboldt aber ist davon absolut frei. Nun kannte er natürlich Moses Mendelssohn schon als junger Mann, auch den Salon der Henriette Herz. Aber später, nach den Befreiungskriegen, gehörte schon etwas dazu, die latente Judenfeindschaft nicht an sich herankommen zu lassen.
SPIEGEL: War es wirklich eine Reverenz an die Revolutionäre, an die Aufständischen, dass er 1848 im Trauerzug für die Berliner Märzgefallenen mitging?
Enzensberger: Sicher. Da gibt es für ihn auch eine Kontinuität. 1790 soll er auf dem Pariser Marsfeld Sand gekarrt haben, um
ein Monument für die Göttin der Freiheit zu errichten, gemeinsam mit Georg Forster - dem Forster, der mit Cook um die Welt gesegelt war. 58 Jahre später läuft er im Trauerzug mit. Er lässt nicht los, er lässt nicht locker. So jemanden kann man nicht umerziehen. Das ist auch schön.
SPIEGEL: Aber es war eine Unabhängigkeit innerhalb des Systems.
Enzensberger: Ja, das ist das Eigenartige. Damals war man entweder Konformist - muss auch nicht immer das Allerschlechteste sein - oder man war Revolutionär, rannte mit dem Kopf gegen die Wand und landete im Exil. Das waren ehrenwerte Leute - Börne, Heine, Büchner -, die ich bewundere, aber die konnten natürlich nichts mehr direkt bewegen. Humboldt wollte bei Lebzeiten wirken. Er wollte, zusammen mit seinem Bruder, der deutschen Wissenschaft zur Weltgeltung verhelfen.
SPIEGEL: Aber nicht im nationalistischen oder gar imperialen Sinne ...
Enzensberger: Nein - sein Bruder Wilhelm hat ihm einmal sogar Mangel an Deutschheit vorgeworfen. Alexander dachte in anderen Dimensionen. Er hat die Akademien angeregt. Er hat den Orden "Pour le mérite" gegründet und so die deutsche Wissenschaft zu internationalisieren begonnen. Durch seine fabelhaften Kontakte in der ganzen Welt konnte er die Académie des Sciences in Paris, die Royal Society, die Institutionen in Amerika, in Washington, in Mexiko und Russland für sein Welterkenntnis-Projekt einspannen.
SPIEGEL: Auch Sie, Herr Enzensberger, gelten als ruheloser, unabhängiger, gewandter Geist. Erst waren Sie einer der schärfsten intellektuellen Systemkritiker. Kurz darauf haben Sie "Transatlantik" herausgegeben, ein Journal des Luxus und der Moden. Das hat viele Leute sehr irritiert.
Enzensberger: Mag sein, aber man kann das nicht vergleichen. Ich glaube, wir hatten es viel leichter. Auf jeden Fall war es in der Bundesrepublik nicht gefährlich, gegen den Konsens zu verstoßen. Man konnte zum Beispiel schwer ausgewiesen werden. Und wir hatten alle zu essen. Wir wollen die Kirche im Dorf lassen.
SPIEGEL: Trotzdem: Sie haben schon ein Beispiel für Unabhängigkeit gegeben.
Enzensberger: Sagen wir einfach, zum guten Genossen und zum Prinzipienreiten bin ich nicht geboren. Das hat natürlich nicht allen gefallen.
SPIEGEL: Die 68er-Bewegung ist ja als verspätetes Kind der Aufklärung entstanden, sie war anfangs weit weniger ideologisch. Im Grunde haben Leute wie Sie, die früh dabei waren, aber dann die Linkssektiererei nicht mehr mitmachten, ihre Position viel klarer gehalten. Nun werden Sie bald 75 - und Humboldt, der konsequent eigensinnige Mann gewandter Neugier, ist Ihre Geburtstagstorte. Haben wir Recht?
Enzensberger: Ich zögere da, denn ich finde Selbstbeschreibungen unergiebig. Wahr beschreiben können eine Person nur andere. Ob ich jetzt der Renegat bin oder ein unzuverlässiger Geselle, sollen andere beurteilen. Aber immerhin: Schon in meinem ersten Essayband von 1961 steht, ich bin Revisionist. Bitte sehr.
SPIEGEL: Ihr Held Humboldt wirkt ja in Deutschland fast singulär. Bei den Briten gab es viel mehr solcher Figuren, von Darwin bis hin zu Mr. Livingstone.
Enzensberger: Allerdings. Das hat mit der damaligen politischen Situation zu tun. Wenn Sie in Hohenlohe-Schillingsfürst aufwachsen oder Schwarzburg-Rudolstadt, ist das Weltentdecken mühsamer, als wenn Sie ein Empire haben. Die großen britischen Expeditionen, Cook und all die anderen, waren von der Marine organisiert. Und natürlich hatten die Briten längst erkannt, was Wissenschaft und Technik wirtschaftlich bedeuten. Humboldt auch: Er, der ja gelernter Mineraloge war, erklärte dem Zaren, es gehe um Russlands Bodenschätze, damit er bis zur chinesischen Grenze reisen durfte. Verblüffenderweise wurde er dann tatsächlich fündig.
SPIEGEL: Im Berliner Naturkundemuseum liegt ein kleiner russischer Diamant.
Enzensberger: Ja, und als Humboldt in Washington mit Präsident Jefferson sprach, schlug er ihm den Panama-Kanal vor. Immer geht, was er tut, über die reine Forschung einen Schritt hinaus. Er war überhaupt ein Mann, der in Zusammenhängen gedacht hat. Insofern war er das Gegenteil eines Spezialisten.
SPIEGEL: Also gerade nicht das, was heute Grundlagenforscher heißt?
Enzensberger: Nein. Er war so enorm vielseitig und kontaktfreudig, dass man ihn nicht auf ein einziges Forschungsresultat festlegen kann. Mit Ohm verbindet man das Ohmsche Gesetz, den Widerstand. Bei Einstein denkt jeder an die Relativitätstheorie. So etwas kann man bei Humboldt nicht sagen. Er hat auf vielen Feldern geforscht. Ihm war es auch recht, dass sein Ruhm nicht auf nur einer Leistung beruhte. Sein Ehrgeiz reichte weiter. Er wollte zum Beispiel gern der Erste sein. Auf seinen Bergsteigerrekord war er sehr stolz.
SPIEGEL: Und diese Aufbruchsstimmung über alles Spezialwissen hinaus, diese Begeisterung fürs große Ganze, wollen Sie nun als Leitbild empfehlen?
Enzensberger: Schön wär''s. Natürlich ist so eine Figur in vieler Hinsicht unwiederholbar. Wer heute dächte auch nur daran, eine Beschreibung der gesamten physischen Welt zu versuchen?
SPIEGEL: Und das auch noch erzählerisch packend - die Berliner "Kosmos"-Vorlesungen 1827/28 waren ja richtige Events.
Enzensberger: Ja. Er war einer der Ersten, der gesagt hat: Die Wissenschaft muss sich der Gesellschaft vermitteln, nicht nur aus bildungspolitischer Sicht, sondern auch im eigenen Interesse. Die Vorlesungen hatten solchen Erfolg, dass ein Verleger sie gleich drucken wollte. Humboldt
sagte: Nein, nein, das muss ein richtiger Text werden.
SPIEGEL: Als der "Kosmos" erschien, wurde er ein Bestseller. Nun möchten Sie, dass 17-Jährige ihn wieder lesen. Weshalb?
Enzensberger: Also, damit es kein Missverständnis gibt: Der "Kosmos" ist kein Buch, das man wie einen Roman liest. Es gibt ein großes Inhaltsverzeichnis dazu, und Sachen, die einen besonders interessieren, liest man zuerst. Da gibt es zum Beispiel 130 Seiten über die Geschichte der Wissenschaft, von Altägypten bis in die Neuzeit, seine unmittelbaren Vorläufer. Wo sonst finden Sie das auf diesem Raum - mit ziemlich kühnen Thesen, die sich zum großen Teil bewahrheitet haben? Dass die Wikinger, die Nordländer, Amerika schon vor Kolumbus entdeckt haben, war damals überhaupt nicht beweisbar.
SPIEGEL: Trotzdem: Drucken Sie nicht ein Werk nach, dessen Kenntnisstand in vieler Hinsicht veraltet ist?
Enzensberger: Da sträube ich mich sehr. Im Grunde nämlich finden Sie im "Kosmos" ein Basiswissen von der physischen Welt, das gar nicht veralten kann. Die Fallgesetze veralten nicht. Der Humboldt-Strom im Pazifik fließt wie damals. Der Erdmagnetismus existiert. Vieles haben wir dazugelernt, sicher, aber das heißt nicht sofort, dass Früheres damit widerlegt worden wäre. Es gibt heute eine merkwürdige Haltung: Die Leute reden munter über die Naturwissenschaften, sie reden von Chaostheorie, von Quantenphysik, von Nanotechnologie, von Genetik. Stellen Sie aber mal folgende Frage: Jemand schießt mit einer Pistole eine Kugel waagerecht zum Boden ab. Gleichzeitig lässt er eine andere Kugel auf den Boden fallen. Welche der Kugeln landet zuerst auf der Erde? Kaum einer weiß es: Beide kommen gleichzeitig an.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, junge Leute wollen Naturwissen aus Humboldts Schriften lernen?
Enzensberger: Es kommt doch auf die Haltung gegenüber den Dingen an, auf den Horizont. Dauernd lese ich - und zucke jedes Mal wieder zusammen -, irgendwer habe einen Quantensprung gemacht. Dabei gibt es kaum etwas Kürzeres als Quantensprünge, messen Sie mal nach! Die Leute beschäftigen sich überfliegerhaft mit modischen Naturwissenschaftsthemen. Aber man muss doch erst einmal das Abc lernen, bevor man über Superstrings redet.
SPIEGEL: Für Sie ist bei Humboldt also das Prinzip des Lernens und Erkundens wichtiger als das einzelne Resultat?
Enzensberger: Ja - auch wenn die Einzelheiten natürlich immer wieder erstaunen, er geht stets aufs Ganze. Darin steckt übrigens auch der Ansatz, der später zur Ökologie führt. Die einzelne Pflanze kann ich präparieren; ich kann den Schmetterling aufspießen. Aber beide sind Glieder eines Systems, einer sehr reichhaltigen, vielleicht unsere Möglichkeiten überschreitenden Komplexität. Und deren Betrachtung schlägt für ihn in Ästhetik um, in eine Poesie der Wissenschaft.
SPIEGEL: Die Spezialisten von heute entgegnen: Diese Art von Universalismus, so ehrenwert er sein mag, ist vorbei. Schon die Datenmengen bewältigt kein einzelner Forscher mehr. Wird Humboldt so nicht doch zur nostalgischen Figur?
Enzensberger: Müssen wir uns damit zufrieden geben? Ich bin da nicht so sicher. Erstens hat schon Humboldt durch seinen ungeheuren Briefwechsel Zusammenarbeit vorgelebt. Und zweitens gibt es ja auch eine Krise des Reduktionismus. In den ersten wilden Zuckungen der Genetik-Euphorie hat man gedacht, ein einziges Gen steuert körperliche Defekte. Dann wird es gesucht, identifiziert, und dann kann ich es abschalten oder einschalten, wie ich will. Aber so einfach ist es eben nicht - auch bei der Klimaforschung nicht, erst recht nicht bei
der Hirnforschung. Überall müssen die Wissenschaften, glaube ich, ihre Grenzen erkennen, von der bloßen Reduktion herunterkommen und dann auch den eigenen Horizont erweitern. Das Ganze nicht aus dem Blick verlieren, dazu kann Humboldt helfen.
SPIEGEL: Weshalb ist er dann überhaupt in Vergessenheit geraten?
Enzensberger: Schwer zu sagen. Bis zum Ersten Weltkrieg war der "Kosmos" ein Hausbuch in Deutschland, mit großen Auflagen. Was dann geschah, hat vielleicht auch auch etwas mit dem seltsam gebrochenen Geschichtssinn der Deutschen zu tun. Ich schätze, von den Büchern über unsere eigene Geschichte beschäftigen sich zwei Drittel mit der unmittelbaren Ver-
gangenheit, mit dem Krieg, mit dem Holocaust, mit dem Untergang, mit der Vertreibung und dergleichen. Das heißt, da ist eine Schieflage entstanden - aus durchaus verständlichen Gründen.
SPIEGEL: Sie meinen, über den Fragen nach der jüngsten Vergangenheit wurde das Frühere vernachlässigt?
Enzensberger: Ich möchte gar nicht polemisieren, aber ich finde diese Einseitigkeit fatal. Ich habe einfach keine Lust mehr, die 55. Hitler-Biografie zu lesen. Da verweise ich doch lieber auf das, was wir sonst noch haben. Dann sage ich: Leute, wacht doch mal auf! Schaut euch mal um, da ist noch viel zu holen!
SPIEGEL: Humboldt als Helfer zu einer neuen Vision des Ganzen? Der aufgeklärte Humanist als Vorbote wahrer Zivilisation?
Enzensberger: Ich weiß nicht, ob man mit dem Wort Humanismus noch sehr viel anfangen kann. Das ist ja ein weiches Wort. Ich möchte es schlichter ausdrücken: Dieses Unbesiegbare an dem Mann fehlt einem oft an heutigen Leuten. Er lebt in ungünstigen Verhältnissen; es ist keine gute Stimmung im damaligen Deutschland. Aber er hat sich keine Sekunde aufgegeben. Immer ist ihm noch etwas eingefallen. Mit 90 Jahren schreibt er die letzten Seiten vom "Kosmos".
SPIEGEL: Sagen Sie nur noch: Von Humboldt lernen heißt siegen lernen.
Enzensberger: Ja, warum nicht? Wir haben ja ein Problem mit Vorbildern. Das ist auch ein Aspekt der kollektiven Depression in Deutschland, dass alle klein gemacht werden müssen. Das war ein Nebeneffekt der ganzen politischen Bewegung von 1968: von Autoritäten runter. Das ist alles verständlich. Ich würde auch gar nicht so viel davon zurücknehmen. Aber wenn ich mich gegen eine Obrigkeit zur Wehr setze, die mir nicht passt, ist das nicht dasselbe, wie wenn ich sage: Es gibt überhaupt niemanden, den ich bewundern kann, von dem ich noch lernen kann, den ich für mich brauchen kann - und zwar nicht, weil mich jemand dazu zwingt. Ich glaube, das gehört zu einer gesunden Sozialisation, dass man irgendjemanden findet ...
SPIEGEL: ... den man nachahmen kann?
Enzensberger: Nein, nein. Ein Vorbild ist ja nicht dazu da, dass man es nachahmt, sondern dass man Maß nimmt, dass man sieht, was möglich ist. Sagen wir es ganz simpel: Er ist ansteckend. Humboldt ist ansteckend. Das möchte ich sagen. Wenn man sich mit ihm beschäftigt, kann etwas von dieser Energie, von dieser Haltung herüberkommen.
SPIEGEL: Herr Enzensberger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Johannes Saltzwedel, Stefan Aust und Matthias Matussek in Enzensbergers Wohnung in München.
Von Johannes Saltzwedel, Stefan Aust und Matthias in Matussek

DER SPIEGEL 38/2004
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