13.09.2004

GENTECHNIKSatt durch Designer-Pflanzen?

Durch flächendeckenden Anbau von Gentech-Gewächsen wollen Agrarkonzerne den Hunger in der Welt besiegen. Doch nützt die grüne Genrevolution wirklich den Armen?
An Mitgefühl für die Armen und Hungrigen dieser Welt lassen es beide Frauen nicht fehlen. "25 000 Kleinbauern haben in unserem Land Selbstmord begangen, weil sie ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten", sagt die Inderin Vandana Shiva. Und auch die Kenianerin Florence Wambugu appelliert ans Herz: "Eine hungrige Person ist kein Mythos, sondern eine Person, die ich kenne", sagt die Tochter einer afrikanischen Kleinbäuerin.
Dennoch stehen Shiva und Wambugu auf entgegengesetzten Seiten der Barrikade: Während Bürgerrechtlerin Shiva gegen die Ausbeutung der Bauern durch die Gentech-Konzerne kämpft, hat Pflanzengenetikerin Wambugu beim Saatgutkonzern Monsanto geforscht und leitet heute eine Stiftung, die einen flächendeckenden Anbau von Genpflanzen in Afrika propagiert.
In Köln könnten die Frauen diese Woche aufeinander treffen. Wambugu ist am Dienstag dieser Woche eine der Hauptrednerinnen der "Agricultural Biotechnology International Conference" (Abic). Erstmals wird der Kongress - einer der weltweit größten zur Agrar-Biotechnologie - nicht in Kanada, sondern in Europa abgehalten, um auch hier Stimmung zu machen für die Segnungen der Biotechnologie.
Die Inderin Shiva hingegen tritt als Gast auf einer "Alternativkonferenz" auf, die parallel zur Abic abgehalten wird. Organisationen wie Brot für die Welt, Misereor, Greenpeace oder der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland präsentieren dort ihren Gegenentwurf zu den "Fortschrittsmythen" der "Lobbyisten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik", wie es in der Einladung heißt.
Der zentrale Streitpunkt: Ist die grüne Gentechnik geeignet, Hunger und Armut zu lindern? Oder sind dies Heilsversprechen der Industrie, die nur dazu dienen sollen, einer umstrittenen Technologie zum Durchbruch zu verhelfen?
Wie tief greifend und schnell ein einziges Gentech-Gewächs eine ganze Volkswirtschaft umkrempeln kann, lässt sich derzeit in Argentinien besichtigen. Die vom Monsanto-Konzern entwickelte "Roundup Ready"-Sojapflanze ist gegen das Pflanzengift Glyphosat (Markenname "Roundup") resistent. Auf Gensoja-Feldern, so das Versprechen der Industrie, brauchten die Bauern deshalb nur noch Glyphosat zu spritzen, das angeblich fast alle Unkräuter in Schach hält. 1996 hat Argentinien als eines der ersten Länder den Anbau der Gentech-Pflanze zugelassen. Rund 13 Millionen Hektar - fast die Hälfte der fruchtbaren Landesfläche - sind mittlerweile damit bepflanzt.
Fünf Milliarden US-Dollar Gewinn soll der Export der Ernte den Soja-Baronen beschert haben. Doch zu welchem Preis? Längst müssten die Bauern zusätzlich auch andere Gifte spritzen, weil sich Pflanzen ausbreiten, die gegen Glyphosat resistent sind, kritisiert Molekularbiologin und Umweltaktivistin Lilian Joensen. Zudem hätten die Soja-Monokulturen die gewachsenen bäuerlichen Strukturen zerstört: "Wir haben fast alle unsere traditionellen Getreidearten und Produktionsmethoden verloren."
Früher habe die argentinische Landwirtschaft das Vielfache des Landesbedarfs an Getreide, Gemüse, Milch und Fleisch hervorgebracht. Inzwischen würden Firmen aus den USA oder Spanien große Landesteile mit Soja bestellen. 160 000 Kleinbauern seien bereits in die Städte geflüchtet, sagt Joensen - wo sie ausgerechnet Armenspeisung auf Sojabasis erhielten.
"Eine global operierende Industrie versucht mit allen Mitteln, die Welt von ihren gentechnisch veränderten Pflanzen abhängig zu machen", schimpft Bürgerrechtlerin Shiva. Bauern, die einmal umgestiegen seien, würden ihr traditionelles Saatgut aufgeben und müssten die kommerziellen, häufig mit Lizenzgebühren belegten Sorten fortan immer und immer wieder kaufen.
Manchmal bieten die Firmen ihre Technologie zunächst sogar umsonst an. "Ein
Team von Mitarbeitern erforscht die humanitären Bedürfnisse der armen Bauern und versucht, ihnen zu helfen, entweder durch Zugang zu unseren Patenten oder durch Bereitstellung der Technologie", heißt es auf Monsantos Internet-Seite: "Dieses Teilen ist langfristig in unserem Interesse, weil diese Bauern künftig zufriedene Kunden werden könnten."
"Hier wird der Hunger von Millionen Menschen instrumentalisiert, um die Akzeptanz einer Technologie zu erhöhen", glaubt Bernd Nilles vom katholischen Hilfswerk Misereor. Gerade Hightech-Lösungen seien immer nur für die größeren Bauern interessant, die für den Export produzierten; die Kleinbauern könnten das Gentech-Saatgut meist gar nicht bezahlen.
"Hunger ist ohnehin nur ein Verteilungsproblem", sagt Aaron deGrassi vom britischen Institute of Development Studies, der eine Studie zum Gentech-Einsatz in Afrika vorgelegt hat. Bürgerkriege, Korruption, Dürren, Heuschreckenplagen oder Pandemien wie Aids lägen den meisten Hungerkatastrophen zu Grunde. Die Industrie spiele die "Armutskarte" nur aus, um sich neue, lukrative Märkte zu erschließen.
Und tatsächlich: Zwar ist es den Konzernen gelungen, immer mehr ihres Saatguts zu verkaufen. Rund sieben Millionen Bauern, vor allem in den USA, Kanada, China, Brasilien und Argentinien, setzen inzwischen auf die Feldfrüchte aus dem Labor (siehe Grafik). Bis heute jedoch kann die Technologie keinen wirklichen Erfolg im Kampf gegen den Hunger vorweisen.
Wie Genpflanzen, die auf den Versuchsfeldern noch phantastisch funktionierten, unter Alltagsbedingungen versagen können, zeigt sich am Beispiel der so genannten Bt-Baumwolle: Seit 2002 vertreibt Monsanto das Saatgut nach Indien, das mit einem Gen des Bodenbakteriums "Bacillus thuringiensis" (Bt) versehen wurde. Ohne weiteren Einsatz von Insektiziden, so Monsantos Versprechen, wehre die Pflanze den Baumwollkapselwurm ab - einen Schädling, der normalerweise bis zu 60 Prozent der Baumwollpflanzen anbohrt. Im Testanbau war das Gewächs tatsächlich den konventionellen Sorten überlegen. Die Ernte erhöhte sich um 80 Prozent. Fast 70 Prozent weniger Insektizide mussten die indischen Bauern spritzen.
Inzwischen wird Genbaumwolle in Indien auf 485 000 Hektar angebaut. Monsanto preist weiterhin die Vorteile und spricht von fast 80 Prozent mehr Gewinn für die Bt-Bauern. Doch Ökoaktivistin Shiva erzählt eine andere Geschichte: "Die Bt-Baumwolle wächst extrem schlecht und hat vielen Bauern hohe Verluste beschert." Die Baumwollfäden seien zu kurz, die Resistenz gegen den Schädling sei unzuverlässig.
In manchen Distrikten im Bundesstaat Madhya Pradesh habe es in der ersten Pflanzsaison fast hundertprozentige Ernteausfälle gegeben. Zudem sei das Gen-gewächs fast viermal so teuer wie herkömmliches Saatgut. Auch ein Gremium des indischen Bundesstaates Gujarat bestätigt: Die Pflanze "ist ungeeignet für die Kultivierung und sollte verboten werden".
"Schon früher hat sich gezeigt, dass industrialisiertes Saatgut oft sehr anfällig ist", kommentiert Entwicklungsexperte Nilles. Bei der Gentechnik sei die Dominanz weniger Industrie-Sorten nun noch augenfälliger. Nur vier Pflanzen (Baumwolle, Mais, Raps und Soja) und zwei gentechnisch eingefügte Eigenschaften (Insektenresistenz und Herbizidtoleranz) machen 99 Prozent aller Gentech-Gewächse aus.
"Weder von privater noch von öffentlicher Seite ist bislang genug in die gentechnische Verbesserung von Feldfrüchten wie Kuhbohnen, Millet-Hirse, Sorghum und Tef investiert worden, die entscheidend für die Nahrungsversorgung der Armen sind", sagt Jacques Diouf, Direktor der Welternährungsorganisation FAO.
"Wenn Gentechnik den Bauern im Süden helfen soll, muss sie von den teuren Patenten befreit werden", fordert Tewolde Egziabher, Chef der äthiopischen Environmental Protection Authority und einer der profiliertesten Gentech-Kritiker Afrikas. Gefragt sind Pflanzen, die auf die lokalen Bedürfnisse der Kleinbauern zugeschnitten sind und gleichzeitig eine öffentlich zugängliche, bezahlbare Ressource bleiben - dann könnte die Gentechnik wirklich gegen den Hunger helfen.
Erste Ansätze für öffentlich finanzierte Forschung an einheimischen Nutzpflanzen gibt es: Feldversuche mit gentechnisch veränderten Kuhbohnen und Auberginen haben in Afrika und Asien begonnen. Forscher von der Jawaharlal Nehru University in Neu Delhi entwickeln Kartoffeln, die ein Drittel mehr Proteine enthalten.
Und auch Reis, eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel, wird bereits im Genlabor verändert. Forscher der Cornell University in Ithaca im US-Bundesstaat New York haben eine Reissorte entwickelt, die Kälte und Dürre besser standhalten und auch auf versalzener Krume gedeihen soll.
Gleich 14 öffentliche Forschungsinstitute in Indien, China, Indonesien, Vietnam, Bangladesch, den Philippinen und Südafrika versuchen inzwischen gemeinsam, den so genannten Goldenen Reis zur Marktreife zu bringen. Ein gentechnischer Eingriff stattet seine Samen mit Beta-Karotin aus, der Vorstufe von Vitamin A, die im Innern von normalen Reiskörnern nicht zu finden ist. Goldener Reis, so die Hoffnung, könnte künftig Vitamin-A-Mangelerkrankungen verhindern, die jährlich bis zu einer halben Million Kinder erblinden lassen.
Doch die Erfolge der Gentech-Enthusiasten erscheinen oftmals noch bescheiden. Molekularbiologin Wambugu etwa, die Pro-Biotech-Vorkämpferin Afrikas, hat bis vor kurzem selbst versucht, eine virusresistente Süßkartoffel für Kenia zu entwickeln. Sechs Millionen US-Dollar pumpten Monsanto, die Weltbank und die US-Regierung in das Vorzeigeprojekt.
Anfang des Jahres jedoch musste das beteiligte Kenya Agricultural Research Institute einräumen, dass die neue Süßkartoffel auch nach dreijährigen Feldversuchen nicht resistenter als herkömmliche Sorten gegen das Feathery-Mottle-Virus ist.
Besonders peinlich: Konventionelle Züchtung in Uganda hatte in der gleichen Zeit billiger und schneller eine Sorte mit der gewünschten Eigenschaft hervorgebracht. PHILIP BETHGE
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 38/2004
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