20.09.2004

„Nur ein Intermezzo“

Hanns-Peter Cohn, 56, Vorstandschef der Mythenmarke Leica, über den Boom und die Zukunft digitaler Fotografie
SPIEGEL: Herr Cohn, mit 107 Millionen Geräten wurden im vergangenen Jahr weltweit mehr Kameras verkauft als je zuvor. Woher rührt dieser Boom?
Cohn: Fotografieren ist einfach wieder voll im Trend. Es gilt als schick, eine Digitalkamera zu haben, genauso wie jeder heute meint, ein Handy besitzen zu müssen.
SPIEGEL: Auch in Deutschland ist von Konsumflaute keine Spur. Erneut erwartet die Branche ein Rekordjahr. Ist ein Ende in Sicht?
Cohn: Ich glaube, die Sättigung wird relativ bald erreicht. Die Industrie überholt sich ja jetzt schon jedes halbe Jahr selbst mit so genannten Innovationen, um auch den letzten Käufer von der Digitaltechnik zu überzeugen.
SPIEGEL: Muss Ihre Branche aufs Tempo der Computerindustrie umschalten?
Cohn: Für die Kamerahersteller ist dieser Umschwung eine gewaltige Herausforderung. Ich gehe davon aus, dass schon bald eine brutale Bereinigung stattfinden wird. Alle japanischen Konzerne kämpfen ja darum, Marktanteile von mindestens zehn Prozent zu erreichen. Die ersten stöhnen bereits über den ständigen Preisverfall.
SPIEGEL: Spielen die wenigen deutschen Kamerahersteller in diesem Kampf überhaupt noch eine Rolle?
Cohn: Natürlich wird die Fotoindustrie heute von fernöstlichen Firmen dominiert. Leica zählt neben Rollei in Braunschweig und Hasselblad in Schweden zu den letzten Herstellern in Europa, die sich behaupten können. Aber im Massenmarkt spielen die Europäer schon seit 20 Jahren keine Rolle mehr. Wir sind Spezialisten für ganz bestimmte Anwendungen.
SPIEGEL: Man könnte auch sagen: Leica hat die Digitaltechnik verschlafen.
Cohn: Nein, nicht wirklich. Unsere Kernkompetenz war und ist die Optik. Die digitale Aufzeichnung musste erst ein gewisses Qualitätsniveau erreichen, um unsere hochwertigen Linsen wirklich zu nutzen. Das ist jetzt erreicht. Aber wir zwingen niemanden, auf Digital zu setzen.
SPIEGEL: Während die Branche zweistellige Wachstumsraten erzielt, sinkt bei Leica aber der Umsatz.
Cohn: Das liegt zum einen daran, dass unsere Produkte durch den starken Euro auf dem Weltmarkt sehr teuer geworden sind. Zum anderen hat die digitale Revolution den Eindruck erweckt, dass die herkömmliche Fotografie am Ende sei.
SPIEGEL: So ist es doch auch, oder?
Cohn: Die Digitaltechnik ist nur ein Intermezzo. In spätestens 20 Jahren werden wir sicher mit anderen Technologien als heute fotografieren. Aber den Film wird es dann immer noch geben.
SPIEGEL: Sie klingen wie ein Musikfan, der immer noch seine Vinyl-Langspielplatten abstaubt.
Cohn: Bei der Musik geht es nur um das Speichermedium. Beim Fotografieren geht es auch um Kreativität. Die Digitaltechnik setzt auf Masse, auf Tempo und ist damit wie die E-Mail ein Ausdruck unserer Zeit. Mit den Handy-Kameras kommt auch noch die Invasion privater Paparazzi. Aber Fotografieren ist etwas anderes, etwas Besinnliches - das wird es immer geben.
SPIEGEL: Das müssen Sie als Leica-Chef ja sagen.
Cohn: Die Digitalfreunde haben noch ein anderes großes Problem: Wenn der nächste Technologiesprung kommt, stellt sich die Frage, ob die heutigen Datenträger überhaupt noch lesbar sind. Welcher Computer zum Beispiel kann heute noch eine Diskette aus den achtziger Jahren lesen? Wer digitale Bilder nicht ständig auf neue Speichermedien überträgt, wird sich die Fotos der Geburtstage seiner Kinder irgendwann nicht mehr anschauen können. Dann verlieren wir quasi unser Gedächtnis. Ein Fotoalbum haben Sie in 50 Jahren immer noch - wenn auch leicht vergilbt.

DER SPIEGEL 39/2004
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